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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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6. Auf der Reise

Hügel und Tal lagen im Sonnenlicht, und der Bergwind wehte kräftig vom Walde her, als eine Schar junger Thüringe von der Höhe in das Tal des Idisbachs hinabzog. An ihrer Spitze ritt Immo im eisernen Kettenhemd, den Stahlhelm am Sattelgurt, den Holzschild um den Hals gehängt, einen starken Speer in der Hand, neben ihm Brunico in ähnlicher Rüstung. Ihnen folgten zu Fuß wohl dreißig rüstige Jünglinge in kurzem Eisenhemd und leichter Helmkappe, mit hohen Lederstrümpfen und nackten Knien, auf dem Rücken den runden Schild mit eisernem Buckel, darunter den Köcher mit Pfeilen, in der Hand den Kampfbogen und zwei Wurfspeere. Mitten in der Schar führten zwei Heerwagen, mit starken Rossen bespannt, den Kriegsbedarf: Waffen, Wollmäntel und Säcke mit Lebensmitteln. Mit behendem Fuß schritten die Knaben des Waldes, und mancher hob unnötig die Beine, um ein wenig den Reigen zu springen, welchen der Rufer des Haufens vorsang. In der Nähe eines Gehölzes hielt der Zug. Die Späher eilten voran, auf die Zeichen, welche sie zurückgaben, tauchte der ganze Haufe in den Busch. Immo sprang zur Erde, stellte die Wächter, und die Jünglinge bereiteten sich und den Rossen das Mittagsmahl. Nur Brunico ritt vorwärts, begleitet von einem leichtfüßigen Genossen. Nicht lange, und er kehrte eilig zurück: »Eine reisige Schar liegt vor uns auf dem Wege, gerade unter der Idisburg. Sie sorgen wenig um Wache und Ausguck. Das Banner, welches sie führen, gehört, wenn wir recht erkennen, dem Grafen Gerhard. Es sind mehr als hundertzwanzig Rosse, die Reisigen bereiten das Mahl am Bache und hausen übel im Dorf unter der Burg; ich sah sie Garben und Gerät aus den Höfen herzuschleppen und die Landleute liefen ihnen nach und schrien.«

»Ob uns die Begegnung lieb oder leid ist,« entschied Immo, »wir vermögen sie schwerlich zu vermeiden. Denn da auch Graf Gerhard dem König zuzieht, so ziemt uns nicht, gleich Wölfen heimlich hinter ihm herzutraben. Folge mir zu seinem Lager, ihr anderen aber bergt euch im Versteck.« Und er besprach mit dem Hauptmann seiner Knaben, was die Vorsicht gebot.

Die beiden Reiter mieden den geraden Weg zum Lager des Grafen, um die Richtung ihrer Raststelle nicht zu verraten, über einen Hügel ritten sie im Trabe dem Banner zu. Brunico stieß in das Horn, das er am Halse trug, und sie harrten der Antwort. Im Lager entstand eine Bewegung, zwei Gewappnete kamen ihnen entgegen, Ruf und Gegenruf wurden getauscht, die Gräflichen fuhren rückwärts zu ihrem Herrn und brachten eine höfliche Einladung.

»Sei gegrüßt im Kriegskleide, du Flüchtling aus Wigberts Stall«, rief der Graf lachend dem Ankommenden zu. »Auch meine Helden werden dich als Reisegenossen willkommen heißen. Denn nur bis zum Main ist unser Weg frei, von da müssen wir uns länger als eine Tagfahrt an den Burgen des Hezilo vorbeiwinden, und wir sorgen, ob er uns die Straße verhauen wird. Mit geringem Gefolge kommst du, hoffst du allein beim König Ansehen zu gewinnen?«

»Meine Knaben blieben zurück, sie schreiten auf ihren eigenen Beinen«, versetzte Immo.

»Mit Fußläufern ziehst du heran?« spottete der Graf. »Doch ihr in den Waldlauben übt alten Bauernbrauch. Mich wundert, Immo, daß du nicht besser für dich gesorgt hast. Geringe Ehre wird dir die unritterliche Schar erwerben, denn an solchem Troß fehlt es dem Könige nicht.«

»Ihr werdet anders von ihnen denken, wenn ihr erst ihre Schläge geprüft habt«, versetzte Immo.

»Wohlan, jeder versuche sein Bestes«, fuhr der Graf fort, und Immo glaubte ein ehrliches Wohlwollen in seinem Gesicht zu erkennen. »Andere Arbeit beginnt jetzt, als unser Hader mit den Mönchen war. Setze dich neben mich, heute biete ich dir mit gutem Willen den Trinkkrug, da du zu uns gehörst. Der lateinischen Reden bist du ledig, obgleich meine Tochter Hildegard deine Stimme wohl vernehmen würde, wenn du ein Mönchsgeschrei erheben wolltest, denn sie begleitet unseren Zug und rastet nicht gar weit von meinen wilden Knaben.«

Immo hatte Mühe, die freudige Überraschung zu verbergen. »Warum führt Ihr die Tochter in das Heerlager?«

Der Graf lachte schlau. »Die Königin hat sie nach Regensburg geladen, die hohe Frau Kunigunde hat, wie der Bote rühmt, Gutes von dem Kinde gehört und will der Mutterlosen eine Beschützerin sein. Verstehst du wohl, Immo, was diese Huld bedeutet?«

Immo bekannte seine Unwissenheit.

»Die Händler haben den Brauch, wenn sie ein Geschäft für die Zukunft bereden, so geben sie einander ein Unterpfand für treue Erfüllung. Du hast bereits etwas von Waldwiesen vernommen. Diese halte ich, der König aber begehrt dagegen die Jungfrau. Und gern führe ich sie ihm zu, denn ich vertraue auf das Glück und die Klugheit des Königs. Ihm ist bisher vieles gelungen, und ich hoffe, daß auch mir dieser Krieg Land und Leute mehren soll, denn meine Wälder grenzen an die Mark des Hezilo. Und darum bringe ich mein ganzes Heergefolge dem Könige, wahrlich mit großen Kosten. Sieh, Immo, auch meine Kampfhähne führe ich mit mir«, er wies auf die beiden Fechter, welche in neuem, buntem Gewande zu unterst auf dem Rasen saßen und mit riesigen Armen große Trinkkrüge schwenkten. »Denn König Heinrich achtete wenig auf die fahrenden Leute, und vor anderen sind ihm die schweifenden Frauen verhaßt, welche sich im Tanze vor den Helden drehen und dabei ihres Gewandes entledigen. Ja, man sagt, daß ihm alles Weibervolk verleidet ist. Doch die Kämpfer schaut er gern, wenn sie herzhaft gegeneinander schlagen. Und dies sage ich euch, Hahn Ringrank und Hahn Sladenkop, wenn ich euch zum Ergötzen des Königs gegeneinander kämpfen lasse, so begehre ich andere Wunden als die einzölligen, die ihr im Vertrauen auf meine Gutherzigkeit einander anzumessen pflegt. Denn dergleichen schwache Ritze kann der König bei jeder Kirchweih sehen. Herrenwunden verlange ich diesmal, dreizöllig, und wenn ihr den König ehren wollt, noch tiefer und länger, und zwar mit spitzem Eisen und nicht auf die Arme, sondern auf die Brust.«

Die Fechter sahen bekümmert einander an, und Ringrank antwortete, sich erhebend: »Drei Zolle auf der Brust mögen unseren Brotherrn um zwei Kämpfer ärmer machen. Fordert der Herr großen Dienst, so ersehnt sich der Mann großen Lohn. Sorgt wenigstens, daß wir beide gegeneinander kämpfen und nicht gegen die Kämpfer, welche der König mit sich führt, denn diese sind ungerecht bei dem Messen der Wunden, um ihren eigenen Ruhm gegen andere zu erhöhen.«

Die Herren lachten und saßen in guter Laune beim Mahl, tranken und riefen Heil, wie unter Helden Brauch ist.

Da nahte in gestrecktem Lauf Egbert, der Dienstmann, und trat staubbedeckt, mit heißem Antlitz vor den Grafen. »Durch wilden Ritt holte ich Kunde, die manchem sorgenvoll wird«, rief er. »Dem König ist sein ganzer Schatz genommen. Held Magano, der Diener des Babenbergers, hat den Schatz auf der Reise gefangen, ich selbst sah den Mann des Markgrafen, und ich sah die lange Reihe der Saumrosse und Karren in seine feste Burg treiben.«

Mit Schreckensrufen sprangen die Bankgenossen von ihren Sitzen und drängten sich um den Boten, auch der Graf erhob sich bestürzt. »Wie ein Unsinniger gebärdest du dich, daß du diese Kunde vor allen Ohren ausrufst.«

»Herr, sie läuft durch das ganze Land wie Wasser durch den gebrochenen Damm, in den Dörfern liefen die Leute zusammen, und ich sah, daß frische Gesellen, die dem Lager des Königs zuritten, von den Rossen stiegen und die Köpfe senkten; wie soll einer unter dem Habicht dahinreiten, welchem die Federn gerupft sind?«

»Oft hörte ich den großen Schatz des Königs rühmen,« begann kopfschüttelnd ein alter Kriegsmann, »und gern dachte ich an das goldene Kreuzgeld darin, an die Armringe und Becher, mit denen er seine Getreuen lohnen würde; die Bayern haben lange an dem Schatz gesammelt, manch uraltes Schmuckstück lag darin aus Sachsenland, das einst Wieland, der Held, geschmiedet hat.«

»Jetzt aber ist der König so kahl wie meine Handfläche,« rief Egbert, »wer ihm dient, mag zusehen, wie er die Kosten des Zuges wiederfindet. Denn nicht der Goldschatz allein ist in die Hand des Markgrafen gefallen, sie sagen, daß auch die Königskrone dabei war, die heilige Lanze und die hohen Reliquien, an denen die Königsmacht hängt.«

Die Kinder erschraken, viele bekreuzten sich, und die Augen aller wandten sich nach dem Grafen, dessen unsicherer Blick verriet, daß er mit schwerem Zweifel rang. »Ist die Krone verloren, wie mag er das Reich bewahren?« fuhr ihm heraus. »Unheil brachte der Tag, an dem wir auszogen, und üble Vorbedeutung war es, daß der Sauhirt die Faselschweine über den Weg trieb.«

»Auch andere Botschaft bringe ich, Herr«, fuhr Egbert fort. »Als ich vom Main den Kiefernwald heraufritt, rastete an der Landstraße Heriman, der Goldschmied aus Erfurt, der nach seinen Worten zum König Heinrich reist. Da er ein Packpferd bei sich hatte, so riet ich ihm, sich unter Euren Schutz zu begeben, er aber widerstrebte, und ich verließ ihn im Walde allein mit seinem Knechte.«

Der Graf sah seinen Dienstmann kummervoll an, ohne zu antworten. Aber Immo vermochte seinen Unwillen nicht zu unterdrücken.

»Dreiste Worte höre ich von den Helden Eurer Bank, Graf Gerhard; mich dünkt, sie stehen solchen übel, die dem König zuziehen.«

»Wie vermag ich ihre Gedanken zu beugen,« versetzte der Graf ärgerlich, »da sie doch recht haben? Kann der König seinen Kriegern nicht lohnen, wie sollen sie ihm dienen? Entweicht zur Seite,« rief er den Dienstmannen zu, »vergällt ist mir der Trunk, harret, bis ich allein den Rat finde, der uns frommt.«

Die Bankgenossen brachen auf und setzten sich in die Nähe ihrer Rosse mit bedrängtem Gemüt zu kleinen Haufen.

Immo merkte, was in der Seele des Grafen vorging und daß seine stille Hoffnung, der Jungfrau in den nächsten Tagen als Reisegenosse nahe zu sein, schnell dahinschwand. Er begann deshalb: »Zürnt meiner Jugend nicht, wenn ich dreist mit Euch rede. Ich ahne, daß Euch die Reise zum König verleidet ist, denkt daran, daß seine Gefahr größer ist als die Eure und daß Ihr ihm gerade jetzt Eure Treue erweisen müßt. Denn er ist nach Recht unser Herr, und er hat Euch, wie Ihr mir vertrautet, im voraus gelohnt. Ich vernahm immer, daß Treue und Dankbarkeit starke Ketten sein sollen, welche den Helden binden.«

»Du sprichst gut,« versetzte der bekümmerte Graf, »aber du bist jung. Glaube mir, Immo, als ich in deinen Jahren war, lebte ich so treu und dankbar wie ein Hündlein, ich lief hin und her, um anderen zu dienen, und wenn mir die Könige einen Brocken zuwarfen, so sprang ich vor Freude. Jetzt aber habe ich eigenes Gut zu bewahren und muß vielen Begehrlichen spenden, jetzt rät mir die Vorsicht, vor allem zu fragen, was mir vorteilhaft ist, damit ich mich in meiner Macht erhalte zwischen Pfaffen und Laien, welche sämtlich gierig sind, sich zu meinem Schaden auszubreiten.«

»Zürnt mir nicht, Graf Gerhard, wenn ich Euch sage, daß es edler ist, mit Ehren unterzugehen, als in Schande zu leben«, rief Immo.

»Dasselbe ist immer auch meine Meinung gewesen«, versetzte der Graf. »Ganz wie du, war auch ich in meiner Jugend willig, mich für den Herrn töten zu lassen, dem ich damals diente. Jetzt aber bin ich selbst ein Herr, welcher andere erhält, die für ihn auf der Walstatt sterben, jetzt habe ich um eine Herrenehre zu sorgen, und diese befiehlt mir vor allem, daß ich Herr bleibe über andere und mit hundert oder zweihundert Rossen ins Feld ziehe, für oder gegen wen es sei. Darum will ich auch dir Gutes raten. Setze dich nicht in ein Haus, welches stürzen will.«

»Soll ich umkehren?« fragte Immo prüfend. Da der Graf keine Antwort gab, fuhr er nachdrücklich fort: »Ich gehe zum König, und wenn alle von ihm abfallen, so soll er doch im letzten Kampfe nicht allein stehen.«

»Auch du bist nicht allein, Immo, du hast für andere zu sorgen, welche dir folgen.«

»Ich will sie fragen, ob auch ihnen mit dem Raub des Schatzes die Kampflust geschwunden ist. Die ich führe, sind freie Knaben vom Walde, und ich weiß die Antwort im voraus.«

»Wieviel sind ihrer?« fragte der Graf mit einem Wolfsblick. »Mich wundert, daß du sie von meinen Leuten getrennt hältst.«

Immos Auge flog über das Tal, er sah, daß er selbst in der Gewalt des Grafen war, denn ein Wort vermochte die ganze Meute gegen ihn zu hetzen, er trat deshalb zurück, legte die Hand an das Schwert und antwortete: »Meine Knaben sind schnell zu Fuß und von der Heimat her an Waldversteck gewöhnt, auch ihr Lager haben sie vorsichtig gewählt, und wer sie bewältigen wollte, würde harte Stöße erhalten und schwerlich Beute aus ihren Taschen davontragen. Darum ist es besser, daß Ihr uns ungekränkt ziehen laßt, wohin wir wollen. Ihr aber vernehmt zum Abschied noch eins: Große Lügen erzählen die Leute auf der Landstraße, vielleicht war es gar nicht der Schatz des Königs, welcher gefangen wurde, oder doch nicht der beste Teil. Wer die Ehre eines Herrn hat, wie Ihr nach Eurer Rede, der sollte vorsichtig sein, bevor er sie gegen Schande weggibt. Lebt wohl, Graf Gerhard, wenn wir uns wiedersehen, so möge es in Frieden sein, denn zweimal habe ich als Gast an Eurem Tisch gesessen, und ungern würde ich Euch feindlich gegenüberstehen.«

Während der Graf betroffen die kluge Warnung erwog, gewann Immo sein Roß, welches Brunico bereit hielt, und verließ unangefochten das Lager.

Als die Sonne sank, warf sie ihr goldenes Licht über die Höhe, auf welcher die Idisburg stand. Der alte Turm glänzte wie mit leuchtender Farbe übergossen, und an der niedrigen Burgmauer lagen die Ranken der Brombeeren wie mit Purpur und Goldfaden umwunden. In der unteren Hälfte des umschlossenen Raumes brüllten die Rinder, welche von den Dorfleuten dort zusammengetrieben waren. Auf der höchsten Stelle im Burgwall stand eine Sommerlinde, welche ihre großen Blätter als ein dichtes Laubdach fast zum Boden breitete. Es war ein wonniger Platz, wilde Glockenblumen blühten in dem lichten Schatten, und kleine Schmetterlinge fuhren hin und her, die Vögel lockten ihre Jungen in den Ästen des Baumes zusammen, und die Grillen schwirrten den Chorgesang zu dem Ruf der Gefiederten. Dort saß Hildegard, das Grafenkind; die Hände im Schoß gefaltet sah sie in das Tal über das Lager der Reisigen, über den Laubwald und über die geschwungenen Höhen dahinter bis in die Ferne, wo Erde und Himmel im Dämmerlicht zusammenfloß. In ehrerbietiger Entfernung lagerten einige alte Dienstmannen, welche zum Schutze der Jungfrau hinaufgesandt waren, auch sie schauten abwärts nach dem Main hin und wiesen einander unter dem lichten Gewölk die Grenzburgen des Feindes. Es war still um die Jungfrau, nur einzelne Klänge aus dem geräuschvollen Lager drangen herauf, zur Seite blökte das Herdenvieh, und zuweilen lief eine Färse nahe heran und rupfte die Blätter des Baumes. Dann knackte und rauschte es hinten in den Zweigen, Hildegard wandte sich um und scheuchte die Vorwitzigen, aber sie kamen doch wieder, und das Mädchen vergaß zuletzt in ihren Träumen die genäschigen Gäste.

Ihre Lippen bewegten sich, und leise klangen die gesungenen Worte des heiligen Liedes:

Audi, benigne Conditor,
nostras preces cum fletibus
.

Aber sie gedachte im Singen nicht sehr an den Schöpfer, sondern mehr an einen Flehenden, der ihr dieselben Worte vor wenig Wochen im Scherz zugerufen hatte. Und während sie so sang und mit verklärtem Blick vor sich hinsah, war ihr, als tönte der Sang noch einmal über ihr in dem Baume. Sie hielt inne, da rauschte es in den Zweigen, und bei dem Säuseln der Blätter klang über ihr wieder dieselbe Weise, aber mit anderen Worten, und sie vernahm von der Höhe:

Rana coaxat suaviter
In foliis viridibus
.

Sie saß unbeweglich, ein Lächeln flog um ihren Mund und eine hohe Röte ergoß sich über ihr Antlitz, aber sie wagte nicht aufzusehen, damit der lustige Traum nicht entschwinde. »Bist du es, Geselle?« fragte sie leise. Aber gleich darauf schämte sie sich der vertraulichen Rede.

»Ich liege über dir in den grünen Blättern«, klang es von oben zurück. »Ganz gut ist mein Lager auf starkem Ast; blicke aufwärts, wenn dir's gefällt, damit ich einmal deine großen Augen sehe, denn diese haben mich hergezogen.«

Das Mädchen erhob sich schnell und wandte sich dem Aste zu, in demselben Augenblick neigte Immo das Haupt behend abwärts, umschlang von der Höhe mit einer Hand ihren Hals und küßte sie auf den Mund. »Guten Tag, Geselle,« sprach er, »so hatte ich mir's ausgesonnen, und so ist es vollbracht.« Er fuhr wieder aufwärts und sah von seinem Aste zärtlich in das gerötete Antlitz.

»Wenn ich die Wächter rufe, fangen sie dich«, murmelte Hildegard halb bewußtlos.

»O tue nicht,« flehte Immo, »denn bei Tag und Nacht dachte ich daran, ob ich dich wiedersehe. Wenn die liebe Sonne nach Westen ging, so freute ich mich, daß sie deine Wangen bescheinen würde. Oft habe ich dir Botschaft gerufen über Berg und Tal und den Bergwind ermahnt, daß er dir etwas von mir zutragen solle. Aber ruhelos schweift der Wind, und unsicher ist, ob er nach unseren Bitten tut. Darum kam ich lieber selbst.«

Hildegard sah ihn furchtsam an. »In unserem Turme fand ich ein graues Käuzlein, als es in Not war, das bewahrte ich mir gern in meinem Gemache. Aber über Nacht hat es sich in ein Raubtier verwandelt. Ganz anders erscheinst du mir hier als daheim in der Halle; wie ein Drache in seinem Schuppenkleide liegst du auf dem Ast, und ich weiß nicht, bist du noch der, an den ich dachte, oder bist du ein Fremder.«

»Aus dem Gewand des Kauzes bin ich geschlüpft, und das Eisenhemd trage ich, Hildegard, auch um deinetwillen. Wenn einmal der Spielmann vor dir singt und du vernimmst, daß er auch meine Taten rühmt, dann sollst du stolz sein auf deinen Gesellen.«

»O du törichter Immo,« rief das Mädchen kummervoll, »wie soll ich mich freuen, wenn ich von den Schwertern höre, die dich bedrohen, und bedenke, daß die Streitaxt gegen dich fliegt. Leidig ist mir der Ruhm, den die Sänger geben, denn sie preisen am liebsten die Helden, welche tot auf der Walstatt liegen. Ich aber dachte dich zuweilen gern an meiner Seite, dann sangen wir zusammen, und ich strafte dich, wenn du unartig warst, indem ich dich an deinen Haaren zog.«

»Tue das jetzt«, bat Immo, neigte den Kopf wieder zu ihr herab und sah sie bittend an. Aber der Jungfrau rannen die großen Tränen aus den Augen, sie lehnte ihr Haupt an den Baumstamm und weinte still vor sich hin. Immo schob sich näher, wieder legte er seinen Arm um ihren Hals und sprach ihr leise ins Ohr: »Geliebte, dich selbst will ich gewinnen auf der Kampfheide. Wenn ich mein Haupt stolz tragen darf, erbitte ich dich von deinem Vater zum Gemahl.«

Hildegard blickte ihn treuherzig unter Tränen an und antwortete: »Das weiß ich, und darum weine ich.«

Da küßte er sie wieder, und sie widerstrebte ihm nicht. »Auch du bist meinem Herzen lieb geworden,« fuhr sie, seine Hand haltend, leise fort, »zuerst am Abend in der Halle und dann an jedem Tag und Abend noch lieber, wenn ich in der Einsamkeit an dich dachte. Denn einsam lebte ich im Hause unter den Buchen und nur selten vernahm ich ein Freundeswort. Der Bruder ist unbändig, meinen Vater sah ich wenig, und er ängstigt mich durch wilde Reden und durch die Sorge, die ich um seine Seele habe. Da, wenn ich allein saß, schaute ich dein lachendes Antlitz vor mir und ich sprach vertraulich zu dir als zu meinem lieben Gesellen. Und ich dachte auch an dich, wenn die Amsel in ihrem schwarzen Kleide schlug, denn im schwarzen Schülerkleide saßest du neben mir; und ich dachte zuweilen auch an dich, wenn ich längs dem Weiher ging, wo die Quaker so lustig schrien. Das darf dich nicht verdrießen«, und ein flüchtiges Lächeln zog über ihr unschuldiges Gesicht. »Jetzt aber soll ich dein gedenken, wenn die Grauwölfe nach Raub heulen und wenn die Geier über mir in der Luft schweben. Wie vermag ich Gutes für dich und mich zu hoffen, da du das Glück erst vom Schlachtfelde holen willst. Immo,« rief sie angstvoll, »wenn du auf die Kampfheide ziehst, so weiß ich nicht mehr, ob du an der Seite meines Vaters kämpfen wirst oder gegen ihn; denn der Vater« – sie hielt inne und legte ihre Wange auf seine Hand.

»Ich weiß, was mir deine Lippe verbirgt,« antwortete Immo, »ich aber gehe zum Könige, denn ich höre, er ist in der Not.« Da drückte sie krampfhaft seine Hand und weinte wieder darauf. »Leidvoll ist für uns beide, Hildegard, daß ich zum König halte, obwohl dein Vater ihn meiden wird?«

Die Jungfrau sah ihn mit großen Augen an. »Du wirst tun, was dir dein redliches Herz gebietet. Wenn ich auch traure, denke nicht, daß ich dich bei dem Vater festhalten will.«

»So spricht mein guter Geselle«, rief Immo froh und neigte das Haupt wieder zu ihr herab. »Den hohen Engeln vertraue ich, deren Segen du mir gesendet hast, daß sie uns beide wieder zueinander führen. Dich aber flehe ich an, wenn ein fahrender Spielmann von dir singt, so wende dich nicht ab, wie die Klosterfrauen zuweilen tun, sondern spende ihm etwas und sprich dabei die Worte: ›auch für dich fliegt ein Engel‹, dann freut er sich und sagt dir vielleicht Kunde von mir. Und hast du eine Botschaft für mich, so gib sie mit denselben Worten einem Fahrenden, daß er sie ins Lager des Königs zu seinem Gesellen Wizzelin trage. Diesen kenne ich als einen treuen Mann, obgleich er ohne Ehre lebt. Das versprich, Geliebte, mir aber gib den Scheidegruß.«

Die Jungfrau hob sich zu ihm empor und hielt ihre Hand über sein Haupt: »Du denke mein, wenn du allein bist und zuweilen unter den wilden Helden, und vor allem im Abendlicht, wenn du die grünen Blätter über dir siehst, wie jetzt und immer – und immer.« Sie warf die Hände um seinen Hals und küßte ihn herzlich. Er aber hielt sie fest; und das Geschwirr der Grillen übertönte leise Worte, Seufzer und Küsse der Liebenden.

Noch einmal umschlang sein Arm die Weinende, dann verschwand er im grünen Laubdach. Hildegard saß wieder auf dem Stein und lauschte; die Zweige rauschten und knickten hinter ihr, dann wurde es still. Noch immer malte die Abendsonne das Baumlaub mit rötlichem Gold, die Grillen und Vögel im Wipfel schwirrten und schrien, und die blauen Glockenblumen standen so lustig wie vorher. Aber das Mädchen sah ernsthaft in eine fremde Welt, das Kind war unter der Sommerlinde zur Braut geworden.

Auf einem Hügel im bayrischen Frankenlande, der weite Aussicht bot, saß zwei Tage später ein fremder Krieger am Zaun eines einsamen Bauernhofes. Er trug die gewöhnliche Rüstung eines Reisigen, hatte den Helm neben sich auf die Bank gelegt, schnitt mit seinem Dolch in ein großes Schwarzbrot und verzehrte behaglich die Bissen. Daß der Kriegsmann einen Wachtposten befehligte, war leicht zu erkennen. Denn aus dem Hofe vernahm man das Schnauben und den Hufschlag von Pferden, welche dort geborgen waren; zur Seite hielt in Entfernung eines Pfeilschusses ein gepanzerter Reiter auf schwerem Kriegsroß, unbeweglich das Antlitz nach Norden gewandt, und weiter vorwärts standen im Halbkreise hinter Büschen und am Rand der nächsten Höhen berittene Späher; wo den Rossen auf der Höhe die Deckung fehlte, waren sie in Senkungen des Bodens zurückgeführt, während ihre Reiter hinter Steinen oder im Grase versteckt lagen. Auch der Befehlende auf der Bank unterbrach zuweilen seine Mahlzeit, um in die Ferne zu schauen. Als einige Reiter heransprengten, erhob er sich ungeduldig. »Wen bringst du dort wider seinen Willen heran, Bernhard?« rief er dem Führer zu, als dieser am Fuß des Hügels hielt.

»Es sind zwei wilde Knaben. Der eine gibt vor, das Lager zu suchen. Bote nennt er sich, mit einem Brief an den Kanzler.«

Der Kriegsmann winkte, Immo wurde zu Fuß durch zwei Bewaffnete den Hügel heraufgeführt. »Wer sendet dich mit dem Briefe«, fragte der Gebietende, den Jüngling mit scharfem Blick musternd.

»Frage den Kanzler, wenn du das wissen willst«, versetzte Immo. »In meiner Heimat lobt man den Boten nicht, der gegen Fremde von seiner Sendung schwatzt.«

»Wo ist deine Heimat?«

»Ein Thüring bin ich, und freundlichen Gruß habe ich von den Mannen König Heinrichs gehofft, denn Schwertgenosse will ich ihnen werden gegen den Markgrafen.«

»Schlägt dein Arm so scharf als deine Zunge behende ist, so mag der König dich wohl gebrauchen,« versetzte der andere gleichgültig, »doch damit wir sehen, ob du die Wahrheit sprichst, so weise uns den Brief.«

»Das denke ich nicht zu tun,« entgegnete Immo unwillig, »mein Auftrag lautet, den Brief dem Kanzler in seine eigene Hand zu geben; dich aber ersuche ich um Geleit, damit ich ihn finde.«

»Ich will den Brief sehen«, wiederholte der Kriegsmann seinem Wächter. Dieser winkte den Kriegern und faßte den Arm Immos, aber der Starke entwand sich ihm, sprang zur Seite und zog sein Schwert. »Wer mir das Pergament entreißt, den mache ich zum toten Manne«, rief er zornig.

Auch Bernhard zog sein Schwert. »Auf ihn, schlagt den Frechen nieder.«

»Halt,« rief der Befehlshaber, »bergt das Eisen, auch du, Fremdling. Ich fordere von dir, daß du mir den Brief zeigst, ich gelobe dir, daß ich ihn zurückgebe und dich, wenn du willst, zu dem Kanzler geleiten lasse.« Er faßte an den Knopf seines Schwertes, Immo gab dem ruhigen Befehle zögernd nach. Er zog eine kleine Tasche hervor, die er an einem Riemen unter dem Gewande trug, und hielt ein geschlossenes Pergament in die Höhe.

»Gib her, damit ich sehe, ob es ein Brief ist.«

»Schwerlich wirst du die Aufschrift zu lesen vermögen, auch wenn du der Buchstaben kundig bist, denn die Außenseite ist leer.«

»Du bist ein Bote aus Herolfsfeld«, rief der Kriegsmann, das Siegel betrachtend, und seine Augen blickten scharf nach dem Jüngling. »Haltet ihn fest.« Er löste das Siegel, entfaltete den Brief und las, während Immo heftig gegen seine Wächter rang. »Tut ihm nichts zuleide,« rief er, »es ist Immo, Sohn des Helden Irmfried, und guten Empfang hat er im Lager des Königs zu erwarten. Halt Ruhe, du Wilder«, setzte er halb lächelnd, halb unwillig hinzu, als er sah, daß Immo seine Bändiger bewältigte und den Helden Bernhard wie einen Klotz auf den Rasen warf. »Der Kanzler hat mir das Recht gegeben, solche Briefe zu lesen; du aber freue dich des Zufalls, denn er mag dir eher zum Heil als zum Schaden sein.«

»Wer aber bist du?« versetzte Immo in hellem Zorn, »bei St. Wigbert, wenn du nicht König Heinrich selbst bist, so hast du grobe Ungebühr geübt an Herrn Bernheri, an dem Kanzler und an mir, und du sollst mir's mit dem Schwerte bezahlen.«

»Da ich hierzu keine Lust habe,« antwortete der Kriegsmann ruhig, »so denke, daß ich der König bin«, und als er in dem ehrlichen Gesicht des Jünglings ein maßloses Erstaunen erkannte, welches seltsam gegen die zornige Gebärde abstach, fuhr er lachend fort: »ob ich's bin oder nicht, das soll dich jetzt nicht kümmern, frage nicht nach meinem Namen, du wirst ihn wohl später erfahren, begnüge dich damit, daß ich dir wohlgesinnt bin und daß ich das Beste mit dir teilen will, was ich habe.« Er wies auf das schwarze Brot und ein Tongefäß mit Wasser, welches dabeistand. »Setze dich zu mir wie ein Krieger zum anderen, nachdem du deinen Brief wieder geborgen hast, und beantworte mir die Fragen, die ich dir tue.«

Immo starrte immer noch erstaunt auf den Fremden, im Anfang war er ihm nicht ansehnlich erschienen, jetzt sah er einen Mann vor sich, der etwa zehn Jahre älter war als er selbst, das Gesicht war hager und bleich, aber zwei gescheite Augen standen darin, deren Ausdruck schnell wechselte, und den beweglichen Mund umzogen kleine Falten, so daß der Fremde fast aussah wie Vater Heriger, welcher der beste Vorleser im Kloster war. Immo beugte sein Knie, um den König zu ehren, aber der Kriegsmann machte ein schnelles Zeichen mit der Hand. »Bei Wasser und Brot spare den Königsgruß, bis du König Heinrich in seiner Würde siehst, setze dich zu mir und gib mir Antwort. Doch vorher muß ich dich diesen Helden versöhnen. Faßt an eure Schwerter und gelobt, einander keinen Groll zu tragen und den Schwingkampf auf dem Rasen nicht zu rächen.«

Das taten die Männer und reichten mit geröteten Gesichtern einander die Hände. »Und jetzt, Immo, verkünde mir, wie kommt es, daß du aus der übelgesinnten Burg der Wigbertmönche zu König Heinrich reitest; denn die Leute sagen, daß ihm das Glück nicht hold ist.«

»Herr, wer Ihr auch seid,« versetzte Immo, »da Ihr gütig zu mir redet, so will ich Euch alles bekennen. Noch vor wenig Wochen sorgte ich nicht sehr um den König und den Markgrafen, nur daß ich die Klosterregel ungern ertrug und mich nach dem Schwertamt meines Vaters sehnte. Seit ich aber über dem Tutilo die Geißel geschwungen hatte und schnell das Kloster verlassen mußte, rieten mir meine Gedanken, dem Könige zu folgen.«

Als der Kriegsmann von den Geißelhieben des Tutilo vernahm, begann er laut zu lachen und schlug sich mit den Händen auf die Schenkel, so daß Immo ihn erstaunt ansah und die Ansicht erhielt, dies könne der König nicht sein. »Er hat den Babenberger mit seiner eigenen Waffe geschlagen,« rief der Lustige, »wahrlich, jetzt wundert mich nicht, daß dir im Kloster zu heiß wurde, denn du hast dir dort einen Todfeind gemacht.«

Es ist wohl ein Verwandter des Königs, dachte Immo und schnitt mit größerer Ruhe in das Schwarzbrot, das ihm der andere hinschob.

»Fahre fort,« sprach der Kriegsmann, »wie waren deine Gedanken, die dich zum König führten?«

»Nun, Herr, ich dachte, wir sind doch fast in gleicher Lage. Denn auch von König Heinrich sagen sie, daß er zum Geistlichen bestimmt war, er aber hat sich das Schwert gewählt.«

»Dafür gehört er zu dem Geschlecht, welches die Krone trägt,« versetzte der Kriegsmann, »du aber berätst dich übel, wenn du der Stola zu entrinnen suchst. Fehlt dir die Demut, um den Haarkranz eines Mönches zu tragen, so wisse, auch der Bischof reitet hoch zu Roß, er trägt sein Panzerhemd, und manchen sah ich in hartem Gedränge seine Streiche austeilen; Falken und Jagdhunde fehlen ihm nicht, und für anderen Zeitvertreib erhält er leicht Dispens. Dem Könige aber sind die Bischöfe, die er einsetzt, die treuesten Diener; sie sind die Gehilfen seiner Herrschaft, denn wenn sie auch Söhne haben, so folgen ihnen diese nicht auf dem Bischofsstuhl, und der König hat nicht nötig, die harten Nacken eines Geschlechtes zu beugen, welches seine Herrschaft widerwillig erträgt.«

»Dennoch hörte ich im Kloster,« antwortete Immo bescheiden, »daß die Weltgeistlichen mehr um ihre eigene Herrschaft sorgen als um den Vorteil des Königs und daß sie ebenso begehrlich sind nach irdischem Gut wie die Mönche. Denn auch diese üben allzuwenig die fromme Sitte, und sie werben und schleichen wegen Hufen und Burgen. Das habe ich selbst zu meinem Schaden erfahren.«

»Haben sie auch dich schon um deiner Sünden willen geängstigt?« fragte der andere lachend. »Ich weiß recht wohl, niemand versteht so gut als sie mit Kreuz und Bußpsalmen Land und Gut zu erkämpfen.« Doch ernsthafter fuhr er fort: »Heilige Männer sind die Mönche, und wir Sünder vermöchten ihr Gebet nicht zu entbehren, auch die Wohltaten nicht, welche sie dem Lande spenden. Sieh, wenn du es zu verstehen vermagst, überall, wo sie gleich den Bienen ihre Waben füllen, bändigen sie den wilden Heidentrotz im Volke, lehren Kunst und schaffen große Werke. Zuweilen aber werden sie faul im Stock, wenn des Honigs zuviel ist, und wer es mit dem Lande wohl meint, muß ihnen dann den Honig nehmen, damit er anderen nützt. Vielleicht sind die Söhne Wigberts in derselben Lage.«

Es ist doch der König selbst, dachte Immo, und ihm fuhren die Worte heraus: »So meinte auch Graf Gerhard, da er jetzt dem Wigbert die Wiesen genommen hat.«

Die Haltung des Kriegsmanns wandelte sich plötzlich. »Was weißt du vom Grafen Gerhard?« fragte er kurz.

Zögernd berichtete Immo, was er die letzten Tage im Kloster erlebt hatte. Über das Gesicht des Kriegsmanns fuhr wieder ein Lächeln, während er mit Anteil zuhörte. »Wo weilt Graf Gerhard?« fragte er, »vernahmst du etwas von ihm in den letzten Tagen?« Und als er merkte, daß Immo zu sprechen zögerte, fuhr ein scharfer Blick wie der eines Adlers auf den Jüngling: »Wenn du deine Treue für den König beweisen willst, so rede die Wahrheit. Wo kamst du über den Main?«

»Ich möchte ungern etwas sagen, was dem Grafen zum Schaden gereichen kann,« versetzte Immo, »dennoch sehe ich, daß es sich nicht bergen läßt. Er lag mit seinem Haufen am Idisbach auf dem Wege nach dem Süden.«

Der Krieger stand auf. »Gutes verkündest du, und du sollst den Dank genießen. Denn auf ihn harren wir hier. Wann sahest du sein Lager?«

»Vorgestern abend ritt ich hinaus.«

»Wohl, die Rechnung war genau. Dann können wir heute abend seine schnellen Reiter erwarten. Wie stark war sein Haufe?«

»Mehr als hundert Rosse zählte ich. Dennoch, Herr, zürnt nicht, wenn ich Unsicheres sage, er lag auf den Wiesen, ob er aufgebrochen ist, weiß ich nicht.«

»Was hast du, Jüngling?« fragte der Kriegsmann befremdet.

»Als ich wegritt, war gerade die Kunde gekommen, daß dem Könige der Schatz entführt ist; und darüber war großes Raunen und Umherlaufen im Lager.«

Der Fremde trat vor Immo, sah ihm fest in das Gesicht, dann faßte er seine Hand mit eisernem Druck, führte ihn einige Schritte zur Seite und fragte leise: »Du meinst, er zögert deshalb, zu kommen?«

»Ich weiß nichts Sicheres, Herr«, versetzte Immo.

»Deine Meinung will ich hören, Jüngling, sprich die Wahrheit, wenn dir dein Leben lieb ist, denn du stehst vor deinem König.«

Immo warf sich auf die Knie. »Heil sei meinem Herrn!« rief er.

Doch der König winkte ihm ungeduldig, aufzustehen. »Antworte!«

»Laß mich's nicht entgelten, Herr, wenn ich Unwillkommenes verkünde. Sie sprachen davon, auf dem Idisberg ein Lager zu schanzen, und im Morgengrau sah ich Boten reiten nach der Böhmer Grenze, wo, wie sie sagen, die besten Burgen des Markgrafen sind.«

Der König wandte sich ab und sah finster vor sich nieder. »Der Graf fängt früh an, wie ein großer Herr zu handeln. Wer hundert Rosse ins Feld führt, der ist noch nicht vornehm genug, um den König zu verraten«, rief er bitter. »Sendet dein Geschlecht dich allein?« fragte er argwöhnisch.

»Ich führe dreißig leichtbewaffnete Knaben herzu, sichere Bogenschützen aus dem Walde. Ich ließ sie im Versteck zurück mit einem schwerverwundeten Kaufmann, den wir auf unserem Wege fanden; ihn hatten Räuber gefällt, als er zum Lager des Herrn Königs ritt.«

Der König fuhr in die Höhe. »Wie heißt der Kaufmann?«

»Es ist Heriman aus Erfurt, ein ansehnlicher Burgmann. Da er vielen von uns wohlbekannt ist, wollten wir ihn nicht zurücklassen.«

»Wahrlich,« rief der König, »als ein Unglücksbote kommst du. Ist der Wunde beraubt?«

»Sein Knecht lag erschlagen, Roß und Warenballen waren entführt.«

Der König winkte schnell mit der Hand, daß Immo zurücktreten sollte. Dieser eilte den Hügel hinab zu den Leibwächtern, bei denen Brunico die Pferde hielt, und er sah aus der Ferne, daß der König auf dem Schemel gebeugt, sein Haupt in die Hand stützte. Auf einen Ruf Heinrichs ritt von der anderen Seite der große Kriegsmann herzu, welcher den ausgestellten Wachen gebot. »Graf Gerhard hemmt seine Reise,« rief dem Absteigenden der König entgegen, »er wird sich mit dem Babenberger vereinen, und Heriman liegt beraubt am Boden.«

»Oft warnte ich den König,« antwortete der Vertraute, »der Treue des Wolfes Gerhard zu vertrauen, er nimmt seine Beute, wo er sie findet.«

»Er raubt wie die anderen,« fuhr Heinrich fort, »er ist nicht schlechter als seinesgleichen und schleicht vorsichtig durch die Täler.«

»Seine kleine Schar wird der König ohne Schaden entbehren.«

»Nicht die Schilde, welche er von uns abführt, betrauere ich; aber gerade, daß er kein Held ist, der Kühnes wagt, sondern ein Mann wie andere Edle auch, das schlägt mir die Wunde. Denn wie er, werden viele handeln. Wahrlich, es steht schlecht mit der Sache des Königs, wenn diese Art Raubtiere von seinem Pfade weicht.«

»Auch hat Graf Gerhard sich bereits vorweggenommen, was ihm der König als Lohn versprochen hatte,« begann der große Krieger kalt, »und ihm fehlte der Grund, den andere Empörer vorgeben, daß der König zuerst ihnen ein Gelöbnis gebrochen habe.«

Heinrich fuhr auf, wie von einer Natter gestochen. »Unleidlich ist dein Trost,« antwortete er scheu, »willst auch du zu meinem Bruder und zu dem Babenberger hinüberreiten, daß du mich in dieser Stunde einen Treulosen nennst und zu einem Gesellen des Grafen Gerhard machst?«

»Ich habe mich dir gelobt, König, und ich denke meinen Eid zu halten, obgleich auch ich zu denen gehöre, die du als Raubtiere schmähst. Aber die Wahrheit berge ich dir nicht, das hast du oft erfahren. Ich stand dabei, als der König dem Markgrafen bayrisches Land versprach, damit das Geschlecht der Babenberger dem König zum Throne helfe. Und ich hörte wieder, daß der König auch seinem eigenen Bruder die Herzogswürde in demselben Bayern verhieß. Jetzt schreien beide durch das Land, daß Heinrich ihnen das Wort gebrochen habe. Befiehl mir, sie im Kampfe zu erlegen, und du weißt, ich werde es tun, wenn ich es vermag. Aber wundere dich nicht, wenn jene beiden von vielen gelobt werden, weil sie ihr Anrecht gegen dich mit den Waffen suchen.«

Der König nahm die kühne Rede schweigend auf und saß wie getroffen von der Vergeltung, endlich hob er das Haupt und begann: »Da ich König wurde, dachte ich besser von den deutschen Edlen. Aber in dem ersten Jahre habe ich sie erkannt. Jedermann hüte sich zu versprechen, was er nicht zu halten vermag, und zumeist hüte sich, wer die Krone trägt. Doch glaube mir, Geselle, keinem wird schwerer auf seinem Wort festzustehen als dem Könige, wenn er ein Löwe bleiben will in dem Reich gefräßiger Tiere. Niemand weiß es und niemand glaubt es, wie dem König sein verpfändetes Wort und sein redlicher Wille zu einer Todesgefahr werden in späteren Tagen. Durch die Treue, die er anderen erweist, schafft er sich Untreue. Wer heute sein Freund ist, wächst morgen, sobald er Gut und Gabe erhalten hat, zu seinem Gegner. Jeder begehrt Macht, und je größer seine Macht wird, desto höher steigt seine Begehrlichkeit. Wahrlich, wie ein verächtlicher Tänzer schwankt der König auf dem Seil, und die Arme, welche er ausstrecken muß, um Gleichgewicht zu bewahren, heißen List und Gewalt. Jammervoll wäre seine Aussicht nach dem Tode, wenn ihm nicht gelänge, den Himmelsherrn wieder zu versöhnen durch Demut und fromme Werke. Daß Gutes aus dem Übel komme, das ist des Königs geheimer Trost.« Er stützte das Haupt in die Hand und sah traurig vor sich nieder.

Ein Reiter jagte heran, ein zweiter und dritter. »Sieh auf, König,« rief sein Begleiter, »dort hinten blinken die Speereisen in der Sonne, Krieger sind es des Gerhard oder der Babenberger, deine Wächter fahren nach rückwärts. Führt die Rosse her«, gebot er. »Hoffen die Toren, zum zweitenmal einen Schatz zu fangen? Sie sollen nichts gewinnen als harte Schläge.«

Auf die Ruhe in der Landschaft folgte wilde Bewegung, die flüchtigen Reiter sammelten sich vor dem Könige, am Hoftor stampften die herausgeführten Pferde, der König beobachtete noch immer einen Trupp Feinde, welcher, die Wurfspeere schwenkend, heranjagte. »Geringe Ehre wäre es für den König, mitzukämpfen«, mahnte der Vertraute. Heinrich nickte gleichmütig und schwang sich auf sein Roß, während aus der Ferne gellender Kriegsruf erscholl.

Immo sah mit pochendem Herzen und strahlenden Augen auf den Feind, er band sich den Eisenhut fest, rückte den Schild am Arme zurecht, wirbelte den Speer und wollte zu den Wachen sprengen, welche sich gegen den Feind ordneten. Da fiel eine Hand schwer in die Zügel seines Pferdes, neben ihm hielt der große Kriegsmann, ein glühender Blick aus Augen, die er wohl kannte, bannte ihn fest, und eine Stimme, deren Ton ihm tief in das Herz drang, befahl: »Zurück!«

»Mein Oheim Gundomar«, rief der überraschte Jüngling und trieb unwillkürlich sein Pferd mit einem Sprung zur Seite. »Es ist mein erster Kampf, wie darf ich umwenden?«

»Wohl hättest du verdient, daß jene dort dich schnell auf den Rasen legen. Dennoch gehorche, Knabe!« und der Oheim riß ihm das Pferd herum, schlug es mit der Speerstange, und beide stoben nebeneinander hinter dem Könige her, der mit wenigen Begleitern flüchtig voranritt. Immo fuhr dahin wie im Traum, zuweilen sah er verstohlen auf die düstere Gestalt des gewaltigen Reiters, der an seiner Seite jagte. »Wende dein Haupt nicht rückwärts,« befahl Gundomar kurz, »achte auf den Zügel, dein Pferd hat heut mehr Meilen gemacht, als dir frommen wird, und jene folgen auf auserwählten Rossen.«

»Mich kränkt's, Oheim, daß ich davonreite.«

»Ich meine, andere kränkst du, daß du im Felde reitest«, klang es von dem anderen Rosse zurück, und weiter ging es, Hügel hinauf und hinab. Die Sonne brannte, die Luft wehte scharf an die Wangen. Immo hörte hinter sich Rosse schnauben und sah den Hauptmann, mit dem er gerungen hatte, blutend und staubbedeckt an der Seite seines Oheims. Dieser wies auf die Niederung vor ihnen, durch welche ein Bach, mit Erlen und Weidengebüsch umwachsen, dahinrann. »Du kennst die Furt, sammle dahinter, die noch schlagen können, und stelle dich noch einmal gegen die Feinde, wollen sie durchschwimmen, so finden sie die Ufer steil, ihr reitet im Vorteil. Fahre wohl, Bernhard, wer übrigbleibt, sorge dafür, daß er seine Gesellen aus dem Fegfeuer löse, ich gedenke deiner Seele, tue mir dasselbe.« Er winkte mit der Hand, der Reiter blieb zurück; sie tauchten in das Wasser, der weiße Schaum hing sich an ihre Kleider. Der Oheim riß das Roß des Neffen an wegsamer Stelle das steile Ufer hinauf, und wieder ging es vorwärts in gestrecktem Lauf. Hinter ihnen klang stärker der Ruf der Verfolger, darauf ein Gegengeschrei der Königsmannen und Getöse des Kampfes. Als sie wieder eine Anhöhe erreicht hatten, sah Held Gundomar nach rückwärts, Freund und Feind jagten wild gemengt in geringer Entfernung nach, vor ihnen durchritt der König die Furt eines anderen Baches, weiter vorn hob sich ein steiler Berghang, mit dichtem Fichtenholz bewachsen. »Hinter dem Harzwald findet er Rettung«, sagte der Ohm zu sich selbst und ritt voran in den Bach. Am anderen Ufer gebot er: »Nur wenige Verfolger sind dem Haufen voran, mache die Kehre zum Anlauf.« Er wandte sein mächtiges Streitroß im Bogen und fuhr von der Höhe herab den Feinden entgegen, welche aus dem Bach auftauchten. Behend folgte Immo seinem Beispiel. Als er den feindlichen Reitern entgegenritt, ergriff ihn der Kampfzorn seines Geschlechtes, er hörte seinen Oheim das Kyrie eleison mit schmetternder Stimme rufen, auch er rief sein Hara, und Roß und Reiter schlugen gegeneinander. Ihn umgab ein wilder Wirbel von Männern, welche aus dem Wasser emporrangen, von springenden Rossen und gehobenen Armen. Er warf seinen Speer und traf mit dem Schwert, die Streiche dröhnten von den Schilden und Helmkappen. In der geröteten Flut des Baches sah er sinkende Krieger und ledige Rosse, an seiner Seite fand er den treuen Brunico wacker dreinschlagend mit blutigem Haupte. Und er vernahm wieder die donnernde Stimme seines Oheims: »Wendet nach rückwärts!« Da tauchte er schnell zu Boden, riß dem Manne, den er gefällt hatte, seinen Speer aus der Wunde, und die geborgene Waffe mit Jauchzen über dem Haupte schwenkend, sprengte er hinter dem Oheim die Berglehne aufwärts, bis zu einer Stelle, wo ein Hohlweg den steilen Abhang durchschnitt. Dort stieg Gundomar ab und gebot ihm durch eine Handbewegung, dasselbe zu tun, dem Brunico aber winkte er, die keuchenden Rosse weiter hinaufzutreiben. »Hierher habe ich dich geführt, weil du aus edlem Geschlechte bist, und hier ist das Tor, an dem du halten sollst, bis du fällst,« befahl der Oheim mit düsterer Miene, »denn Helden sehe ich gegen uns reiten, und kein anderer Pfad führt zum König, als über unsere Leiber. Stehe als erster in dem Wege. Nimmer meinte ich, daß die Heiligen mir zur Buße meiner Sünden auferlegen würden, dich zu rächen; doch heut will es das Schicksal so fügen.« Er trat auf einen Stein, wo seine mächtige Gestalt weit erkennbar ragte, und stellte den Schild an seinen Fuß.

Aus der Tiefe sprengten feindliche Reiter. »Weiche abwärts, Graf Ernst,« rief Gundomar ihrem Führer entgegen, »fruchtlos war dein Jagdritt, mein Schild sperrt dir die Wildbahn.«

Graf Ernst sprang vom Rosse und zuckte die Schildfessel am Arme zurecht. »Drei Zäune deiner Speerreiter habe ich durchbrochen, meinst du, daß der letzte mich aufhält? Behende versteht dein König zu fliehen, seine Helden haben gelernt, mit den Beinen zu kämpfen, den Rücken bieten sie willig unseren Speeren.«

»Vergebens suchst du mich zum Streite zu locken«, rief Gundomar entgegen. »Ich denke daran, daß wir einst in der Fremde Kampfgenossen wurden, als dein Schild den Tod von meinem Haupte abwehrte.«

»Ich meide dich, solange ich andere Beute finde, tue du dasselbe«, rief der Babenberger. Er hielt den Schild über sein Haupt und sprang die Bergsteile wie ein Raubtier hinauf gegen Immo. Als dieser den gefürchteten Helden erkannte, den er einst im Kloster gesehen hatte, hob sich sein stolzer Mut, und er trat ihm entgegen. Die Speere der Helden flogen, und beide hafteten an den Schilden. Sie zogen die Schwerter und tauschten blitzschnelle Schläge, daß die Funken an Helm und Schildrand sprühten. Erprobt war die Kraft des Grafen, aber der Arm Immos schlug stärker von der Höhe abwärts.

Die Krieger, welche dem Grafen folgten, zauderten kurze Zeit und sahen auf den Kampf der beiden Helden, dann warfen sie sich gegen den anderen Wächter des Bergtors, und Gundomar rang gegen sie wie ein Eber gegen die Hunde.

Mehr Feinde sprengten heran, auch gegen Immo rannte ein zweiter, ein dritter. Immo erhob seine ganze Kraft wider den Grafen zu wildem Sprunge, er schmetterte mit dem Schwert in den Helm und drückte den Schild gegen den Leib des Feindes, daß dieser wankte. Da traf ihm selbst ein geworfener Streitkolben das Haupt, so daß er zurückfuhr und auf den Weg sank. Aber in demselben Augenblick sprang Brunico über ihn und hielt seinen Schild den Markgräflichen entgegen; von der Höhe drang ein Trupp Reiter in den Hohlweg, und aus dem Gewühl der Männer und Rosse vernahm Immo die scharfe Stimme des Königs: »Ergreift den Verräter.« Talab wogte der Kampf, und aus der Tiefe erscholl freudiges Kampfgeschrei der Königlichen. Als Immo allein lag, fühlte er, daß ihn ein Fuß unsanft berührte, und als er halb bewußtlos aufsah, glaubte er das Antlitz Gundomars über sich zu erkennen und zwei Augen, welche mit kaltem Haß auf ihn starrten; darnach verlor er die Besinnung.

Der König hielt auf dem Wege, säuberte sein blutiges Schwert an den Haaren des Rosses und rief lachend Gundomar zu: »Der Bösewicht Ernst ist gefangen, und diesmal entgeht er schwerlich der Rache des Königs. Du aber sollst meine Geschwindigkeit loben, denn ich kam zur rechten Zeit, um dich herauszuhauen.« Er blickte auf den liegenden Immo. »In fröhlichem Jugendmut zog er heran, kurz war der Waffendienst des Treuen.«

»Das Leben des Königs zu bewahren, tauschte er Schläge mit einem Helden. Sein Ausgang war rühmlicher, als er hoffen durfte«, versetzte Gundomar finster. Da rief Brunico, der auf dem Boden saß und das Haupt des Gefällten im Schoße hielt, unwillig: »Wenig frommt ihm der Unkenruf, kaltes Wasser wäre ihm dienlicher. Ich meine, er soll noch manches Jahr leben, anderen zur Freude oder zum Ärger, je nachdem sie sind.«

Der König beugte sich über den Liegenden. »Du sorge für ihn,« befahl er dem Knappen, »im Ring meiner Leibwache soll ihm das Lager bereitet werden.« Der Haufe ritt dem Lager zu, in seiner Mitte die schwertlosen Gefangenen. Auf einer Trage aus grünen Zweigen wurde Immo von Reisigen des Königs im Walde geborgen. Als er aus der Betäubung erwachte, fand er sich in einem Zelt auf weichem Lager unter den Händen des jüdischen Arztes, welchen der König gesandt hatte, mit lautem Heilruf begrüßt von seinem treuen Gespielen.

Im Zelt des Königs mahnte Gundomar mit der Sorgfalt, welche einem vertrauten Diener wohl ansteht: »Heiß war der Tag auch für den König, und Ruhe wünsche ich ihm heut für Seele und Leib.«

»Du freilich ruhst nach deinem Heldenwerk,« versetzte Heinrich, »du verbindest die Wunden, siehst in die Abendsonne und freust dich der Streiche, die du ausgeteilt. Der König aber setzt sich auf den Sorgenstuhl und beginnt die kleine Arbeit, welche ihr Helden verachtet. Führt den Reisigen des Thüring Immo herein.«

Brunico wurde eingeführt, er trug den Kopf verbunden und neigte sich schwerfällig an der Tür.

»Auch du hast dir erworben, was die Leute lieber an anderen rühmen, als selbst nach Hause zu tragen«, begann der König und wies auf das blutige Tuch.

»Die Eisenkappe hielt's nicht aus, der Schädel ertrug's«, versetzte Brunico zufrieden.

»Wo liegt Heriman, der Goldschmied?« fragte der König.

»Auf unserem Karren, zwischen den Mehlsäcken.«

»Wer ist bei ihm?«

»Ich hoffe niemand, außer meinen Gesellen vom Moor und von den Bergen des Immo.«

»Vermagst du den Heriman durch die Späher des Feindes hierherzuschaffen?«

Brunico rechnete: »Von Mittag bis zur Vesper ruhig getrabt, von da bis zum Abend mit dem Herrn König wie die Hasen gelaufen, beträgt zusammen eine gute Tagfahrt südwärts. Dennoch habe ich Vertrauen, soweit man im Walde zurückschleichen kann, denn wir verstehen uns auf die Listen im Holze.«

»Erzähle mir, wie du den Heriman fandest.«

Brunico holte mehrmals Atem und wischte mit dem Ärmel an seinem Eisenhut, denn lange Rede war ihm unlieb. Endlich begann er: »Als mein Gespiele am Idisberg auf die Sommerlinde stieg, dachte ich, er könnte herunterfallen, denn diese Art Holz ist brüchig. Deshalb legte ich mich an die Mauer, ihm beizustehen.«

»Was soll die Rede?« fragte der König, »wer ist dein Gespiele?«

»Derselbe Immo, welchen der Herr König kennt.«

»Bist du nicht sein Dienstmann?«

»Ein Freier bin ich aus dem Moor und freiwillig begleite ich ihn.«

»Seltsamen Ritterbrauch übt man in deiner Heimat«, spottete der König zu Gundomar gewandt. »Weshalb stieg Held Immo auf die Linde?«

»Weil etwas darunter war«, versetzte Brunico mit schlauem Augenzwinkern.

»Schwert oder Spindel?« fragte der König.

»Spindel«, bestätigte Brunico.

Der König nickte. »Daher die Schweigsamkeit des Jünglings.«

»Wie ich so an der Mauer herumschlich, vernahm ich, daß die Fechter des Grafen in einem Erdloch miteinander zankten wegen der dreizölligen Wunden, welche der König an ihnen sehen will.«

»Wie?« fragte der König, »was habe ich mit den Fechtern des Grafen zu tun?«

Aber Brunico, der froh war, jetzt aus seinem Gedächtnis die Rede eines anderen herauszuholen, fuhr herzhaft fort: »Ich selbst vernahm, daß der König die fahrenden Leute mißachtet, insbesondere die Weiber, welche im Tanzen ihr Gewand abwerfen. Ja, man sagt, daß ihm alle Weiber verleidet sind. Aber die Kämpfer beachtet er. Darum fordert Graf Gerhard, daß seine Fechter vor dem Könige kämpfen sollten, dagegen forderten wieder die Fechter eine Begabung. Als ich so über ihnen lag, hörte ich sie weiterhin von den Waren sprechen, welche sie für ihren Herrn von einem Kaufmann geraubt hatten. Das verkündete ich dem Helden Immo, als er sich zu mir fand; wir berechneten die Zeit und suchten die Spur der beiden Räuber; nicht lange, so fanden wir den Heriman, den mancher von uns kannte. Immo verband die Wunden, wie er im Kloster gelernt hatte, wir luden den Heriman auf unseren Wagen, brachen auf, sobald der Morgen graute, und schlugen uns südwärts in die Wälder. Immo aber harrte mit einigen der schnellsten Knaben als Späher im lichten Holz, wohin sich Graf Gerhard wenden werde. Ich blieb unterdes bei den Karren und dem Heriman.«

Der König nickte. »Du hast alles treulich berichtet. Sorge, Gundomar, daß Kundschafter ihn begleiten, die mit den Waldwegen Bescheid wissen.« Er winkte Entlassung, aber Brunico stand unbeweglich und glättete aufs neue an seinem Eisenhut. »Was begehrst du noch?« fragte der König.

Brunico überlegte. »Auch gibt es noch eine Geschichte von einem Bündel, welches mir Heriman für den Herrn König anvertraut hat.«

Heinrich sprang auf und packte den Arm des Thürings. »Wo ist die Botschaft, wo ist das Bündel?«

Brunico sah den König gekränkt an. »Behalten will ich's nicht.« Er wandte sich vom König ab und arbeitete mit den Händen längere Zeit innerhalb seines Panzerhemdes, endlich brachte er eine kleine Ledertasche heraus. »Sie soll für den Herrn König, aber mein Gespiele weiß noch nichts davon«, sagte er und sah zweifelnd auf die Tasche.

Heinrich riß sie ihm aus der Hand, öffnete und rief Gundomar zu: »Die Briefe sind es aus Magdeburg und dem Sachsenland, lange ersehnt und glücklich geborgen. So ist doch unsere Fahrt gelungen, und auch du hast die Stöße nicht vergebens erhalten. Laß mich allein und diesen nimm mit dir, er hat guten Botenlohn verdient.«

Als die Nacht über dem Heerlager heraufstieg, Männer und Rosse ermüdet schliefen und die Lagerfeuer niedrig brannten, sah man noch immer im Zelt des Königs das brennende Licht und Schatten seiner Boten, welche herzu und hinaus eilten.

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