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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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Das Nest der Zaunkönige

1. Im Jahre 1003

Wo die Geisa das Wasser ihrer Quellen in die Fulda gießt, lag zwischen Wiesen und fruchtbaren Feldern das Kloster Herolfsfeld. Hohe Fürsten des Himmels waren seine Beschützer, denn die Klosterkirche umschloß die Reliquien zweier Apostel; doch den größten Eifer für das Gedeihen des Klosters hatten zwei Gefährten des heiligen Bonifazius bewiesen: Erzbischof Lullus, der die ersten Mönche auf das leere Feld führte, und der Heidenbekehrer Wigbert, dessen Gebeine erst viele Jahre nach seinem Tode im Kloster niedergesetzt wurden, der aber seitdem durch zahllose Wunder den Ruhm der Stätte erhöhte. Als das stärkste von seinen Wundern rühmten die Leute, daß in der einsamen Landschaft ein mächtiges Menschenwerk entstanden war, Türme und hohe Kirchgiebel, um diese herum eine große Zahl von Gebäuden aus Stein und Lehm, deren wettergraue Holzdächer wie Silber in der Mittagsonne glänzten. Was man Kloster nannte, war in Wahrheit eine feste Stadt geworden, durch Mauern, Pfahlwerk und Graben von der Ebene geschieden. Länger als zweihundert Jahre hatten die Mönche gebetet, um den Gläubigen Heil und guten Empfang in jenem Leben zu bereiten, dafür waren sie selbst reich geworden an irdischem Grundbesitz, den ihnen fromme Christen in der bitteren Sorge um das Jenseits gespendet hatten. Die Burgen, Dörfer und Weiler, welche ihnen gehörten, lagen über viele Gaue verteilt, nicht nur im Lande der Hessen, auch unter Sachsen und Bayern, vor allem in Thüringen. Ein guter Teil des Kirchengutes, das Bonifazius erworben hatte, darunter die ersten Schenkungen, welche die Waldleute in Thüringen zur Heidenzeit gemacht, gehörte jetzt dem Kloster, und wenn der Abt seine Lehnsleute und Hintersassen zu einer Kriegsfahrt aufrief, so zogen sie dem Lager der Sachsenkaiser zu als ein Heer von Reitern und Fußvolk, in ihrer Mitte der Abt als großer Herr des Reiches mit einem Gefolge von edlen Vasallen. Länger als zweihundert Jahre hatten die Brüder auch mit Axt und Pflug gegen den wilden Wald und das wilde Kraut gekämpft, hatten unermüdlich die Halmfrucht gesäet, Obstbäume gepflanzt und Weingärten eingehegt. So waren sie allmählich große Landbauer geworden, nach Tausenden zählten sie ihre Hufen, ihre zinspflichtigen Höfe und die Familien der unfreien Arbeiter. Jetzt saßen sie in der Fülle guter Dinge als eine Genossenschaft von hundertundfünfzig Brüdern zwischen gefüllten Scheuern und springenden Herden, sahen vergnügt über die reiche Habe und ordneten selbst als umsichtige Landwirte das Tagewerk der zahlreichen Gehilfen, deren Häuser im Zaun ihres Herrenhofes standen oder seitwärts an der Fulda zu einem großen Dorf vereinigt waren. Doch nicht allein über Landarbeit, sondern über alles, was Handwerk und Kunstfertigkeit zu schaffen vermochte, walteten als Meister die Genossen, welche sich dem Christengott gelobt hatten. Neben dem Palast des Abtes und den Gasthäusern für Fremde, zwischen den Viehhöfen und Scheuern, dem Brauhause und den weiten Kellergewölben erklang der schwere Hammer des Waffenschmieds auf dem Ambos, und daneben der kleine Hammer des Künstlers, welcher edle Steine in Gold und Silber zu fassen wußte für Kirchengerät, für kostbare Bücherdeckel und für Trinkgefäße des Abtes und vornehmer Gäste. Ein Bruder bewahrte den Schlüssel zu dem Rüsthaus, in welchem die Helme, Schwerter und Schilde für ein ganzes Heer bereit lagen, ein anderer zählte den Gerbern die Häute zu, prüfte kunstverständig ihre Arbeit, mischte die Farbe und kochte die Beize für buntes Leder und Gewand. Und wieder ein anderer maß die Räume für neue Bauten, verfertigte den Riß und wies die Maurer an, wie sie den Gewölbbogen schwingen und dauerhaften Mörtel mischen sollten. Von weiter Ferne her zogen die Leute zum Kloster, nicht nur um bei den Gebeinen der Heiligen zu beten und durch Gaben das Gebet der Mönche zu kaufen; auch wer klugen Rat und irdischen Vorteil begehrte, suchte dort Beistand. Der Kaufmann fand Waren, die er gegen andere vertauschte, der große Grundherr holte sich den Bauplan für ein Steinhaus, das er auf luftiger Höhe errichten wollte, oder bat um einen meßkundigen Bruder, der ihm fernes Wasser in seinen Hof zu leiten und einen Fluß mit steinerner Brücke zu überspannen wußte. Wer vollends krank war, der neigte sich flehend vor dem Arzte des Klosters und erhielt aus der Apotheke die Holzbüchse mit kräftiger Salbe und den ruhmvollen Trank des heiligen Wigbert. Jeder Dürftige und Bettler im Lande kannte das Haus, denn er war sicher, dort Hilfe gegen den Hunger zu finden und gutherzige Spende an den nötigsten Kleidern. Was die einen in ihrer Sündenangst vor den Altären der Heiligen opferten, um den Himmel zu gewinnen, das vermehrte vielen anderen die Freude des irdischen Lebens. Aber die Mönche selbst, die sich dem Herrn zu demütiger Entsagung und Buße geweiht hatten, wurden allmählich stolze Lehrer und Gebieter in weltlichen Dingen und vermochten nicht mehr mit der alten Klosterzucht hauszuhalten.

An einem heißen Nachmittag des Sommers lag auf den Stufen des Hochaltars ein fremder Mönch in stillem Gebet. Stab und Reisehut hinter ihm ließen erkennen, daß er neu angekommen war; bei dem Reisegerät kniete ein junger Bruder des Klosters, der ihn begleitet hatte. In dem Chorstuhl zunächst dem Sitz des Abtes saß der Dekan Tutilo, welcher Präpositus des Klosters war, ein hoher breitschultriger Mann mit jähzornigen Augen und buschigen Augenbrauen, er hielt die Hände nachlässig gefaltet und sah ungeduldig auf den Fremden, dessen Andacht kein Ende nehmen wollte. Klein war die Zahl der Väter, welche das Gebet abwarteten, nur wenige der Ehrwürdigsten saßen in den Stühlen, unter ihnen Heriger, der Kellermeister, ein fröhlicher Mann und Liebling der Brüder, dem alle gern dienten und der jeden mit freundlicher Rede gefügig machte, dann der Pförtner Walto, welcher Sprecher des Klosters war, als kluger Herr wohlbekannt im ganzen Lande; auch die beiden Alten, Bertram und Sintram, zwei Sachsen, welche mit ihren runden Köpfen und weißen Haarkronen einander ähnlich sahen wie Zwillinge und deshalb von den Mönchen im Scherz die Stiefel genannt wurden; sie waren an einem Tage ins Kloster gekommen, wohnten in derselben Zelle und arbeiteten beide in den Gärten; was einer wollte, gefiel auch dem anderen, und sie wandelten stets zusammen, obgleich sie schweigsam waren und auch miteinander nicht viel redeten.

Als der Beter sich endlich erhob und mit gesenktem Haupt vor den Dekan trat, ergriff dieser seine Hand, führte ihn in die Mitte des Chors und neigte ihm das Ohr zu, in welches der Fremde die geheimen Worte sprach, an denen die Priester und Würdenträger von der Regel Benedikts einander erkannten. »Gesegnet sei dein Eingang, mein Bruder Reinhard«, antwortete der Dekan mit rauher Stimme, welche von der Decke zurückhallte, und gab den Bruderkuß, worauf der Fremde den anderen Brüdern dasselbe tat. »Nicht mühelos wird das Lehramt sein, zu dem du aus der Schulstube des Klosters Altaha gerufen bist, denn du wirst harte Köpfe finden und eine zuchtlose Herde; doch dem heiligen Wigbert fehlt es nicht an Bäumen, um Ruten daraus zu schneiden. Komm, daß ich dir unsere Häuser zeige und die Walstatt, auf welcher du den Krieg gegen die Unwissenheit führen sollst.« Er ging voraus, die Brüder folgten, zuletzt der junge Mönch mit dem Reisegerät des Fremden.

Tutilo führte in die Klausur, die große Burg des Klosters, welche zweistöckig inmitten aller Höfe und Gebäude ragte. Sie enthielt die Wohnungen der Mönche und der geweihten Schüler, die von ihren Eltern in den Zipfel der Altardecke gewickelt waren, damit sie einst Mönche würden. Das Haus stand im Viereck um einen freien Platz, von allen Seiten nach außen geschlossen, nur durch die Kirche war der Eingang und gegenüber ein Ausgang zu den Küchen und Nebengebäuden. In der Mitte des Hofes umgaben alte Lindenbäume einen Brunnen, und nach dem Hofe öffnete sich der ganze Bau, denn ein weiter Säulengang zog sich am Unterstock auf den vier Seiten entlang, und die Mauer des Oberstocks erhob sich auf den schöngemeißelten Steinsäulen. Zwischen die Säulen waren bequeme Holzbänke gestellt, damit die Brüder bei schlechtem Wetter lustwandeln oder ausruhen konnten, wie es ihnen gefiel. Ganz verlassen stand das Haus, der Fremde vermochte kein geschorenes Haupt zu entdecken, obgleich in dieser Stunde die Regel den Brüdern erlaubte, sich von Arbeit und Gebet zu erholen. Tutilo merkte die suchenden Blicke des Bruders, und auf den Säulengang weisend, erklärte er: »An anderen Tagen würdest du die Hände oft rühren müssen, wenn du die Menge der Brüder und Schüler an den Fingern abzählen wolltest, heut aber sind sie ausgezogen. Die letzten Tage waren schwül, ein Wetter droht, und das ganze Gesinde des heiligen Wigbert arbeitet im Heu. Dies ist alter Brauch des Klosters, er stammt, wie sie sagen, aus der Zeit der ersten Väter, jetzt freilich ist die Fahrt mehr ein Fest als eine Arbeit. Bald wirst du ihr Gewimmel merken, wenn sie zurückkehren.«

Als sie die inneren Räume betraten, sah der zugewanderte Bruder in dem großen Refektorium einen Kredenztisch mit schönen Bechern und Trinkkannen, darunter nicht wenige von edlem Metall, und als er in einen Gang kam, an welchem Zellen der Brüder lagen, erblickte er durch die offenen Türen große Stühle mit seidenen Kissen belegt, auf den Lagerstätten weiche Kopfkissen und lodige Decken von buntgefärbter Wolle, die mit gestickten Borten eingefaßt waren, daneben große Truhen und metallene Leuchter mit Wachslichtern oder schwere vergoldete Lampen, auf einem Tische sogar ein Brettspiel mit geschnitzten Männlein und Tieren, so daß er merkte, wie die Mönche unter Gerätschaften, die sie sich selbst erworben hatten, ganz gemächlich hausten. Und Reinhard, obwohl er als Mönch gewöhnt war, seine Zunge zu hüten, konnte den Ausruf nicht unterdrücken: »Gleich weltlichen Fürsten wohnen die Knechte des Heiligen.«

Tutilo merkte das Mißfallen, aber er erwiderte stolz: »Auch ich meine, daß unsere Brüder ihr Haupt hoch tragen dürfen, wenn sie sich mit den Weltleuten vergleichen. Doch was du hier von eigenem Gut der Brüder etwa gesehen hast, gehört nur den Dekanen und den Alten, denn diese allein haben die Lizenz.«

Der Fremde senkte schweigend das Haupt. Tutilo winkte dem jungen Mönch, zurückzubleiben, zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnete in dem Kreuzgang eine niedrige Pforte, die er hinter seinen Begleitern wieder verschloß. Sie standen in dem Hofe der Abtei zwischen Ställen und Vorratshäusern vor einem stattlichen Holzbau, um den ein Laubengang führte. Doch auch hier war alles leer, die Lichtöffnungen des Hauses waren mit Fensterglas und Blei verschlossen, aber die Scheiben waren erblindet und manche Raute war zerschlagen. »Du weißt ja wohl,« fuhr Tutilo mit düsterer Miene fort, »daß Herr Bernheri, unser Abt, es verschmäht, unter den Brüdern zu wohnen. Dort oben auf dem Berge St. Peter hat er sich eine eigene Zelle stattlich hergerichtet, dort haust er mit denen, die ihm am liebsten sind, und selten betritt sein Fuß diesen Herrenhof. Oben hört man's deutlicher, wenn der Auerhahn balzt und der Hirsch schreit. Wir aber in der Tiefe harren der Gebote, welche er aus der Höhe zu uns sendet. Hier beginnt wieder dein Reich«, fuhr er fort und geleitete in einen anderen umhegten Hof. »Hier ist die äußere Schule, worin die Schüler zu übermütigen Weltgeistlichen erzogen werden; dreißig Scholastiker zählte das Kloster, erst seit dem Tode deines Vorgängers hat sich die Zahl vermindert. An der ersten Bank sitzen nur Söhne von Edlen, meist Thüringe und Hessen, trotzige Knaben sind darunter, ungern fügen sich die Stolzen darein, im Kloster zu dienen.«

»Schwingen auch sie heut das gedörrte Gras?« fragte der Fremde.

»Einen wenigstens magst du sehen«, versetzte der Kellermeister Heriger leise und wies nach der Höhe. In dem Schalloch des Glockenturmes saß ein Jüngling und starrte hinaus auf die Höhen im Osten, ohne die Mönche im Hofe zu beachten. »Es ist Immo, der Thüring, er hängt oft dort oben, und immer sieht er nach derselben Himmelsseite, weil dort seine Heimat liegt!«

Reinhard maß den Jüngling mit einem schnellen Blick: »Erkenne ich ihn recht auf seinem luftigen Sitze, so sieht er mehr einem jungen Kriegsmann ähnlich, als einem Schüler, der auf das heilige Öl und die Stola hofft.«

»Du wirst ihn wild und tückisch finden«, versetzte Tutilo. »In den ersten Jahren hat ihn unser Herr Bernheri verzogen, jetzt tun ihm Hunger und Geißel not, und du würdest ihn vielleicht im Keller auf dem Stroh erblicken, statt dort in hoher Luft, wenn die Brüder nicht allzuoft an das Verdienst seines Ahnherrn dächten.«

»Denn wisse, mein Bruder,« fuhr Heriger fort, »er ist aus dem Geschlechte eines seligen Helden, der, wie sie sagen, zugleich mit dem heiligen Bonifazius von den Heiden erschlagen wurde. Sein Ahnherr war es, zu dem der Heilige in der Todesnot seine letzten Worte sprach, welche in den Büchern geschrieben stehen: Wirf dein Schwert von dir! Und darum haben auch von je die Männer und Frauen seines Geschlechtes unser Kloster mit Hufen und Gaben ausgestattet.«

Gegenüber dem Schülerhause lag der Kirche angebaut die Bibliothek und die Stube der Schreiber. Der Fremde betrat ein kahles Gemach; die beiden Fenster waren durch Glas und Blei verschlossen, aber große Spinnengewebe hingen an Wand und Rahmen, und durch die Scheiben drang nur ein trübes Zwielicht, so daß eine brennende Lampe das Beste tun mußte, um den Raum zu erhellen. Vor der Lampe saß am Pult ein schreibender Mönch. Langsam erhob er sich, als die Brüder eintraten, und noch während er den Ankömmling begrüßte, waren die kleinen Augen in seinem runzligen Gesicht auf die Pergamentblätter gerichtet.

»Willst du deinen Augen Pönitenz antun, Vater Gozbert,« begann Tutilo verwundert, »daß du das Sonnenlicht aussperrst?«

»Es muß ein dunkler Nebel in der Welt sein,« versetzte der Mönch, »denn es will nicht hell werden.«

»Nicht der Nebel ist es, der dir das Licht raubt, sondern die Bosheit anderer,« rief Tutilo, das Fenster öffnend, »sieh her, die Scheiben sind von außen durch trübe Farbe verdunkelt, und merke, jemand hat dir einen üblen Streich gespielt.«

»In Wahrheit, draußen scheint die Sonne,« sagte der Mönch, »ich erkenne Lehm und Kienruß an den Scheiben.«

»Ich aber weiß, wer die Ungebühr gegen dich geübt hat, entweder selbst oder durch die Jungen,« sagte Tutilo, »denn der Scholastikus Immo leitet die Knaben zu vielem Frevel an. Doch sein Maß ist voll.« Und auf Reinhard blickend, fuhr er fort: »Vater Gozbert ist ein Künstler in der Schrift, wenige verstehen sich besser auf jede Art von Duktus.«

Gozbert ging zu einem Bücherbrett, schlug einen Kodex auf und zeigte mit Selbstgefühl die Blätter, auf welche Buchstaben mit bunten Farben gemalt waren.

»Ich sah selten so leuchtendes Gold so wohl geglättet«, lobte der Fremde.

»Durch den Stein Achates«, erklärte Gozbert und blätterte zum Anfange zurück, dort war als großes Bild ein Kaiser auf seinem Stuhl und zur Seite vier Frauen, tief gebeugt, mit seltsamen Kronen auf dem Haupt, jede eine Mulde in den Armen, worin etwas Undeutliches lag, darüber standen die Namen von vier Ländern, welche zum Reich gehörten. »Ich selbst habe den Weibern die Verneigung erdacht,« sagte Gozbert stolz, »denn in der alten Handschrift, die wohl noch aus der Urzeit der Römer stammt, standen sie gerade.«

»Niemand merkt, daß es das Gesäß des Vaters Sintram ist, welches Gozbert viermal gebildet hat,« erklärte Heriger mit lustigem Augenzwinkern, »denn Sintram mußte oft gekrümmt stehen, mit den Händen am Türpfosten, während Gozbert zeichnete.« Der Schreiber warf einen mißbilligenden Blick auf den Sprecher und zeigte mit dem Finger auf das rötliche Gesicht des Kaisers. »Herr Otto, der Rote, seligen Andenkens.«

»Ich aber will unseren Vater rühmen,« fuhr Heriger fort, »denn schwerlich wird man einen Schreiber unter den Lebenden finden, welcher mehr geschrieben hat; vierzig Jahre lang schreibt er bei uns jeden Tag im Sommer und Winter; fünfzig Bücher bewahrt das Kloster von seiner Hand, und nicht wenige sind zum Tausch gegeben gegen andere.«

Gozbert neigte bescheiden den Kopf während des Lobes, aber seine kleinen Augen glänzten. »Wenn es mir nur nicht an Pergament gefehlt hätte«, sagte er, »und an Büchern zum Abschreiben.«

»Vielleicht wird es möglich, daß du von dem Kloster, aus dem ich komme, ein gutes Buch geliehen erhältst«, tröstete Reinhard.

»Was es auch sei,« versetzte Gozbert erfreut, »ich schreibe es gern, wenn du oder ein anderer Gelehrter mir sagt, daß keine Sünde darin steht. Denn die heiligen Namen zeichne ich mit Rot aus, und die Übles bedeutenden Namen in den profanen Büchern habe ich immer weggelassen, sooft ich ihre Tücke merkte. Manche Nacht habe ich in Ängsten gewacht, und oft hat mir beim Schreiben geschaudert, ob ich nicht vielleicht etwas schreibe, was dem Heil meiner Seele schaden könnte. Endlich bin ich gewarnt worden, daß ich die sündigen Bücher meide.« Er schlug das Kreuz und wandte sich geheimnisvoll zu dem neuen Mönche, während die anderen, welche die Lieblingsgeschichte des Alten wohl kannten, einander bedeutsam ansahen. »Merke auf jenen Holzkrug, mein Bruder,« fuhr Gozbert fort, »in welchem ich mein Trinkwasser bewahre. Ein Deckelkrug, diesem gleich, stand an derselben Stelle, als ich gerade einiges von dem Heiden Ovidius schrieb. Da hörte ich hinter mir den Deckel klappen, ich wandte mich um, und mein Haar sträubte sich, der Krug stand still, aber zuweilen hob sich der Deckel und schlug wieder abwärts, wie von innerer Gewalt getrieben. Ich rief die Heiligen zu Hilfe, plötzlich sah ich zwei Hörner aus dem Krug ragen und wieder verschwinden. Im Entsetzen stieß ich den Krug um, und sogleich sprang der teuflische Geist, einem kleinen Tier mit Hörnern ähnlich, aus dem Holz, fuhr in dem Zimmer umher und endlich durch den Türritz hinaus, indem er bösen Nebel und Gestank zurückließ. Ich aber erkannte die Warnung.«

»Hätte der böse Geist nicht den Dampf zurückgelassen,« bemerkte Heriger, »so würden manche vermuten, daß es ein junger Hase gewesen sei, den der Thüring Immo heimlich in den Krug unseres Vaters gesetzt hatte.«

»Es war der Teufel«, versetzte Gozbert unwillig. »Seitdem schreibe ich nur heilige Bücher.«

»Du hast sicher das beste Teil erwählt, mein Vater«, tröstete Reinhard grüßend, und sie schieden aus der Zelle. Der Schreiber aber setzte sich wieder zu seinem Pult; oben webte die Spinne, und unter ihr schrieb der Mönch.

Tutilo wurde gesprächiger, als sie die Höfe betraten, in denen die Arbeiter des Klosters unter Aufsicht der Mönche für Handwerk und Landbau tätig waren. »Du siehst, Bruder,« begann er, das Haupt erhebend, »nicht gering ist das Haus des heiligen Wigbert, sein Segen hat die Keller und Scheuern gefüllt, wie gierig auch die Grafen und Dienstmannen ihre Fäuste nach Äckern und Herden ausstrecken. Und jetzt, da ich dir die Türen geöffnet habe und deinen Herdsitz gewiesen, jetzt berichte auch du, wenn dir gefällt, was du außerhalb des Klosters erfahren hast, denn wildes Gerücht geht durch die Lande, daß die Kinder der Welt in neuem Zwist gegeneinander toben.«

»Zürne nicht, mein Vater, wenn ich deinem Willen nicht auf der Stelle genüge,« versetzte Reinhard demütig, »du selbst weißt ja am besten, daß der Mund des Bruders, der aus der Ferne kommt, verschlossen sein muß, bis die Erlaubnis des Herrn Abtes ihn öffnet.«

Der helle Zorn flammte aus Tutilos Augen. »Statt des Abtes stehe ich hier, und mein ist das Recht, dir die Zunge zu lösen.«

Reinhard warf sich schnell vor ihm auf den Boden und flehte, die Hände erhebend: »Verzeih, mein Vater, daß ich dir Unmut erregte, da ich dir Gehorsam schuldig bin im Staube; nur was die heilige Regel mir gebietet, meinte ich zu tun. Selbst wünsche ich, daß du alles wissest, denn schwere Kunde bringe ich aus dem Lande, aber auch dir würde es gefallen, wenn du der Abt wärest, daß ich eher dir als anderen die Botschaft verkündete.«

Tutilo blickte finster auf seine Begleiter, aber er sah an den verlegenen Mienen, daß sie das Recht des Flehenden erkannten, darum schwieg er und ließ den Mönch zu seinen Füßen liegen, bis Heriger, der Kellermeister, begann: »Da der Bruder sich nach Gebühr demütigt, so rate ich, daß du selbst ihn nach St. Peter zu unserem Herrn Abt begleitest, damit auch wir erfahren, was dem Kloster zum Heil oder Unheil werden mag; vor allem aber, daß du es wissest, da du jeden Tag um unser Wohl zu sorgen hast.«

Tutilo wandte sich unfreundlich nach dem Sprecher, aber er bezwang sich und antwortete dem Liegenden mit einer Stimme, der man den Ärger wohl anmerkte. »Ungern wandle ich aus der Pforte nach jener Höhe, doch will ich dein Gewissen, mein Bruder, nicht beschweren. Erhebe dich und harre mein an dem Tore. Du aber, Walto, gebiete, mein Roß zu satteln, damit ich die Befehle unseres Herrn auf der Höhe erbitte.« Er wandte sich ab und hörte nicht darauf, wie der Kniende sich dem Gebet der Brüder empfahl. Reinhard erhob sich hinter dem Rücken des Präpositus und schritt mit gesenktem Haupt neben dem Pförtner dem Ausgange des Klosters zu. Tutilo aber entließ die Brüder, welche ihn begleitet hatten, und sprach zu seinem Vertrauten Hunico: »Übles weissagt die fremde Biene in unserem Stock. Der Narr ist von der neuen Zucht, welche die Füße küßt und Faustschläge in den Nacken gibt, er wird die Becher der Brüder zählen und um einen gekochten Kalbskopf die Geißel schwingen. Wer so willig ist, sich in den Staub zu werfen, der wird auch dem König und dem Graf nicht widerstehen, wenn sie uns die Zehnten und Hufen nehmen und das Heiligtum kahl machen, wie es zur Zeit des Lullus war, wo die Brüder sich selbst an den Pflug spannten und ihr gutes Glück priesen, wenn ihnen ihr tägliches Pfund Brot ohne Abzug gereicht wurde. Ich aber meine nicht umsonst die Speicher gefüllt zu haben, kommt es zum Kriege, so suchen auch wir einen neuen Abt, welcher das Kloster erhöht und nicht erniedrigt; denn es leben wenige Fürsten im Reiche, die so stark sind, als wir sein könnten, wenn ein Mann auf dem Abtstuhl säße und nicht ein Schwächling.« Er schritt gewaltig in die Klausur, sich zu der unwillkommenen Fahrt zu rüsten.

Während die ansehnlichen Führer der Brüderschaft durch die Höfe wanderten, schlich der junge Mönch, welcher den fremden Bruder geleitet hatte, unbeachtet in die Kirche zurück, neigte sich vor den Altären, glitt die Säulen entlang und öffnete im Vorhofe den Eingang einer hölzernen Galerie, welche aus der Kirche zu dem Glockenturm des Erzengels Michael führte. Er stieg die Wendeltreppe hinauf bis zu dem Bodenraum unter den Glocken. Dort stand der Altar des hohen Engels, der im Federhemd in den Lüften waltete und den Wetterschlag vom Glockenturm abhielt. Indem der Mönch sein Gebet murmelte, rief von oben eine helle Stimme: »Rigbert, sei willkommen.« Der Mönch hob warnend den Finger, kletterte die steile Stiege hinauf, welche zu dem Glockenstuhl führte, und stand wenige Schritte von dem Jüngling Immo. Dieser saß in dem Schalloch auf schmalem Brett, das für eine Dohle bequemer war als für einen hochgewachsenen Mann, und beobachtete ungeduldig das Nahen des Mönches.

»Du kommst aus Thüringen, seit Mittag erwarte ich dich; der Dienstmann Hugbald ritt an euch vorüber und brachte die Kunde in das Wächterhaus. Du sahest die Quellen der Waldbäche springen, du hörtest, wie der Bergwind weht und wie das junge Volk der Thüringe unsere Reigen auf dem Anger singt. Was weißt du mir zu sagen aus den Waldlauben?«

»Noch rinnen die Quellen vom Rennstieg zu Tale, und die Waldaxt klingt an den Baumstämmen. Aus Erfurt, dem großen Markte, ritt mein Reiseherr Reinhard nach der Zelle unserer Brüder in Ordorf, auf dem Wege rasteten wir in einem Edelhofe.«

Eine heiße Röte fuhr dem Schüler über das Gesicht, und mit heller Stimme rief er, die Hand gen Osten hebend: »Ich meine, das war der Hof meiner Väter.«

»Wir wurden wohl empfangen von der edlen Hausfrau.«

»Das war meine Mutter«, schrie der wilde Knabe und wandte sein Antlitz von dem Mönche ab, weil ihm Tränen über die Wangen liefen. »Sprich mir von ihr«, fuhr er nach einer Weile fort und kehrte sich wieder dem Mönch zu.

»Sie erschien mir als eine heilige Frau, und einer Fürstin sah sie gleich, obgleich sie schmucklos in Witwentracht vor uns stand.«

»Mein Vater starb an seiner Wunde im fernen Land, und der Sohn vermochte ihn nicht zu rächen. In den Kerker bin ich gesteckt. Unselig ist die Hand, die das Rauchfaß schwingt statt des Eisens.«

»Mehr hilft deiner Seligkeit der Rauch am Altar als die wilden Worte«, mahnte der Mönch.

»Du freilich trägst geduldig die braune Schafwolle, die sie dir gesponnen haben.«

»Mich hat meine Mutter, da ich ein Kindlein war, dem Heiligen auf den Altar gelegt, weil sie das Liebste dem Himmel weihen wollte, und meine Heimat ist seitdem im Gotteshause.«

»Auch mich haben sie, da ich noch ein Knabe war, zum Dienst des Altars bestimmt, obgleich ich das erstgeborene Kind war und ein Recht hatte, das Banner meines Vaters zu führen. Aber dem Vater wurde der Vorsatz leid, denn du weißt ja wohl, meine Fäuste sind nicht gemacht, Feder und Gebetbuch zu halten, sondern Schildrand und Rosseszügel. Zu einem Kriegsmann wurde ich erzogen, obgleich der Mutter Böses ahnte, bis mein Vater mit dem jungen Kaiser Otto nach Italien zog und in die Gefangenschaft der treulosen Griechen geriet. Da kam die Angst in unseren Hof, schöne Hufen mußte die Mutter dem Kloster verkaufen, um das Lösegeld für den Vater zu finden, und nicht die Hufen allein, auch den Sohn rieten die frommen Väter zu spenden, damit die erzürnten Heiligen sich des Vaters wieder erbarmten. Ich trug damals mein erstes Panzerhemd, jetzt trage ich dies mißfarbige Kleid eines dienenden Schülers und fahre in dieser großen Mausefalle wie eine gefangene Ratte längs den Brettern dahin. Den Vater haben die Heiligen doch nicht heimgeleitet, ich aber bin gefesselt.«

»Wie mochten sie ein Opfer gnädig empfangen,« antwortete der Mönch traurig, »das so unwillig sich gegen den Altar sträubte.«

»Zu Rosse wäre ich für sie geritten bis an das Ende der Welt, aber auf den Knien gleiten über den glatten Stein, das kann ich nicht. Denn meine Ahnen dachten hoch, und ich stamme aus einem Geschlecht von Kriegern.«

»Und doch sollte deine Dienstbarkeit mild sein, du Begehrlicher, der immer an die Freuden der Welt denkt. Nicht Mönch solltest du werden, sondern ein üppiger Kanonikus, der seidenes Gewand trägt, hoch zu Rosse sitzt und mit den Frauen kost wie ein anderer.«

»Warum trage ich nicht das weiße Gewand?« fragte Immo zornig, »andere, die noch jünger sind in der Klosterschule, werden dadurch doch ein wenig getröstet. Doch ich weiß wohl, teuer ist solche Gunst, und niemand von den Meinen zahlt einem Bischof den Preis für die weiße Leinwand. Aber hätte ich auch, was du für mich ersehnst, du weißt, die Fledermaus ist ein unholdes Tier, sie ist nicht Maus, nicht Vogel; und ich bin von dem Geschlecht, welches bei Sonnenschein sich über die Flur schwingt. Was sahst du noch, Rigbert, in unserer Halle?«

»Von dem Söller wies Frau Edith meinem Reiseherrn die Kapellen der Umgegend; und als die Glocken hier und da läuteten, weil die Sonne im Mittag stand, brach aus dem Gehölz eine Schar Reiter, alle auf hellen Rossen.«

»Das waren meine Brüder,« rief Immo, »das ist unsere Zucht.«

Der Mönch nickte bestätigend: »Frau Edith sprach freudig zu dem Priester: Sieh, Reinhard, das sind meine sechs Nestlinge. Sie kommen, das Futter zu picken. Ist's nicht ein kräftiger Flug?«

»Und die Dohle sitzt hier im Turmloch«, rief Immo dazwischen.

»Sie rauschten heran, wie durch die Luft getragen, sechs feurige Reiter, wild flog ihr Haar durch die Luft, waren sie mit Vögeln zu vergleichen, so waren sie doch nicht als Waldsänger zu erkennen, denn scharf stachen ihre Augen.«

Immo lachte erfreut. »Mich verdrießt's nicht, wenn du die Männer meines Geschlechtes mit Habichten vergleichst; ich hoffe, die Knaben werden ihre Fänge erweisen. Sahest du das Roß, auf dem mein jüngster Bruder ritt, der kleine Gottfried, den wir Friedel nennen? Ein Knabe war Friedel, da ich vor sechs Jahren von Hause scheiden mußte, er schlang die kleinen Arme um meinen Hals und weinte bitterlich, und als ich von der Schwelle wich, rannte er mir schluchzend nach und zog an meinem Gewand, mich festzuhalten. Ich hob ihn auf das Roß, das mir gehörte, gab den Zügel in seine Hand und raunte dem Hengste zu, daß er dem Kleinen zugetan sei. Niemand hat mir gesagt, wie das Roß ihm dient. Du mußt es gesehen haben, Rigbert, wenn du auch ein Mönch bist. Es ist ein sächsisches Pferd aus der Zucht des Königshofes, die Farbe ist ganz weiß, und Mähne und Schweif glänzen wie Silber. Sahst du das Roß, Rigbert, so sprich.«

»Wohl sah ich das seltene Tier.«

»Zwölfjährig ist es jetzt,« fuhr Immo eifrig fort, »und es mag meinen Friedel noch tragen, wenn er das erstemal in die Schlacht reitet; denn ein altes Roß und ein junger Held, sagt das Sprichwort, gehören zusammen. Wie saß das Kind auf meinem Rosse?«

»Sah ich recht, so trug das Roß den ältesten deiner Brüder, den sie Odo nennen.«

Immo sprang wie ein wildes Tier aus der Luke hinab auf die Stiege und packte den Mönch. »Odo, sagtest du, der jetzt Erbe ist an meiner Statt. Mir nahm er die Hufen und die Herrschaft im Lande, jetzt entwendet er auch dem Bruder mein letztes Geschenk. Vergessen bin ich, und verachtet ist mein Gedächtnis, und im Knechtdienst lebe ich wie einer, den sie im Kriege gefangen haben.« Er warf seinen Leib dröhnend gegen die Holzwand, ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihm die Glieder.

»Ganz töricht gebärdest du dich, Immo. Wie darfst du den Bruder schelten? Nicht er hat dich zu uns gebracht, und ein Zufall kann gewesen sein, daß er das Pferd tauschte.«

Immo aber antwortete nicht, und der Mönch harrte schweigend, bis der heftige Anfall vorüber war. Endlich richtete sich Immo auf und fragte ruhiger: »Bringst du mir Botschaft von der Mutter?«

»Den Segen deiner Mutter trägt dir der Vater Reinhard zu, wenn der Herr Abt es gestattet. Achte darauf, Immo, daß du dem Fremden gefällst, denn wisse, als Meister der Schule ist er in dies Kloster gesendet, und von morgen ist er dein Herr.«

»Er wird widerwillige Diener finden in der äußeren Schule. Ist er ein Geselle wie der arge Tutilo?«

Der Mönch sah unruhig um sich. »Du sprichst lauter, als in Klosterwänden geziemt,« und bittend fuhr er fort: »Immo, du hast mir Güte erwiesen, seit du unter den Dächern des heiligen Wigbert umherfährst, und du hast mir erlaubt, dein Geselle zu sein, soweit ich aus der Klausur dir die Hand durch den Zaun zureichen durfte; laß dich jetzt mahnen an unsere Treue in der Schule. Liebst du dein Leben und dein Glück, und wünschest du Gutes für die Tage deiner Zukunft, so füge dich dem neuen Lehrer; denn soweit ich ihn erkenne, ist er von mildem Herzen, aber von der strengen Zucht, und ich meine, es kommt eine andere Zeit auch für die Höfe des heiligen Wigbert. Vieles hörte ich raunen in den Zellen der Brüder, als wenn wir alle hier zu wenig nach der Regel lebten.«

Immo lachte. »Sage das den Vätern. Ich sah vorhin durch das Schalloch, wie sie um die Heuhaufen im Reigen sprangen, und sie hielten die Mägde des Dorfes an der Hand.«

»Schweig,« raunte der Mönch, »war das Tun nicht gut, darüber im Kloster zu sprechen ist Frevel, nicht uns allein steht Fasten und Rutenschlag bevor; mit den Scholastikern werden sie anfangen.«

»Unsere Fleischkost ist mager,« spottete Immo, »wollen sie uns gebieten, zu fasten, so müssen wir den alten Katerweg über die Dächer wandeln, du kennst ihn ja wohl?« Der Mönch bekreuzigte sich. »Dann laufen wir zur Nacht in den Wald und beschleichen das Wild. Manchen Bock haben wir im Holze gebraten, und du kennst ein Loch im Zaune, durch welches gute Bissen auch in die Klausur gereicht wurden.«

Flehend sah der Mönch den Spottenden an: »Ich habe es gebeichtet und gebüßt.«

»Ich hoffe, die Pönitenz war nicht hart, Bruder Rigbert,« lachte Immo, doch herzlicher fuhr er fort: »Ich weiß, daß du mir in guter Meinung rätst, und will mich wahren, so sehr ich kann. Doch jetzt erzähle, Landsmann, von deinem eigenen Vaterhause im freien Moor, das sie Friemar nennen. Wie lebt Baldhard der alte, dein Vater, und Sunihild, deine Mutter? Manchen Trunk Milch bot sie mir, sooft ich durch das Dorf ritt und an ihrem Zaune hielt, und manch warnendes Wort sprach dein Vater, das ich ungern vernahm, obwohl er recht hatte. Aber ich mußte ihn mit Ehrfurcht hören, wegen seines weißen Haars und weil er meinem Vater wert war. Wenn er in unseren Hof kam, erhielt er immer den besten Herdsitz; denn es ist, wie du weißt, von alter Zeit gutes Vertrauen zwischen dem Edelhof und dem Freihof.«

»Ich sah das Dach meiner Eltern ragen, Vater und Mutter sah ich nicht«, klagte Rigbert leise; Immo starrte ihn erstaunt an. »Für mich war geschrieben, du sollst Vater und Mutter verlassen; ich wandte das Gesicht ab, als ich das Haus zwischen den Linden erkannte, damit den Heiligen meine Entsagung gefalle und mein Gebet für die Eltern Erhörung finde.«

Immo fuhr wieder mit einem Satze von dem Gefährten weg auf den Balken der Turmluke und starrte schweigend ins Freie. Als er sich nach einer Weile umwandte, bemerkte er mißfällig das gesenkte Haupt und die gefalteten Hände des Mönches und begann ungeduldig: »Merke wohl, Rigbert, dürftig ist die Kunde, die du mir aus der Heimat zuträgst.«

»Vater Reinhard bringt üble Neuigkeit von den Gütern in Thüringen«, versetzte Rigbert vorsichtig.

»Hat der Hof meiner Mutter Frieden mit den Nachbarn?«

»Sorglos weidete man in deiner Heimat die Herden, und ohne Wächter arbeiteten die Leute auf dem Felde. Nur deine Mutter sprach bekümmert mit Vater Reinhard.«

»Du spendest dürftigen Trank wie ein karger Wirt, ich muß dich unfreundlich schelten.«

»Viel mehr habe ich dir gesagt, als mir zu sagen recht ist. Nur weil ich noch meine Reisekutte trage, getraue ich mich so mit dir zu sprechen. Wenn die Väter heute abend zur Hora rufen, dann flehe ich die Brüder fußfällig an, daß sie alle für mich wegen meiner Reisesünden beten, dann, hoffe ich, wird ihr Flehen auch meiner Schwatzhaftigkeit die Vergebung gewinnen. Sonst spräche ich nicht mit dir, wie ich jetzt getan. Daran denke, Immo, und zürne mir nicht.«

»Gutwilliger als du will ich dir verkünden, was wir hier im Kloster vernahmen«, begann Immo versöhnt. »Ein Heereszug steht bevor und gewaltiges Getöse von Speer und Schild. Die Herrschaft des neuen Königs Heinrich, dem die Völker im vorigen Jahre den Herrenstuhl erhöht haben, zerreißt in Stücke, sein ganzes Reich gleicht unserer Eisbahn auf der Fulda, als sie beim Tauwind brach. Überall schlagen die Eisschollen gegeneinander. Täglich erzählen in unseren Herbergen die Gäste und die armen Wanderer, daß alles schwankt, was fest war. Der streitbare Held Hezilo, der Babenberger, hat sich machtvoll gegen den König erhoben, mit ihm verbunden ist der eigene Bruder des Königs, dann der tapfere Graf Ernst, von dem alle Spielleute singen, auch die Slawenherzöge und viele Fürsten des Reiches. Die Mönche behaupten, daß der König geringe Hoffnung hat, seinen Feinden zu widerstehen. Die Grafen hier in der Nähe rufen ihre Dienstmannen, werben Reisige und treiben Rosse und Rinder in ihre Burgen, keiner traut dem anderen und alle schreien, daß der große Streit um das Reich ausgefochten werden soll, sobald die Ernte von den Feldern herein ist. Ich aber hoffe, wenn erst die Waffen um Wigberts Haus dröhnen, wird auch mir gelingen, hinauszufahren.«

»Sinnst du so Arges,« sprach Rigbert unwillig, »dann ist dir jedes Wort schädlich, das ich aus der Fremde berichtete, und mich reut's, daß ich dir den Frieden der Seele verstörte.«

»Hoffst du hier im Kloster Frieden zu finden?« fragte Immo lachend. »Bald wirst du merken, daß die Väter in der Klausur geradeso zwieträchtig gegeneinander stehen wie die Kriegsleute draußen. Denn unser Abt, Herr Bernheri, will dem König dienen, Tutilo aber ist ein Oheim des Babenbergers Hezilo. Oft hören wir durch den Zaun Geschrei der Mönche und heftige Worte, bald für König Heinrich, bald für den Hezilo.«

Rigbert wandte sich schweigend der Treppe zu.

»Nur eins sage mir noch, bevor sie dich einsperren,« rief Immo, indem er mit großem Satz zu dem Mönche sprang und seine Hand faßte, »denn lange habe ich nach dir ausgesehen und diese Stunde erwartet. Vernahmst du daheim Gutes oder Böses von dem Manne, der den Söhnen Irmfrieds feindselig denkt, obgleich er der Bruder ihres toten Vaters ist. Hast du vernommen, für welchen König mein Oheim Gundomar in das Feld reitet?«

»Er weilt, wie die Landsleute sagen, beim König Heinrich, dem er seit lange vertraut ist, und man rühmt ihn als gewaltigen Kriegsmann.«

»Wir aber haben wenig Treue von ihm erfahren. Nur einmal sah ich ihn, als ich noch ein Kind war, da schleuderte er mich aus seinem Wege, daß ich mit blutendem Haupt auf dem Boden lag. Mir wäre willkommener, gegen ihn im Felde zu stehen als an seiner Schwertseite. Doch wir von der äußeren Schule sind alle für König Heinrich.«

Während Immo mehr zu sich selbst als zu dem Mönch sprach, glitt dieser lautlos die Treppe hinab. Immo stand allein und seufzte schwer. Was er aus der Heimat gehört hatte, machte ihm das Herz nicht leichter, und der neue Lehrer war ihm vollends nicht zur Freude. Noch einen Blick warf er vom Turm hinab, um dem Tutilo oder anderen Dekanen nicht über den Weg zu laufen, dann eilte er abwärts und wand sich zwischen Gebäuden und Hecken den Gärten zu. Da er hinter sich Tritte von Männern und Pferden hörte, fuhr er durch eine Lücke des Zauns, die ihm wohlbekannt war, auf die andere Seite der grünen Wand und pries sein gutes Glück, als er aus dem Versteck den gefürchteten Tutilo erkannte, welcher, zur Reise gerüstet, neben einem fremden Kriegsmann dem Ausgange zuschritt. Immo wußte, daß der Fremde seit dem Morgen im Gasthaus des Klosters lag und wunderte sich über die Vertraulichkeit, mit welcher der Reisige den stolzen Mönch behandelte, denn er ging, sein Roß am Zügel führend, sorglos auf der Ehrenseite und trug den schlechten Eisenrock mit der Haltung eines Fürsten. Während Immo vom Wege wich, wechselten die beiden den Scheidegruß. »Lebe wohl, Vetter,« sprach der Fremde, »unlustig war diesmal mein Sitz an deiner Gastbank, denn die neugierigen Augen deines Volkes und die gewundenen Fragen machten mir Sorge.«

Tutilo lächelte. »Viele der Wigbertleute kennen den Grafen Ernst von Angesicht, und wohl alle haben von deinem Heldenwerk vernommen, welches die Wanderer rühmen. Gerade deinetwegen schwärmt heut' mein ganzes Volk in der Ferne auf grünem Rasen, der Pförtner aber ist mir treu. Dennoch rate ich, daß du ohne Säumen aufbrichst. Vertraue mir, ich hindere die Reise zum Könige, welche unser Abt den Dienstmannen des Klosters bereitet.«

»Denke auch daran,« unterbrach ihn der Fremde eifrig, »uns das Land offen zu halten für den Zug unserer Heerhaufen, welche wir aus Sachsen und Thüringen erwarten. Denn ich kenne den falschen König, er ist behend wie ein Wiesel, und seine Augen sind bei Tag und Nacht geöffnet, ich sorge, er reitet eher ins Feld als wir. Lebe wohl, Vetter, sehe ich dich wieder, so rüstest du mir ein Festmahl in der Abtei.«

Der Mönch sprach den Segen, und der Fremde schwang sich auf das Roß. Als der Hufschlag in der Ferne verklang, schritt auch Tutilo der Pforte zu, an welcher ihn Reinhard erwartete.

Immo harrte, bis alles um ihn still war, dann spähte er durch die Tür des Arzneigartens, und als er den alten Sintram darin sah, trat er vorsichtig ein und näherte sich dem Mönch, welcher mit dem Grabscheit vor einem kleinen Gesträuch stand und unverwandt eine Blume betrachtete. Der Jüngling sprach seinen Gruß, der Alte nickte ihm freundlich zu, gab ihm das Grabscheit in die Hand und wies auf das Beet, an dem er gegraben hatte. Geduldig begann Immo die unwillkommene Arbeit, der er sich nach Klostersitte nicht entziehen durfte.

Unterdes beharrte Sintram vor dem Strauch, bis er endlich in seiner Freude das Schweigen brach: »Sieh diese Rose, die ein Bruder dem Wigbert aus Gallien gebracht hat; wie eine Kugel war sie geschlossen, aber die liebe Sonne hat ihr den Mund geöffnet; blicke hinein, schöne Farben hat sie und zahllose Blätter. Halte deine Nase näher heran, denn die Würze ihres Geruchs ist heilkräftig, und die bösen Geister, welche in den Leib fahren und Siechtum bereiten, fürchten den Duft und meiden ihre Nähe. Die Weisen sagen, sie ist von dem Herrn in den Erdgarten gesetzt, damit sie dem Menschen ein Anzeichen sei. Denn auch ihm ist das Herz geschlossen, bis das Licht des Glaubens darauf fällt, dann öffnet sich seine Seele der himmlischen Liebe.«

Immo verließ gern das Beet und sah achtungsvoll auf die Rose, aber anderes lag ihm mehr im Sinn. »Zeige sie auch dem neuen Magister, welcher, wie man sagt, aus der Fremde gekommen ist, um die Schüler Dialektik zu lehren.«

»Du hast die Wahrheit gehört«, versetzte der Alte vorsichtig.

»Dann, Vater, sage ihm, wenn du vermagst, Gutes von mir, denn ich fürchte, andere werden ihm allerlei Nachteiliges in das Ohr raunen. Leidvoll wäre es mir, wenn er feindselig gegen mich handelte, denn er kennt meine Mutter und mein Geschlecht, er hat die Macht, mir zu schaden, und seine Fürsprache mag mir helfen, daß ich von der Schülerbank gehoben werde. Allzulange, mein Vater, trage ich, wie du weißt, dies Gewand.«

»Sorge du nur, ihm zu gefallen,« mahnte der Alte, »er hat wohl selbst Augen und wird schwerlich der Meinung anderer folgen. Mir scheint, er hat dich bereits gesehen, da du unter den Dohlen saßest.«

»Die Pusillen in der Schule, welche noch nicht fünfzehn Jahre sind, fürchten sehr seine Rute, es wäre gut für ihn und uns, wenn er Nachsicht übte. Die erste Bank ist harter Streiche nicht gewöhnt, und er wird es schwer finden, das edle Blut über die Bank zu legen.«

»Dennoch rate ich dir nicht, ihm das zu sagen,« versetzte der Gärtner, »du selbst möchtest dafür büßen. Jetzt aber wende dich abwärts, Immo, dort naht Bruder Bertram aus dem Friedhofe. Unrecht war es, hier ohne Erlaubnis einzudringen.«

»Gerade seinetwegen kam ich zu dir, mein Vater, und ich flehe, daß du bei ihm mein Fürsprecher werdest. Denn ganz unsicher sind die Tage meiner Zukunft, und wenn ich das Kloster verlasse, so weiß ich niemanden, der meiner Jugend mit gutem Rat zu Hilfe kommen wird. Dein Geselle aber hat im letzten Winter freiwillig verheißen, daß er mir, bevor ich aus dem Kloster scheide, als Gabe die Weisheit übergeben will, welcher die Männer seines Geschlechts in der Stille vertraut haben. Wenn er mich noch der geheimen Lehre für würdig erachtet, so ersehne ich, daß er sie mir jetzt oder doch bald einmal spende. Du aber zürne mir nicht, daß ich darum zu dir komme. Ich weiß ja, Vater, daß du mir nichts Übles sinnst, denn ich fand gestern in der Ecke bei dem Nest der Rotkehlchen einen Binsenkorb voll Kirschen, und ich weiß auch, wer ihn hingestellt hat.«

Der Alte lächelte vergnügt. »Die Rotkehlchen sind listige Vögel, sie tragen mancherlei hin und her. Auch ich fand in diesem Frühjahr, als mir meiner Sünden wegen die Gicht in die Hand gefahren war, ein paar Fausthandschuhe von Otterfell bei meinem Gerät, ich habe nicht gefragt, woher sie kamen.« Er sprach das letzte zu seinem Gesellen Bertram, der langsam herangewandelt war und ebenfalls sein Grabscheit in der Hand hielt. Die beiden Alten blickten einander bedeutsam an, und Bertram, welcher der ernsthaftere war, setzte das Gespräch fort, als wenn er die früheren Reden gehört hätte und begann feierlich: »Darum nahest du auch jetzt zu günstiger Stunde, denn heut' ist der Tag, wo ich dir schenken will, was ich dir einst versprach, und was ich bis jetzt als mein Geheimnis bewahrte, wie ich es von einem Oheim erhielt, der es als Kriegsmann in der größten Not seines Lebens erprobt hat. Mir selbst vermag es nicht zu dienen, denn es ist ein Gut für Weltleute und nicht für Mönche, dir aber kann es wohl frommen, denn ich merke, dein wilder Mut wird dich bald einmal über den Zaun des Klosters hinaustreiben. Tritt abwärts aus der Sonne in den Schatten eines Fruchtbaumes, denn nur im Dunkeln darf ich dir's geben.« Der Alte wandte sich einer Ecke des Gartens zu, wo ein großer Apfelbaum seine Zweige tief zur Erde breitete, ehrfürchtig folgte ihm der Jüngling, Sintram machte den Beschluß. So schritt Immo zwischen den beiden Spatenträgern in den Baumschatten, dort blieb Sintram im Sonnenlichte zurück, Bertram aber trat an den Stamm und winkte den Jüngling nahe zu sich. Er stützte den Spaten an den Baum, faltete die Hände und murmelte sein Kredo, dann begann er feierlich: »Vielerlei Lehren gibt es, welche den Mann fest machen, wenn seine Gedanken sich unsicher wälzen; und die heilsamsten von allen sind die heiligen Befehle, welche verkündet sind. An diese gedenke vor anderen. Die Lehren aber, welche ich für dich bereit halte, vermögen dir nicht zu helfen in der Freude und nicht beim Gelage und nicht bei Kauf und Verkauf, aber sie sind gute Helfer in der Not. Neige dein Ohr zu mir, damit das Geheimnis meiner Gabe bewahrt bleibe, und gelobe mir, daß du sie nicht auf die Zunge nehmen und von dir geben willst außer an einen ehrlichen Mann in guter Meinung.«

Das gelobte Immo.

Da pflückte Bertram vier Grashalme von der Erde, reichte dem Jüngling einen in seine Hand und sprach feierlich: »Drei Lehren sind es, und eine, mit denen ich dich begabe, öffne dein Ohr und halte sie fest. Die erste bedeutet, daß dem Manne nicht geziemt zu dienen, wo er gebieten darf; und sie lautet:

›Birg niemals in die Hand eines Herrn, was du allein behaupten kannst.‹«

Und als Immo die Worte wiederholt hatte, reichte Bertram den zweiten Halm: »Dieser Spruch soll dich mahnen, wenn du einem Freunde unwillkommene Kunde ins Haus trägst, daß du sie ihm vertraust, bevor der Staub auf deinen Schuhen verweht ist; und der Spruch lautet:

›Üble Botschaft auf der langen Bank, macht dem Boten und dem Wirt das Herz krank.‹«

Zum dritten Halm sprach er:

»Mißachte den Eid, der in Todesnot geschworen wird. Wer dir Liebes gelobt, sich vom Strange zu lösen, der sinnt dir Leid, so oft er des Strickes sich schämt.«

Und beim vierten gebot er:

»Deines Rosses letzter Sprung, deines Atems letzter Hauch sei für den Helfer, der um deinetwillen das Schwert hob.«

Als Immo jeden Spruch nach Gebühr wiederholt hatte, beschloß Bertram die Begabung, indem er gerührt sagte: »Es ist Brauch, daß der Spender heilsamer Lehren ein Entgelt dafür erhalte. Da du wenig hast und ich wenig nehmen darf, so hoffe ich, die guten Engel werden dir jene Pelzhandschuhe als Gegengabe anrechnen. Wegen des Otterfells aber hat dich der Gerber verraten, und wir wissen auch, daß dir's Herr Bernheri geschenkt hat, als du ihm die Otter lebendig brachtest. Und jetzt neige dein Haupt, mein Sohn Immo, damit ich dich segne; denn du hast die Weisheit meiner Vorfahren empfangen, und ich will flehen, daß sie deinem Leben nütze, wie sie denen genützt hat, die sie vor dir besaßen. Wenn du sie aber mißachtest und ihr zuwider handelst, so siehe zu, daß die Verachtung sich nicht an dir räche.« Immo beugte das Haupt in die Hand des Alten und empfing den Segen. Dann traten sie wieder aus dem Schatten in die Sonne, die beiden Greise blickten einander zufrieden an und führten ihren Günstling zur Gartentür, dort begann Sintram: »Merke auch noch dies von meinetwegen. In all deiner Zukunft sorge dafür, daß du immer jemanden hast, der für dich zu dem Himmelsherrn betet. Jetzt tut mein Bruder Bertram dies täglich für dich, und auch ich gedenke des Abends deiner. Denn wir haben dein Gemüt längst erkannt, obgleich du unbändig dahinfährst. Aber wir beide sind alt. Oft hören die Himmlischen nicht gern die Worte eines Bedrängten, weil er ihnen durch seine Missetat verleidet ist, wenn aber ein anderer für ihn bittet, so fühlen sie leichter Erbarmen. Unselig ist auf Erden nur der, welcher in der Not allein die Hände faltet ohne einen Helfer. Darum gehe in Frieden, Immo, und denke auch darauf, daß du dem Präpositus nicht mißfällig wirst.«

Immo sah bewegt den beiden Alten in die freundlichen Gesichter, welche einander ähnlich waren wie zwei Äpfel desselben Baumes, er neigte sich tief vor ihnen und entwich. Langsam schritt er die Hecke entlang, setzte sich endlich in den Schatten einer Mauer und wiederholte und bedachte in der Stille die Lehren des Bertram. Dann sprang er auf und schritt dem Hofe der Reisigen zu, der vor der großen Klosterpforte neben dem Haus des Pförtners stand. Dort lagen im Wachthause zu jeder Zeit einige kleine Dienstmannen des Klosters, und dort weilte Immo am liebsten; er hatte daselbst auch seine besten Genossen, obgleich die Dekane das nicht zu wissen brauchten.

Als er in den Hof trat, fand er eine Reihe Heuwagen, welche von den Knechten entladen wurden, während ein bejahrter Dienstmann im Schuppenhemd, die Blechkappe in der Hand, neben seinem Rosse stand und geduldig den Arbeitenden zusah. »Gib mir ein Pferd, Hugbald,« begann Immo leise zu dem Kriegsmann, »daß ich mit dir reite.«

Hugbald blickte bedeutsam nach dem Stall und wies auf einen handfesten Mönch zwischen den Heuwagen – es war der Bruder, welcher dem Pförtner in seinem schweren Amt als Trost beigegeben war. Immo verschwand in dem Stalle. Als die entlasteten Wagen zum geöffneten Tor hinausfuhren, bestieg auch der Reisige sein Roß, hielt unter dem Tore an und sprach mit dem Mönch, der auf den Verschluß achten sollte. Da stob Immo auf flüchtigem Pferde an den Redenden vorüber und war außer Rufesweite, bevor der Mönch sich von seinem Erstaunen erholt hatte. »Der Vater Pförtner hat mir befohlen,« rief der unzufriedene Mönch, »diesen nicht ins Freie zu lassen, weil er sich vermessen hat, ohne Erlaubnis auf St. Michael zu reiten, aber er wischt dahin wie ein Feuermann in der Nacht.«

»Laß ihn immerhin,« begütete der Dienstmann, »mir ist es recht, wenn ich heut' einen schnellen Knaben an der Seite habe. Denn um dir meine Meinung zu sagen, ich werde froh sein, wenn du am Abend Wigberts Knechte und Gespanne vollzählig zurückerhältst.«

»Du verkündest, was üble Ahnung macht«, rief der Mönch erschrocken. »Wie mag uns Gefahr drohen, leben wir doch in Frieden mit den Nachbarn.«

»Ich sah schwarze Vögel flattern über der Grenze unserer Waldwiesen, und ich kenne den Schwarm. Die Dohlen sind es aus den Buchen des Grafen Gerhard, sie fliegen gern dorthin, wo sein gewappneter Haufe reitet; um unsere Marksteine schwebten sie und lachten untereinander.«

»Anderen mögen die Schwarzen Böses bedeuten, doch nicht uns,« tröstete der Mönch, »denn wir im Kloster beten jedes Jahr für den Grafen Gerhard und für die Seele seines Vaters.«

»Es ist wohl möglich, daß die Vögel sich darum nicht kümmern«, versetzte Hugbald. »Auch sah ich etwas im Holze des Grafen blinken, ich meine, es war eine Helmkappe. Du selbst magst erwägen, ob die Mannen des Gerhard an diesem heißen Tage den Eisenhut tragen, weil sie das Heufest des Klosters feiern.«

»Harre, daß ich dem Vater Tutilo die Kunde zutrage«, rief der Mönch.

»Unnütz wäre die Mühe,« versetzte der Dienstmann die Achseln zuckend, »ich ritt hierher, weil ich der Meinung war, die Reisigen unseres Herrn Abts von St. Peter als Helfer zu erbitten. Aber Herr Tutilo wollte vor einem Sonnenblink auf fremdem Eisen nicht erschrecken und verbot mir wegen der Heuernte an das Tor des Abtes zu reiten. Auch hat in Wahrheit das Kloster Fäuste genug auf die Wiesen gesandt, vielleicht daß sie mit den Heugabeln ihre Tapferkeit erweisen. Doch sollte mir das Pferd straucheln, so wird der Jüngling dort zurückreiten und euch mahnen, daß ihr das Glockenseil zieht.« Der Reiter nickte und trabte den Wagen nach, der Mönch verschloß kopfschüttelnd das Hoftor.

Als Hugbald den Jüngling erreicht hatte, welcher hinter einem Gebüsch seiner harrte, begann er: »Dein Pferd hast du gut gewählt, wenn du dich heut' im Felde gegen einen Feind tummeln willst, aber den Stecken in der Hand vermag ich nicht zu loben; er ist nur gut, um einen Hund zu treffen, nicht aber eine Eisenhaube. Auch dein Strohhut wird dir schwerlich das krause Haar schirmen, wenn dich ein Schwertschlag erreicht.«

»Denkst du an Hiebe?« fragte der Jüngling und richtete sich hoch auf.

»Wer über das Feld reitet, darf immer daran denken,« versetzte Hugbald vorsichtig, »darum nimm noch eine Warnung. Wenn du merken solltest, daß Bewaffnete gegen mich sprengen, so treibe die Weiber mit den Rechen hinter einen Strauch und sieh selbst aus der Ferne zu, damit du berichten kannst, daß ich mich ehrlich gehalten habe.«

»Ich meine, Vater, besser werde ich das erkennen, wenn ich an deiner Seite reite«, sagte Immo stolz und trieb sein Pferd zum Sprunge.

Hugbald lächelte ein wenig, dann wies er ernsthaft nach dem nahen Berge, wo der Abt sein Haus hatte. »Dennoch ist es schwer, zwei Gebietern zu dienen. Dort oben liegen wackere Gesellen müßig, welche bei einer Schlägerei im Heu wohl den Rücken decken könnten. Aber was einem Herrn gefällt, will der andere nicht leiden.«

»Sage mir, ob du um Gefahr sorgst, so will ich hinaufreiten, sie zu rufen.«

»Damit Herr Tutilo mir später Feindseliges sinne«, versetzte Hugbald kopfschüttelnd. »Lieber vertraue ich auf die Hilfe des heiligen Wigbert, denn ich habe ihm, solange ich lebe, nie etwas genommen und manchen Schlag zu seiner Ehre getan, warum sollte er mich also mißachten.« So ritten sie ohne anzuhalten an St. Peter vorüber dem Laubwald zu, welcher in weitem Kreise die Niederung umschloß.

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