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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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Ingraban

1. Im Jahr 724

Auf dem Waldwege, der vom Main nordwärts in das Hügelland der Franken und Thüringe führt, zogen an einem heißen Sommertage drei Reiter schweigend dahin. Der erste war der Führer, ein junger Mann von starken Gliedern; das lange Haar hing ihm wild um das Haupt, die blauen Augen waren in unaufhörlicher Bewegung und spähten nach beiden Seiten des Weges in den Wald. Er trug eine verschossene Lederkappe, über der braunen Jacke eine große Tasche mit Reisevorrat, in der Hand den Wurfspeer, auf dem Rücken Bogen und Jagdköcher, an der Seite ein langes Weidmesser, am Sattel seines Rosses eine schwere Waldaxt. Einige Schritte hinter ihm ritt ein breitschultriger Mann in den Jahren seiner besten Kraft, mit großem Haupt, die mächtige Stirn und die blitzenden Augen gaben ihm das Aussehen eines Kriegers. Aber er trug sich nicht wie ein Mann des Schwertes, das kurz geschorene Haar deckte ein sächsischer Strohhut, an dem langen Gewande war nicht Wehrgehenk, nicht Waffe sichtbar, nur die Axt, welche jeder Reisende in der Wildnis führte, steckte im Sattel; nach dem großen Ledersack, der vor ihm über dem Sattel befestigt war, mochte man ihn für einen Händler halten. Ihm zur Seite trabte ein Jüngling in gleicher Tracht und Ausrüstung, der auch auf dem Rücken ein Bündel trug und in der Hand einen Baumzweig, mit dem er sein Rößlein antrieb. Daß der Führer die Reisenden nicht als gewaltige Leute achtete, war durch sein Benehmen deutlich, denn er trug sein Haupt hoch, so oft er auf eine Frage des älteren Mannes kurze Antwort gab, und er sah nur zuweilen, wenn der Weg steil aufwärts ging, oder die beiden weit zurückblieben, mit düsterm Blick hinter sich und wandte die Augen schnell wieder ab, wie von unholden Gesellen. Durch Sand und über Steinblöcke zog sich der rauhe Pfad zwischen alten Kieferstämmen von einer Erdwelle zur anderen; auf dem braunen Grunde wuchs wenig anderes als Wolfsmilch, Heidekraut und dunkle Waldbeeren. Es war still im Walde, nur die Krähen schrien über den Wipfeln, die heiße Luft war mit Harzgeruch erfüllt und kein Windeshauch kühlte die erhitzten Wangen. Als der Weg einmal steil aufwärts ging, sprang der Jüngling ab, pflückte am Wege einen Strauß Beeren und bot ihn dem Reiter. Dieser dankte mit einem freundlichen Blick und begann in lateinischer Sprache: »Siehst du ein Ende des Waldes? Unsere Rosse ermüden, die Sonne neigt zur Rast.«

»Stamm hinter Stamm, mein Vater, und kein Lichtstrahl vor uns im Holze.«

»Du bist an die rauhen Pfade nicht gewöhnt, Gottfried,« fuhr der Ältere bedauernd fort, »ungern nahm ich dich in das wilde Land und ich bin unzufrieden, daß ich deiner Bitte nachgab.«

»Ich aber bin glücklich, mein Vater,« versetzte der Jüngling mit frohem Lächeln, »daß ich dich begleiten darf als dein unwürdiger Diener.«

»Die Jugend freut sich stets der Wanderschaft«, sprach der Reiter. »Sieh unsern Führer, ihn kümmert die Tagesglut wenig, er ist ein kraftvoller Wildling, der des Pfropfreises harrt.«

»Unfreundlich hält er sich gegen uns, mein Vater.«

»Ist er auch unwirsch, warum sollte er unehrlich sein? Er hat der Frau Hildegard und mir selbst in die Hand gelobt, uns sicher über die Berge zu führen und er sieht nicht aus wie ein Schächer. Doch wäre er's auch, einer ist stärker in der Wildnis als er.« Er neigte das Haupt. »Merke, er hat gefunden, was ihm die Reise stört.«

Die Haltung des Führers war verwandelt, hochaufgerichtet saß er im Sattel mit gehobenem Speer wie zum Ansprung bereit.

Der Fremde ritt zu dem Führer: »Dein Name ist Ingram, wie ich vernahm.«

»Ingraban der Thüring bin ich,« versetzte der Reiter, stolz die Worte des anderen bestätigend, »und dies ist der Rabe, mein Roß«; er rührte an den Hals des edlen Tieres, das von Farbe schwarz war, wie sein geflügelter Namensbruder, und unter der Hand des Reiters wiehernd das Haupt erhob.

»Ich erkenne, wohlbekannt sind dir die Reisepfade auch fern von deiner Heimat.«

»Oft ritt ich als Bote meiner Landgenossen zu dem Frankengrafen über den Main.«

»So ist dir auch Frau Hildegard, die Grafenwitwe, von früher her zugetan.«

»Ich stritt in der Schar ihres Eheherrn, als ihn die Wenden erlegten. Eine gute Frau ist Hildegard, da sie meinen kranken Knecht in Pflege nahm.«

»Am Lager des Kranken fand ich dich, und ich bin froh, daß ich solch sicheren Führer gewann. Was hemmt dir jetzt die Reise?«

Die Hand des Führers wies auf eine Spur im Sande. – »Hier lief eine Herde wilder Rosse«, sagte der Fremde, auf die Spur blickend.

»Reiter waren es, mehr als drei, und feindselig wird ihr Gruß, wenn sie uns treffen«, antwortete der Führer.

»Woher weißt du, daß es Feinde sind?«

»Hofft in deinem Lande ein Wanderer in der Wildnis auf ehrlichen Gruß?« fragte der Führer zurück. »Die hier gezogen sind, waren Krieger, welche mit fremder Zunge reden, von dem Wendenvolk an der Saale, das man die Sorben nennt; weit schweifen sie auf ihren Pferden nach Jagdbeute und Herdenvieh. Dort liegt ihr Zeichen«, er berührte mit dem Speer einen kurzen Rohrpfeil mit Steinspitze. »Sie haben unseren Weg gekreuzt nach dem letzten Regen.«

»Und hoffst du uns verborgen vor den Fremden über die Berge zu führen?«

»Habt ihr den Mut, so habe ich den Willen. Manchen Stieg über die Waldhügel weiß ich, den ihre Haufen meiden; doch rate ich, haltet euch schweigsam und nahe an meinem Roß.«

Vorsichtiger ritten die Fremden dicht hinter dem Führer.

Der Saumpfad senkte sich in ein stilles Waldtal, führte durch sumpfigen Grund und das Bett eines Baches und stieg auf der anderen Seite wieder in den Wald. Zwischen hohen Buchenstämmen zogen sie behaglicher dahin auf grünem Moosgrunde, welchen die schrägen Sonnenstrahlen vergoldeten. Und wieder senkte sich der Pfad in ein weites Tal. Am Waldesrand hielt der Führer an. »Dies ist das Idistal,« sagte er, das Haupt zum Gruße neigend, »und dort rinnt der Idisbach nach dem Main.« Durch hohes Wiesengras leitete er zu einer Furt des Baches, von da trabten sie eine Hügelreihe entlang nordwärts. Einsam und menschenleer lag das blühende Tal. Einigemal kamen die Reisenden über altes Ackerland, noch waren die Beetfurchen sichtbar, aber Schlehdorn und stachliger Ginster standen dicht wie eine Hecke darauf, und die Pferde hatten Mühe durchzudringen. Der Fremde sah mit Teilnahme auf die zerstörte Kultur. »Hier haben einst fleißige Hände gebaut«, sagte er bedauernd. »Seit Menschengedenken liegt die Stätte wüst«, antwortete der Führer gleichgültig. Weiter oben wies er auf eine Erdhöhe: »Auch dort stand ein Hof, aber die Wenden haben ihn verbrannt, da ich ein Knabe war. Das wilde Kraut schießt seit zwanzig Sommern in die Höhe. Sorgst du um gebrochene Höfe, so magst du hier viele finden. Über dem Bach haben vorzeiten die Avaren gelagert, braunhäutige Männer mit schrägen Augen, sie tragen, wie die Alten erzählen, geflochtene Zöpfe um das Haupt und sind ein mächtiges Ostvolk, aber grausame Mordbrenner. Dort drüben lag, wie die Sage meldet, eine große Zahl Höfe an einem geweihten Wald von solchen Bäumen, die wir Ahorn nennen, jetzt stehen nur noch wenige der alten Stämme, die Avaren haben sie niedergebrannt, und wo die Höfe waren, ist Wustung. Aber das ist lange her, es wäre mühsam, den Jahrwuchs der Fichten zu zählen, welche darüber ragen. Überall, wo du hier Dornen und Kletten siehst, stand einst ein Bau, mancher ist zur Zeit der Väter, mancher im Gedächtnis Lebender zerrissen, mehre in den letzten Jahren, es dauern nur hier und da einige.«

Da der Fremde schwieg, wies der Führer auf den Himmel, über den sich das Abendrot breitete, und ritt aus dem Talpfad einen schmalen Weg bergauf. Die Rosse der Reisenden klommen mühsam nach durch dichtes Holz bis auf eine Berghöhe. Der Gipfel war ein unebener Raum, baumlos, mit niedrigem Buschwerk und wilden Blumen bewachsen. Nur eine mächtige Esche erhob sich in der Mitte aus dem niedrigen Kraut. Die Reiter sahen von drei Seiten weit über die Hügel, südwärts bis über den Main, nach Norden auf die blauen Berge der Thüringe, geradeaus in eine weite Talebene, die von hochgeschwungenen Hügeln eingefaßt war. Hinter ihnen dehnte sich eine Bergleite, von dem vorderen Gipfel durch Erdhaufen und Senkungen getrennt, welche aussahen wie ein alter Wall und Graben. Der Führer sprang vom Rosse und neigte sich tief gegen den Eschenbaum, dann trat er an den Rand des Gipfels und sah forschend in das Tal und den Saum der Wälder entlang. Und wieder wandte er sich der Esche zu und sprach ehrfürchtig: »Hier ist der Idisberg und dies ist der heilige Baum der hohen Schicksalsfrauen. Schutz vor schädlichen Gewalten hat die Stelle und darum habe ich euch hierher geführt.«

»Als ein kundiger Führer hast du dich erwiesen«, versetzte der Fremde, die gute Lagerstätte überschauend. Er stieg ab und löste selbst die Ledersäcke vom Sattel der Rosse. »Sicher weißt du auch einen Quell in der Nähe.« Der Führer ergriff die Zügel der Pferde. »Gebiete deinem Knaben, daß er die Flaschen trage und mir helfe den Zaun zu richten«, sagte er und führte die Tiere auf die Bergleite zu etwa hundert Schritt hinab, wo ein Quell aus einer bemoosten Einfassung von Stein talab rann. Dort pflöckte er die Rosse an, damit sie weideten, hob die schwere Axt und winkte dem Jüngling, daß er ihm nach dem Wald folge.

Als der Fremde sich auf dem Gipfel allein sah, umschritt er betend mit gebeugtem Haupte den Raum, in welchem die Esche stand. Darauf untersuchte er sorgfältig die Stelle, als ein Mann, der die Zeichen der Natur zu deuten wußte, und stieß mit dem Fuß unter eine knorrige Wurzel des Baumes, welche hoch über dem Boden ragte; er fand lockeren Grund, fuhr mit dem Stiel der Axt hinein und hob mit Anstrengung einen Stein heraus, über den die Wurzel gewachsen war; ihre Ausläufer waren in ein Loch des Steines gedrungen und hatten den Stein gesprengt. Verwundert sah der Mann auf das regelmäßig gebohrte Loch. Dann nahm er ehrfürchtig den Ledersack, schob ihn an die Stelle des Steins und über sein Gesicht flog ein Lächeln. »Haust ein Unhold in diesem Baum, so soll ihm der geborgene Schatz Not bereiten.« Noch einmal schaute er prüfend auf den unebenen Boden ringsumher und auf das üppige Grün, welches daraus geschossen war, dann zog er aus der Tasche seines Gewandes ein kleines Buch, setzte sich, daß das Abendlicht darauf fiel, öffnete die Schließen und las in dem Pergament. Er hörte das Dröhnen eines Holzschlägels und merkte, wie der Führer sich anschickte, weiter abwärts den Nachtzaun zusammenzuschlagen. »Hierher, Ingram«, rief der Fremde befehlend hinunter. Der Führer schüttelte mit dem Haupt und schlug weiter. Da trat der Fremde näher und gebot: »Trag die Pfähle herauf, wir rasten am Baum.«

»Das geht nimmer an«, versetzte der Führer.

»Und warum nicht, wenn ich es will?«

»Soll der Feuerschein auf der Höhe den fremden Spähern dein Lager künden?«

»Die Nacht ist warm, gern entbehren wir die Flamme, auch ein Krieger wie du behilft sich wohl ohne Kochherd.«

Ingram stand unbeweglich und sah finster auf den Fremden.

»Wer du auch sonst bist,« fuhr dieser fort, »für diese Reise hast du dich mir gelobt um guten Sold, und ich bin der Herr unserer Fahrt. Willst du nicht nach meinem Willen tun, so ziehe deinen Weg, ich suche meinen Pfad ohne dich.«

»Ungern diene ich dir,« antwortete der Führer heftig, »und nur, weil eine, die mir Gutes tat, mich geworben hat; und wenn ich frei bin von meinem Wort und du ein Schwert zu führen weißt, so will ich lieber dein Feind sein als dein Freund, das magst du wissen, Fremder. Jenen Baum aber habe nicht ich zu scheuen, sondern du, denn weitbekannt ist er im Lande und um ihn schweben seit der Urzeit hohe Gewalten, welche dir Feind sind und nicht mir.«

»Ob sie mir Feind sind, will ich dir zeigen, wenn du mir folgst«, antwortete der Fremde und schritt dem Baume zu. Er hob seine Axt und rief: »Haben sie Grimm, so mögen sie zürnen, haben sie Macht, so mögen sie mich treffen wie ich diesen Stamm.« Und mit starkem Schwunge schlug er die Axt in den Baum. Der Führer trat zurück, griff nach seiner Waffe und starrte nach der Höhe, ob von dort ein Götterzeichen den Frevler treffe; aber alles blieb still, nur ein trockener Zweig mit Eschensamen fiel herab. »Sieh her,« rief der Fremde, auf das Samenbündel weisend, »das ist der Zorn deiner Gewaltigen. Der Baum, vor dem du zagst, war einst ein flatterndes Samenkorn wie dieses hier, aus einem winzigen Kern ist er gewachsen. Wo hausten die Gewaltigen, welche du fürchtest, als der Baum noch ein Samenkorn war? Meinst du, der Baum hat gestanden von Anfang der Menschenerde? Merke, unter seinen Wurzeln fand ich diesen Stein, rissig und gesprengt durch die Kraft des Baumes. Betrachte den Stein, es ist ein Mühlstein, wie ihn die Weiber drehen, um das Getreide zu mahlen. Bevor die Esche war, hat hier ein Hauswesen lebender Menschen gestanden. Geringe Ehre verdienen die Götter, welche erst dann in der Esche mächtig wurden, als die Menschen gestorben waren, die vor dem Baume hier hausten. Der Herr aber, welchem ich diene, ist der Gott, welcher Himmel und Erde gemacht hat, er allein ist ewig und allmächtig von der Urzeit und wird ewig und allmächtig sein, wenn der letzte Span dieses Baumes aus der Welt geschwunden ist.«

Der Führer kauerte zu dem zerbrochenen Stein nieder und sah in die Öffnung, auf das Wurzelstück und auf Reste von Holzkohlen, welche an dem Sandstein hafteten. Das Haar hing ihm über das Gesicht und seine Brust hob sich in heftigen Atemzügen. »Stand ein Haus hier, so hat es gebrannt«, sprach er endlich leise vor sich hin. »Da ich klein war, sagten sie mir, daß meine Vorfahren auf dem Berge gesiedelt haben. Alte Leute haben einen Sang davon gewußt, der Sänger, den die Wenden erschlugen, war dieses Liedes kundig.«

Der Fremde berührte ihm die Schulter. »Die Nacht steigt herauf, im Walde heulen die Wölfe, hole die Pfähle, Ingram.«

Der Führer erhob sich. »Hierher führte ich dich,« sprach er bitter, »damit ich dir meinen Eid halte und du sicher seiest in der Nähe einer hohen Herrin, die ich mir günstig weiß. Du aber störst der Göttin den Frieden durch deine Axt und du verstörst mich durch schwere Gedanken, die du mir in das Herz senkest. Hast du Macht, Vergangenes zu wissen und ohne den Schutz der Überirdischen zu dauern, so bereite dir selbst die Nachtrast, wo du magst, ich helfe dir nicht.«

Der Fremde ergriff schweigend einen der Pfähle, welche der Jüngling unterdes herzugetragen hatte, und hob den Schlägel. Wuchtig fielen die Hiebe auf die Pfahlköpfe, Gottfried bot die Hölzer und flocht Zweige zwischen die Stäbe, bis rings um den Baumstamm ein Zaun gerichtet war, der die Rosse und Männer eng einzuschließen vermochte. Gottfried führte die Pferde der beiden Reisenden in den Zaun, der Fremde aber trat, als alles vollendet war, zum Führer und sprach freundlich: »Auch für dich und dein Tier ist Raum in unserm Frieden.«

»Ich und mein Roß begehren deines Schutzes nicht«, antwortete Ingram abweisend. Er hob den Mühlstein von seiner Stelle und trug ihn an den Rand des Gipfels weitab von den Fremden, dann sprang er zum Quell, löste seinem Roß die Beinfessel und führte es zu dem Steine, dort lagerte er neben seinem Tiere und schob den Stein unter sein Haupt.

In der Umzäunung band Gottfried zwei Holzstäbe zu einem Kreuz zusammen, küßte den Stab und übergab ihn ehrfurchtsvoll dem Fremden, dieser steckte ihn zu der Wurzel des Baumes, welche seinen Schatz bedeckte. Beide knieten nieder und erhoben den lateinischen Abendgesang, mit mächtiger Stimme sang der ältere die feierliche Weise, der Jüngling respondierte. Die melodischen Klänge tönten von der nahen Bergwand zurück und kämpften mit den wilden Stimmen der Nacht, welche kreischend und heulend aus dem Walde schallten. Der Führer erhob sich, da der Gesang begann, aber die vollen Töne der bewegten Menschenstimme bändigten ihm die Hast, er blieb abgewandt sitzen und starrte in den gelben Schein am Rande des Himmels.

Als der Gesang beendigt war, setzte sich der Fremde neben die Wurzel und schob die Tasche seinem Begleiter zu. »Iß,« sagte er befehlend auf die abwehrende Bewegung des Jünglings, »du bist der Wanderschaft ungewohnt, der Herr begehrt jetzt auch die Kraft deines Leibes.« Gehorsam nahm der Jüngling wenige Bissen, dann legte er sich zu den Füßen des Fremden nieder, der sorglich seinen Mantel über ihn deckte. Es wurde still in dem kleinen Gehege. Das letzte Abendlicht schwand in bleichem Schein, der langsam nach Norden zog, zuweilen rauschte der Nachtwind in den Blättern und die Eule schrie ihren Klageruf über den Wanderern; nur aus dem Walde tönten ferner und näher die Tierstimmen, dann hoben sich die müden Rosse vom Boden und schnoben ängstlich mit den Nüstern. Der Fremde saß unbeweglich, die Hände gefaltet; wenn es im Baume rauschte, sah er wie erwartend in die Äste und nach dem Himmel, über welchem sich tiefe Finsternis breitete.

Unterdes starrte der Führer hinunter in die Tiefe, wo über dem Bach im Dämmerschein der weiße Wasserdampf hinzog. »Ich schaue, wie sie dahinschweben über der Flut,« murmelte er leise, »gehüllt in weiße Gewande schaffen sie um das Wasser, sie sinnen Hilfe und Heil ihrem Getreuen, sie verhüllen seinen Pfad vor dem Verfolger, sie lösen ihn aus den Banden der Feinde; manchmal, wenn ich unter der Esche lag, hörte ich ihren Gesang in der Tiefe. Meine Väter sind hierher gewandert in schweren Tagen und haben Hilfe erfleht von den weißen Frauen. Und ich habe vernommen, daß sie die Schutzfrauen meines Geschlechts gewesen sind seit der Urzeit. Jetzt ängstigt mich der Mühlstein, den der fremde Mann mit seinem Zauber heraufgeholt hat unter dem Baume, was mir das Zeichen bedeute. Die Baumwurzel fuhr durch den Stein, uralt ist der Stein, wie der Fremde sagt, und er ist älter als der Götterbaum. Und bevor der Baum war, und die Götter walteten, lebten schon meine Ahnen. Welches war der Gott, der sie damals gnädig beschirmt hat? Längst ist Glück und Sieg von meinem Geschlechte gewichen. Den Großvater erschlugen die braunen Avaren, den Vater tötete ein Wende, da ich noch klein war, und die Mutter starb in Trauer. Überall ist jetzt geschwunden die Freude der Erde. Selten nur sinnen die Götter gutes Glück meinem Volke und ein fremder Gott zieht in die Täler. Das Haus ist verbrannt, das einst auf der Höhe stand und das Glück meines Geschlechtes ist verbrannt. Und mir wird das Herz kummervoll. Jene dort beten in fremder Weise und sie haben ein starkes Vertrauen zu ihrem Gott. Sind sie Toren, so mögen unsere Götter ihre Macht an ihnen erweisen.« Im Rücken des Betenden zuckte ein Blitz, der Donner rollte. Ingram rief seinen Kriegsruf. »Wohl mir, ich höre das Dröhnen seines Wagens, er kommt, die Frevel der Fremden zu rächen.« Er warf sich auf die Erde und verhüllte sein Haupt.

Der Wetterwind schüttelte die Äste des Baumes und warf Blätter und Zweige auf die Reisenden. Diese aber erhoben noch einmal frommen Gesang, und unter Donner und rauschendem Regen klang es durch die Stille der Nacht wie ein Siegeslied über das Toben der Natur. Erst nachdem das Wetter hinter die Berge gezogen war, verstummte der Sang, und wieder ward es still im Gehege, nur die Regentropfen schlugen leise auf die Baumblätter. So verging die Nacht, beim ersten Morgengrau hob sich eine dunkle Gestalt vor dem Zaun, und der Führer sah spähend nach dem Fremden.

»Windig war dein Nachtlager unter freiem Himmel,« begann der Fremde, »deine Esche gab uns Schutz vor dem Sturm, nicht vor dem Wasser der Wolken. Bist du der Kunst mächtig, ein Feuer auf dem nassen Boden zu entzünden, so würdest du meinem Knaben und dir selbst guten Dienst leisten; wo nicht, so laß uns aufbrechen, damit Wärme in die Glieder meines Gefährten komme.«

»Es ist weite Tagfahrt bis in den Bergwald der Thüringe,« versetzte der Führer, »und Zeitverlust möchte Unheil schaffen.« Er befühlte neugierig den Mantel des Fremden. »Du bist doch naß,« setzte er frohlockend hinzu, »auch dich trifft der Regen.«

»Wenn Gott will«, antwortete der andere.

Schnell rüsteten die Männer den Aufbruch, der Fremde holte den Ledersack unter der Baumwurzel hervor und knüpfte die Riemen sorglich an den Sattel des Rosses, das der Jüngling unterdes aus dem Futtersack fressen ließ, dann neigten sich beide noch einmal an dem Holzkreuz und sprachen den Reisesegen. Ingram führte über den Wall und die Grabentiefe in den Bergwald. Heut ritt er schneller als am letzten Tage, aber sein scharfer Blick prüfte wieder jeden Busch und Stein. So oft sie aus dem Wald in ein Wiesental kamen, gab er den Fremden ein Zeichen, zurückzubleiben, und winkte nach einer Weile mit gehobener Hand, ihm zu folgen. Mühselig war der Weg über Baumwurzeln und durch das Sumpfwasser, welches sich an tiefen Stellen des Waldes gesammelt hatte, dann nahm er wohl selbst die Rosse beim Zügel und wies dem Jüngling die trittfesten Stellen. Er war schweigsam wie gestern, aber er war mehr um die Reisenden besorgt. Als sie einmal von der Höhe in ein weites Tal ritten, sagte er: »Hier müssen wir durch freies Land, hört ihr mich Hara rufen, dann wendet so schnell euch die Rosse tragen zum Walde zurück, vielleicht, daß euch die Flucht gelingt.«

Der Fremde lächelte. »Sei ohne Sorge um uns und denke an das eigene Heil.«

»Treibt das Pferd, daß es springe«, mahnte der Führer.

Als sie wieder im Walde dahinritten, begann der Fremde dankbar: »Gutherzig erweisest du dich, und als treu rühmt man deines Volkes Art.«

»Der Thüring ist fest in Liebe und Haß«, sagte der Führer.

»Auch sein Haß ist nicht der eines hinterlistigen Mannes«, versetzte der Fremde lächelnd. »Nicht geradeaus nach Norden geht der Pfad, den du uns führst.«

»Wer Kampf vermeiden will, muß sich wenden, wie der Fuchs, wenn die Hunde bellen. Sieh dort den fernen Feuerschein,« er wies mit der Hand durch die Stämme, »was dort brennt, ist ein Hof.«

»Vielleicht tat's der Wetterschlag.«

»Die Röte stieg auf in stiller Nacht.«

Der Fremde sah finster nach dem schwachen Licht hinüber, das am Rand des Horizontes aus der Dämmerung blinkte.

»Du kennst den Hofherrn«, fragte der Fremde.

»Es ist ein Franke,« versetzte der Thüring kalt, »sein Großvater kam weit von Westen her in das Land.«

»Sieht der Thüring ruhig zu, wenn sein Landsmann erschlagen wird?«

»Frage den großen Herrn der Franken und nicht mich, weshalb er seine Volksgenossen von Fremden erschlagen läßt«, rief der Führer. »Einst waren wir Thüringe ein siegreiches Volk, da brachen die Franken ins Land, mit ihnen die Sachsen und Angeln, unsere Krieger fielen auf der Walstatt, und die Fremden teilten sich in die Fluren der Landgenossen. Sie sagen, daß damals der Mehrteil unserer Krieger den Pfad des Todes wandelte. Jetzt sitzt über uns ein Sendbote des fränkischen Königs, er ruft uns zu den Waffen, wenn es ihm gefällt. Ich sah, wie der letzte durch die Wenden erschlagen wurde, seitdem sind wir Waldleute schutzlos, und unsere Alten schlossen Frieden mit den Feinden, frage mich nicht, um welchen Preis, alljährlich sehe ich die Klauen unserer Herdentiere in das Slawenland gehen, aber wenige herauskommen.«

»Auch du trägst Speer und Schwert«, unterbrach ihn der Fremde hart.

»Willst du versuchen, ob sie schneiden?« brach der Thüring los. Er riß seine Jacke auf und wies auf lange rote Narben. »Ich meine, mehr habe ich gegeben als empfangen. Doch es bringt wenig Ehre,« murmelte er, »sich gegen einen Waffenlosen zu rühmen.«

»In guter Meinung rede ich«, begütete der Fremde. »Ich meine, ihr habt doch viele Rosse geschlachtet, denen zu Ehren, die ihr als Götter rühmt und die ich Unholde nenne, und ich fürchte, wohl noch anderes Blut ist geflossen vom Opferstein, noch greulicher dem Gott, dem ich diene, und doch waren eure Götter zu schwach, euch Sieg zu gewähren gegen die Pfeile der Wenden. Nicht für weise halte ich den Mann, der sich auf einen Rohrhalm stützt, wenn ihm die Knie wanken.«

»Der Gott der Schlachten wägt die Lose, wie es ihn gutdünkt, er spendet Sieg, wem er will«, versetzte der Führer.

»Töricht ist deine Rede, wenn ich recht berichtet bin. Denn andere Götter sind es, denen die Wenden opfern, und wenn sie die Leute aus euren Dörfern heimwärts treiben, dann singen sie, daß ihr Gott stärker ist als der eure.«

»Gibt der Christengott Sieg seinen Bekennern? Ich sah doch manchen meiner Landsleute, der das Zeichen des Kreuzes machte, erschlagen auf der Walstatt.«

»Nicht jeder, der das Kreuz schlägt, ist ein Krieger des ewigen Gottes«, antwortete der Fremde nachdrücklich. »Wer Sieg erfleht von dem großen Himmelsherrn, der muß vorher sein eigenes Leben würdig machen der Gotteshilfe, treu leben nach Gottes Geboten und jede niedere Tat meiden. Hoch ist und schwer der Dienst, aber herrlich der Lohn, hier Sieg und Freude, und Glück im Himmel. Und ich sage dir, nicht eher wird euer Volk der Fremden mächtig werden, als bis die Kreuzfahne vor euch zieht und jeder von euch Herz und Gedanken geheiliget hat dem großen Gott der Christen.«

»Lehre auch das den König der Franken oder wer sonst dort gebietet. Denn wir hören, daß der König durch den Christenglauben zu einem Mönch verdorben ist und daß einer seiner Helden die Lande regiert.«

Der Führer wandte sich ab, der Fremde aber sprach zu seinem Begleiter: »Du hörst seine Worte. Der Thüring haßt den Franken und beide den Sachsen, ein Stamm vertilgt den anderen, und die Ehre ihrer Helden ist, Männerblut zu vergießen und das wehrlose Geschlecht fortzutreiben, damit sie ihre Lust an ihm büßen und seine Rücken gebrauchen als Schemel für ihre Füße. Seit ich ein Knabe war in fernem Land, sah ich die Menschen wilde Frevel üben, Rauben und Töten war der Höllenschrei, der aus hunderttausend Kehlen kam. Wahrlich, der Erdgarten ist zu einer Wildnis geworden, überall Wustung und zertrümmerter Bau früherer Geschlechter, wie ein Rudel Wölfe bellen, die noch leben in der Einöde. Und wo noch ein Volk männerreich auf dem Boden haust, den es sich durch Brand und Mord gewann, da leben die Sieger zuchtlos, stets gierig nach Goldschatz und Fleischeslust. Gänzlich verderbt hat der üble Teufel dies Geschlecht, das er besitzt, und doch verstopfen sie die Ohren gegen die Botschaft der Gnade, auch wenn sie das Kreuz schlagen und sich Christen nennen. Keine Rettung gibt es für die, welche nach Gottes Ebenbild aufrecht gehen, als die eine, daß sie alle die harten Nacken beugen dem einen Herrn, von dem geschrieben steht: sanft ist mein Joch.«

In der Landschaft, welche sie jetzt betraten, lagen in den Tälern oder auf halber Höhe der Berge, wo ein kräftiger Quell aus dem Boden rann, hie und da Dörfer und einzelne Höfe fränkischer Ansiedler, die meisten Höfe klein, die Häuser zerfallen, notdürftig geflickt, daneben oft leere Brandstätten. Jeder Hof und jedes Dorf waren umwallt, aber auch Wall und Gräben waren verfallen und zerrissen. Nur wenig Leute sahen sie auf dem Felde, in den Dörfern rannten die Kinder und Frauen an den Hofzaun und starrten den Reisenden nach; stolz grüßte der Führer, und der achtungsvolle Gegengruß zeigte, daß er den Leuten für einen ansehnlichen Mann galt. Zuweilen war am Hausgiebel über dem Zeichen des Besitzers ein Kreuz gemalt, dann segnete der Reisende die Bewohner an der Tür mit dem Christengruß, erstaunt vernahmen ihn die Leute und eilten auf die Reiter zu. Aber der Führer trieb hastig vorwärts und im Trabe der Rosse verklangen die Zurufe und Fragen. Wieder kamen sie an ein Dorf, ohne Zaun standen die hohen Strohdächer, welche fast bis zum Boden reichten, selbst die Fliederbäume fehlten, welche ihre schwarzen Beeren sonst in jedem Hofe wiesen. Nackte Kinder, bräunlich und schmutzbedeckt, wälzten sich neben den Ferkeln auf der Dungstätte, kleiner waren die Leute, rundlich und platt die Gesichter und statt der bedächtigen Ruhe, mit welcher die Reiter anderswo von den Dorfbewohnern begrüßt wurden, tönten ihnen hier lautes Geschrei, Schelte und Verwünschungen in fremder Sprache entgegen.

»Sind die Fremdlinge häufig auf eurem Grunde?« fragte der Fremde.

»Es sind Wenden von ostwärts, in mehren Dörfern hausen sie hier und in Thüringen, sie zahlen Zins dem Grafen des Frankenherrn, aber übelgesinnt bleiben sie und widerbellig.«

Er hielt das Pferd an und horchte auf die Verwünschungen, welche ihnen von einem häßlichen Weib nachgeschrien wurden, dann spornte er wieder das Pferd und rief: »Vorwärts!« Schnell fuhren sie dahin, der Führer richtete sich oft im Sattel auf und wandte die Augen rechts und links. Nach einer Weile ritt der Fremde an seine Seite: »Gefällt dir's, so sage mir, was unsere Rosse so flüchtig vorwärts treibt.«

»Nur wenig verstehe ich die Sprache der Wenden,« antwortete Ingram, »aber das Weib, der arge Lasterbalg, wünschte uns Unheil, wenn wir auf unserem Wege den Kriegern ihres Volkes begegnen würden. Unruhe ist in der Luft, schon seit dem Morgen fliegen die Habichte und Krähen nordwärts. Mich reut's, daß ich solche nicht gefragt habe, die in unserer Sprache reden.« Er rief seinem Rosse zu und flog voraus, die Reisenden hatten Mühe, ihm zu folgen; dem nächsten Hofe, welcher auf einer Höhe sichtbar wurde, ritt er in gestrecktem Laufe zu und winkte den anderen, zurückzubleiben. Die Reisenden sahen ihn auf dem Hügel halten, bald jagte er wild herunter und vor ihnen dahin. Als sie endlich einen steilen Aufstieg erreichten, fragte der Fremde: »Willst du uns nicht sagen, ob Gefahr droht?«

»Der Hof war leer, auch die Ställe leer, jedes Haupt entwichen, mich wundert, daß kein Flüchtling uns entgegenkommt«, versetzte der Führer finster.

»Vorwärts,« rief er, »wenn ich euch nicht verlassen soll.«

»Gedenkst du die Gefahr zu meiden, wenn wir vor dem Abend die Rosse ermüden?« bemerkte der andere ruhig.

»Ich will sehen«, versetzte Ingram kurz und ritt wieder vor.

So ging es eine Stunde vorwärts, durch Buschholz und über Wiesengrund, endlich sahen sie in der Entfernung seitwärts vom Wege einen großen Hof unter Lindenbäumen, das Roß des Führers flog wie ein Pfeil dem Hofe zu, sie erkannten, daß der Führer einigemal anhielt, dann mit weiten Sprüngen hinter den Bäumen verschwand. Langsamer folgten die Reisenden. Da sie herankamen, fanden sie das Dach zerrissen, die Tür eingeschlagen, die Kohlen eines Feuers vor dem Hause. Der Führer beugte sich über etwas, das im Grase lag. Es war ein toter Mann, das Haupt durch einen Keulenschlag gebrochen. »Dies war der Wirt des Hofes«, sprach der Führer mit zuckendem Munde. »Er war von Geschlecht ein Franke, aber ein gastfreier Mann. Und er ist gefallen als ein Krieger. Seht dorthin.« Erde war aufgewühlt und zu zwei runden Hügeln geschichtet. »Die Räuber haben ihre Toten begraben.«

»Wann ist es geschehen?« fragte der Fremde traurig.

»Gestern bevor der Tag warm wurde«, versetzte der Führer und wies auf den Leib eines Slawenrosses, das durch einen Speerwurf des Hofbesitzers getroffen, daneben lag. Der Fremde sprang ab und eilte nach dem Hause: »Komm, daß wir Hilfe bringen, wenn dort noch jemand atmet.«

»Du sorgst vergeblich«, versetzte der Führer. »Seine Tochter Walburg und seine kleinen Knaben sind fortgetrieben. Die Kuh mit der Blesse ist geschlachtet, auf seinem Rosse Goldfeder sitzt ein Slawe; die Wenden wissen aufzuräumen, sie lieben nicht halbes Werk.«

Der Fremde ergriff einen Spaten und begann ein Grab zu schaufeln. »Ratsam wäre dir, von dieser Stätte zu entweichen«, rief der Führer unruhig. Der andere wies auf ein Kreuz, das mit blauem Waid in den nackten Arm des Toten gezeichnet war: »Er ist von meinem Glauben und ich darf nicht gehen, bevor ich seine Hülle vor Wolf und Geier gesichert habe.«

Der Führer trat zurück und murmelte: »Mancher Mann, der das Kreuz geschlagen, liegt heut still auf blutigem Grunde.« Die Reisenden höhlten das Grab, legten den Toten hinein, knieten zum Gebet, deckten das Grab mit Erde und steckten ein Holzkreuz darauf. Dann winkte der Fremde den Jüngling hinweg und blieb allein vor dem Erdhaufen liegen.

Unterdes war der Führer vorwärts geeilt auf der Spur der Feinde, wie ein Jagdhund sprang er über den Grasgrund; schon harrten die Fremden seiner, als er mit glühendem Antlitz zurückkehrte. »Ich erkannte die Fährte, die Fußtritte des Weibes und der Kinder; nur eines der Rosse war beschlagen, ich meine, das ist ein Pferd des Ratiz, des Sorbenhäuptlings. Ich treffe ihn wohl in wenig Tagen«, rief er drohend. – »Beantworte mir eine Frage, Fremder: Würdest du dich freuen, den Ratiz erschlagen zu sehen mit seinem Haufen?«

»Nein«, versetzte der Fremde.

»Er hat Männer deines Glaubens getötet und führt ihre Kinder in elende Knechtschaft.«

»Nein, sage ich dir«, wiederholte der Fremde.

Der Führer raunte einen Fluch, plötzlich trat er zu dem Roß des Fremden: »Bekenne mir, was führst du in dem Ledersack, den du so sorglich hütest?«

»Nicht ziemt dir solche Frage,« versetzte der Reisende kalt, »und ich weigere dir die Antwort.«

»Ich meine, du hast Armringe darin und Silber, wie es die fremden Kaufleute in das Land bringen«, sprach der Führer und starrte begehrlich auf den Ledersack.

»Vielleicht ist darin, was du nennst,« sagte der Fremde, »vielleicht auch nicht, was kümmert's dich. Dein kann es nimmer werden.«

Der Führer sah ihn mit feindseligem Blick an, dann fuhr es über sein Gesicht wie ein Krampf, er warf sich auf den Boden und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Der Fremde ergriff seine Axt, stellte sich vor den Liegenden, zog ihm die Hand vom Antlitz und legte die Axt hinein. »Hier ist die Waffe, mein Sohn, und hier ist das Haupt eines wehrlosen Mannes, willst du treffen, so versuche den Schlag. Willst du lieber hören, so achte auf das Wort eines älteren Mannes.« Ingram ließ die Waffe ins Gras fallen und saß mit geneigtem Haupt auf dem Boden. »Ich weiß, was dich verstört,« fuhr der Fremde fort, »die Räuber treiben ein junges Weib in ihre Berge, du denkst daran, sie zu entledigen mit den Waffen oder durch Kauf, und du meinst, der fremde Mann soll dir dazu dienen. Spreche ich Wahrheit, so antworte.«

»Sie sprach stolz zu mir,« antwortete er leise, »weil ich nach dem Brauch meiner Väter beim Roßopfer unter der Eiche stand, aber mir ist greulich, daß sie in der Hand des Ratiz bleiben soll, und in meine Seele fiel es wie ein Strahl aus den Wolken, daß ich eilen muß, sie loszukaufen. Dann führe ich sie als Gefangene heim, sie wird mein eigen, und ich ihr Herr.«

»Und sie muß tun nach deinem Willen«, sprach der Fremde kalt; »wie aber, wenn dein Feind Ratiz ebenso denkt?«

Der Führer knirschte mit den Zähnen und warf sich wieder in das Gras.

»Sie sind wie die Bestien«, sagte der Fremde in lateinischer Sprache. »Steh auf, Führer,« befahl er mit ruhigem Tone, »und vollende vor allem, was du gelobt hast. Jetzt fordert deine Ehre, daß du uns sicher in deine Heimat bringst, wenn wir dir auch fremd und unwillkommen sind. Bist du erst frei von dieser Pflicht, dann erwäge, welches die nächste sein wird. Aber vergiß nicht, daß das Weib, welches du dir begehrst, unter mächtigem Schutz dahin zieht auf dornigen Pfaden. Denn sie wird geleitet durch die geflügelten Boten meines Gottes, die Engel, damit sie erhalten werde für diese Welt oder hinaufgeführt in den Himmelssaal der Christen. Trägt sie auch Sorbenbande, dennoch ist sie in der Hand eines gütigen Vaters, der alle hört, die in der Not ihn anrufen. Will er, daß sie gelöst werden soll durch dich, so wird es geschehen. Du aber tue, was jetzt deines Amtes ist.«

Der Führer stand auf, schüttelte sich und sprang stumm in seinen Sattel. So zogen die Wanderer weiter nach Norden, jeder mit sich beschäftigt, der Fremde sprach nur selten einige lateinische Worte zu seinem Begleiter. Als die Sonne sank, betraten sie die finstern Wälder des Gebirges, welches die Thüringe von den Franken scheidet.

Sie hörten hinter den Bäumen Hundegebell und dazwischen ein tiefes mißtönendes Gebrumm. »Führst du uns in eine Bärenhöhle?« fragte der Fremde.

»Hier wohnt Bubbo, der Landfahrer,« versetzte der Führer, »er fängt Bären, weiß ihre Wut zu bändigen und verkauft sie weit südwärts im Lande der Franken, an Herrenhöfe, zuweilen auch an fahrendes Volk. Sein Hof ist im ganzen Lande gefürchtet, er hat Frieden bei Freund und Feind und versteht manche geheime Kunst.«

»Er ist von deinem Glauben?« fragte der Fremde.

»Wenige wissen, zu welchen Göttern er fleht«, sagte der Führer.

»Dann laß uns den ungastlichen Hof meiden.«

»Sieh auf den Himmel, die Nacht bringt Regen, dein Knabe und eure Pferde bedürfen Nachtrast, denn morgen steigen wir über den Wald auf wildem Wege, wo kein Wirt uns aufnimmt.«

Der Mann blickte auf den Jüngling an seiner Seite und gab schweigend ein Zeichen der Gewähr. Da sie näher kamen, wurde das Gekläff der Rüden wilder, die grunzenden Stimmen einer Bärenfamilie mischten sich darein, und als Ingram an das Tor schlug, tobte der Lärm so arg, daß der Fremde ein Kreuz schlug. Lange pochte der Führer, endlich klangen Menschentritte und rauher Zuruf an die Tiere; Ingram rief seinen Namen durch das Tor, der Sperrbalken wurde zurückgeschoben, und eine riesige Männergestalt trat in den Türspalt. Der Führer sprach leise mit dem Wirt. Durch kurze Handbewegung lud dieser zum Eintritt, er faßte die zitternden Pferde am Zügel und zog sie in den Hof, den er hinter ihnen wieder verschloß. Die Reisenden entlasteten ihre Tiere im Dunkel, dann führten Ingram und der Wirt die Rosse nach einem Stall. Als die Männer auf den gestampften Lehmboden der Hausflur traten, hielt der Wirt eine Kienfackel an die züngelnden Kohlen des Holzklotzes, der auf dem Herde lag, und leuchtete mit der rußigen Flamme seinen Gästen in das Gesicht. Da er das Antlitz des Fremden erkannte, trat er zurück, die Fackel entglitt seiner Hand und sprühte auf dem Boden, bis der Führer sie faßte und in den Eisenring am Herde steckte.

»Nimmer hätte ich geglaubt, dein Angesicht in meiner Hütte zu finden. Unhold war der Gruß, den du mir botest, da ich dich das erstemal sah; mit meinen Bären ließest du mich weghetzen von dem Haus deiner Gastfreunde.«

»Und da ich dich zum zweitenmal sah,« antwortete der Fremde ruhig, »löste ich deinen Hals von der Weide, die für dich gedreht war. Und da ich dich zum drittenmal sah, standest du als Täufling vor mir im weißen Hemd, und das heilige Wasser rann über dein Haupt.«

»Das Taufhemd ist lange zerrissen, es war das letztemal weniger wert als sonst wohl in früheren Jahren, wo ich mich in euer Wasser tauchen ließ; und ungern denkt der Mann an die Stunden der Not, in denen er ein Haupt vor fremdem Zauber gebeugt hat«, versetzte der Wirt scheu. »Du hast mir weh getan und du hast mir wohl getan. Dennoch meine ich, du bist ein Mann, großer Geheimnisse kundig, und auch mich rühmen die Leute als einen, der manches weiß. Und wenn ich dir Frieden gebe unter meinem Dach, so magst du zum Dank mich wohl noch manch Geheimnis lehren.«

»Ich will dich lehren,« sagte der Fremde, »wenn du Ohren hast zu hören.«

»Wohlan, so soll das Frühere ausgeglichen und vergessen sein und ich will dich halten als meinen Gast, dich und deine Begleiter mit Abendkost und Herberge, und ich grüße dich an meinem Herde, dich, Herr Winfried, vor dem die Leute knien und den sie Bonifazius und einen Bischof nennen.«

Als die Reisenden am Abend des nächsten Tages aus dem dunklen Fichtenwald ritten, schauten sie von der Berghöhe niedrige Hügel, in der Ferne offenes Land. Vor ihnen lag am Fuße des Berges ein Dorf, grau die Dächer, grau die Balken, rund herum ein Zaun aus Pfahlwerk und ein breiter Graben. Eng gedrängt standen die Häuser in den Dorfgassen, damit die Abwehr eines feindlichen Überfalls leichter sei. Außerhalb des Zaunes erhoben sich an der Berglehne zwei einzelne Höfe wenige Bogenschüsse voneinander entfernt. Zu jedem führte ein Fußpfad von dem Dorfwege ab. An dieser Wegscheide hielt Ingram und sagte kurz: »In das Land der Thüringe habe ich euch geleitet, dies ist das Dorf, dort ist der Hof des Franken, den sie einen Meier des Grafen nennen, und dort steht er selbst. Vollbracht ist, was ich gelobt, fahret dahin.«

Während die Fremden mit geneigtem Haupt ihrem Gott dankten und um Segen für ihren Eintritt flehten, jagte Ingram von dannen und war bereits hinter einem Vorsprung des Holzes verschwunden, als Winfried nach ihm aufsah. Von der anderen Seite aber kam der fränkische Verwalter ihnen entgegen, ein Mann mit grauem Haar und ernster Miene. Winfried bot ihm den Christengruß, und das Gesicht des Mannes rötete sich vor Freude, als er antwortete: »In aller Ewigkeit.« Und als ihm Winfried ein ausgeschnittenes Pergamentblatt hinhielt, das Erkennungszeichen, welches die Herrin dem Meier sandte, da nahm dieser ehrerbietig den Hut vom Haupte, ergriff selbst die Zügel der Rosse und führte die Fremden nach seinem Hofe.

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