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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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3. Im Sorbendorf

Auf der Sorbenfahrt hielten die Reiter Abendrast, die Pferde standen im festen Gehege, Ingram und Gottfried lagen unter einem Baum, und Wolfram, der Knecht, bereitete am großen Feuer die Nachtkost. Er trug eine Lederflasche, die einem Schlauch ähnlich war, herzu. »Das Bier ist am Quellwasser gekühlt, wohl möge es euch munden.« Da Gottfried die Flasche dankend von sich wies, sprach Ingram gutherzig: »Als ein wackerer Reisegesell hast du dich seither erwiesen, verschmähe nicht unsere Kost, wenn wir auch nicht von deinem Glauben sind. Denn ich merke, in vielem hadern die Menschen miteinander, aber Speise und Trank ehren sie alle.«

»Zürne nicht, mein Genosse, ungewohnt ist mir der starke Trank und das Fleisch der springenden Tiere. Doch weil es dir lieb ist, will ich dein Mahl teilen«, und er legte seinen Brotkuchen beiseite, aß ein wenig von dem Fleisch und trank von dem Bier.

»Sage mir, wenn es dir nicht lästig dünkt,« fuhr Ingram fort, »bist du auch von denen, welche für unrecht halten, ein Weib zu umhalsen?«

»Es ist so, wie du sagst«, antwortete Gottfried errötend.

»Bei meinem Schwert, wunderliche Bräuche habt ihr«, spottete Ingram. »Zwei Sklavinnen halte ich, und wenn mir's gefällt, umschlingen sie mich mit ihren Armen, aber beide gebe ich hin und jedes andere Weib der Erde, wenn ich die Jungfrau gewinne, um derenwillen wir reiten. Gern erfreut sich der Mann seines Lebens; wir anderen sind wie die Vögel, welche lustig singen und ihr Nest bauen, du aber bist wie ein grauer Kauz, der im Baumloch sitzt, und alle Vögel schreien ihn an.«

»Auch meinem Leben fehlt die Freude nicht,« versetzte Gottfried lächelnd, »froh bin ich, daß ich mit dir reise, wenn du mich auch gering achtest; denn ich möchte dir helfen bei einem guten Werke.«

»Was hast du davon, wenn es uns gelingt, die Gefangenen loszukaufen?«

»Ich tue nach dem Gebot Gottes, des allmächtigen Himmelsherrn.«

»Ist dein Herr allmächtig wie du sagst, und gibt er dir Befehl, Gefangene zu lösen, so wundert mich, daß er nicht vielmehr den anderen wehrt, Gefangene fortzutreiben.«

»Frei hat Gott die Menschen geschaffen, damit diese sich selbst ihr Schicksal bereiten. Aber wie du die Perlen übersiehst, welche an eine Schnur gereiht sind, so übersieht der große Gebieter alle Taten, ja auch alle Gedanken jedes Erdgeborenen, und danach schätzt er die Tüchtigkeit des Mannes, ob er ihn in jenem Leben heraufhebt unter seine Bankgenossen, oder ob er ihn hinabstößt in das Totenreich des üblen Drachen. Darum tut dem Menschen not, unablässig zu sorgen, daß er nach dem Gebot seines Gottes tue.«

»Wahrlich,« rief Ingram, »das ist harter Dienst, und wie Knechte lebt ihr im Zwange, ich aber rühme mir den Mann, der den Überirdischen ihre Ehre gibt, aber wo er etwas wagt, vor allem fragt, ob es ihm selbst Ansehen bringe und Vorteil.«

»Ist nicht auch dir eine Ehre, wenn die Frauen deiner Landsleute danken, daß du sie aus den Mühlen der Sorben gelöst hast, und wenn du die unschuldigen Kinder von den Schlägen erledigst, von dem Hunger und von schmachvollem Dienst unter dem schmutzigen Volke?«

Ingram dachte nach. »Es sind die Kinder unserer Nachbarn jenseits der Berge, und manches davon habe ich vielleicht auf dem Arm gehalten, dir aber sind sie fremd. Kein Jahr vergeht, wo nicht in allen Ländern Herden von ihnen zu Markte getrieben werden.«

»Hätte ich Gold und Silber,« rief Gottfried, »alle wollte ich lösen, wäre ich ein großer Held, alle wollte ich retten.«

»Wohl erkenne ich, ihr Christen haltet zueinander wie Nachbarn und Freunde.«

»Mein Vater hat mir geboten, daß wir auch die Heidenfrauen und ihre Kinder zurückführen, wenn es uns gelingt«, versetzte Gottfried.

»Dann werden andere gefangen«, warf Ingram ein.

»Dazu sind wir in die Welt gesandt, daß wir die Gebote verkünden des himmlischen Königs, der so voll Erbarmen ist, daß er jedem Glück und Heil bereiten will auf der Männererde und im Himmel. Wenn erst alle seinen Geboten folgen, dann wird keiner den anderen verhandeln wie ein Kalb oder ein Rind, sondern er wird ihn betrachten so wie geschrieben steht: nach dem Ebenbild Gottes ist der Mensch geschaffen, und aufrecht soll er gehen unter den Tieren, welche mit gebeugtem Haupt die Knechtschaft tragen.«

Ingram schwieg eine Weile. »Alles rote Gold der Zwerge, von dem sie sagen, daß es nicht gemessen werden kann, würde nicht ausreichen zu einer Befreiung aller Gebundenen, und du, der du unkriegerisch bist und von zartem Leibe, willst dich solcher Arbeit unterwinden?«

»Ein Krieger bin ich, du merkst es nur nicht,« versetzte Gottfried, »demütig vor meinem Herrn, aber stärker als du glaubst. Verzeihe mir, Herr, daß ich mich vor ihnen rühme«, setzte er hinzu.

Ingram maß ihn mit den Augen, die zarte Jünglingsgestalt und der milde Ausdruck des begeisterten Antlitzes bewegten ihm das Herz, und er sprach leise: »Viel geheimes Wissen, so meinte auch Bubbo, der Bärenführer, ist euch zuteil geworden. Ich fürchte, ihr möchtet es gebrauchen anderen zum Nutzen oder zum Schaden.«

»Jedermann freundlich sein und niemandem schädlich ist meines Herrn Gebot«, versetzte Gottfried feierlich.

»Einem lichten Gott mag dieser Befehl wohl anstehen«, warf Wolfram ein, der bis dahin am Reh und Bier sein Bestes getan hatte und sich jetzt zufrieden vor das Feuer streckte. »Aber auf der Männererde ist es schwer, mit solcher Lehre durch den Wald zu reisen. Glaube mir, Fremder, auch hierzulande haben wir Übermenschliche, die ganz denselben Sinn haben, den du an deinem Gotte rühmst. Siehst du an der Bergleite den vorhangenden Stein? Dort,« sagte er leise, »wohnt ein Geschlecht von guten Zwergen, freundliche kleine Leute, nie hat man gehört, daß sie jemandem ein Leid getan. Aber wer ihnen bei der Waldfahrt von seinem Reisevorrat hinlegt, der hat Glück auf dem Wege, und schon manchem haben sie zugewinkt und dürre Blätter und Nüsse geboten; diese wurden in seinem Reisesack bei Nacht zu Golde. Ist der, dem du dienst, ein Zwerg, so mag er wohl von den guten sein, denn es gibt auch arge.«

»Viel Ungehöriges mischt deine Rede, Wolfram,« versetzte der Mönch, »der Christengott spendet nicht Blätter und Nüsse, und er gibt kein Angebinde, welches das Glück im Hause des Menschen erhält.«

»Dennoch gibt es solchen Schutz auf Erden,« sagte Ingram, »ich kenne einen Mann, dem eine Gabe für sein Geschlecht verliehen wurde von den Schicksalsfrauen; ich kenne die Stelle, wo sie verborgen liegt, und ich weiß, daß sie ihren Segen bewährt hat durch viele Geschlechter.«

»O traue nicht auf den Zauber«, mahnte Gottfried eifrig. »Täuschend ist jede Gabe des Unholden. Hochmütig macht sie den Mann und maßlos, bis der Tag kommt, wo sein Hoffen sich ganz eitel erweist, und der Herr ihn demütigt in seinem Stolz.«

Ingram lächelte. »Jeder berge, was ihn mutig macht, in stillem Herzen. Beide wollen wir als gute Gefährten nicht forschen, wo der andere seinen Schatz bewahrt. – Der Tau fällt früh, und morgen reiten wir auf wilden Wegen, nimm hier die Decke und verhülle die Glieder, daß sie dir nicht steif werden in der Nachtluft der Berge. Wecke mich, Wolfram, nach Mitternacht.«

Am nächsten Nachmittag sahen die Reiter baumloses Land vor sich. Die Stämme waren erst vor kurzem gefällt und an dem Rand des Waldes als Verhau geschichtet, denn noch standen die Stümpfe auf grünem Boden, jeder von jungem Aufschuß und wilden Stauden umgeben, und überall auf dem Grunde erhoben sich die niedrigen Büsche. Als die Reisenden einer nach dem anderen durch eine schmale Lücke des Verhaues gedrungen waren, erkannten sie vor sich mehrere Reiter, welche zuerst das Lärmzeichen anbrannten, daß eine hohe Rauchwolke emporstieg, und dann von niedriger Anhöhe schreiend und die Waffen schwenkend auf sie zukamen, Männer in langem Graurock von Hanf gewebt und mit Pelz besetzt, obgleich es Sommerzeit war, eine dicke Pelzkappe auf dem Haupt, mit Keule und Hornbogen bewaffnet; kleine, behende Leiber, breite Gesichter mit großen Schnauzbärten und braunem schlichten Haar, wild drohten und riefen sie. Wolfram ritt vor und gab in ihrer Sprache Bescheid. »Aus Thüringen sind wir, in Frieden kommen wir, Ingram der Held und ich sein Mann, und der dritte ist Gottfried, ein Bote des Herrn Winfried.«

Die Reiter fuhren untereinander und redeten mit heftigen Gebärden, bis einer, der einen Bund Adlerfedern an der Pelzmütze trug – es war Slavnik, die Nachtigall genannt, weil er bei den Trinkgelagen des Ratiz vorsang –, zu Ingram ritt und diesen in der Sorbensprache höflich begrüßte. Als der Thüring ihm in derselben Weise auf den Gruß antwortete, neigte der Sorbe sich noch freundlicher und redete so hoch und weich wie ein Mädchen; was der Knecht erklärte: er freue sich sehr, aber die Reisenden müßten auf ihr Geleit warten nach Grenzbrauch. So hielten sie und die Sorben schlossen hinter ihnen den Verhau.

»Gleich den Kindern sind sie,« rief Ingram, »und wie ein Kinderspiel ist ihr Wall, leicht setzt ein Roß darüber.« Aber der Sorbe hatte ihn doch verstanden und antwortete in deutscher Sprache, nur ungelenk: »Ich aber weiß einen Tag, wo der Rabe aus dem Land der Thüringe nicht über den Zaun flog, den das Eisen der Sorben um ihn schloß.«

»Du hast recht,« antwortete Ingram lachend, »ich fiel in den Zaun und die Dornen ritzten den Leib.« Und beide Männer grüßten einander mit der Hand. So harrten die Reisenden wohl eine Stunde, da kam es von der Höhe wie eine dunkle Wolke, ein größerer Hauf Reiter wirbelte durcheinander, kleine und feurige Rosse, auf denen die Krieger mit hohem Knie saßen. Von allen Seiten drehten sie sich um die Fremden, die Nachtigall gab ein Zeichen, und vorwärts ging es auf dem kurzen Rasen in hellem Haufen, die Fremden in der Mitte. Vor ihnen breitete sich ein weites Tal, mit einzelnen alten Bäumen besetzt, unter denen die Sorbenkrieger und ihre Pferde im Sommer den Schatten suchten; im Tale war ein Ringwall aus Erde und Rasen errichtet, darin das runde Dorf mit Strohhütten, deren Dächer fast an die Erde reichten, wie das Lager eines Heerhaufens lag es da. Ganz in der Mitte des Dorfes erhob sich ein rundlicher Hügel, wieder mit einem Ringwall bekrönt, welcher die Halle des Ratiz und die Hütten seines Hofes umschloß. Auf langer Stange ragte sein Banner und wehte den Fremden zu. Mit heißen Wangen rief Ingram zu Gottfried: »Bei meinem Haupt, wenn ich nicht unversehrt hinausführe die, welche wir suchen, so will ich nicht rasten und ruhen, bis ich brennendes Werg an meinem Pfeil sehe und bis der Pfeil haftet an diesem Mausenest.«

»Zürne nicht in dieser Stunde, mein Reisegesell, sondern flehe, daß der Herr uns gnädig sei.«

Das Dorftor wurde geöffnet, die Reiter stoben durch die Lagergasse und über den runden Platz am Fuß des Hügels. Dort kauerte am Dorfteich ein Haufe halbnackter Weiber und Kinder, bleich die Gesichter und verworren das Haar. Ingram spornte sein Roß und fuhr aus dem Trupp auf das Wasser zu, aber die Sorbenreiter verlegten ihm mit zorniger Miene den Weg und faßten die Waffen.

»Bedenke, Herr, wer die Ware ergreift, bevor er sie gekauft, zahlt teuren Preis«, warnte Wolfram leise. Und weiter ging es in schnellem Roßlauf den Hügel hinan. Wieder wurde der Balken eines Tors zurückgeschoben, die Rosse stampften in dem weiten Hofraum, die Fremden wurden zur Halle vor das Angesicht des Ratiz geführt.

Inmitten seiner Vertrauten saß der Slawe auf einem Stuhl mit hoher Lehne und Seitenarmen wie ein Fürst, auf Schemeln um ihn her am Tisch die Führer seiner Haufen, wilde Gesichter darunter mit großen Narben. Der Häuptling war ein starker Krieger, vierschrötig und mit kurzem Hals saß er da, in dem breiten Gesicht standen die Augen schräg, dünn und grannig war der Bart. Die Fremden neigten sich, Ratiz aber blieb mit seinem Gefolge sitzen und bewegte unmerklich das Haupt.

»Frage einer den Kater,« rief Ingram zornig, »ob es Brauch seines Stammes ist, Fremde so zu begrüßen.«

Der Sorbe winkte einem Mann mit langem weißem Bart, der in der Reihe saß, dieser trat an die Fremden und begann in deutscher Sprache: »Mein Herr, Ratiz, grüßt die machtvollen Herren, und er tut ihnen diese Frage. Ihm ist berichtet, daß einer von ihnen weit herkommt aus dem Lande, wo der große Herr der Franken auf dem Goldstuhl sitzt; ist einer aus diesem Lande gesendet, der nenne sich.« Der Mönch antwortete: »Ich bin es, Gottfried, der Bote Winfrieds, des Bischofs.«

Befremdet sahen die Slawen auf den Jüngling in schmucklosem Gewande; mit gefurchter Stirn redete Ratiz zu seinem Sprecher, und dieser erklärte: »Meinem Herrn deucht, wenig Achtung bezeigen ihm die Gewaltigen der Franken, daß sie ihm einen Boten senden, der so jung ist und in so ärmlichem Kleide wandelt.«

»Ich bin ein Christ und dem großen Gott des Himmels verlobt, Sünde ist mir ein anderes Gewand an meinem Leibe zu tragen als dies härene Kleid. Ich komme, obgleich ich jung bin, weil mein Herr mir vertraut.«

Wieder sprach der Slawe heftig zu einem seiner Genossen, dieser verschwand aus dem Saal. »Mein Herr fragt dich,« fuhr der Sprecher fort, »ob du einer von den Weisen bist, welche das Geheimnis besitzen, von Tierhaut die Gedanken der Männer zu erkennen, und ob du von denen bist, welche die fremde Sprache verstehen, die sie Latein nennen.«

»So ist es«, erwiderte Gottfried.

Auf die Deutung des Sprechers wich der Groll in dem Gesicht des Sorben einem großen Erstaunen. Der Bote kam zurück und brachte ein zerdrücktes und gebräuntes Pergament. »Meinem Herrn Ratiz wird es schwer zu glauben, daß ein Jüngling wie du so großer Dinge mächtig sei, er wünscht, daß du ihm eine Probe ablegst von deiner Kunst und den Männern die Gedanken verkündest, welche für den Kundigen auf dieser Haut zu erkennen sind.« Gottfried entfaltete das Pergament. »Zuerst sage uns, warum uns undeutlich ist, was darauf verzeichnet ist.«

»Es ist Latein,« versetzte Gottfried, »und man muß es lesen können.«

Ratiz schlug mit der Hand auf den Tisch und nickte zur Bestätigung stark mit dem Haupte. »Du hast das Richtige gesagt,« wiederholte der Mann, »wenn es dir gefällt, so verkünde uns das Latein.«

Gottfried überblickte das Blatt, es war die zerrissene Urkunde eines alten Frankenkönigs, welche die Slawen vielleicht bei einer Plünderung geraubt hatten. Der Mönch begann: »In nomine domini, sanctae et individuae trinitatis. amen.« Indem er sich bei den heiligen Worten verneigte, schlug Ratiz wieder auf den Tisch und sprach feierlich zu seinen Genossen, worauf der Alte erklärte: »Mein Herr ist zufrieden, daß du ihm bestätigt, was er schon weiß; es ist der Brief, den der große Herr der Franken an meinen Herrn geschrieben hat, ein Fürst dem anderen, daß er mißbillige und abtun wolle die Ungerechtigkeiten seiner Grenzgrafen und daß dein Herr meinem Herrn Freundschaft anbiete. Wir wußten, daß dies darin steht, und deshalb freuen wir uns deiner Worte.« So prahlte der schlaue Räuber, um seine Gesellen zu täuschen. Bevor Gottfried sich von seinem Staunen erholte, hob sich Ratiz, trat auf ihn zu, strich ihm an beide Wangen, als ob er ihn küßte, und forderte die Diener auf, einen Stuhl neben den seinen zu rücken, damit der Mönch sitze. »Dich grüßt mein Herr als den Gesandten deines Herrn und er bittet, daß du ihm die Botschaft von dem großen Herrn der Franken verkündest.«

»Wenig habe ich zu sagen im Auftrage meines Herrn Winfried, des Bischofs, und dies Wenige ist vielleicht nur für das Ohr des Herrn Ratiz«, versetzte der Mönch vorsichtig.

»Weise sprichst du, Herr Gottfried, Heimliches der Herren ist nicht für jedermanns Ohr; geruhe zu harren, bis die Zeit kommt.«

Da der Alte dem Mönch einen Stuhl bot, trat Ingram an den Tisch, hob einen leeren Schemel, stellte ihn dröhnend auf den Boden nahe zu Ratiz und setzte sich ebenfalls. Schweigend ertrugen die Sorben diesen Eigenwillen, jetzt aber wandte sich Ratiz zu ihm und der Sprecher erklärte die stolzen Worte: »Mich wundert's, Ingraban, daß du kommst, dich an meinem Tische zu lagern, ungeladen und unbefreundet in meinem Volke. Tut dir ein Sessel not, weil die Wunden dich schmerzen, welche dir das Messer meiner Krieger gehauen hat?«

»Geheilt sind die Ritze und niemand spricht mehr davon«, versetzte Ingram. »Die Leute rühmen nicht den Wirt, der den Fremdling zwingt, sich selbst den Schemel zu tragen.«

»Lange warst du Feind meinem Volke, niemand weiß, was dich in unsere Halle führt, denn kein Herdenvieh treibst du, wie ich höre, welches die Sorben deinem Volke als Zahlung auferlegt haben.«

»Vergebens mühst du dich, mich durch Worte zu kränken. Friede ist beschworen zwischen den Thüringen und deinem Volk, und friedlich komme ich, wie der Händler kommt zu Kauf und Tausch der Gefangenen, die du auf deinem letzten Zuge hergetrieben hast.«

»Sendet dich der Mann, den sie Winfried, den Bischof nennen, und hast du dein Haupt in der Not gebeugt unter das Spiel ihrer Finger, wenn sie ein Kreuz machen?«

»Ich habe dem Glauben meiner Väter nicht abgesagt, als Reisegenosse führte ich den Mann des fremden Bischofs zu dir.«

Der Sorbe winkte seinen Gesellen, allen lag am Herzen, den Handel bald zu schließen, am liebsten durch Auslösung in das Frankenland; denn war der Raub zurückgekauft, dann hatten sie weniger um Haß und Rache der Franken zu sorgen. »Meinen Kriegern ist es nicht eilig, den Gewinn ihrer Jagd zu verkaufen, gefüllt ist das Lager mit Korn und Herdenvieh aus den Frankendörfern und leicht vermögen wir die Gefangenen zu nähren, bis die Händler aus dem Süden kommen.« Und zu Gottfried gewendet fuhr er fort: »Will der Bischof sich eine Gemeinde kaufen aus den Herden der Weiber und Kinder?«

»Mein Vater erbittet von dir als Gunst, daß du mir gestattest, die Gefangenen zu sehen und die zu begrüßen, welche unseres Glaubens sind.«

»Führt ihr mit euch, was Gefangene löst? Gering ist, so scheint es, euer Reisegepäck.«

»Wir denken dir zu bieten, was Gefangene erledigt nach Brauch der Grenze«, versetzte Ingram. »Doch wer kauft, will vorher die Ware schauen, zeige uns, wenn es dir gefällt, die gefangene Schar.«

Der Sorbe überlegte und sprach mit seinen Tischgesellen. Er wandte sich zu Gottfried: »Gern will ich deinem Herrn ein Zeichen geben, daß mir seine Botschaft wert ist. Ihr sollt Freiheit haben, die Gefangenen zu sehen. Geht, Fremdlinge, mein Alter wird euch begleiten.« Die Boten verneigten sich und verließen den Saal, sie hörten hinter sich Lärm und Gelächter der Bankgesellen.

Vor der Tür wurde der Weißbart vertraulich, wie einer, der harten Zwanges entledigt ist, er nahm die Pelzmütze ab, verneigte sich tief und sprach überredend: »Wo die Raben jagen, findet auch die Krähe ihr Teil. Wenn es den Herren gelingt, Gefangene zu entledigen, so vertraue ich, sie werden auch dem Väterchen eine Spende reichen, denn mühselig ist mein Amt, in zwei Sprachen zu reden und gute Dienste vermag ich euch noch zu tun.« Gottfried sah unsicher auf seinen Begleiter. »So ist ihr Brauch«, sagte dieser. Er löste von seiner Jacke die silberne Spange, den einzigen Schmuck, den er trug. »Nimm dies, Vater, als Zeichen guten Willens. Und wenn Bubbo, der Bärenhändler, das nächste Mal euch aufsucht, dann sende ich dir ein Stück rotes Tuch aus dem Westland.« Der Alte hielt demütig die Hand hin. »Will Herr Ingram mir dies beteuern?« Und als Ingram zwei Finger auf den Knauf seines Schwertes legte: »Ich schwöre dir's«, lachte der Alte zufrieden: »Euer Wort, Herr, gilt an der Grenze wie Ware.« Sie schritten über den Hof; am Torhause rief der Alte einige lungernde Krieger an, welche sogleich herzusprangen und den Fremden auf dem Fuße folgten; aber der Alte, um seinen Diensteifer zu beweisen, trieb sie befehlend mehrere Schritte zurück.

Vom Hügel stiegen sie hinab auf den Dorfplatz, dort stand am Teiche ein langes Haus wie eine Scheuer, der Beratungssaal der Gemeinde. Der Alte öffnete das niedrige Tor, und Ingram sprang voraus in den dämmrigen Raum. »Walburg!« rief er. Aus einer Ecke klangen zwei klägliche Stimmen: »Hier!« Überall rührte sich's auf dem Heu, womit der Boden belegt war. Zwei blonde Knaben umschlangen die Füße Ingrams und schluchzten laut. »Wo ist die Schwester?« fragte Ingram mit hohler Stimme. »Sie ist zum Ratiz hinweggeführt auf den Berg.« Die Zähne des Mannes knarrten wie eine Raspel, seine Faust ballte sich, und gleich darauf warf er sich neben den Kindern auf die Knie, umschlang sie und heiße Tränen rollten auf die kraushaarigen Köpfe der Weinenden. In der Mitte des Raumes aber tönten die feierlichen Worte: »Kommt zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, spricht der Herr.« Durch die geöffnete Tür fielen die Lichtstrahlen auf das milde Antlitz des Jünglings, welches in Mitgefühl und Begeisterung wie das eines Engels strahlte.

Die Frauen und Kinder, welche unter dem Kreuzeszeichen lebten, drängten sich um ihn, manche fielen jammernd vor seine Füße auf das Angesicht, andere hoben die kleinen Kinder in die Höhe, daß er sie segne. Auch die Heidenfrauen hörten seine Worte mit gesenktem Haupt und falteten die Hände. Er aber sprach die heiligen Worte der Verkündigung und betete mit lauter Stimme, es ward still im Raum und man hörte daneben nur Seufzen der Frauen und leises Weinen der Kinder. Dann trat er grüßend zu den einzelnen, segnete jede Mutter mit dem Christensegen und sprach ihr leise die Bitten vor, welche ihr zumeist am Herzen lagen. Bis der Alte kam und mit abgezogener Mütze dringend bat: »Gefällt dir's, Herr, so folge mir, damit Herr Ratiz uns nicht zürne.« Gottfried trat zu Ingram und rührte ihm leise die Schulter. »Wo ist das Weib, welches du suchst?«

»In den Hütten des Räubers«, war die klanglose Antwort.

»So laß uns gehen, daß auch ihr der Gruß meines Gottes werde.«

Mit Anstrengung erhob sich Ingram und schüttelte die weinenden Knaben ab. Gottfried führte diese zu einem Christenweib, das allein kniete, und sagte ihr: »Was du ihnen tust, tust du dem Herrn, sorge für ihr Wohl.« Als er sich aber zum Ausgang wandte, drängte sich der verzweifelte Haufe um ihn, sie streckten die Arme nach ihm aus, faßten krampfhaft sein Kleid und wollten ihn festhalten. Und es half wenig, daß der Alte die Armen anherrschte und durch die Peitsche zurücktrieb.

Mit schnellem Schritt eilten die Männer den Hügel hinauf. »Ich muß das Christenmädchen im Hofe des Ratiz sprechen«, begann Gottfried, und da der Alte das Haupt schüttelte: »Hindere mich nicht, Vater, mir ist's befohlen.«

»Ich wage den Zorn meines Herrn«, wandte der weißbärtige Sorbe ein. »Ich will deinen Lohn verdoppeln«, rief Ingram rauh. »Meinst du, wir werden dir das Weib aus der Hütte stehlen?« Der Alte lächelte und nickte und führte sie den Rand des Hügels entlang, wo im Schutze des Walles eine Anzahl niedriger Strohhäuser stand. »Zwanzig Frauen hat Herr Ratiz und bei einer haust das fremde Weib, wohl möglich, daß er ihr in kurzem eine neue Hütte baut, wenn sie ihm nicht verleidet wird.« Ingram stieß die Tür auf, aber sein Fuß zauderte einzutreten. »Geh voran«, raunte er dem Mönch zu. Aber aus dem Gemach rief eine tiefe Frauenstimme: »Ingram«, ein junges Weib schritt bei dem Priester vorbei und faßte den Zögernden bei der Hand. »Mir ahnte, daß ich dich noch sehen würde, denn treu war dein Herz unserem Hofe.« Und als sie seinen starren Blick sah und den Schmerz in seinem Gesicht, rief sie: »Du Tor, würde ich sonst mit dir reden?« Da wollte er sie in die Arme schließen, sie aber entwand sich ihm. »Hättest du neben dem Vater gestanden, die Weide hätte uns nicht geschnürt. Auch jetzt sehe ich dich anders vor mir als ich dachte. Wo sind die Speere der Landgenossen, welche sich die Weiber und Kinder ihrer Freundschaft zurückfordern? Nicht mich meine ich, denn ich fürchte, meine Tage sind gezählt, aber die Brüder meine ich, den Haufen der Weinenden, die auf dem Stroh harren, bis der Sklavenhändler sie in die Fremde treibt.«

»Mit diesem komme ich, um wegen der Lösung zu handeln«, antwortete Ingram auf den Mönch deutend.

Erstaunt sah das Weib in das fremde Jünglingsgesicht, und als Gottfried die Hand erhob, das heilige Zeichen zu machen, da beugte sie sich langsam nieder, bis sie auf dem Boden kniete, und sprach das Bekenntnis des Christenglaubens. »Segne mich, heiliger Mann, und bitte für mich. Ja, bitte für mich!« rief sie mit plötzlichem Ausbruch bitteren Schmerzes, »daß ich Erbarmen finde, wenn ich tue, was dem Herrn mißfällt. Gebetet habe ich und mich bereitet, wie meine Mutter mich's gelehrt.«

Gottfried segnete sie. »Ich allein bin der Richter, spricht der Herr, und alle Rache ist mein«, mahnte er leise. Sie erhob sich stumm und wandte sich wieder zu Ingram: »Selten verläßt mich die Hüterin, schon zankt sie draußen mit dem Weißbart. Lebe wohl, Ingram, beide hoffen wir auf die Lösung durch dich oder mich. Ein ehrlicher Freund warst du, denke künftig mein und wisse, daß ich dir zuweilen verhehlt habe, wenn ich dich lieber kommen als gehen sah. Willst du mir noch einen Freundesdienst tun? Mühselig ist es, Herdholz zu spalten, wenn das Messer fehlt, die Weiber hier haben mir alles genommen. Sie sagen, der Freund soll dem Freunde nichts schenken, was schneidet. Du aber schenke mir, wenn du willst.«

Ingram riß sein Messer vom Gürtel, sie barg es in ihrem Kleide und küßte ihn auf die Stirn, wie man ein geliebtes Kind beim Abschiede küßt. Er sprang hinaus, wo der Mönch seiner wartete, stieß an die Frau des Ratiz, die er nicht sah, und hörte die Schmähungen nicht, die sie hinter ihm herrief. Es war ihm jetzt alle Rede der Menschen wie Gezwitscher der Vögel.

Während sie der Halle in der Mitte des Hofes zuschritten, berührte ihm Gottfried den Arm: »Du bist außer dir und hörst nicht meine Worte, und doch tut es not, daß wir uns zum Kauf rüsten. Denke daran, wie wir die Lösung bieten.«

»Bei meinem Haupt,« rief Ingram, »jede Lösung ist mir verhaßt außer einer, daß ich mit dem Räuber kämpfe, Eisen gegen Eisen.«

»Doch zu freundlichem Loskauf bewahre ich dir noch den Becher.«

»Besser wird der Zauber des Christengottes in deiner Hand wirken als in meiner,« versetzte Ingram finster, »denn mir scheint, er öffnet dir die Herzen, daß sie alle dich mehr ehren als einen Krieger.«

Sie traten in die Halle, ungeduldig rief ihnen Ratiz entgegen: »Euch war mühsam, die Gefangenen zu zählen, lästig ist der Iltis im Hühnerhofe, jetzt gilt es zu kaufen, wenn ihr in Wahrheit als Händler kommt und nicht als Späher.«

»Als Bote komme ich,« versetzte Gottfried, »du weißt das, denn du selbst hast durch Meginhard, den Priester, mich von meinem Herrn, dem Bischof, erbeten. Und Herr Winfried sprach, da ich schied: Mir ziemt nicht, wie ein Händler mit dem Helden Ratiz um den Kaufpreis zu markten. Aber ein Königsgeschenk will ich ihm bieten gegen die Gefangenen seines letzten Zuges, und meinen guten Willen, wenn er ihn begehrt, gegen den seinen, Gabe um Gegengabe in freundlichem Tausch. Und Held Ingram soll der Bote des Geschenkes sein.« Gottfried zog die Kapsel aus dem weiten Gewande und löste die Hülle.

Ingram hatte allmählich doch an dem Gespräch Anteil genommen, jetzt trat er zu dem Mönch und sagte schnell: »Gib ihn nicht aus der Hand; wer den Vogel verkauft, muß ihn festhalten, daß er nicht entfliege.« Er faßte den Becher und hielt ihn dem Sorben hin. »Sieh zu, wie das Prachtstück aus einem Königsschatz neben deinem Metkrug stehen wird.« Der Sorbe vermochte einen lauten Ausruf des Vergnügens nicht zu bergen, als er das glänzende Metall und die Figuren sah; auch seine Gesellen drängten sich um den Becher, Kopf an Kopf, summten einander ins Ohr und lachten über die kleinen Gestalten darauf. »Ehrwürdig ist Winfried, der Bischof, weil er mir solche Gabe sendet,« rief Ratiz, »gestatte, Held Ingram, daß ich prüfe, wie schwer sie ist.«

»Meine Hand bleibt darüber, Sorbe,« sagte Ingram, »noch ist der Becher mein.«

»Noch ist er dein«, bestätigte Ratiz nachdenkend und wog mit der Hand. Er rief den Sprecher mit weißem Bart. Dieser nahm vor dem Becher achtungsvoll die Mütze ab, besichtigte ihn unter Ingrams Hand genau und berührte ihn mit der feuchten Zunge von innen und außen, holte sein Messer hervor und machte einen Einschnitt in den unteren Rand, um nach dem Bruch zu sehen, dann sprach er leise zu seinem Herrn.

»Und dies ist die Bedingung für das Geschenk des Bischofs,« fuhr Ingram fort, »du gibst zuerst in unsere Hände ungeschädigt Walburg, die Tochter Willihalms, des Franken, den du erschlagen hast, und ihre zwei Brüder, zum zweiten die anderen Gefangenen eurer letzten Beutefahrt vom ältesten bis zum jüngsten, und zum dritten Goldfeder, das Pferd Willihalms, und zwei gute Rinder als Reisekost für die Erledigten.«

Bei dem Namen Walburg fuhr der Sorbe auf, doch bändigte er seinen Unwillen, sah prüfend auf seine Gesellen und sprach: »Sehr seltsam ist das Silber aus dem Königsschatz, das ihr uns gezeigt habt, wenn es auch nur im Innern golden ist. Gefällt es euch, ihr Franken, so räumt auf kurze Zeit die Halle, damit wir in Ruhe beraten.«

Gottfried bemerkte, daß er den Becher kälter ansah, den Ingram im Angesicht der Sorben hoch in die Höhe hielt. Der Thüring barg das Gerät in der Kapsel, und die Boten traten ins Freie. »Jetzt sinnen sie auf Hinterlist«, rief Ingram verächtlich.

»Sie scheuen meinen Herrn Winfried«, versetzte der Mönch ruhig. »Ich lobe dich, daß du die Rinder erbeten hast, denn schwer wäre es, dreißig und ein Menschenhaupt in den Bergen zu speisen. Aber wozu forderst du das Roß?«

»Fürwahr als ein unkriegerischer Mann fragst du: hoffst du, daß Willihalm in dem Grabe, das ihr ihm geschaufelt, Ruhe finden wird, wenn ein Sorbe auf seinem Leibroß reitet? Soll er zu Fuß wandeln über den Wolkenstieg, und wenn die Helden in der Nacht reiten, hinter ihnen herlaufen wie ein Troßbube?«

Gottfried bekreuzigte sich. »Im Himmel der Christen bedarf es eines Roßgespenstes nicht.«

»Er war ein Kriegsmann, wenn er auch Christ war«, versetzte Ingram stolz. »Was aber will der Slawe von der Gunst deines Bischofs?«

»Vielleicht will er Grenzgraf der Franken werden und über dem Sorbendorf seine Burg bauen«, versetzte Gottfried lächelnd.

Ingram stieß einen Fluch aus. »Und ihr möchtet ihm dazu helfen?«

»Du weißt, daß er Christen erschlagen und geraubt hat«, antwortete Gottfried.

In der Halle war lange Beratung und heftiger Zank der Männer. Endlich lud der Weißbart zum Eintritt. Wieder hob Ingram den Becher empor, aber die Sorben wandten die Blicke ab. Ratiz begann: »Unmäßig sind die Gaben, die ihr für euren Bischof fordert, aber meine Edeln wollen Spende um Spende geben, ohne viel zu schatzen. Die Gefangenen, welche noch nicht geteilt sind, sollt ihr als Gegengabe nehmen, dazu ein Rind, dreijährig, von fetter Weide. Nur zwei Häupter weigern wir euch, Walburg und Goldfeder, den Falben. Die Magd ist ein Ehrengeschenk meines Volkes für mich, und das Roß steht im Stalle des Helden Slavnik, welcher mir der nächste ist an Ehren und Schlachtenruhm. Ihr bringt das Geschenk nach eurer Wahl, wir senden das unsere ebenso.«

»Herr Winfried hat mit seiner Hand den Leib des Franken Willihalm bestattet und an seinem Grabhügel gelobt, für die Kinder zu sorgen,« antwortete Gottfried, »bedenke, Herr, du würdest ihm nicht freundlichen Sinn erweisen, wenn du das Christenweib zurückhieltest.«

»Nur um des Weibes willen nahm ich den Becher von dem Fremden und ließ mir gefallen, seinen Boten zu geleiten, und vor den anderen suche ich das Weib bei dir«, rief Ingram zornig.

»Darum also bist du in das Haus meiner Frauen gedrungen«, versetzte der Sorbe lauernd. »So höre meine letzten Worte: die Knaben entsende ich dem Bischof, das Weib bleibt mein. Widerstehst du dem Tausch, dann enthebe dich mit dem Becher, zu lange hast du in unserem Lager geweilt, und achte darauf, daß du ihn wohlbehalten heimwärts bringst. Ohne Geleit bist du gekommen, und ohne Geleit scheidest du.«

»Was sinnst du auf heimlichen Überfall im Walde; fürchten die Sorben den Kampf auf offenem Felde?« rief Ingram. »Hier stehe ich, du listiger Mann, und erbiete mich, um das Weib zu kämpfen gegen jeden deiner Krieger, ja gegen zwei. Stelle gegen Ingraban und den Raben zwei deiner besten Krieger auf den stärksten Sorbenrossen, und die Götter walten des Sieges.«

Auf diese Herausforderung sprangen die Sorbenkrieger von ihren Bänken und ihr Geschrei schwirrte durch die Halle, aber der Häuptling zwang sie mit einer Handbewegung auf die Sitze zurück und versetzte: »Manche rühmen die Kraft deines Armes, aber durchaus nicht rühmen kann ich den Sinn deiner Rede. Töricht wäre ich, wenn ich meine Krieger auf das Kampffeld senden wollte, um etwas zu erwerben, was ich bereits durch Speer und Roß gewonnen habe. Und wenig Ehre wäre es meinen Helden, wenn sie um eine kauernde Sklavin im Ringe kämpften. Einen anderen Kampf biete ich dir, der im Frieden besser geziemt. Ich höre, daß du des Bechers kundig bist, wie dem Manne gebührt, auch mich hat nicht leicht ein Gegner beim Trinkkruge gefällt. Wohlan, laß uns unsere Kraft prüfen; du setzest dein Roß, den Raben, und ich das Frankenweib, der Sieger empfängt beide. Das scheint mir guter Rat.«

Lauter Beifallsruf erscholl um den Tisch, nur Ingram stand betroffen. »Das Roß gehört zum Manne wie das Schwert, und unfreundlich wird dereinst der Gruß meiner Ahnen, wenn ich die Zucht meines Rosses in ein Sorbendorf liefere. Das fürchte ich sehr; dennoch setze ich dir zwei Hengste von dem Stamme des Raben, fünfjährig und vierjährig, edler als einer von deinen Gäulen. Nur mein Schlachtroß, das mein bester Freund war, wo kein Arm eines Menschen mir half, das behalte ich zurück.«

»Unbekannt sind die Gewinne, die du bietest, und weit ist der Weg zu deinem Stall. Der Rabe und die Gefangene, beide sind hier im Hofe, das ist gerechter Wettstreit.«

Ingram stand in heftigem Kampfe. »Wohlauf, bei den Schicksalsfrauen meines Geschlechtes, her die Becher, und der Streit beginne.«

Wieder scholl fröhlicher Lärm der Sorben, wie ein Schrei der Teufel klang er in Gottfrieds Ohr. »Ruchlos ist das Becherspiel um ein Menschenleben«, rief er dazwischen tretend.

Ratiz winkte höflich abwehrend, Ingram aber versetzte unwillig: »Wenig Glück hat mir das Silber deines Bischofs gebracht, weiche von mir, daß ich zu meinem Gott flehe, ob er mir helfe.«

Der Alte trug einen großen Metkrug und zwei Becher zu, beide ganz gleich aus Maserholz gedreht. Er wies den gefüllten Krug und die leeren Becher den Kämpfern, diese sahen ernsthaft hinein und prüften die Gefäße. Darauf füllte der Weißbart einen Becher bis zu dem Strich, welcher den Rand bezeichnete, goß den Met aus dem ersten in den zweiten, um die Größe zu erweisen, und rückte zwei gleiche Schemel ohne Lehnen an den Tisch. Die Helden ergriffen die Becher, wandten sich abwärts nach der Himmelsgegend, vor welcher sie zu den Göttern flehten, und murmelten leise das glückbringende Lied. Dann lösten beide die Waffen von ihrer Hüfte, der Slawe gab das Krummschwert einem Genossen, Ingram aber rief: »Allein bin ich in der Fremde, frage, Alter, ob einer unter den Sorbenkriegern mir ein treuer Schwerthüter sein will bis zum Ende des Kampfes.«

Gottfried machte eine Bewegung, aber Ingram wies ihn mit der Hand ab und der Mönch trat mit hochgeröteten Wangen zurück. Da erhob sich ein junger Sorbenkrieger von stolzem Aussehen, Ingram sah ihm in das Gesicht und sagte: »Wir sahen uns sonst wohl auf blutigem Felde, Held Miros.« Der Krieger gelobte treue Schwertwache und setzte sich zur Seite hinter Ingram, das Schwert haltend. Die Kämpfer ließen sich auf den Stühlen nieder, ruhig waren ihre Bewegungen und gemessen ihre Haltung, denn wer heftig den Sinn regte, der kam bei diesem Spiel in Gefahr. Und der Weißbart rief laut: »Außer den Herren, welche auf dem Kampfstuhl sitzen, schweige jeder, daß nicht seine Rede den Sinn der Zecher verwirre. Den Herren aber ziemt im Kampfgespräch zu bedenken, daß jede Wunde, die ihre Zunge schlägt, verschmerzt sein soll am nächsten Morgen.« Darauf rückte sich der Sprecher einen niedrigen Schemel mitten zwischen die beiden und wiederholte, was einer sprach geschickt in der Sprache des anderen. So weich und gewandt war die deutende Rede, daß sie wie ein Lied zwischen den harten Worten der Kämpfenden tönte.

Ratiz nahm zuerst seinen Becher, hob ihn und sprach: »Zu gleichem Kampfe bringe ich den Met, Ratiz, Sohn des Kadun, ein Herr in den Sorben«, und von der anderen Seite scholl es zurück: »Bescheid tut Ingraban, Sohn des Ingbert, ein freier Thüring.« Beide leerten die Becher und stürzten sie auf den Tisch. Der Alte füllte und verbeugte sich tief vor jedem der Herren. Wieder begann Ratiz:

»Schwarz ist der Vogel, nach dem du, wie ich höre, genannt bist, aber weiß ist der Aar, der über den Zelten meiner Krieger schwebt. Ein Reh sah ich liegen am Quell im Walde und auf ihm saß mit starken Fängen der Adler und schmauste, aber im Kreise herum krächzte die Schar der Raben und lauerte auf den Abfall.«

Ingram antwortete: »Den Namen erfinden dem Helden die lieben Eltern und ungern hört er den Namen schmähen. Nicht weiß ich den deinen zu deuten, denn selten fragte ich nach deinem Geschlecht, doch rate ich, meide ihn zu gebrauchen bei meinem Volk, denn er klingt uns wie Ratte, das diebische Tier hinter dem Mehlsack.«

»Versteht ihr nicht Worte der Sorbenkrieger, ihre Schläge habt ihr doch oft gefühlt.«

»Fünf Panzer von Linnen und fünf krumme Schwerter, die Beute der Walstatt, zähle ich an der Wand meiner Halle, meinst du, daß deine Krieger gutwillig sie boten ohne Hiebe?«

»Mancher schleicht spähend beim Mondschein über die Walstatt, hinter den Wölfen sucht er den Raub und trägt bleichwangig und zagend die Habe erschlagener Helden sich heim in den Rauchfang«, versetzte Ratiz.

»Ist dir's verleidet, die Gefallenen zu zählen, die mein Schwert auf dem Rasen zurückließ, so zähle die Wunden derer, die leben. Mehr als einer von deinen Kriegern rühmt sich der Narben, die er mir verdankt.«

»Grund haben sie alle, dein Schwert zu preisen,« spottete Ratiz, »denn leicht heilten die Ritze, und sie lachen der Narben.«

»Schnellfüßige Läufer trifft leise der Schwertschlag, nur wer selbst starke Hiebe spendet, empfängt das gleiche Gastgeschenk«, versetzte Ingram.

»Gut sprichst du, Held,« rief Ratiz, »denn selbst birgst du nah am Herzen die Gastgeschenke, welche Sorbenschwerter dir schlugen.« Er winkte, sie tranken und stürzten die Becher.

Wieder füllte der Alte, und höflicher begann Ratiz: »Vergebens ist es, dich Held mit harten Worten zu necken, noch ist der Metkrug gefüllt und Zeit zu freundlicher Rede. Laß uns rühmen, was jedem das Liebste auf Erden ist. Vor allem gefällt mir der Herrensitz auf dem Hügel, um mich die Hütten der Krieger und vor mir, so weit das Auge reicht, die Rinderweide, die mein Schwert gewann.«

»Was das Schwert gewann, mag das Schwert verlieren; weiter als die Rinderherde schreitet und die Grenzzeichen ragen, reicht der Ruhm des tapferen Mannes«, versetzte Ingram.

»Ruhm gewinnt, wer Land gewinnt«, rief Ratiz.

»Ruhm gewinnt auch, wer sein Heimatland gegen den fremden Einbrecher verteidigt«, antwortete Ingram. »Ungleich ist unser Los. Ich stehe auf dem Erbe meiner Väter, du aber mühst dich um geraubtes Land.«

»Höher achte ich den wilden Stier, der mit seiner Herde über den Erdboden schweift, als die Jochkuh im Pferch«, rief Ratiz.

»Solange die Weisen gedenken, saß mein Geschlecht auf freiem Erbe,« sprach Ingram, »du aber kamst ostwärts aus der Fremde und niemand weiß woher.«

»Mein Volk weiß es«, versetzte der Sorbe stolz. »Dennoch tadle ich deinen Trotz nicht, denn wohlbekannt ist dein Name bei Freund und Feind. Gefällt dir's, Held, so verkünde uns die Abenteuer, die du erlebt.« Er bat so, um dem anderen die Redelust zu wecken.

Aber Ingram mied die Versuchung und versetzte: »Was ich erlebte, das wißt ihr wie ich, denn mein junges Leben haftete stets in der Heimat, und gewann ich Ruhm bei den Meinen, so war's nur in den Kämpfen mit euch, weil ich fest stand neben meinen Freunden und gegen euch als ehrlicher Feind.«

Wieder füllte der Alte die Becher.

»Oft rühmen meine Krieger«, begann Ratiz spottend, »deine erste Beutefahrt im Walde, damals als du dem Fuchse gleich nach Honigwaben ins Holz schlichest. Du hörtest die Bären und krochst hinauf in die Äste, unten schmausten die Bären den Honig, dich aber stachen die Bienen dahin, wo du saßest. Und heute noch hingst du, von den Speeren der Bienen zerstochen, am Aste, hätte dich nicht Bubbo, der Waldmann, erlöst.«

»Dafür liegen jetzt die Felle der Bären an meinem Herde«, versetzte Ingram lachend. »Wie gelang es dir doch damals, Ratiz, mit deiner Heldenfahrt, als du auszogst auf die Freite, um ein Weib der Thüringe zu gewinnen? Die Dorfknaben überfielen den Hof, in dem du lagertest, und als sie mit Schwertern die Hütte durchsuchten, entfloh deine Schar, du selbst aber bargst dich bedrängt in dem Backtrog, den die Weiber über dich stürzten, und Weizenteig hing in deinem Barte, als du schwertlos entrannst. Gern erzählen unsere Mägde am Herde von deinem harten Lager unter dem gehöhlten Holz.«

Finster packte Ratiz seinen Becher und stampfte ihn auf den Tisch. »Nützlicher war mir das gelungene Entrinnen als deinen Gesellen das fruchtlose Suchen.« – Er drückte seinen Grimm eine Weile schweigend hinab, dann rief er höhnend: »Höre dafür, was die Wila, die Schicksalsfrau der Sorben, mir einstmals sang.« Und er begann nach der Weise seines Volkes zu singen: »Alles wird dir wohlgelingen auf dem Felde, bei dem Trinkkrug, doch die allergrößte Freude sollst du haben, wenn ein fremder ungeschlachter Hüne in dein Lager dringt. Grob sind seine Worte und Gebärden, als ein armer Schlucker kommt er ungeladen und er bettelt um ein Weib für seinen Herdsitz. Doch du wirst ihn wohl empfangen, höflich zu dem Becher laden, aber enge ist sein Schädel, Starkes kann er nicht vertragen. Hast du ihn in Met berauscht, bind ihm klug das Bein mit Seilen, scher ihm dann das Haar vom Haupte, setz' ihn vor die Tür der Halle, daß die Weiber seiner lachen und die Kinder ihn bewerfen.«

Ingram versetzte finster: »Ich aber hörte eine Sage erzählen von Däumling, dem ruhmvollen Helden, den sie Gernegroß nannten. In dem Sandhaufen höhlte er sich mit den Händen seine Burg und deckte die Feste mit Stroh, das er von der Tenne mauste. Er sah von seiner Halle über die Maulwurfshügel und rühmte sich: alles ist mein, soweit mein Auge reicht, keinen stattlicheren Helden kenne ich auf Erden, nur eines fehlt mir zu meinem Glück, ich sende die Boten zum Hofe des Königs, daß ich Herzog werde über die Maulwürfe und Mäuse des Feldes. Da kam ein Bauer, und mit hartem Fuß zertrat er unversehens die Burg, und Held Däumling entfloh in ein Rattenloch und wand die Hände in Kummer.«

Der Sorbe fuhr mit der Hand nach der Schwertseite und griff heftig umher, als er die Waffe nicht fand; Ingram aber lachte laut über das vergebliche Suchen.

Wieder und wieder füllte der Alte. Dem Ratiz schwammen die Augen, und seine Hand wurde unsicher, wenn sie den Becher faßte. Er merkte die Gefahr und dachte schlau darauf, den Gegner zu verwirren. »Lustig sitzen wir hier im Gefecht der Zungen, lieblicher schlürft sich der Met, wenn wir mit unseren Augen auf das Weib schauen, welches der Preis des Siegers sein wird. Führt das Frankenweib her, daß wir uns am Anblick ergötzen.« Zwei seiner Genossen sprangen auf und eilten der Tür zu.

Ingram schlug auf den Tisch. »Unbillig störst du das Spiel, denn traurig ist es mir, die Tochter eines werten Mannes als Sklavin unter den Feinden zu schauen.«

»Lösen willst du sie doch, du starker Zecher, hast du Kraft, so erweise sie jetzt. Umbindet ihr nicht die Hände mit den Weiden, damit der Gast sie ohne Kränkung der Seele betrachte.«

Ingram sah finster vor sich nieder und schwer wurde ihm das Haupt; die Männer schritten hinaus und führten das Mädchen in die Halle der Schweigenden. Walburg blieb an der Tür stehen, und ihr Blick umwölkte sich, als sie auf Ingram sah, auf die Trinker und die gleichen Becher. »Tritt näher, Frankenkind,« begann Ratiz, »denn um dich geht der Streit, ohne Schwertkampf der Helden sollen die Götter entscheiden. Im Maserholz schwenken wir deine Lose, ob du heimziehst mit Held Ingram, oder ob ich dir eine Hütte baue und ein Lager darin breite für dich und mich, wie ich hoffe.«

Empört rief das Mädchen dem Thüring zu: »Einen besseren Helfer habe ich mir erkoren, schmachvoll wäre mir die Lösung durch den Trinkkrug. Denke nicht, Ingram, dir ein Weib durch Met zu gewinnen, übe den Heidenbrauch um Sorbenmädchen, nicht um mich.« Sie wandte ihm den Rücken, trat in die Ecke, in welcher Gottfried saß, kniete an seiner Seite nieder und verbarg das Gesicht mit den Händen. Heiße Röte stieg in das Gesicht Ingrams, da sich das Weib verachtend von ihm wandte, undeutlich merkte er das höhnende Lachen der Slawen, er erhob sich vom Stuhl und rief in ausbrechendem Zorn: »Falsch war das Spiel und verflucht sei der Becher, den ich noch trinke.« Er schleuderte den Becher auf den Boden und zugleich mit dem Holze sank er selbst in schwerem Fall. Wilder Jubelschrei der Sorben durchtönte die Halle, sein Helfer, welcher das Schwert gehalten, trat zu ihm und gebot: »Tragt ihn unter mein Dach, damit ich ihm meine Treue erweise und ihn bei seiner Waffe bewahre.«

Ratiz aber erhob sich siegreich in trunkenem Mut und schritt auf das Frankenmädchen zu. »Mein bist du, doppelt gewonnen ist die rundliche Wange, und mein sollst du bleiben, nicht denke ich mit der Vermählung zu säumen. Auf, führt sie zur Hütte und ladet den Sänger, daß er das Brautlied spiele.«

Dicht vor ihm erhob sich von den Knien die Jungfrau, bleich war ihr Gesicht und hart der Blick, den sie auf den Häuptling warf. »Niemand vermöchte dich zu retten vor meiner Hand,« rief sie, »du Untier, das kaum den Vater gefällt hat und jetzt Unehre über die Tochter bringen will. Danke deinem Glück, daß ein Heiliger neben mir steht. Du rühmst meine glatte Wange, sieh her, ob sie dir noch gefällt.« Blitzschnell fuhr sie mit dem Messer aus dem Gewande, hielt es ihm entgegen, daß er zurückfuhr, schnitt mit dem Stahl sich eine klaffende Wunde in die Wange, daß ihr Blut herunter strömte, und hob den Stahl wieder gegen sich selbst. Da sprang Gottfried herzu und entriß ihr die Waffe. Ratiz stieß einen schweren Fluch aus und packte den Metkrug, um ihn gegen das Weib zu werfen, aber auch er taumelte und stürzte zu Boden, übermannt vom Met und vom Zorn. Die Sorben sammelten sich um ihren Häuptling und Gottfried führte mit Hilfe des Weißbarts die wunde Jungfrau nach ihrer Hütte, dort suchte er das strömende Blut zu stillen und mit dem Sorbenweibe die klaffende Wunde zu binden.

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