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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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4. In der Heimat

Am nächsten Tage ritt Immo mit Hugbald aus Gotaha, einer Burg des Klosters, der Heimat zu. Auf beiden Seiten des Weges zogen sich niedrige, langgestreckte Hügel dahin, die Rücken mit Wald bewachsen, an den Gehängen die Ährenfelder, deren Frucht sich bräunte. In den Niederungen dehnten sich zwischen sumpfigen Wiesen große Teiche, die mit Erlen und Weiden umgeben waren. Zahlreich und ansehnlich waren die Dörfer der Landschaft, jedes durch Pfahlwerk und breiten Graben oder durch das Wasser eines Sees gesichert. War ein Dorftor geschlossen, dann zogen die Reiter auf der Außenseite herum über den Anger, auf welchem das Dorfvieh weidete, fanden sie ein Tor geöffnet, so sprengten sie über die Brücke und antworteten auf die Frage des Wächters, der eilig seinen schweren Spieß aus der Erde holte und ihnen entgegentrat. Immo fuhr dahin mit fröhlichem Herzen, und unter dem Druck der Schenkel hob sich sein Roß zum Sprunge.

Vor den Reitern zog sich eine Flurscheide quer über den Weg, ein breiter Graben, dahinter ein aufgeworfener Wall mit einer dichten Baumhecke, bei der Brücke ein hoher Grenzhügel, auf dem ein wettergraues Turmgerüst stand. »Sieh das alte Grenzzeichen meiner Väter,« rief Immo, »einst war das ganze Land dahinter unser Erbe, jetzt freilich gehören viele Hufen fremden Herren, dagegen liegen wieder Höfe, die uns gehören, außerhalb der Mark. Doch ehren wir das alte Malzeichen.« Er schwang sich vom Rosse, sprang auf den Hügel, riß blühendes Kraut ab und steckte es an seinen Hut. »So nehme ich Besitz von dem Lande meiner Ahnen, bezeuge mir's, liebe Sonne, daß Laub und Gras mir diene.« Am Ufer eines Gebirgsbaches ritten sie wohl eine Meile dahin, Immo wies auf das klare Wasser und auf die bunten Steine, welche den Bach von beiden Seiten umsäumten. »Jetzt rinnst du niedrig, Bach meiner Heimat, und ein Knabe vermag dich zu durchwaten, aber ich kenne die Macht deiner Strömung, denn im Frühjahr und nach dem Wettersturm brausest du wild zwischen den Hügeln dahin und oft schlug deine Flut an die Schwelle unseres Saales und wir hüpften barbeinig im Hofe durch den wilden Schwall.«

Südwärts zur rechten Hand hoben sich die Hügel steiler, an ihrem Fuße breiteten sich weite Seen, die Abhänge bedeckte der Laubwald, dazwischen aber schimmerte bald rot, bald bläulich die nackte Erdmasse der Berge; auf den Gipfeln stand hier ein Wartturm, dort eine Burg und wieder eine. »Das ist der rote Bergwall, um welchen mein Geschlecht sich gelagert hat,« erklärte Immo stolz, »hoch sind die Berglehnen und steil der Weg zu den Gipfeln, manchesmal haben die Helden dort ihren Feinden widerstanden.«

An einem Wege, der nach Süden führte, hielten die Reiter und nahmen Abschied, denn Hugbald sollte nach der Wassenburg vorausziehen; und sie besprachen das Wiedersehen in den nächsten Tagen.

Als Immo allein war, ritt er in gestrecktem Laufe vorwärts. Vor ihm lag in der Niederung, durch eine Mauer umschanzt, der große Hof seiner Väter, der Bach teilte sich und umfloß den festen Sitz Ingramsleben von allen Seiten. Viele Gebäude standen innerhalb des Hofes, in der Ecke ein dicker viereckiger Turm, mit kleinen Fensterritzen, oben mit Zinnen gekrönt, durch einen Graben von dem übrigen Bau getrennt, er war die feste Burg des Hofes, in welche sich bei schnellem Überfall die Hofherren zurückziehen konnten zu ihren Kindern und Schätzen, die sie dort geborgen hatten. In der Mitte des Hofes aber erhob sich das Herrenhaus mit hohem Dach, mit einer Laube auf der Sonnenseite und einer Galerie darüber, um das Haus standen nahe der Mauer zahlreiche Ställe und Wohnungen der Dienstleute. Außerhalb des Hofes erkannte man längs dem Wasser die Dächer des kleinen Dorfes, welches dazu gehörte. Der Reiter hielt vor der Brücke an, ihm pochte das Herz, er neigte einen Augenblick das Haupt und flehte zu den Heiligen, dann setzte er mit großem Sprunge durch das offene Tor. Sein Roß stieg, er hob sich hoch im Sattel und grüßte den Hof seiner Väter.

Still lag der Hof in der Ruhe der ersten Abendstunde, niemand kam, den Gast anzurufen und das Roß zu halten. Immo lenkte sein Pferd abwärts den Ställen zu. Dort kauerte auf der Dungstätte des Hofes das Federvolk in großen Schwärmen, auch der Hahn mit den Hennen saß zusammengeduckt unter dem Dach der Ställe. Nur der alte Kranich, welcher dem Geflügel zum Vogt gesetzt war, stand mitten auf dem Strohhaufen, richtete den Hals hoch auf und wandte seinen scharfen Schnabel dem fremden Reiter zu. Als aber Immo vom Pferde sprang und fröhlich den Namen des Kranichs: »Ludiger!« rief, da erkannte der kluge Vogel seinen alten Herrn und vergaß gänzlich seine Würde, er schrie und rannte mit ausgebreiteten Flügeln und aufgesperrtem Schnabel dem Sohne des Hauses entgegen, gerade als wollte er ihn umfangen und schmiegte seinen Kopf an den Leib des Mannes. Immo aber strich ihm liebkosend den roten Scheitel, bis der Vogel wieder vergnügt zu seinem Volke lief. Dort breitete er die Flügel und fing vor der ganzen Gemeinde an sich zu drehen und zu tanzen, so daß die Hühner gackerten, und das Geschlecht der Enten sich erhob und lautes Schnattern begann, erstaunt über die Gebärden des ernsthaften Meisters. Alle Vögel schrien, und hinten im Hundezwinger bellten die Bracken. Da sah die alte Dienerin Gertrud aus einer Seitentür der Halle und rief zurück: »Gutes Glück steht dem Hofe bevor, Herr Ludiger tanzt vor seinem Volke«; aber im nächsten Augenblick stieß auch sie einen Schrei aus, lief die kleine Hintertreppe hinab und umschlang mit ihren Armen den Fremdling.

Aus der Umarmung der Wärterin sprang Immo in den Saal. Von der Schwelle erkannte er auf dem Herrenstuhl die Herrin des Hofes im braunen Trauergewande, das Haar mit dunklem Schleier umhüllt, das edle Antlitz wenig gewandelt in den Jahren seiner Abwesenheit, noch immer so schön und gebietend, wie er es sehnsüchtig in seiner Seele geschaut hatte. »Meine Mutter«, rief er außer sich, warf sich zu ihren Füßen, umschlang ihre Knie und weinte wie ein Kind in ihrem Schoß. Frau Edith wollte sich heftig erheben, als der fremde Mann zu ihren Füßen niederstürzte, aber gleich darauf faßte sie sein Haupt mit ihren Händen und drückte ihn fest an sich. Als der Sohn zu dem Antlitz der Mutter aufsah, hielt sie ihn an den Locken und sah ihn starr an, während ihr Gesicht sich rötete. »Ein Mann bist du geworden«, sprach sie erschrocken, aber im nächsten Augenblick warf sie die Arme wieder um ihn und küßte ihn auf die Stirn und das Haar, wie die Mutter einem kleinen Kinde tut. Schnell folgte Frage und Antwort. »Wisse, Immo,« begann die Mutter, »nicht ganz unerwartet kommst du. In der letzten Nacht hatte ich einen Traum, gleich einer Verkündigung. Auf meinem letzten Lager fand ich mich, gelähmt waren meine Glieder und vergebens mühte ich mich, die Hände zum Gebet zu falten. Da neigte dein Angesicht sich über mich, im goldenen Schmuck des Bischofs standest du vor mir, um dein Antlitz strahlte ein heller Schein und du botest mir das Heiligtum. Mich aber durchdrang ein seliger Friede, wie ich ihn nie gefühlt. Glücklich ist die Mutter, Geliebter, welcher der Sohn das Tor des Himmelssaals öffnet.«

Als Immo von seiner Reise erzählt hatte, zog er den Brief des Abtes aus dem Gewande. »Lies ihn,« sagte die Mutter, sich setzend, »du bist der einzige im Hause, welcher der fremden Schrift und Sprache kundig ist, darum erkläre mir den Inhalt, damit ich alles verstehe.« Mit geheimer Sorge öffnete Immo den Brief, ungern wollte er der Mutter in dem Glück des Wiedersehens Unholdes von seiner Trennung aus dem Kloster berichten. Aber das Schreiben enthielt nur einen Gruß des Abtes für Frau Edith, und daß er den Sohn aus der Schule mit seinem Segen zurücksende, damit er nach eigenem Willen für seine Zukunft sorge.

»Willkommen ist mir die Antwort deines Abtes auf meine Bitte, die ich durch Vater Reinhard an ihn tat, und alles ist für dich bereitet, damit du ein Held des Himmelsherrn werden kannst. Doch heute sprich nicht zu mir von künftigen Tagen, denn sorglos möchte ich mich deiner Heimkehr freuen.« Sie zog ihn bei der Hand in den Hof und öffnete die Gittertür des Gartens, in welchem eine Anzahl Obstbäume auf dem Grasgrund stand. Dort lagerte das junge Geschlecht Irmfrieds. Auf einer Bank saß Odo, der ältere, einem gereiften Manne gleich, breitschultrig, gemessen in seinen Gebärden, das rundliche Gesicht mit den vorstehenden Augen und der bedächtigen Miene ganz ungleich dem Aussehen der anderen Brüder. Diese lagen im Grase, Ortwin, der redegewandte, welcher Sprecher des Hofes war, summte ein Lied und würfelte dabei auf einem Brettlein mit sich selbst, der starke Erwin warf sitzend einen Stein, den mancher andere schwerlich gehoben hätte, unermüdlich in die Höhe und freute sich, ihn geschickt wieder zu fassen, und Adalmar und Arnfried lagen langgestreckt einander gegenüber, hielten jeder mit zurückgebogenen Armen einen Baum umklammert und stießen mit den Beinen einen runden Fichtenstamm, daß er ruhelos zwischen ihnen hin und her rollte, und sie lachten laut, wenn der ungefüge Klotz einem von ihnen so gefährlich nahte, daß es eines starken Stoßes bedurfte, ihn abzuwehren. Aber seitwärts von den Brüdern übte sich Gottfried mit Hilfe eines alten Knechts im Speerwurf gegen aufgestellte Bretter, und die Stangen, welche der Knabe warf, dröhnten kräftig von dem Holze. Die Brüder sprangen auf, als sie die Mutter erblickten, und Immo sah als stolze Jünglinge wieder, die er als Knaben verlassen hatte. Sie boten nach der Reihe dem Bruder Hand und Mund, ihr verlegener Gruß erschien ihm kalt, nur der jüngste, Gottfried, hing sich an seinen Hals, und Immo lachte, als das rosige Kindergesicht zu ihm aufsah. »Alle seid ihr stattliche Helden geworden,« rief er, »aber am meisten gewachsen ist mein Kleiner.« »Im nächsten Jahr erhalte auch ich den Schwertgurt«, antwortete dieser freudig in seinen Armen.

Aber die Mutter zog den Ältesten wieder zu sich: »Sieh, die Knaben und die Bäume, sie sind zusammen aufgeschossen.«

»Alles, was unter deiner Hand steht, gedeiht, ich sehe, auch die Obstträger lohnen der Herrin die Mühe.«

»Die frommen Väter von Ordorf brachten nicht umsonst die Pfropfreiser zu unserem wilden Holz; wundervoll gewürzig sind die Äpfel, sie trugen zum erstenmal reichlich in dem Jahre, wo du von uns schiedest, und als der Herbst kam, hatte ich das Herzeleid, daß du die guten nicht mehr schmecktest. Dafür sandte ich einen Korb an die hohe Frau Adelheid, die Kaiserin, welche damals neben unserer Mark ihren Hof hielt. Denn gütig war sie immer gesinnt und sie freute sich auch über die Früchte und schenkte mir als Gegengabe eine Büchse mit Balsam aus dem heiligen Land. Das ist in Wahrheit ein kaiserliches Geschenk, denn es heilt schnell auch tiefe Schwertwunden und es hat sich an tapferen Männern hier in der Gegend mehr als einmal bewährt.«

»Zeige mir deine Kunst,« sprach Immo zu Gottfried, »die wohl in kurzem auch tiefe Wunden schlagen wird.« Der Knabe ergriff die Stangen und warf herzhaft. »Ich lobe die Treffer«, ermunterte Immo, bald ergriff er selbst die Gere und sie gellten so stark vom weitgesteckten Ziele, daß Gottfried freudig die Hände zusammenschlug und die anderen Brüder Beifall riefen.

»Ganz gut, gefällt mir, Immo,« sprach Edith zuschauend, »daß du in der Schule auch Werke eines Kriegsmannes geübt hast. Denn reitest du einst als ein gewaltiger Herr und Bischof unter deinen Kriegern, dann mußt du auch die Helden, welche das Schildamt bei dir versehen, durch Gut und Gaben ehren; und darum ziemt dir zu verstehen, wer am besten seine Waffe gebraucht.«

Immo legte die Stangen zur Seite und senkte das Haupt.

An dem Gitter stand Gertrud und erinnerte an das Mahl. In der Mitte ihrer Söhne betrat Edith den Saal, in welchem die Tische gestellt waren. An der Tür standen gedrängt die Dienstleute, um den Gruß des Herrensohnes zu erwarten. Während Immo unter sie trat und mit alten Vertrauten fröhlichen Gruß wechselte, brachte der Truchseß die Speisen und Trinkkannen. Die Mutter führte den Sohn zum Ehrensitz an ihrer Seite: »Schmal war die Kost meines Lieblings im Kloster,« sagte sie lächelnd, »dafür hat er dort das Glück genossen, neben heiligen Männern zu sitzen. Und ich vertraue, auch du hast dir in deinem Dienst bereits Ehre erworben.«

»Im Dienst vor den Altären gewinnt ein Schüler geringe Ehre«, versetzte Immo unzufrieden. »Zuerst sollte ich das Rauchfaß schwenken, doch den Brüdern gefiel nicht der Schwung meiner Arme. Dann war ich Türsteher, und mit der Keule wachte ich an der Pforte, das unordentliche Volk abzuwehren, aber auch dieser ruhmlosen Arbeit enthoben mich die Dekane, weil einige Schreihälse aus der Menge Wehe riefen wegen eingeschlagener Zähne. Zuletzt las ich manchmal als Lektor vor den kleinen Altären.«

Die Brüder lachten, aber Edith merkte in ihrer Mutterfreude den Ärger des Sohnes gar nicht und zu ihrem Sitz tretend, bat sie: »Sprich das lateinische Gebet, das sich in der Stunde ziemt, wo ein Geweihter das Haus seiner Väter betritt.«

»Ich weiß nur von einem, der als verlorener Sohn nach Hause kam«, murmelte Immo, und sprach das lateinische Vaterunser.

Immo saß wieder in dem Saal seiner Väter und sah verwundert in den großen Raum. Auf dem Fußboden aus geschlagenem Lehm, welcher glatt war wie eine Tenne, standen die Tische ganz wie sonst, von dem Herrensitz sah er durch die geöffnete Tür in den wohlbekannten Hof; hinter ihm und auf den Seiten lief, durch ein geschnitztes Geländer eingefaßt, die erhöhte Bühne, von welcher zahlreiche Türen nach den Kammern und Wohnräumen des mächtigen Hauses führten. An den Wänden hingen die alten Rüstungen und Waffen, Kampfbeute früherer Helden, auf der Bühne im Hintergrund stand der Ofen und daneben der Herrenstuhl, im Winter der wärmste Platz, aber ehrenvoll auch im Sommer. Alles war wie vor Jahren. Auch wenn er seine Mutter ansah und die alten Diener des Hauses, so dünkte ihn seine Abwesenheit und das Kloster fast nur ein übler Traum. Wenn er aber die männliche Stimme der erwachsenen Brüder hörte und die kurzen Reden, die sie während ihrer eifrigen Arbeit am Tische wechselten, so kam ihm wieder vor, als sei er bei den Erdmännchen in der Höhle gewesen, viele Jahre lang, denn er merkte, daß ein neues Geschlecht in dem Saal herrschte.

Nach dem Mahle trat Immo zu seinen Brüdern und suchte ein freundliches Gespräch, während Frau Edith der Dienerin Gertrud winkte und mit ihr den Saal verließ.

Als Edith wieder eintrat, setzte ihr die Dienerin den Spinnrocken neben den Ofen, die Herrin saß auf dem Stuhle nieder und ergriff die Spindel. »Komm an meine Seite, Immo,« bat sie, »damit ich vertraulich mit dir rede, wie sonst. Seit du von uns gingst, hat diese Hand manches Gewebe gesponnen, auch für dich, mein Sohn, ich spann dir gute Wünsche hinein, und manchmal, wenn ich deiner dachte, lag die Spindel in meinem Schoß. Denn neben diesem Rocken stand deine Wiege, ich hob dich heraus und du griffst nach den bunten Bändern am Flachse. Und als du im Hemdchen laufen lerntest, da kauertest du auf der Fußbank und warfst deine Beinchen um die Stange. Später sprangst du übermütig um meine Arbeit, wirrtest mir den Flachs und verkehrtest mir die kreisende Spindel. Jetzt freilich hast du bei den frommen Vätern gelernt, ruhig zu sitzen. Sieh dorthin,« unterbrach sie sich selbst, »an dem Türpfosten haftet noch der Speer mit dem Zeichen deines Wachstums. Denn am Speer maß euch der Vater, jedem von euch nagelte er einen Schaft an den Pfosten, und in den Schaft schnitt er jedem seine eigene Marke, mit welcher der Sohn in Zukunft sein Gerät zeichne. Und als das Friedel sein Maß erhalten sollte, da lachte der Vater, weil er am Pfosten keinen Raum mehr fand, und schlug den Speer an die zweite Tür, dort steht er allein. Denn dem Vater war das Prüfen der Größe in jedem Jahr eine Freude, obgleich die Alten sagen, daß man die Kinder nicht messen soll, euch aber hat es nichts geschadet, denn ihr seid alle hoch emporgeschossen. Tritt an das Maß,« bat sie, und als Immo ihren Willen tat, rief sie erfreut: »Mehr als eines Kopfes Länge überragst du das letzte Zeichen und der größte bist du geblieben. So ziemt es sich auch und ich dachte das immer. Wisse, Immo, in jeder Größe vermag eine Mutter ihre Kinder zu schauen, wenn sie gerade nicht bei ihr sind. Auch dich schaute ich in meinem Sinn, ganz klein und wieder größer. Aber wunderlich war es, wenn ich allein saß, dann hielt ich dich in meinen Gedanken am liebsten als ein kleines Kind auf meinem Schoß, und ich freute mich, daß du die Arme zu mir aufhobest, obwohl du doch älter warst als meine Knaben. Vielleicht sah ich dich so, weil du als kleines Kind mir gehörtest.«

Immo neigte sich zu ihr und ergriff ihre Hand.

»Wende dich noch ein wenig ab, wenn ich mit dir rede«, bat Edith und eine feine Röte flog über ihre Wangen. »Denn wenn du mich heut ansiehst mit den Augen und mit dem Antlitz deines Vaters, dann weiß ich nicht, du Holder, ob ich deine Mutter bin. Kehre dich doch wieder zu mir,« rief sie wieder und warf den Arm um seinen Hals, »denn lange habe ich dich entbehrt und mir war's zuweilen, als ob ich selbst fremd im Hause sei, weil du mir immer fehltest. Sommer und Winter schwanden dahin, meine Knaben wuchsen heran, oft machten sie am Abend der Mutter die Freude, still am Herde zu sitzen, oft trieb sie auch ihr Jugendmut auf den Höfen der Nachbarn umher. Doch muß ich meine Söhne rühmen, denn gehorsam und der Mutter treu gesinnt waren meine Knaben alle.«

»Auch ich bin dein Sohn«, rief Immo.

»Ja du«, antwortete Edith und blickte ihn mit strahlenden Augen an. Und leise fuhr sie fort: »Anders vermag ich mit dir zu reden als mit ihnen, und als ich dich am Tisch hörte, sprachst auch du nicht wie die Knaben, denn reichlicher schweben deine Worte von der Zunge und mit fremdem Klang dringen sie in das Ohr. Doch hört es sich gut an, Immo, und es macht dich meinem Herzen vertraulich. – Reich und froh fühle ich mich heut zum erstenmal wieder, seit mein Gemahl von uns ritt, und mir ist, als könnte ich dir alles Geheime sagen, wie man es am Altare den Heiligen zuraunt, du liebes Opferkind. Denn du gehörst ja, wenn du auch unter uns weilst, mehr den Himmlischen an als wir anderen.«

Lange Jahre hatte Frau Edith in ihrem Witwenschleier still dahingelebt, als ernste Gebieterin hatte sie die wilden Söhne gezogen und über den Dienstleuten gewaltet, ihr eigenes Herz, wenn es heftig pochte, hatte sie fest gebändigt; jetzt brach in der Freude des Wiedersehens die Mutterliebe wie ein starker Bergquell aus der Tiefe ihrer Seele. Dem Sohne schien sie einer begeisterten Seherin gleich, noch niemals hatte er sie so gehört; er lauschte hingerissen auf den Klang ihrer bewegten Stimme, und doch empfand er geheimen Schmerz bei den liebevollen Worten.

Die Söhne traten nach der Reihe vor die Mutter und boten den Nachtgruß, jedem legte sie die Hand auf. Als letzter kam Immo, da stand die Mutter auf, und als er sich neigte, den Segen zu empfangen, umschlang sie sein Haupt und streichelte ihm Haar und Wange, die Freudentränen in den Augen. »Führe du ihn zu seinem Lager,« gebot sie der alten Gertrud, »denn du warst vor Zeiten seine Wärterin.«

»Wohin leitest du mich, Mutter?« fragte Immo lächelnd, »ich kenne den Bretterverschlag hinter der Halle, in dem ich sonst schlief.«

»Der würde dir jetzt wenig ziemen,« versetzte die Alte, »denn Frau Edith hat dir selbst das Lager bereitet.« Sie führte durch den Hof zu einem stattlichen Bau, der wie eine große Laube aus Stein und Holz errichtet war und zwei Gemächer nebeneinander enthielt; die Wände des kleineren Raumes waren mit Teppichen bekleidet, der Boden mit grünen Binsen bestreut, auf dem Lager weiche Kissen und eine prachtvolle Decke, über welcher Greifen und andere gestickte Fabeltiere einherschritten, an der Wand hing ein großes Kreuz, davor war ein Betpult, eine große Wachskerze erhellte den Raum. Immo stand betroffen in der Tür. »Ich rieche die Kirche«, rief er, denn ein Duft von heiligem Räucherwerk erfüllte den Raum.

»Der hochwürdige Herr von Magdeburg hat hier vor kurzem geruht«, antwortete Gertrud, die Knie beugend.

»Im Gastgemach des Hofes stehe ich, das den vornehmen Fremden bereitet wird,« rief Immo traurig, »ich meinte in das Haus meiner Väter zu kommen.«

»Du dienst ja dem Himmelsgott schon hier auf Erden«, wiederholte Gertrud die Worte der Herrin. »Unter uns anderen Menschen bist du ja nichts weiter als ein Gast, du armes Kind.«

Immo winkte der Dienerin die Entlassung, und als sie sich mit Segenswünschen entfernt hatte, setzte er sich nieder und barg sein Gesicht in den Händen, denn die Worte der Alten schnitten ihm in das Herz; er merkte, daß sie recht hatte, und daß er nur ein Gast im Vaterhause war.

Als er am Morgen erwachte, hörte er draußen an der Wand das Schwalbenvolk schwatzen und singen, gerade wie in der Schule, und er wartete, daß die kleine Glocke am Michael läuten werde. Draußen aber pfiff ein junger Knecht geschickt eine lustige Weise, die Immo in seiner Kinderzeit oft gehört hatte. Da erkannte Immo wieder die Heimat und er dachte vergnügt, daß der Knabe wohl einer Magd des Hofes, die ihm lieb war, seinen Morgengruß zugerufen habe, was in dem Kloster niemals geschah. Als er die Augen aufschlug, sah er, daß die Lichtöffnungen seiner Fensterläden nicht in Kreuzesform geschnitten waren wie im Kloster, sondern als runde Herzen, und ein großes Herz voll Licht lag golden auf dem Fußboden. Da lachte er und sprang auf, und während er sich anzog, nahm er sich vor, geduldig zu sein und auch Schmerzliches zu ertragen, bis er das Vertrauen der Brüder gewonnen und bis er die Mutter mit seinen weltlichen Gedanken versöhnt hätte. Und er fürchtete, daß dies ein schwerer Kampf sein werde.

Nach dem gemeinsamen Frühmahl schürzte Frau Edith ihr Gewand, um in der Wirtschaft nach dem Rechten zu sehen, und Immo gedachte des vertrauten Briefes, den ihm Herr Bernheri für den Dienstmann auf der Wassenburg übergeben hatte. Als er der Mutter bekannte, daß er dorthin reiten werde, sahen die Brüder einander bedeutsam an und tauschten leise Worte. Darum begann Immo freundlich zu Odo: »Überall sorgen die Leute, daß ein großer Krieg bevorsteht, sage mir, mein Bruder, seid ihr für König Heinrich oder Hezilo?«

»Noch ist die Kriegsfahne nicht aufgesteckt,« versetzte Odo vorsichtig, »wir aber hören aus der Ostmark, daß die Slawenherzöge rüsten, und diese sind für uns die nächste Sorge.«

»Unter den Mönchen vernahm ich, daß die Böhmen sich dem Hezilo verbündet haben, sicher weißt du, ob die Grafen der thüringischen und sächsischen Mark den Böhmen widerstehen wollen.«

»Wir vermuten,« antwortete Odo, »daß ihr Wille ist, ein Heer zum Schutz der Grenze zu sammeln; dann, hoffe ich, werden auch wir reiten.«

»Sonst zog unser Wald zu dem Banner, welches der Vogt des Königs in Erfurt aufsteckte«, warf Immo ein.

»Ich aber meine,« versetzte Odo, »daß der Königsvogt sich nicht beeilen wird, seine Burg zu verlassen und nach Süden zu ziehen, wenn an der nahen Grenze der Kriegslärm erhoben wird. Bei uns denkt jeder daran, sich im Hause zu wahren, denn einer mißtraut dem anderen.«

Immo schwieg gekränkt, denn er sah, daß auch die Brüder ihm mißtrauten. Er rief deshalb den Knaben Gottfried und erbat von der Mutter, daß dieser mit ihm reite. Auf dem Wege erzählte ihm der Harmlose, was er bereits ahnte, daß die Mutter für König Heinrich war, die Brüder aber für den Babenberger. Und noch mehr erfuhr er. Auch seinetwegen war ein langer Kampf zwischen Mutter und Brüdern gewesen, denn die Brüder hatten sich dagegen gesträubt, dem ältesten die Mühlburg vor der Teilung zu überlassen, damit sie dem Stift des Erzbischofs zufalle, und nur widerwillig hatten sie dem Ansehen der Mutter nachgegeben. »Die Brüder hatten recht«, rief Immo dem verwunderten Gottfried zu. Auf der Wassenburg wußte der alte Dienstmann wenig vom Laufe der Welt, doch freute er sich des Briefes und besserte auf Hugbalds Rat an den Mauern. Auch in Arnstadt, der dritten Burg, welche das Kloster am Walde besetzt hielt, vermochte Immo nicht viel zu erfahren. Da ritt er nach Erfurt zu dem Vogt des Königs, der seinem Vater vertraut gewesen war; dort wurde er freundlich empfangen und vernahm vieles, was dem Abt wertvoll sein mußte. Auch das Pergament zum Briefe kaufte er in der Stadt, und den Dienstmann Hugbald brachte er als Gast nach dem Hofe, nachdem er ihm einen Wink gegeben hatte, über die letzten Tage im Kloster zu schweigen.

So vergingen die ersten Tage in der Heimat unter der Arbeit, die er für Herrn Bernheri übernommen hatte. Er war wenig mit den Hofgenossen zusammen, und Frau Edith erfreute sich an dem Eifer, den Immo für seinen Abt bewies. Und als sie merkte, daß er in der Kemenate über dem Pergament saß, ging sie selbst in den Hof und scheuchte die Mägde und den Kranich mit seinem Hühnervolke in die entfernteste Ecke, damit kein Geräusch die seltene Arbeit störe.

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