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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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2. Ein Christ unter Heiden

Abwärts vom Dorfe auf die Ebene zu stand ein verfallenes Haus von einem Holzzaun umgeben, an welchem bestäubte Kletten die grauen Blätter breiteten; der Zaun war löcherig und nachlässig geflickt, und die Hühner und Ferkel des Hofes fanden das ganze Jahr mühelosen Durchgang. Hinter dem Tor war aus zwei Stangen ein Holzkreuz errichtet, als einziges Zeichen, daß Meginhard, den sie Memmo nannten, dort wohnte, ein Priester der Christen. Widerwillig hatten die Dorfbewohner ihm vor Jahren auf die Verwendung des Grafen gestattet, in der leeren Hütte zu wohnen. Dennoch fehlte im Innern nicht gänzlich das Behagen. Durch die Ritze der geschlossenen Fensterladen sah man, daß auf dem Herde ein lustiges Feuer brannte. Daneben saß Memmo, ein kleiner rundlicher Mann, vor ihm stand auf schlechtem Holztisch ein Krug mit Bier, auf dem Herde kochte im Topfe ein Huhn, und eine kräftige Magd wirtschaftete mit dem Holzlöffel um den Stein. »Lange brodelt das Huhn, Godelind,« sprach der kleine Mann und blickte sehnsüchtig nach dem Topfe, »schwinge den Löffel und lege Holz an, denn dies ist das einzige, was man hier im Lande reichlich hat.« Aber Godelind kümmerte sich wenig um den Seufzer des Herrn, sie fuhr unwirsch über den Herd und sah zuweilen zornmutig auf den Priester herab. »Sicherlich hätte mein Herr ein besseres Geschenk von dem kranken Nachbar erwerben können als das Ding da« – sie wies mit dem Löffel in die Ecke der Hütte, wo auf dem Strohbund ein slawisches Mädchen kauerte, das mit gesenktem Haupt vor sich hin starrte. »Durch viele Wochen habt Ihr die bösen Geister besprochen, die in dem kranken Bein des Mannes saßen; für große Mühe ist dies ein erbärmlicher Dank, eine Gefangene, ein krankes elendes Ding, zu gar nichts gut. Warum hat er Euch nicht ein Kalb in die Wirtschaft geschenkt? Oft genug habe ich Euch geraten, ihm Eure Meinung darüber unter den Fuß zu legen. Wir haben kaum genug, um zwei Mäuler zu füttern, jetzt kommt das dritte, und dazu eine Wilde mit verworrenem Haar, die kein Wort sprechen mag und die mir neue Sorge schafft zu der, die ich um Euch habe.«

Memmo blinzte schlau in die Ecke. »Und doch nahm ich sie um deinetwillen, Godelind,« sagte er begütigend, »für die Weide und das Feld, gern will ich dich schonen.«

»Habe ich je über die Arbeit geklagt?« schmollte die Gebieterin des Herdes nur wenig besänftigt. »Jetzt soll ich Wache halten um den fremden Unhold.« Sie stürzte das gekochte Huhn in eine irdene Schüssel und setzte das heiße Gericht mit einem Löffel ihrem Herrn vor. Ein wohlriechender Rauch stieg in die Höhe, Memmo saß, die Kühlung erwartend, und klapperte ungeduldig mit dem Holzlöffel am Schüsselrand. Da knarrte es draußen am Zaun und gleich darauf pochte ein Stab an die Tür viermal in kurzen Absätzen. Dem Priester fiel der Löffel aus der Hand, er fuhr erschreckt in die Höhe, starrte auf die Tür, als ob er einen Geist fürchte, und murmelte nach dem dritten Schlage leise, halb bewußtlos: »In nomine spiritus sancti. amen.« Der letzte Schlag erklang und gleich darauf flog die Tür, von starker Hand gerissen, auf, ein Mann trat herein in dunklem Gewande, und eine tiefe Stimme sprach auf der Schwelle: »Sei gegrüßt im Namen des Herrn.« Stumm stand Memmo, alles Rot aus seinem Gesichte war entwichen; Winfried betrachtete einen Augenblick die Bewohner der Hütte, dann trat er an das Fenster, schlug den Fensterladen auf, nahm Schüssel und Huhn, warf sie hinaus, daß die Scherben krachten, und rief gebietend: »Hinaus mit den Frauen.« Godelind hatte die Arme untergestemmt, gar nicht gesonnen, dem Befehl des Fremden zu gehorchen, da sah sie, wie ihr Herr mit heftiger Handbewegung winkte, daß sie weiche, sie merkte, daß der flammende Blick des Fremden sich auf sie richtete, und ihr Mut wurde klein; sie riß die gefangene Slawin mit sich fort und eilte zur Tür. »Suche eine andere Herberge zur Nacht, Weib,« rief ihr Winfried nach, »denn die Zelle dieses Mannes betritt dein Fuß schwerlich wieder.« Hinter den Frauen schloß er die Tür, schob den Riegel vor und trat zu dem sprachlosen Memmo. »Ins Elend bist du gegangen, mein Genosse,« sprach er traurig, »und in übler Gesellschaft finde ich dich; ich komme, deine Seele zu mahnen. Auf die Knie, Meginhard, mein armer Bruder, und bekenne deine Übeltat, denn der Tag der Buße ist gekommen, siehe zu, daß du die Gnade des Richters erwirbst.«

Betäubt fiel der Mönch vor dem Bischof auf die Knie und begann ein lateinisches Gebet zu murmeln. Die Herdflamme loderte lustig weiter und warf die Schatten der Männer hin und her, das Wasser im Kochtopf hob den Deckel und zischte auf dem Herde, aber niemand kümmerte sich darum, bis die Flamme sich senkte und das Wasser schwieg. Dunkler wurde es im Raum, die verglühenden Kohlen warfen ein schwaches Dämmerlicht, und von der anderen Seite fiel matter Sternenschein durch die Fensteröffnung, aber immer noch lag der Priester am Boden, nur schwere Seufzer und das Summen feierlicher Gebete wurden gehört, dann die scharfen Schläge der Geißel und leises Stöhnen. So ging es fort bis in die Nacht. Und als das Sternenlicht in dem Grau des neuen Tages verging, lag Memmo immer noch mit dem Antlitz am Boden, die Arme in Kreuzesform ausgestreckt, und neben ihm kniete der Fremde, und die tiefen Töne seiner Stimme klangen feierlich über dem Schluchzen des Liegenden.

Winfried öffnete die Tür, das erste Morgenlicht drang in den dämmrigen Raum, am Zauntor stand der junge Gottfried und neigte sich schweigend vor dem Lehrer, denn noch war die Tagstunde nicht gekommen, wo ein Bruder sprechen durfte. »Ich meinte dich wohlgeborgen auf dem Lager des Gastfreunds«, sagte der Fremde und winkte ihm die Erlaubnis zu reden.

»Verzeih, mein Vater, mich trieb die Sorge um dich hierher.«

»Dort drinnen liegt einer, der gefallen ist. Weile bei ihm, damit er dein Angesicht schaue, wenn er sein Haupt erhebt, und stütze seine wankenden Schritte«, und leise fügte er hinzu: »Wie einen Hänfling, der dem Bauer entflogen war, habe ich ihn eingefangen und unruhig wird seine Seele flattern. Hilf ihm, obwohl er älter ist, daß er sich der Zucht wieder gewöhne, und gib ihm nach, soweit du darfst. Denn ungeschickt wäre es, dem Verwilderten allen Trost zu nehmen.«

Der Fremde schritt dem Dorfe zu, wo sich's in den Häusern rührte, der junge Mönch setzte sich leise neben den Büßenden; nicht lange und dieser schauerte zusammen, hob vorsichtig das Haupt und sah erstaunt statt des furchtbaren Bischofs einen Jüngling neben sich, in dessen hellem Antlitz warmes Mitleid leuchtete. »Visio venit, ein Friedensbote erscheint«, murmelte er erschrocken und fiel auf das Gesicht zurück, um es nach einer Weile wieder zu erheben. »Ich fühle warmen Atem über meinem Haupt, bist du einer von uns, so sprich.«

»Gottfried heiße ich, mein Vater, und bin dein Bruder und Diener.«

»Er ist fort«, seufzte Memmo, sich furchtsam umschauend, und fühlte mit der Hand nach seinem wunden Rücken. Mühsam setzte er sich auf und faßte den Kopf mit beiden Händen. »Gänzlich bin ich verwandelt, die Schüssel mit dem Huhn warf er aus dem Fenster und Frau Godelind,« – er bekreuzigte sich – »hinweg, du Teufel. Schwer bin ich versucht worden, mein Sohn, unter den Heiden, zwischen Pferdeköpfen und Roßfleisch habe ich gesessen, und wenn sie im Mai den Reigen tanzten, forderten sie, daß ich mit Frau« – er bekreuzigte sich wieder. »Sicher ist der Bischof ein heiliger Mann, menschlicher Schwachheit völlig enthoben. Auch du kennst die Regel, mein Bruder, obwohl du jung bist.«

Gottfried nickte freundlich.

»Dann weißt du auch, mein Sohn, daß den Getreuen nach der Pönitenz gestattet ist, die heißen Lippen anzufeuchten, aqua cum aceto, durch Wasser mit Essig. Essig fehlt in diesem Lande, aber«, fuhr er überredend fort, »dort steht an seiner Statt ein Rest Dünnbier, es ist Wasser genug darin, ich bitte dich, reiche mir den Krug.«

Gottfried holte bereitwillig den Trunk, der erschöpfte Mann tat einen tiefen Zug, hielt darauf den Krug in seinen gefalteten Händen und begann wehmütig sein Morgengebet. Gottfried sprach die Worte mit, dann schüttelte er in der Ecke das Stroh zum Lager zurecht, geleitete den Wunden zur Ruhestätte und sprach ihm leise Gebete vor, bis der Vater entschlief.

Als Winfried am späten Morgen zu dem Mönch zurückkehrte, fand er ihn mutiger auf seinem Stuhl sitzen. Gottfried hatte die Zelle gesäubert, einen kleinen Altar aufgerichtet und mit Fichtenzweigen und wohlriechendem Quendel umhangen. Da der Bischof eintrat, machte Memmo einen Versuch, sich zu erheben, Winfried aber drückte ihn sanft in den Stuhl zurück.

»Nicht als Arzt komme ich in dieser Stunde, der seinen Kranken zum Heilmittel nötigt, als dein alter Geselle setze ich mich zu dir, und ist dir's nicht zu beschwerlich, so bitte ich dich, mein Bruder, daß du mir wahrhaft verkündest, was du in diesem Volke Schweres geduldet hast, denn wahrlich nicht leicht war das Amt, das dir befohlen war, und ich finde dich nicht in fröhlicher Arbeit.«

»Gar nichts Günstiges kann ich dir sagen, ehrwürdiger Vater,« begann Memmo kleinlaut, »fünf Jahre habe ich hausgehalten unter diesem Geschlecht, wie Daniel in der Löwengrube; verhärtet sind ihre Herzen und trotzig ihr Mut, und der Beste unter ihnen hat Stunden, wo er sich gebärdet wie der üble Teufel aus der Hölle. Wenige gibt es, die da glauben, und sie glauben nur, wenn ihnen ein Bein verrenkt ist oder der böse Geist des Fiebers sie schüttelt, dann senden sie zu mir, daß ich vor ihnen bete, und schlagen emsig das Kreuz; den nächsten Tag aber schicken sie zu der Heidenfrau, welche Zauberkünste übt, und machen wieder das Hammerzeichen über ihren Leib. Sie fragen oft, ob unser Gott ihnen Sieg schaffen kann gegen die Slawen und Sachsen, dann möchten sie es wohl mit ihm versuchen. Er soll sich ihnen geloben wie ein Diener, aber sie wollen ihm nicht dasselbe tun.«

»Du kennst die Christen dieser Landschaft?« fragte Winfried ungeduldig, »denn dazu bist du hergesandt, wie die Schwalben ihre Boten voraussenden.«

»Wohl meine ich, daß ich sie kenne, soweit das Land reicht von der Saale bis zur Werra«, versetzte Memmo. »Und ich schrieb dir nach deinem Gebot die Namen einiger, welche Ansehen haben, und noch die treuesten sind. Von Priestern aber bin ich das einzige Lamm unter bellenden Wölfen. Denn andere gibt es noch, die sich Christenpriester nennen, aber sie sind reine Teufelsbraten, sie halten sich mehr als ein Weib, sie sitzen mit den Heiden beim Opferschmause, und die Pferdehäupter hängen neben ihren Kreuzen, sie wollen auch nichts wissen von unserem großen Vater in Rom. Vor alter Zeit ist diese Art ins Land gekommen, sie malen mit Farbe Zeichen in ihre Haut.«

»Schottische Wildkatzen«, rief Winfried zornig.

»Viel habe ich hier erduldet durch Schläge und durch Hohnreden«, fuhr Meginhard fort. »Das Ärgste aber geschah mir im letzten Jahr, als die Wenden ins Land fielen. Die Thüringe stellten sich ihnen entgegen unweit der Saale, und sie bedräuten mich und forderten von mir, da ich ihr Gast sei und ihren Frieden genieße, daß ich mit ihnen ziehe und als ein unkriegerischer Mann neben ihrer Schar auf dem Hügel stehe und Sieg für sie herabbete. Sie zogen mich fort und stellten mich auf, aber die Wenden wurden ihrer mächtig, erschlugen einen Haufen, brachen in die Dörfer, zündeten an und führten die Weiber und Kinder hinweg in Knechtschaft; auch mich fingen sie, mit Weiden wurde ich gebunden, und sie trieben uns wie eine Herde Schafe ostwärts in die Sklaverei. Jämmerlich war die Reise unter Heidenweibern und weinenden Kindern, wer niedersank und nicht mehr aufzustehen vermochte, der erhielt einen Keulenschlag und lag am Wege. Spärlich war auch die Reisekost, gleich Ebern bot man uns Brei im Troge. Zwei Tage und Nächte wanderten wir so den Angstpfad, bis wir die Dörfer der Wenden erblickten und die Stangen, an denen die Banner ihrer Häuptlinge hingen. Dort teilten sie uns in die Dörfer, ich aber mit einem Haufen wurde dem Sorben Ratiz zuteil, dem greulichen Manne, der sich diesseit der Saale seine Ringburg geschanzt hat. Die Heiden hielten ein großes Gelage, mich aber bestimmten sie zu jämmerlichem Tode, weil sie mein geschorenes Haupt sahen, und die Teufel spuckten mir auf den Scheitel. Gebunden lag ich und hoffnungslos, da trat Herr Ratiz in den Stall und fragte mich durch einen Mann, der ihn begleitete, von welchem Stamm und Männergeschlecht ich sei. Ich aber sagte ihm, daß ich ein Mönch sei und du der ehrwürdige Vater, dem ich mich gelobt habe zur Reise unter die Thüringe. Da erweichte der Herr sein Herz, daß er meine Bande lösen ließ und durch seinen Begleiter mir mit großer Heimlichkeit offenbarte, er wünsche Boten zu senden an den Gebieter der Franken im Westen und er wisse, daß du ein mächtiger und friedfertiger Mann seist und wohl ein Fürsprech werden könnest für sein Begehren. Und der verschlagene Wolf, der satt war von dem Morde in unserem Schafstall, behauptete, daß auch er den Frieden liebe; die Grenzgrafen der Franken aber seien räuberisch und blutdürstig. Und ich mußte ihm geloben, diese Botschaft dir zu bringen, so schnell ich könnte. So wurde ich erledigt, gespeist und gekleidet und bis in die Nähe unserer Dörfer geführt. Wie ich dir auch sogleich verkündet habe in meinem Briefe, den Hunibald, der Franke, auf seiner Fahrt nach Westen mit sich nahm.«

»Was du geschrieben hast, habe ich gelesen«, versetzte Winfried. »Unterdes ist der Wolf wieder hungrig geworden und aufs neue in das Land der Franken gebrochen. Hast du erkundet, was er vom Herrn Karl, der über die Franken herrscht, für sich begehrt? Denn Frieden halten mögen die Franken und die Slawen so wenig wie zwei Hamster in einer Grube.«

»Mich dünkt, er begehrt Geschenke und vielleicht das Land, das er sich geraubt hat.«

»Will er bekennen und den Werken des Teufels entsagen?« fragte Winfried.

»Eher beißt ein Fuchs in der Falle sich den Schwanz ab; in ihm ist nicht mehr Frömmigkeit als in einer hohlen Nuß.«

»Manche, die das Kreuz schlagen, sind ebenso leer«, versetzte Winfried. »Ist er ein kalter Heide, so mögen seine Kinder warme Christen werden. Jetzt aber sprich zu mir von einem anderen Mann, du kennst den Ingram, welchen die Heiden Ingraban nennen.«

»Nicht viel Gutes habe ich von ihm genossen, er ist einer von den Feinden des Kreuzes; dort oben haust er auf der Stätte, die sie den Rabenhof nennen, denn die schwarzen Heidenvögel nisten in den Bäumen und krächzen unholde Lieder. Er aber ist voran bei allem Streit und hält die Herzen der Jugend in seiner Hand. Während jener Schlacht sah ich, wie seine Gesellen ihn verwundet aus dem Kampfe trugen; und sie meinen, wäre er im Vorkampf geritten bis zum Ende, dann hätten die Slawen nicht obgesiegt.«

Winfried erhob sich und sah prüfend in die Ecken der Hütte. »Das Gesetz befiehlt, daß die Brüder zusammen hausen unter einem Dach, nicht ziemt mir, bei Fremden zu herbergen, wo ein Bruder sein Haus hat. Sorge mir hier ein Lager zu bereiten.«

Erschrocken vernahm Memmo diesen Entschluß. »Gering ist die Hütte, ehrwürdiger Vater, und das Dach ist schadhaft, der Regen läuft hinein, übel steht es auch mit der Kost; doch ich meine nicht,« verbesserte er sich, »daß dir daran gelegen ist. Und dann, ehrwürdiger Vater, verzeih, die kleinen Vögel, die ich bisher hielt, singen laut und sie schmeißen zuweilen unverschämt. Herr, befiehlst du, daß ich die Vögel fliegen lasse? Im kalten Winter sind sie zu mir geflogen, manche sind im Frühjahr in die Lüfte geflattert, einige haben ihr Nest gebaut zwischen den Sparren, sie haben die zweite Brut ausgebracht, und manchmal, wenn ich kleinmütig war, hat ihr Gezirp mich gefreut. Peccavi,« fuhr er fast weinend fort, »es ist Sünde, sein Herz an eine Kreatur zu hängen, aber Vater, sie kommen immer wieder, wenn ich ihnen nicht den Hals umdrehe; vor allen der Stieglitz, er ist der schönste Vogel in diesem Lande.«

Winfried hörte finster den Klagegesang des zuchtlosen Mönches. »Gib deinem Bruder nicht weniger gern die Nachtrast, als deinen Gespielen im Federkleid.«

»Fruchtlos war die Arbeit an den Herzen der Menschen,« fuhr Memmo traurig fort, »eher noch behielten die Vögel das heilige Wort. Jedes Jahr fing ich junge Raben und Elstern, lehrte sie das Kyrie eleison und ließ sie wieder fliegen. Im lichten Gehölz hier kannst du zuweilen ihre Stimme hören, wenn sie die heiligen Worte singen. Auch an dem Ingram meinte ich manche Unbill zu rächen, die er mir zugefügt, und ich setzte ihm meine jungen Raben auf seine Bäume, damit sie unter den Heidenvögeln den Herrn anrufen sollten, aber die andern Raben fuhren grimmig gegen sie und rauften ihnen die Federn, weil den wilden unser Gesang widerwärtig war. Und sie kamen zu mir zurück. Aber auch diese, die ich gezähmt hatte, ließen ihre Tücke nicht, sie fraßen mir meine kleinen Gesellen, und seit dem letzten harten Winter sind die Kleinen allein bei mir geblieben. Verzeihe mir, ehrwürdiger Vater.«

»Ich zürne dir nicht, mein Bruder,« versetzte Winfried, »da ich dich aussandte, wußte ich, daß du kein Säemann warst für steiniges Land, aber von freundlichem Herzen, und daß dich die Heiden hier, weil du wohlmeinend bist, vielleicht dulden würden. Wie ein Kundschafter, der in das gelobte Land gegangen ist, warst du mir. Jetzt bin ich selbst gekommen, dies Volk meinem Herrn zu unterwerfen.«

Durch das geöffnete Tor führte Gottfried ein bepacktes Pferd in den Hof, er band das Tier an den Pfosten, hob den Ledersack ab und trug ihn in die Hütte. Ein warmer Strahl von Liebe und Sorge fiel aus den Augen Winfrieds auf ihn. »Was sagte der Führer, der so unfreundlich von uns schied?«

»Kaum drang ich zu ihm,« klang die weiche Stimme des Mönches zurück, »die Knechte wiesen mich rauh fort, endlich bewegte meine Bitte doch einem das Herz, er führte mich an das Gehege, wo der Mann seine Rosse koppelte, gleich einem, der sie wegschaffen will. Ich sprach ihm deine Botschaft, er aber war ungeduldig zu hören: ›Nimmer hätte ich deinen Herrn geleitet, wäre ich seines Amtes kundig gewesen. Lohn für das Geleit begehre ich nicht, weder einen Armring noch Frankensilber; auch seine Dankbarkeit erfreut mich nicht, und guten Willen hat er von mir gar nicht zu erwarten, wenn er ihn in Zukunft fordern sollte.‹ So sprach er und stand vor mir wie Turnus, der finstere Held, von dem der Römer Virgilius meldet, daß er sich gegen den König Äneas erhebt.«

»Dein König Äneas, mein Sohn,« versetzte Winfried lächelnd, »hat gegen den Wilden keine anderen Waffen, als die redliche Meinung, ihm und anderen zu nützen. Du aber bete, daß uns das gelinge.« Winfried trat zum Tisch, löste die Riemen des Leders, nahm eine Holzkapsel heraus und übergab den Sack feierlich dem Priester. »Hüte ihn wie das Licht deiner Augen, Meginhard, er birgt heilige Gebeine, dazu Gewänder und Gefäße für die Kirche, welche wir hier bauen werden.« Während Memmo mit großen Augen auf den Bischof und wieder auf den Behälter der Kostbarkeiten sah, gab Winfried dem Jüngling einen Wink und verließ mit ihm die Hütte.

Mit starken Schritten eilte der Bischof dem Hügel zu, welcher sich vor dem Walde erhob, gefolgt von Gottfried, welcher das Roß führte. Auf der Höhe hielt Winfried an: »Schneller als ich meinte,« begann er mit bewegter Stimme, »ist die Stunde gekommen, wo ich dich auf rauhem Pfad zu den Heiden entsenden muß, du Kind meiner Schwester. Das Liebste will ich den Gefahren der Wildnis preisgeben, der Herr möge mir verzeihen, daß ich um den Boten in seinem Dienst ängstlich zage.«

»Vertraue mir, mein Vater«, bat Gottfried.

»Dem Sorben Ratiz sollst du Antwort sagen auf seine Frage an mich, du kennst die Frage und du kennst die Antwort.«

»Ich kenne sie, Vater.«

»Dem Heiden Ingram sollst du helfen, die Gefangenen zu lösen. Denn dich an diese Botschaft zu wagen, habe ich dem Himmelsherrn gelobt, als ich am Grabe des Franken kniete; aber jähzornig und unhold ist der Mann, den ich dir als Genossen werben will.« Winfried schritt wieder mit starken Schritten vorwärts, und hielt aufs neue: »Ich war ein Jüngling wie du, da trat ich einst in Angelland, unserer Heimat, an einen verfallenen Steinbau, den dort vor Jahrhunderten das Römervolk errichtet hatte. Denn in alter Zeit, bevor die Botschaft des Herrn zu den Landgenossen kam, waren die Völker gebändigt durch das große Reich der Römer, und fast überall hatten diese sich feste Burgen geschanzt. Damals sah ich, wie Krieger meines Stammes in den Steinen einen Haufen Weiber und Kinder zusammentrieben, die sie aus den Nachbardörfern geraubt hatten. Ich hörte die Peitschenschläge und das Gewimmer, und ich sah die Schwertstreiche, womit die Waffenlosen geschlachtet wurden; ich aber lag eine Höllennacht auf dem Römersteine.

»Denn die Mörder und die Gemordeten, beide rühmten sich Christen zu sein. Und ich erkannte mit Entsetzen, daß auch die Gotteslehre auf Erden ihre heilbringende Kraft verlor. Überall haderten die Bischöfe gegeneinander, einer schalt den anderen Irrlehrer, schlug ihn in das Angesicht oder zückte das Messer gegen ihn, aber kaum einer tat nach dem Gebot des Herrn; und wie die Hirten, so waren auch die Herden völlig verdorben, jede Sünde und Unzucht sah ich in geiler Blüte, die Heiden oft redlicher als die Christen. Ich meinte, daß ich wahnwitzig werden könnte über solche Erdennot, und ich flehte zu dem Himmelsherrn, dem ich mich gelobt hatte, um Rettung für die Menschheit aus unserem Elend. Da kam in mich die Botschaft des Heils, wie eine Feuerflamme fuhr sie mir durch die Glieder, daß ich in Schreck und Seligkeit hoch aufsprang. Denn mir wurde offenbart, was dem Menschenvolk Rettung bringt, eine neue Zucht für die Zuchtlosen und neue Vereinigung für die Verfeindeten. Geschwunden ist die Herrschaft der Römer, aber zu Rom wohnt jetzt der fromme Nachfolger der Apostel. Er soll werden zu einem oberen Richter aller Herzen und Gewissen, und soll auf der Erde walten als der große Häuptling des Himmelskönigs. Wir aber sollen ihm alle ebenso im Glauben dienen, wie den Königen und Häuptlingen in weltlichen Werken. Und mein ist das Amt, die Völker der Erde zu seinem Dienst zu führen, Friesen, Sachsen, Hessen, Thüringe, und wenn mir der Herr gnädig ist, auch die wilden Horden, welche sich Wenden nennen. Den Frieden meines Gottes will ich allen bringen. Damit der Glaube für die Völker der Erde heilkräftig werde, will ich sie lehren, daß ein einiger Gott über ihnen waltet, ein großer Wirt in der Himmelsburg, und hier auf Erden als sein Vogt der Bischof zu Rom, ehrwürdig und gewaltig über alle. Einheit der Lehre soll auf Erden sein, und Einheit im Gehorsam, damit auch Einheit in der Liebe werde. Darum habe ich gepredigt unter den Friesen und Hessen, darum bin ich selbst nach Rom gezogen und habe mich auf meinen Knien dem Papst in seine Hände gelobt als Mann meines Gottes, und darum wandere ich jetzt hier durch das Unkraut der wilden Täler allein mit dir, Knabe, denn austilgen will ich den Jammer der Welt und Heil allen verkünden, die jetzt im Elend sind. Solches hat mir unser Herr in jener Angstnacht geboten.«

Der Jüngling küßte ihm ehrfurchtsvoll die Hand. Winfried hielt sie fest und sprach ruhiger: »Du mein Liebling, der du die Jahre eines Knaben hast und den Sinn eines Weisen, du bist mir treu und wenig Gedanken gibt es, die ich dir verberge. Nicht die Heiden sind es, die mir die größte Not bereiten, größer ist die Arbeit, die ich habe, wo ich Hilfe erwarten könnte. Die Franken, welche sich Christen nennen, ihre Bischöfe, die zuchtlosen Frevler, von denen jeder mit allen anderen streitet, die sind, dünkt mich, die schlimmeren Wölfe. Ein würdiger Mann ist der Bischof zu Rom. Aber auch er sah mich zuerst an wie einen Unsinnigen, als ich vor ihn trat und ihm bekannte, daß er der höchste Herr werden müsse über den Glauben der Männererde, um uns alle zu retten. Viel Eigennutz gibt es dort und Gier nach weltlicher Herrschaft; aber der Herr, dem ich mich gelobt habe, wird mir helfen, daß ich den Unverstand der Großen überwinde wie den Trotz dieser langhaarigen Wilden. Darum folge auch du mir zu dem Heiden, mein Sohn, öffne die Ohren und vernimm auf dem Wege, was dir noch zu wissen not tut.«

Als sie die Höhe erreichten, auf welcher der Rabenhof lag, stob ihnen eine Koppel wilder Rosse entgegen, auf dem einen saß Ingram, auf einem anderen sein Diener. Winfried trat in den Weg, daß das Roß Ingrams bäumte, und der erhitzte Reiter, als er es kraftvoll bändigte, dicht vor dem Bischof hielt. »Was kommst du selbst mich aufzuhalten?« rief Ingram zornig, »unselig war die Stunde, wo ich dir Dienst gelobte.«

»Wer auf eine Reise ausfährt, wie die deine,« antwortete Winfried, »der handelt nicht weise, mit einer Verwünschung die Fahrt zu beginnen.«

»Deinen Segen begehre ich nicht, Christ, besseren Schutz weiß ich mir zu gewinnen, als dein Zeichen gibt.«

»Und doch vertrauen manche im Sorbendorfe, denen der Weidenring die Hände zusammenschnürt, auf das heilige Zeichen, welches du töricht mißachtest. Schmähst du den Himmelsgott, zu dem die Christen flehen, vor deiner Reise, so wahre dich, daß deine Fahrt nicht fruchtlos sei.«

Der Reiter wollte sein Roß antreiben, jetzt hielt er still und sah finster vor sich hin. »Bändige dein heißes Blut,« fuhr Winfried mit Würde fort, »bedächtiger Rat dient vor schneller Tat. Bin ich dir auch unwillkommen, so verachte doch nicht meine Worte; steige ab, Ingram, wenn du in Wahrheit das Weib lösen willst.«

So nachdrücklich war die Mahnung, daß der Thüring sich vom Pferde schwang und seinem Knechte die Zügel zuwarf.

»Mache kurz, was du mir zu sagen hast, Fremder, denn der Boden brennt mir unter den Füßen.« Winfried führte den Ungeduldigen einige Schritt abseits. »Beantworte mir eine Frage, wenn du willst, die ich wohlmeinend tue und in großer Sorge um die Gefangenen. Führst du mit dir, was dir von dem Ratiz zur Lösung dienen kann? Oder hoffst du, daß es dir gelingen wird, die Weiber und Kinder aus dem Sorbenlager zu rauben?«

Mit zuckendem Antlitz antwortete Ingram: »Wer dem Lager des Räubers naht, greift das Geraubte, wie er kann. Vermag ich unerkannt einzudringen, so suche ich sie heimlich zu entführen.«

»Du sagtest mir, ihr Thüringe habt den Sorben Frieden gelobt.«

»Nicht ich, auf dem Lager lag ich mit blutigem Leibe.«

»Aber die Alten haben ihn gelobt, auch für dich.«

»Gebrochen ist der Eid durch jenen, als er meinen Gastfreund erschlug. Wer mag mich schelten, wenn ich den befreundeten Mann räche?«

»Dein Volk wird fragen, ob du von der Freundschaft des Toten bist, du aus dem Land der Thüringe, er ein Franke.«

Ingram schwieg.

»Und wenn die Grenzwächter der Sorben dich erspähen? Sicher sind sie des Grenzbrauches kundig und sorgen jetzt um eine Rachefahrt der Franken. Darum meine ich, auch dir ist nicht verborgen, daß du nur in Frieden die Gefangenen lösen kannst.«

»So magst du wissen,« versetzte Ingram finster, »was ich ungern bekenne, daß ich mir Lösegeld suchen will durch Verkauf der Rosse, die du hier siehst; einige darunter sind wohl wert den Sattel eines Königs zu tragen. Unsicher ist, ob der Ratiz selbst die Rosse nimmt, denn voll von Hufen ist, wie ich fürchte, das Lager der Diebe seit ihrem letzten Zuge. Deshalb will ich die Rosse jetzt an die Erfesfurt treiben, wo der große Markt meines Volkes ist, ob ich Armringe oder fränkisches Silber dafür einhandle. Doch mißlich ist ein Verkauf in der Not. Das ist die Sorge, die mich ängstigt.«

»Und gibt es anderen Kaufpreis, der dir den Willen des Slawen bezwingt?«

»Rotes Gold der Zwerge und Silber, das der Schmied künstlich geschlagen hat«, versetzte Ingram schnell. »Ihm kann der niedrige Mann nicht widerstehen. Aber solch Königsgut hat der Thüring nicht.«

Winfried zog die Kapsel hervor und drehte sie auf, einen großen Becher hob er heraus, von außen Silber, von innen Gold, mit einem Kranz von Weinlaub und erhöhten Menschenbildern daran, ein wundervolles Stück Arbeit. »Aus dem Schatz eines Königs stammt es und von einem königlichen Mann ist es in meine Hand gelegt. Meinst du, daß dies Stück uns die Kinder lösen wird?«

»Nie sah ich solch ein Werk von Menschenhand,« rief der Thüring mit leuchtenden Augen, »silbern sind die Kinder und nackt, sie wandeln um den Becher als ob sie lebten.« Und gehaltener setzte er hinzu, sich seiner Neugier schämend: »So großes Schatzstück löst viel.«

»Dann sei der Tag gesegnet,« rief Winfried, »wo ich den Becher empfing.«

Aber wieder fuhr ein dunkler Schatten über das Gesicht des jungen Kriegers, und das Gefäß stolz zurückgebend rief er: »Fahre hin mit deinem Becher, du schlauer Fremdling«, und wandte sich den Rossen zu.

Doch Winfried hielt seinen Arm. »Meine nicht, Ingram, daß ich deine Gunst erkaufen will durch Silber und Gold. Du hast dich ja selbst geweigert, Führerlohn zu empfangen. Wärest du von den Kindern des großen Gottes, dann dürfte ich dir das Schmiedewerk zu christlicher Tat schenken. Du aber hast deine wilde Begier mir verraten. Nicht als deine Sklavin darfst du das Frankenweib heimführen in dein Haus, ihr selbst und ihrem Geschlechte schenke ich den Becher, und rettet er sie aus der Gefangenschaft, so kehrt sie wieder als eine Freie, sie und andere, die du zu lösen vermagst. So ist meine Meinung. Dich aber bitte ich um der Gebundenen willen, daß du für sie alle den Handel vollendest und sie darauf herführst in den Schutz, den sie sich selbst begehren.«

»Dein soll die Ehre sein, und nicht mein«, rief Ingram heftig.

»Nicht du, nicht ich spenden den Kaufpreis, ich selbst besitze weniger als der ärmste deiner Landgenossen, ich bin nur ein Bote des Christengottes und seinem Schatz gehört dies Silber.«

Scheu sah der Krieger auf das blinkende Metall. »Birg es in seinem Holze, denn sehr fürchte ich, daß ein übler Zauber in solcher Gabe sei.«

»Auch rate ich nicht, daß du selbst diesen Kaufpreis trägst,« fuhr Winfried fort, »denn auch ich habe einen Boten zum Ratiz zu senden in Geschäften des Frankenkönigs, meinen jungen Bruder Gottfried. Du aber wirst der Sprecher sein um den Loskauf, und ich bitte dich, daß du dem Jüngling gestattest, mit dir zu reiten, und daß du selbst mir gelobst, treu um ihn zu sorgen.«

»Rauh ist der Weg zu dem Dorfe des Ratiz, schnell muß die Fahrt sein, und nicht gefahrlos ist rascher Botenlauf in den Bergen, wie mag ich den Knaben davor bewahren?«

»Du hast seine Kraft versucht, und du hast ihn nicht schwach gefunden.« Der Krieger sah auf Gottfried hinüber, der das Roß des Bischofs am Zügel hielt, und sein Antlitz wurde freundlicher. Er überlegte. »Ich erkenne,« sagte er endlich, »daß du wie ein Herr meinen Willen richten willst. Nicht weiß ich, ob es zu meinem Heil ist, wenn ich nach deinem Verlangen tue, und wäre es um meinetwillen, ich täte es nicht. Aber ein Weib sehe ich sitzen mit gerungenen Händen in der Sklaverei.« Er fuhr heftig auf und rief: »Ich gelobe den Knaben zu halten wie einen aus meiner Freundschaft«, und legte seine Hand in die des Bischofes, dann eilte er zu seiner Koppel, gab seinen Männern Befehle und ließ die ledigen Rosse nach dem Hofe zurückführen. Unterdes sprach Winfried leise zu dem Jüngling, faltete die Hände über dem Haupte, und tiefer Schmerz zuckte in seinem Gesicht, als er den Reisesegen über ihn sprach.

»Heran, Jüngling,« rief Ingram, seinen Wurfspeer schwingend, »viel Zeit ward verloren in dem Streit der Worte, laß den Hufschlag klingen zur Reise ins Slawenland.« Prüfend sah er noch einmal auf das Roß und den friedlichen Reiter, ihm gefiel, daß der Jüngling fest im Sattel saß, und er nickte ihm grüßend zu. Laut rief er sein Hara, und Rosse und Reiter stoben abwärts dem Waldweg zu. Winfried sah den Flüchtigen nach und hob die Hände zum Himmel.

In der Hütte stand Memmo lange Zeit vor dem Ledersack, bekreuzte und verneigte sich und trug ihn in eine Ecke, er legte sorgfältig Stroh darüber und setzte sich in tiefen Gedanken davor. Zuweilen schüttelte er den Kopf: »Wer soll die Kirche bauen? er und ich. Und wer soll den Taufstein aus dem Felsen hauen? wieder ich. Viele Hammerschläge werden diese Arme tun, und der Rücken wird sich beugen unter der Last der Balken. Wer aber wird eingehen in den Hof der Täuflinge? Niemand als die Schwalben aus der Luft und die Mäuse vom Felde; bis an einem wilden Tage das Heidenvolk heranspringt und mit seinen Schwertern die Kreuze auf unsere Schädel schlägt. Von heut bin ich ein fremder Gast in meinem Hause; aber es steht geschrieben: eures Bleibens ist nicht hienieden, und der Mensch ist wie Heu.« Da knarrte das Hoftor, und ein rotes Gesicht sah zum Fenster herein. »Alle guten Geister! das ist Frau Godelind. Hinweg, Weib«, rief er heftig, ohne sich von seinem Platze zu bewegen. »Ich kenne dich nicht!«

»Übel seid Ihr verwandelt,« rief das Weib zornig hinein, »welcher Zauber hat Euch den Sinn betört?«

»Hinweg, Godelind!« rief Memmo mit strengem Ton, »wenn dich der Bischof sieht, bist du verloren; du stehst unter dem Kreuz, und er hat Macht über dich.«

»So viel gebe ich auf euren Bischof,« rief Godelind, einen Strohhalm nach dem Priester werfend, »und so viel auf Euch, der Ihr nichts seid als ein Feigling. Ist das mein Lohn für treue Pflege und für alle Dienste, die ich Euch bei Tag und Nacht getan, daß Ihr mich von einem Fremden aus dem Hause weisen laßt?«

»Wenig nutzt es, über Vergangenes zu klagen,« versetzte Memmo aus seiner Tiefe, »ich sage mich los von dir für alle Zukunft. Suche Obdach bei deiner Base und behalte das Slawenmädchen, nur höre, daß du das arme Ding nicht mißhandelst; nimm meinetwegen auch das Ferkel im Stall, es muß dahingehen mit dem anderen, aber schweige und entferne dich, denn ich bin in tiefer Betrachtung, und lästig ist mir dein Geschwätz. Verwandelt hat mich diese Nacht, und mich reut's, daß dein Fuß je meine Schwelle betrat.«

»Du feiger Mann,« rief Godelind in hellem Zorn, »manchmal noch soll dich reuen, daß du die Dienerin von dir weisest, und ich will lachen, wenn ich an den Toren denke, der am kalten Herde Wasser vom Bache trinkt und ungekochte Bohnen kaut.« Ihr Gesicht verschwand aus der Öffnung, und gleich nachher erscholl mißtönendes Gequiek aus dem Stalle. »Da führt sie hin,« seufzte Memmo, »was der Schatz meines Hauses war«, und er senkte ergeben das Haupt, bis sich der Stieglitz darauf setzte und von dem kahlen Scheitel fröhlich sein Lied zwitscherte. Memmo hob leise die Hand, der Vogel flatterte herab, und der Mönch küßte ihm seinen roten Kopf.

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