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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 103
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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3. Königin und Landmädchen

Viktor stand der Tante in den ersten Wochen des Schmerzes treu zur Seite, dann reiste er nach der Heimat, die er einige Jahre nicht besucht hatte. Er fuhr nicht mehr mit der Post, sondern auf der neugebauten Eisenbahn. Die Pfeife gellte, der Vater begrüßte den Sohn auf einem Perron. Auch in der Stadt war alles verwandelt: eine neue große Straße zum Bahnhof war angelegt, ein mächtiges Gebäude, die neue Realschule, erhob sich zwischen den Rüststangen. Der Ratsturm hatte eine gotische Spitze, und über die Vorstädte ragten mehrere Dampfschornsteine. In der Stadt fand er neugebaute Häuser und neue Menschen, viele, die er als Kinder gekannt, grüßten ihn als Erwachsene. Die alten Häuser kamen ihm klein vor und die Gassen enge. Dort zur Seite stand das Haus des Fleischers, ein großer Mann trat in die Tür mit faltigem Gesicht; es war nicht der alte gute Riese, der den Knaben Viktor gern hereingerufen hatte, der war längst tot – es war sein Sohn, und auch dieser war alt geworden. Das Haus des Schusters Schilling zeigte sich mächtig verändert; ein großes Ladenfenster war ausgebrochen, und darin standen, keineswegs eingemauert, sondern heranlockend hinter Glasscheiben, viele große und kleine Stiefel. »Der verstorbene Meister arbeitete besser als sein Sohn,« sagte der Doktor, »dafür ist der Sohn ein eifriger Politiker und Anführer der Unzufriedenen.« Ein Bursche lief mit bedrucktem Papier die Häuser entlang. »Er trägt das Tageblatt aus, wir haben jetzt eine Druckerei und eine Zeitung, die unserem Bürgermeister viel Kummer verursacht, denn sie will alles besser haben, als es seither war.« Vom Markte kam Hans, der Ratsdiener, heran, schwenkte schon von weitem sein spanisches Rohr und begrüßte den Ankömmling in heller Freude. Aber Hansens Schnurrbart war weiß geworden. Und wie Viktor sich zum Vater wandte, um ihm dies zu sagen, fiel ihm plötzlich auf, daß auch sein lieber Vater gealtert war, das Haar ergraut, das Antlitz gefurcht, und ihn überkam eine so heftige Bewegung, daß er kaum auf eine Frage des Doktors antworten konnte. Nur die Mutter, da sie ihn aus ihren Armen entließ, sah geradeso aus wie sonst, und sein Käthchen fand er als blühende Jungfrau wieder. Nachdem die erste Bewegung vorüber war und er den Eltern gestand: »Ich bin doch nur wenige Jahre entfernt gewesen, aber mir kommt alles verwandelt vor« – da entgegnete der Vater: »Du selbst siehst anders als früher, und hier hat sich viel in wenigen Jahren geändert. Unsere Stadt ist jetzt durch Eisenbande dem Weltverkehr angeschlossen, fast jede Stunde fliegt Neues heran, mit der Einsamkeit schwindet auch das kleinstädtische Wesen; die gute alte Stadt fühlt zu ihrem Heil und zu ihrem Schaden jeden Pulsschlag unseres großen Staates und jede Bewegung fremder Nationen.«

In ruhigerem Gespräch wurden die Nachrichten über Bekannte ausgetauscht. »Pate Bärbel ist recht stark geworden,« erzählte die Mutter, »und denke dir, mein Liesel hat nahe Aussicht, Urgroßmutter zu werden; ihre Enkelin hat bereits einen Freier.«

»Wie geht's der Familie mit der großen Kutsche?« fragte endlich Viktor die Schwester.

»Gut!« antwortete diese heiter. »Der Kammerherr ist kränklich und geht gebückt, die beiden ältesten Töchter sind verheiratet, und meine Freundin Valerie kommt zum Jahrmarkt herein.«

»Sie wird jetzt ihren Vetter Henner heiraten«, sagte Viktor trotzig.

»Woher weißt du das?« fuhr Käthe auf.

»Ich denke mir's nur«, versetzte der Bruder. »Warum sollen die Häuser Bellerwitz und Ingersleben sich nicht miteinander verbinden?«

Käthchen schüttelte den Kopf und sagte mit einem Anflug von Schelmerei: »Ich glaube, diesmal hat mein kluger Bruder sich geirrt.«

»Der junge Henner hat an dem alten Erdwall in der Heimat deiner Mutter nach heidnischen Altertümern graben lassen,« erzählte der Vater, »er nimmt ein ernstes Interesse an diesen Überresten und hat einen großen Sammeltrieb. Ich zeigte ihm alte Steinwaffen, die mir eure Mutter geschenkt hat, er erklärte einige davon für schöne und seltene Stücke und meinte, die sogenannte Schwedenschanze sei eine Opferstätte der Vandalen gewesen, die auch unter den Slawen noch mit Scheu betrachtet wurde, und deshalb sei dort später das christliche Heiligtum errichtet worden. Mir hat das ruhige und sichere Wesen des jungen Mannes recht wohl gefallen.«

»Mit den lebenden Vandalen hat er sich herumgehauen«, grollte Viktor. »Es muß etwas abgelebt und schattenhaft sein, um ihm zu gefallen.« Er bemerkte, daß die Mutter nach diesem strengen Urteil zu Käthchen hinübersah und daß dieses errötete.

Zum Jahrmarkt kam Valerie, und allerdings, trotz berechtigter Kritik, mußte Viktor sich selbst gestehen, daß sie schön war, daß sie sichere Haltung hatte, und zuletzt auch, daß ihr Anmut nicht fehlte. Wie sie hereintrat, die Eltern und ihre Käthe begrüßte, und wie sie sich dann zu ihm wandte – vielleicht mit einem zarten Erröten, sicher mit Freude und Herzlichkeit –, vermochte auch er gegen die Vertraute der Schwester seine förmliche Kälte nicht zu bewahren. Die Mädchen besorgten ihre Einkäufe und setzten sich endlich mit Viktor auf die Bank, welche als ein Überrest alten Stadtbrauches vor dem Hause stand. Während sie von dort die Trachten der Marktbesucher musterten und sich über die Verkäufer des Kleinkrams belustigten, welche unermüdlich die vorübergehenden Landleute durch verbindliche Worte anzulocken suchten, schritt Hans vorüber, feuriger als sonst durch die Genüsse und Geschäfte des Markttages; er trieb ein gebundenes Bäuerlein vor sich her, und da dieses ungern vorausging, so puffte und stieß er es mit seinem Rohr. Valerie stand auf. »Wie darf sich der Diener unterstehen, den Gebundenen zu schlagen?« fragte sie empört.

»Was hat der Mann getan?« rief Viktor der Polizei zu.

»Gemaust!« antwortete Hans hinüber.

»Fragen Sie, was der Arme gestohlen hat«, bat die gekränkte Valerie.

»Wurst!« entgegnete Hans im Amtseifer. »Bei der Arretierung hat er um sich geschlagen und war nicht zu bändigen, bis er geschnürt wurde.«

»Wegen gewöhnlicher Eßwaren einen Menschen so zu behandeln, ist nicht recht«, fuhr Valerie hartnäckig fort. »Wie darf man sich wundern, daß die armen Hungrigen bitteren Haß haben gegen alle, welche in glücklicherer Lage sind.«

»Wenn er Hunger hatte, konnte er den Verkäufer bitten«, sagte Käthchen.

»Dann hätte er auch nichts erhalten«, erwiderte Valerie.

»Bist du so?« dachte Viktor, »Eugen Sue bei Bellerwitz?« Und er fragte sie nicht ohne Bosheit nach dem Dichter, den sie am meisten begünstigte. Aber diese Frage hatte auf beide junge Damen eine ähnliche Wirkung, als wenn man bei zwei Champagnerflaschen Draht und Schnur zerschneidet. »Boz« klang zugleich aus beider Munde, und die Worte strömten ohne Ende heraus: Lob und Freude, Lachen und Rührung. Da nun Viktor denselben Dichter in hoher Ehre hielt, so beteiligte er sich tapfer bei dem Erguß, und die drei vergaßen den Lärm des Marktes und fanden in ihrer Begeisterung kein Ende, bis die Sonne völlig unterging und unser alter Freund, der Mond, die Bank mit seinen sanften Strahlen beschien, die aber in der Kreisstadt weniger geschätzt wurden als vormals auf dem Lande. Dennoch hatte dieser Abend Folgen. Denn Viktor behandelte seitdem das Fräulein mit einer Herzlichkeit, welche Käthchen beglückte.

Nur wenige Wochen weilte er im Elternhause; ihn beschäftigte schon wieder eine Arbeit, zu welcher er eine große Bibliothek nicht entbehren konnte. Er besprach mit dem Vater, daß er nach Beendigung dieses Werkes eine Lehrertätigkeit an der Universität oder an einer anderen größeren Anstalt suchen wollte.

Durch dies zweite Buch begründete Viktor seinen Ruf als Kunstschriftsteller. Es war dicker als das erste, aber es war leichter zu verstehen; die Kritik rühmte das Neue und Geistvolle, und der Buchhändler rühmte, daß auch die Leser das Werk begehrten. In den Kreisen der Residenz, welche Literatur und Kunst zum Tee genossen, wurde Viktor ein gesuchter Mann, und im Ministerium war bereits davon die Rede, ihn zur Übernahme einer Professur einzuladen.

Viktor hatte das Weihnachtsfest bei Freunden in der Nähe der Residenz verlebt. Als er nach seiner Rückkehr in einer besuchten Konditorei von dem Zeitungsblatt aufsah, fand er am nächsten Tisch zwei Damen, von denen die jüngere die Aufmerksamkeit der Umgebung auf sich zog. Sie war elegant aber einfach gekleidet und hatte in Haltung und Bewegung die Sicherheit einer Frau, welche gewöhnt ist, sich unter den Augen vieler zu behaupten. Ihr Gesicht war von ihm abgewandt, während sie zu ihrer Begleiterin sprach, doch die halblauten Worte kamen so rein und deutlich aus klangvollem Organ, daß Viktor sogleich merkte, sie müsse von der dramatischen Kunst sein; wahrscheinlich die berühmte Schauspielerin, deren Gastrollen seit einer Woche in den Familien, in welchen er verkehrte und von den Zeitungen eifrig besprochen wurden. Die Fremde neigte sich nach seiner Seite, und er fiel ihr in die Augen; beide sahen einander forschend an und standen gleichzeitig auf. »Tina!« rief er erstaunt und eilte auf sie zu.

»Ich bin es, Vik«, entgegnete sie freudig, und sie schüttelten einander treuherzig die Hände.

»Gerade las ich von Ihnen«, sagte Viktor. »Sie haben einen anderen Namen als damals in meiner Heimat.«

»Ich führe jetzt meinen wirklichen Namen«, erklärte Tina. »Mein Vater war ein Schauspieler von Ruf, er starb bald nach meiner Geburt; mein Stiefvater brachte mich auf die Bühne.«

»Darum habe ich vergebens so oft in den Theaterzeitungen nach Ihnen gesucht und stehe jetzt vor Ihnen wie jemand, dem ein verlorenes Gut wiedergegeben wird, über alle Erwartungen glänzender, als es vormals war.«

»Gut!« sagte Tina, erfreut über die unverhohlene Bewunderung. »Du bist artig geblieben, Vik, und ich denke, auch ebenso redlich. Komm fort, die Fremden brauchen meine Freude nicht zu sehen. Begleite uns zu einem Wagen, ich soll den Winter über auf Gastspiel hierbleiben und habe Besuche vor. Sobald du Zeit hast, komm zu mir.«

Wie Viktor in ihre Wohnung kam und die Portiere von einem artigen Kammermädchen zurückgeschlagen wurde, sprang Tina aus dem Sessel, eilte ihm entgegen, faßte ihn mit beiden Händen am Kopf und küßte ihn recht herzlich. »Mich freut's, Kamerad, daß ich dich wieder habe«, sagte sie vergnügt; »hier ist dein Halsband« – sie wies auf ihren Hals – »ich habe es sogleich aus meinem Kram herausgesucht, um dir zu beweisen, daß ich unsere Kinderfreundschaft in Ehren halte. Du bist groß und hübsch geworden, das habe ich mir immer gedacht. Komm, setze dich zu mir und erzähle vor allem von deinen lieben Eltern. Du rauchst doch?«

»In deiner Stube ungern«, versetzte Viktor.

»Bah!« rief Tina und klingelte; die Kerze und ein Kistchen Zigarren wurden gebracht. »Ich bin für niemand zu Hause«, gebot sie dem Mädchen. Viktor erzählte und antwortete auf ihre eifrigen Fragen.

Es klopfte leise, die Jungfer wand sich durch die Portiere. »Fürst Alfons ist draußen«, sagte sie halblaut.

»Ich bin nicht zu sprechen«, antwortete Tina ungeduldig.

»Was soll ich ihm sagen?« fragte das Mädchen.

»Ein Schriftsteller ist bei mir.«

»Er hat die Zigarre gerochen,« sagte die kecke Wienerin beim Hinausgehen, »ich sah es ihm an.« Tina lachte.

»Wer ist der Herr, den du aussperrst?« fragte Viktor.

»Ein Anbeter,« erwiderte Tina mit guter Laune, »eine Wiener Bekanntschaft; jetzt ist er hier, und wie er versichert, meinetwegen. Übrigens ist er ein gutherziger Mann, welcher mir wirkliche Freundlichkeit erwiesen hat. Wundere dich nicht, daß ihm die Zigarre auffiel, denn seinesgleichen darf hier nicht rauchen. – Ach, Vik, wie glücklich warst du dein Leben lang. Mir ist es nicht so leicht geworden. Zuerst starb der Stiefvater; du hast ihn wenig gekannt, aber er hat brav an mir gehandelt und hätte ein besseres Los verdient. Die Mutter zog mit mir bei den Theatern umher und erlebte noch, daß ihre Tochter Beifall fand; in Wien habe ich sie auf dem Friedhof bestattet, seitdem muß ich mich allein durch die Welt schlagen. Du ahnst nicht, was dies »allein« für eine Schauspielerin bedeutet, ohne Mutter, ohne Verwandte, ohne Freunde an fremdem Orte sich behaupten, preisgegeben dem Urteil jedes Narren, schutzlos gegen Verleumdung, Unbill, tödliche Kränkungen, täglich umlagert von Begehrlichen, Beifall und Ruf oft abhängig von dem guten Willen eigennütziger und gemeiner Menschen.« Sie war aufgesprungen, und ihre Augen funkelten. Als sie aber die ernste Teilnahme ihres Gastes bemerkte, brach sie ab: »Nimm's nicht tragisch, Viktor, ich wollte nicht klagen und täte zuletzt unrecht daran, denn ich habe auch gute Freunde gefunden. Und die treuesten unter den alten Komödianten. Willst du die kleine Tina wieder besuchen, so sollst du einen von unseren wackeren Alten bei mir finden.« Sie nannte den Namen eines Regisseurs.

»Ich kenne ihn wohl,« versetzte Viktor, »wir haben zuweilen bis in die Nacht beieinander gesessen. Denn du mußt wissen, daß ich mich um das Theater kümmere, weil es auch zu meinem Berufe gehört.«

»Du bist doch nicht Rezensent?« fragte Tina besorgt.

»Nicht von denen, welche über dich schreiben«, antwortete Viktor.

Als er von ihr schied, war ihm just so zumute wie damals, wo er ihr den Apfel schenkte. Das schwesterliche Zutrauen, mit welchem die berühmte Künstlerin, die zugleich ein schönes Weib war, ihn behandelte, ja auch die freie studentische Weise des Verkehrs waren überaus wohltuend. Mit Ungeduld erwartete er den Abend ihres nächsten Auftretens. Am Morgen erhielt er einen Brief mit einem Theaterbillett: »Lieber Vik,« schrieb sie mit schlechter Handschrift, »wenn du kannst, setze dich auf diesen Platz, es ist mir beim Spielen lieb, zu wissen, wo du mich siehst. Bist du nach der Vorstellung frei, so komme zu mir, wir wollen plaudern.«

Das erste Stück, welches Viktor als Knabe gesehen, Käthchen von Heilbronn, wurde gegeben, und es erschien ihm wie ein Verhängnis, daß dieselbe Poesie die erneuerte Bekanntschaft verklären sollte. Er selbst war kein unerfahrener Beurteiler und nicht durch Kunststücke und einzelne glänzende Momente des Schauspielers zu bestechen. Während der ganzen Darstellung mühte er sich redlich, das Urteil über die Leistung nicht durch die Freundschaft für die Künstlerin beeinflussen zu lassen, doch er verließ das Haus mit beflügeltem Schritt in dem erhebenden Gefühl, daß er etwas Seltenes genossen hatte, sichere Herrschaft über die Kunstmittel; aber was ihn bezauberte, war das Innige, Einfache ihres Spiels, überall echte und eigene Schöpfung. Sie ist eine große Künstlerin, sagte er sich froh.

Als er bei ihr eintrat, fand er sie in ihrem Schlafröckchen neben dem alten Regisseur. Sie stand auf und betrachtete ihn fragend, fast ängstlich; er bot ihr die Hand und dankte ihr von Herzen. Da wurde sie übermütig wie ein Kätzchen, wirtschaftete um den Teekessel, holte die Zigarren und begann: »Liebe Leute, jetzt verwendet fünf Minuten auf mich und lobt mich, so sehr ihr könnt, denn ich bin noch warm von der Arbeit, und seid ihr zufrieden, so ist mir an dem Urteil der andern Menschen hier wenig gelegen.«

Was sie begehrte, taten die beiden mit klugen Worten. Als dabei schnell die Hauptmomente der Rolle durchgegangen wurden, gab sie an, daß sie an einigen Stellen unsicher gewesen sei, ob sie dieselben so oder so fassen solle. Dies erörterten wieder die Herren miteinander und waren nicht überall derselben Meinung, sie jedoch spielte von ihrem Sitz sogleich mit leichtem Anschlage jedem seine Auffassung nach in so schnellem Verständnis und aus dem vollen, so daß man erkannte, sie hätte ebenso leicht nach den Wünschen des anderen gestalten können.

»Wir vermögen Ihnen nichts beizubringen,« sagte der alte Schauspieler, »und Sie haben zuletzt gegen uns das beste Recht, denn alles einzelne ist bei Ihnen wie selbstverständlich aus starker und genauer Empfindung des gesamten Charakters hervorgegangen. Das ist Genie.«

»Nein, mein hoher Herr,« sagte sie, »ich muß mir's auch überlegen und manche Rolle oft durchlesen, bis der Augenblick kommt, wo ich's habe; manches wird mir schwer, und anderes kann ich gar nicht leiden, zum Beispiel nicht die magere Donna Diana mit ihren vielen Roben.«

So flog das Gespräch auf andere Stücke. Der Regisseur erzählte aus seiner reichen Erfahrung von der Art und Weise, wie verschiedene berühmte Künstler sich mit ihren Aufgaben zurechtfanden; auch Tina verstand, allerlei Lustiges über frühere Kollegen zu berichten, und Viktor vernahm mit Befriedigung, wie gutherzig und anerkennend sie von anderen sprach. Die Zeit verrann drei frohen Menschen, ohne daß sie es merkten. Als die kleine Uhr zwölf schlug, sprang Tina auf. »Jetzt fort, ihr lieben Herren, Käthchen von Heilbronn, kaiserliche Prinzessin von Schwaben, wird zu Bett gebracht. Gehen Sie voraus, Papa, und warten Sie draußen, ich will meinem Kameraden schnell noch etwas sagen.« Sie hob sich zu Viktors Ohr und raunte ihm glücklich zu: »Du bist ein grundgescheiter Junge, und ich habe meine Freude an dir.«

»Gute Nacht!« sagte Viktor und wollte sie küssen, sie aber trat zurück und sprach ernsthaft: »Nein, Vik, das tue niemals.« Doch gleich darauf schüttelte sie ihm wieder die Hand: »Gute Nacht, du lieber Kerl!«

Seit diesem Abende kam es Viktor vor, als ob eine der Musen ihn aus dem Gewühl des Marktes in die reine Luft ihres Göttersitzes entrückt und seine Schläfen mit ihrem unverwelklichen Kranze geschmückt habe. Erst jetzt empfand er die hinreißende Schönheit der Kunst, sie beflügelte ihm die Gedanken und adelte sein Gefühl, und er schritt, die unsichtbaren Blüten um das Haupt, in stillem Glück bei anderen Menschen vorüber. Überall erhob sich ungeduldige Forderung, und in der Menge arbeitete ein wildes Begehren, der Bau des Staates, der seit den Freiheitskriegen neu gezimmert war, krachte in allen Fugen; jedermann klagte und grollte, daß es so nicht fortgehen könne, und der Zwist zwischen Regierung und Volk wurde mit jeder Woche bedrohlicher. Sonst hätte er mit Leidenschaft an dem Streite teilgenommen, jetzt war er ihm fast gleichgültig. Was ihm so übermächtig Gedanken und Phantasie in Anspruch nahm, das war in der Tat die edle Freude am Genuß des Schönen und das Bestreben, die geheimsten Gesetze des Schaffens aus der schöpferischen Arbeit einer Künstlerin zu erraten. Er war durchaus nicht, was Tina einen Anbeter nannte; zwischen ihm und ihr bildete sich ein reines, sonniges Verhältnis wie zwischen zwei Geschwistern, oft empfand er freilich, wie schön sie war und wie hinreißend der Zauber ihrer Anmut, aber auch in vertrauten Stunden, wo er allein neben ihr saß, war es, wie er sich verständig selbst sagte, nicht das Weib, sondern die Künstlerin, welcher er huldigte. Wenn er eines ihrer Stücke für sich durchgearbeitet hatte, dann bat er sie wohl, ihm ihre Auffassung an den Hauptszenen deutlich zu machen. Gelehrt sprechen konnte sie nicht über das, was sie ausdrücken wollte, doch sie spielte auf der Stelle vor mit so richtiger Andeutung durch Worte und Gebärde, daß er ein Bild ihres ganzen Kunstwerkes erhielt. Sie vertraute ihm alles an ohne jede Eitelkeit, sie wies selbst auf die Schwächen ihrer Begabung hin und gestand ihm, wo sie dieselben durch ihre Kunstmittel so gut als möglich verdeckt hatte, auch wo ihr etwas im Innern gar nicht aufgegangen war und sie sich mit einer dramatischen Phrase aus der Verlegenheit geholfen hatte. Bei solchen Stellen konnte er in der Regel ihrem Verständnis helfen, dann lauschte sie andächtig auf seine Erklärung, und er beobachtete mit Entzücken, wie in ihrer Seele die innere Arbeit begann, bis sie aufsprang und glückselig rief: »Vik, ich hab's.« Dann spielte sie ihm die Stelle vor.

Auch die Gesellschaft, welche sich des Abends bei ihr zusammenfand, stimmte zu dem idealen Glück, welches Viktor in ihrer Nähe genoß; außer dem alten Regisseur, kamen noch einige Herren und Damen von der Bühne, ein lebensfrohes Völkchen, leicht angeregt und immer geneigt, sich mitzuteilen. Männer und Frauen sprachen zuweilen in burschikoser Weise miteinander, dem letzten Überrest alter Theatersitte, aber dahinter merkte man dennoch eine ehrliche Achtung.

In den Morgenstunden fand er bei seiner Freundin auch andere Besucher: begeisterte Theaterfreunde, die den Schweif jeder berühmten Künstlerin bildeten, und weniger harmlose Gäste aus den Kreisen einer vornehmen und verdorbenen Jugend, welche das schöne Weib suchten. Unter den letzteren war ein Gardeleutnant, als roher Wüstling in der Stadt besonders übel beleumdet. Tina saß an ihrem kleinen Schreibtisch und Viktor bezeichnete in einer neuen Rolle eine Stelle, über die der Regisseur zu befragen war, als der Baron eintrat. Der neue Gast warf sich nachlässig in die Dormeuse, streckte seine langen Beine über den Rand und begann in dem schnarrenden Tone, der damals unter der eleganten Jugend der Residenz Mode war, das Spiel der Künstlerin in ihrer letzten Rolle zu loben, in der wegwerfenden und gemeinen Weise, die für eine Belobte kränkender ist als eine Beleidigung, und er schloß: »Taille und Büste famos, und der Chic unglaublich. Es ist immer Rasse in Ihrem Spiel. Auf Ehre, schöne Tina, ich war ganz weg!«

Viktor, empört durch die Roheit, sagte über die Achsel: »Sie hätten niemandem ein Leid zugefügt, wenn Sie auch heut weggeblieben wären. Da Sie aber einmal hier sind, so nehmen Sie wenigstens die Beine vom Sofa.«

Der Baron streckte sich länger aus und fragte, zu Tina gewandt: »Wer ist der Laffe?«

»Er wird Ihnen seine Adresse zugehen lassen,« antwortete Viktor in seinem alten Vandalentrotz, »aber er wird vorher das Fräulein bitten, Sie in diesem Zimmer allein zu lassen, wenn Sie sich nicht anständig hinsetzen.«

Der Baron erhob sich mit einem Fluche und packte den Griff seines Säbels, Tina warf sich erschrocken zwischen die Streitenden. Da ging die Portiere auseinander und der Fürst trat herein, ein Veilchenbukett in der Hand. Er war ein wohlhäbiger Herr, etwa zehn Jahre älter als Viktor, mit einem breiten Gesicht von verständigem Ausdruck, ruhig und lässig in allen Bewegungen. Mit einem Blick übersah er die Sachlage, wandte sich an Tina und überreichte, sich verneigend, den Strauß, indem er mit behaglichem Anklange an die österreichische Mundart sagte: »Es sind die ersten Blumen dieses Frühlings, mein gnädiges Fräulein. Die Natur begrüßt uns Menschen in diesem Jahre friedlicher als die Menschen einander.« Er wandte sich an den Leutnant: »Ich bin erfreut, Sie einmal hier zu sehen, Herr Baron, gestern habe ich im Klub vergebens nach Ihnen gesucht; ich wollte mir die Ehre geben, Sie für heut zu einem Bärenschinken einzuladen, der aus Ungarn angekommen ist.« Und sich wieder vor Tina verneigend, fuhr er fort: »Das gnädige Fräulein wird verzeihen, wenn ich es hier tue. – Wollen Sie die Güte haben, mich Herrn Professor König vorzustellen.« Und da Tina dies getan, begrüßte er diesen mit der gleichen Gemächlichkeit: »Ich bin Ihnen im Theater begegnet und habe schon oft die Gelegenheit herbeigewünscht, für gute Belehrung zu danken, welche durch Sie nicht mir allein, sondern auch anderen zuteil geworden ist« – ein schneller Blick streifte die Künstlerin. Tina setzte sich, der Fürst desgleichen und die beiden Gegner konnten es unter dem Zwange seiner unzerstörbaren Artigkeit nicht vermeiden, ebenfalls zu sitzen, der Baron jetzt in anständiger Verwendung seiner Beine. Und Viktor sah mit Vergnügen, daß der ungezogene Leutnant in die bescheidene Rolle herabgedrückt war, welche der Schakal in der Nähe des Löwen spielt; er schnarrte weniger und krümelte einige Brosamen in die Unterhaltung, bis er sich endlich empfahl, in guter Haltung von dem Fürsten, nachlässig von der Künstlerin und von Viktor gar nicht. Bald darauf brach auch der Fürst auf, und der Professor hörte, daß Tina dem Herrn halblaut sagte: »Sie kamen zu rechter Zeit, um eine häßliche Szene zu beendigen.« Der Fürst antwortete artig: »Sie müssen Nachsicht mit uns Männern haben, wir sind nicht immer imstande, unseren dramatischen Eifer an der rechten Stelle zu bändigen.« Als Viktor den Hut ergriff, hielt Tina ihm die Hand hin: »O Viktor, was hast du angerichtet!« Der Fürst erwartete ihn im Vorzimmer und bat, in seinem Wagen Platz zu nehmen und zu befehlen, wohin er fahren wolle. Im Wagen sagte er: »Darf ich Sie bitten, mir anzuvertrauen, was jene Szene mit dem Baron veranlaßt hatte.« Viktor berichtete den Vorgang. »Man ist hier zuweilen plump«, sagte der Fürst. »Halten Sie mich nicht für zudringlich, wenn ich mir eine zweite Frage gestatte: Welche Folgen kann nach Ihrer Ansicht diese Begegnung haben?«

»Vor allem doch eine Forderung von meiner Seite«, antwortete Viktor.

Der Fürst nickte. »In diesem Fall würde ich mich geehrt fühlen, wenn Sie mich zu Ihrem Sekundanten annehmen wollten.« Viktor sah ihn dankbar an.

»Da ich aber auch verhindern möchte, daß der Baron eine wehrlose Künstlerin zum Gegenstande seines Grolles macht, so bitte ich Sie, mir erst morgen früh die Mitteilungen zu gönnen, deren ich als Ihr Sekundant bedarf. Heut wünsche ich mit Ihrem Gegner in dem Charakter eines Wirtes zu verhandeln.«

Am nächsten Morgen fuhr der Fürst in früher Stunde bei Viktor vor. »Ich hatte noch Gelegenheit,« begann er, »mit Ihrem Gegner einige Ansichten über den gestrigen Zusammenstoß auszutauschen. Ich nehme an, daß er nicht abgeneigt ist, seinerseits Ihnen durch mich sein Bedauern über das hingeworfene Schmähwort auszusprechen, wenn Sie sich herablassen könnten, auch Ihrerseits ein Bedauern über nachdrückliche Worte, die Sie ihm gewidmet haben, vor einem seiner Freunde zu erklären.«

»Wie vermag ich das?« entgegnete Viktor. »Ich müßte ihm das nächste Mal, wo er in ähnlicher Weise guter Sitte ermangelt, dasselbe sagen.«

»Er wird sich vielleicht in Ihrer Gegenwart fortan mehr in acht nehmen.«

»Er hat durch sein Benehmen nicht mich gekränkt, Durchlaucht, sondern eine Dame«, sagte Viktor.

»An der wir beide Anteil nehmen«, setzte der Fürst verbindlich hinzu. »Sie bestehen also darauf, ihn zu fordern?«

»Nach meiner Empfindung ist das gar nicht zu umgehen. Da Eure Durchlaucht aber mir bei diesem Handel so wohlwollenden Anteil zugewandt haben, erlaube ich mir die Frage, was Sie selbst in meiner Lage tun würden?«

»Fordern«, versetzte der Fürst gemütlich. »Wenn Sie es nicht täten, würde ich es selbst tun. Und die Waffen?«

»Da er im Begriff war, den Säbel gegen einen Waffenlosen zu ziehen, so wünsche ich, ihm mit seiner eigenen Waffe zu dienen. Doch ist mir die Kugel auch recht, ich nehme an, diese wird für meinen Sekundanten bequemer sein.«

»Ich war Rittmeister bei den Husaren«, versetzte der Fürst. »Und die Zeit?«

»Da ich ein freier Mann bin und er im Dienst, so bitte ich Sie, ihm dies zu überlassen.«

»Gut!« erwiderte der Fürst, »ich hoffe, Ihnen in einigen Stunden Bescheid zu sagen.« Er besah noch das Bild einer Madonna, welches an der Wand hing, ließ sich von Viktor ein neues Sammelwerk zeigen, Stiche, nach italienischen Gemälden, und schritt mit seiner angenehmen Ruhe die Treppe hinab.

Im Laufe des Tages erhielt Viktor ein französisches Billett des Fürsten: Säbel angenommen, ich sorge für alles und hole Sie morgen früh sieben Uhr ab.

Nun hatte Viktor nicht ohne Grund Säbel vorgeschlagen; schon als Knabe hatte er den Husarensäbel des Vaters mit Bewunderung betrachtet, als Vandale oft mit der schweren Waffe geschlagen und auch in den letzten Jahren beim Fechtmeister der Universität mit einigen Bekannten geübt. Er hatte bisweilen die Ahnung gehabt, daß er diese Kunst noch im Ernst brauchen werde. Jetzt empfand er einen so heftigen Widerwillen gegen den ungezogenen Junker, daß die Sorge für das eigene Leibeswohl davor gar nicht aufkommen wollte, und er fuhr am anderen Morgen mit dem Fürsten zur Stätte des Kampfes, gesammelt und entschlossen, sein Bestes gegen den anderen zu tun.

Sein Gegner erwies sich weit ungefährlicher, als anzunehmen war; in der Sorge, Kopf und Gesicht zu schützen, schlug er viel zuwenig und erhielt nach einigen Augenblicken einen wuchtigen Hieb in die Schulter, der ihn kampfunfähig machte. Mit kaltem Gruß trennten sich die Parteien, die Kameraden des Leutnants konnten die Unzufriedenheit über den Erfolg des Zivilisten nicht verbergen. Als Viktor auf dem Rückwege dem Fürsten dankte, sagte dieser: »Wir alle haben Ursache zu sorgen, daß der Handel geheimbleibt. Ich wünsche es auch um des Fräuleins willen, welches die unschuldige Veranlassung geworden ist.«

Erst viel später erfuhr Viktor, daß er dem Fürsten in dieser Affäre zu besonderem Dank verpflichtet war, denn dieser hatte, als er die Forderung überbrachte, gegen einen ausschließenden Standeshochmut kämpfen müssen, den er erst durch die Andeutung niederschlug, daß er den Streit auf sich zu nehmen gezwungen sei, wenn dem Herrn, den er vertrete, die geforderte Genugtuung verweigert werde.

Viktor war der Ansicht, daß der Fürst ihm wirkliche Freundlichkeit bewiesen habe, und erwartete deshalb fortan eine gewisse persönliche Annäherung. Zu seinem Verwundern war das nicht der Fall, der Österreicher behielt ihm gegenüber eine gleichmäßige, artige Kühle und sie sahen einander selten.

Von dem Duell verlautete in der Stadt wenig, die Herren vom Klub hatten keinen Grund zu besonderer Befriedigung und die allgemeine Aufmerksamkeit war auf anderes gerichtet. Der Schauspielerin verhehlte Viktor die Wahrheit und sagte ihr auf unruhige Fragen nur: »Die Sache ist mit Hilfe des Fürsten ausgeglichen.«

Aber für Viktor selbst blieb der Streit nicht ohne Folgen. Es machte ihm in der Stille Freude, daß er etwas für seine Freundin gewagt hatte, und er war seitdem geneigt, sie zu betrachten, als ob sie ihm angehöre. Er fing an, sich mehr um ihr Tagesleben zu kümmern, fragte sie zuweilen nach ihrem Verkehr und den Besuchen, die sie annahm; und da manche ihr huldigten, die ihm mißfielen, verhehlte er seine Mißbilligung nicht. Tina sah ihn bei solcher Kritik mit großen Augen an und, wie ihm vorkam, mit geheimer Sorge, doch antwortete sie demütig und versuchte wohl auch, sich nach seinem Wunsche zu richten.

Sie hatte ihn gebeten, eine neue Rolle mit ihr durchzugehen, er hielt das Buch, soufflierte und las in ihren Szenen die Rollen der Gegenspieler; sie spielte ihre Partie vor. Dabei gerieten beide in Künstlereifer, auch er rezitierte lebendiger und nahm die Stellungen, welche der Moment verlangte. Als nun eine Szene von starker dramatischer Bewegung kam, eine Erklärung zwischen zwei Liebenden, welche nach dem Hin- und Herwogen der Leidenschaft einander in die Arme fliegen, da sprang Tina im Charakter ihrer Rolle und in der Begeisterung des Spieles auf ihn zu und warf sich ihm an die Brust; das Tuch war ihr von den Schultern geglitten, er hielt das schöne Weib und fühlte das Wogen warmer Empfindung an seinem Herzen. Da schloß er sie fester an sich und drückte ihr heiße Küsse auf Hals und Schulter. Sie lag eine Weile hingebend in seinen Armen, dann richtete sie sich langsam auf und in ihrem Antlitz zuckte eine Bewegung anderer Art, Trauer und Angst. Sie setzte sich kleinmütig in den Sessel und sagte leise: »Das hättest du nicht tun sollen, Viktor.«

»Täglich fühle ich mehr, wie schön du bist«, rief der entflammte Kamerad. »O zürne nicht, daß das Gefühl aufloderte und die Leidenschaft herausbrach, ich wollte dich nicht kränken.«

Tina aber nickte schmerzlich mit dem Haupte: »Ich wußte, so würde es kommen. Wie war deine Freundschaft so schön!« – und kräftig sich zusammennehmend, rief sie in verändertem Tone: »Du dummer Viktor! Du willst doch nicht mein Anbeter werden oder gar mein Liebhaber? Weißt du, was das heißt, mein Freund? Jetzt gehorche ich dir; wenn du aber küssen willst, wie du eben tatest, mußt du mir gehorchen, du mußt meine üble Laune aushalten, mußt mir Veilchenbuketts zutragen und dir gefallen lassen, daß ich sie beiseite werfe, wenn sie mir nach türkischem Tabak riechen. Finde ich ein Armband hübsch oder ein Spitzenmuster, so mußt du schnell danach laufen und nach dem Preise nicht fragen; du mußt deine Eifersucht – ich sehe dir an, daß du darin stark sein kannst – still hinunterdrücken und gegen andere Männer, denen ich einmal zulache, freundlich sein. Ich werde dich quälen und du mich, du wirst unglücklich sein und wirst zuletzt nicht danach fragen, wie mir zumute ist. Oh, sei kein Tor, Kamerad, und störe nicht den Frieden, in welchem wir jetzt miteinander leben.«

»Du weißt nicht,« rief Viktor widerspenstig, »wie sehr ich unter dem Zauber deines Wesens stehe. Das Kind, das ich einst geliebt, die Künstlerin und das schöne Weib vermag ich nicht mehr auseinanderzuhalten wie verschiedene Leben; für mich bist du immer die eine, nach der ich mich sehne und die ich begehre.«

Wieder sah sie traurig vor sich hin. »Den besten Teil hattest du,« sagte sie leise, »und du willst ihn vertauschen mit etwas anderem, was für uns beide ein Unglück wird. – Arme Tina! Noch einmal war die Unschuld der Kinderzeit in dein Leben zurückgekehrt und du warst so selig darin.« Die Tränen rollten ihr von den Wangen.

»Sprich nicht so zu mir, Mädchen,« versetzte Viktor, erschüttert durch diese Klage. »Traurig kann ich dich nicht sehen und unglücklich sollst du durch mich nicht werden; ich will mich in Zukunft besser behüten. Wenn dir unsere Kameradschaft als das größere Glück für dein Leben erscheint, so will ich mich zu beschränken suchen auf den Teil deines Herzens, den du mir zuwenden kannst, wie bitterlich schwer es mir auch werden mag.«

Sie sah ihn forschend an, und da er ihr die Hand bot, hielt sie diese fest und neigte das Haupt.

Nun ging es äußerlich wieder wie vorher, aber die harmlose Zufriedenheit, die Viktor gefühlt, war verschwunden. Unruhig beobachtete er seine Jugendfreundin und machte sich Gedanken über ihre Vergangenheit, über die Verhältnisse zu anderen Männern, die sie früher bereits gehabt oder die sie ihm wahrscheinlich verbarg, und es half ihm wenig, daß er sich selbst sagte, wie töricht solche Eifersucht gegenüber einer Künstlerin sei, welche aus engen Verhältnissen sich mühsam emporgearbeitet hatte und allen Gefahren und Verlockungen des Berufes und ungewöhnlicher Erfolge ausgesetzt gewesen war. Durch dies Grübeln und Zweifeln fielen zuweilen dunkle Schatten in den frohen Schein, der um den Teetisch der Künstlerin glänzte, Tina merkte die ungleiche Stimmung ihres Freundes, sie bewies ihm gegenüber unverändertes Zutrauen und bei Gelegenheit eine fast demütige Fügsamkeit in seinen Willen. Er hatte einst nebenbei erwähnt, daß ihr eines ihrer einfachen Hauskleider besonders gut stehe, sie trug es seitdem immer, sobald sie seinen Besuch erwarten konnte; er hatte gegen sie ein Buch gelobt, als er das nächste Mal kam, fand er es aufgeschlagen, obgleich sie sonst wenig las; er hatte sein Wohlgefallen an einer ihrer Kolleginnen geäußert, er fand die junge Dame seitdem öfter am Teetisch und merkte, wie Tina sich bemühte, diesen Gast im Gespräch zur Geltung zu bringen.

Als Viktor einst nach einem guten Künstlerabend neben dem alten Regisseur heimwärts ging, begann dieser in seiner Freude über die Schauspielerin: »Da hat unser Herrgott einmal etwas Gutes für das deutsche Theater zurechtgemacht, aber der Teufel wird es uns nicht gönnen und die Arbeit verderben.«

»Was fürchten Sie für ihre Zukunft?«

»Daß sie doch einmal irgend jemanden heiratet«, entgegnete der Schauspieler. »Das besondere Talent, welches sie besitzt, ist ihr vom Himmel nur unter Bedingungen verliehen, wie der Jungfrau von Orleans ihre Stärke. Einer Schauspielerin wie dieser ist die Liebe, ja auch die Hingabe an den Geliebten nicht verwehrt; aber dies muß ein Spiel bleiben, welches ein Ende nimmt. Für Haushalt und Ehepflicht, die mancher anderen Künstlerin zur Kräftigung gereichen, ist diese Natur nicht robust genug. Ich kenne sie seit Jahren.«

Da wagte der eifersüchtige Viktor einzuwerfen: »Sie hat doch sicher schon manches nähere Verhältnis zu Männern durchgekämpft.«

»Das könnte aus ihrem Spiele schließen, auch wer es nicht weiß,« antwortete der Alte, »aber sie ist immer mit ihren Leidenschaften zu rechter Zeit fertig geworden, und diese haben ihre physische und geistige Kraft nicht vermindert. Ich will ihr gern alles nachsehen, nur soll sie sich für keinen Mann opfern.«

Nach dieser Unterredung sah Viktor die Schauspielerin einige Tage nicht. Die Kammerherrin war mit Valerie nach der Residenz gekommen, die Damen wohnten bei Tante Minchen und nahmen seine Dienste sehr in Anspruch. Während ihrer Anwesenheit äußerten sie den Wunsch, die fremde Künstlerin in einer ihrer großen Rollen zu sehen, und Viktor mußte sie ins Theater begleiten. Ihm erschien dies wunderlich. Er saß nicht an seinem gewöhnlichen Platz, wo ihn Tina zu sehen wünschte, und empfand es wie ein geheimes Unrecht gegen die Freundin, daß er ihrem Spiel neben Valerie zusehen sollte. Vielleicht täuschte er sich, doch ihm kam vor, als ob die großen Augen Tinas von der Bühne unruhig und besorgt nach ihm und seiner Nachbarin blickten, besonders als Valerie sich einmal zutraulich nach ihm wandte und leise zu ihm sprach. Wie er einige Tage darauf die Gäste nach dem Bahnhof geleitet hatte, eilte er zur Wohnung der Schauspielerin. Es war nicht die Stunde, wo er sonst zu kommen pflegte, und er fand Tina in Beratung mit ihrer Gesellschafterin, die zu andrer Zeit in einer Hinterstube für die Garderobe der Künstlerin sorgte. Tina nickte ihm freundlich zu, doch war ihr Blick umwölkt, als hätte sie geweint. Über den Sesseln lagen Theaterroben, ein Hermelinmantel und anderer Königsstaat. »Es ist meine Rüstung für die nächste Vorstellung, du kommst in meine Schneiderstunde.« Sie gab der Gehilfin die nötigen Aufträge und sandte sie hinaus, dann trat sie vor Viktor und fragte heftig: »Wer war die junge Dame neben dir in der Loge?«

Mit einem Anflug von Befangenheit gab Viktor Auskunft und setzte hinzu: »Es ist die nächste Freundin meiner Schwester.« Tina sah ihn durchdringend an. »Sie ist schön!« sagte sie in herbem Tone, kehrte ihm den Rücken zu und setzte sich in einen Sessel. Viktor erwartete schweigend, was kommen würde. Nach einer Weile begann Tina, immer noch abgewandt, mit leiser Stimme: »Nimm den Shakespeare, Viktor, und schlage mir im Romeo den zweiten Akt an von den Worten: ›Oh, wie sie auf die Hand die Wange lehnt.‹«

Er nahm und las. Nach einigen Zeilen stand sie auf, wandte sich ihm zu und spielte die Balkonszene so lieblich und innig und doch mit so starker unterdrückter Leidenschaft in ihn hinein, daß er in einem Schauer von Entzücken und Schrecken die Empfindung hatte, als ob sich ihm das Haar auf dem Haupte sträube. Am Ende der Szene fuhr sie plötzlich fort: »Hinab, du flammenhufiges Gespann« und warf sich bei den Worten: »Nacht, gib mir meinen Romeo« mit voller Leidenschaft an seine Brust, der Schal glitt ihr von den Schultern, sie schlug die Arme um seinen Hals und seufzte leise: »Da hast du die Schulter, küsse mich!« Das tat er. Sie aber entwand sich ihm wieder, warf den Purpurmantel um ihren entblößten Nacken und sprach, indem sie mit hinreißender Zärtlichkeit den Arm gegen ihn ausstreckte: »Geh, Lieber, heut abend erwarte ich dich.«

Mit beflügeltem Schritt eilte Viktor durch die Straßen nach seiner Wohnung; ihm pochte das Herz, daß er die Schläge fühlte. Er fand die Straßen mit Menschen gefüllt, ein unruhiges Hin- und Herwogen, in den Haufen pfeifende Straßenbuben, und viele wilde Gestalten, die er so zahlreich in den belebten Stadtteilen nie gesehen. Ihn aber dünkte alles wie Geschrei der Raben auf dem Baume, er sprang in seiner Wohnung die Treppen hinauf, legte die Uhr auf den Tisch und schritt auf und ab. Es wurde dunkel; aus der Ferne tönte ein Brausen herauf, dazwischen einzelne Schreie, wie Geräusch der fernen Brandung und Gekrächze der Möwen, zuweilen wurde es auf Minuten still, dann erhob sich aufs neue das Getöse und Rauschen näher und drohender. Viktor sah wieder nach der Uhr. Unten dröhnte der regelmäßige Tritt marschierender Soldaten, Kommandorufe und der Anschlag der Gewehre auf dem Pflaster. Aus der Ferne aber klang ein Dröhnen und Rasseln, wie von Lastwagen, – waren das Geschütze? Horch, ein scharfes Knattern, – so klangen Schüsse! Da ergriff er seinen Hut und sprang hinaus auf die Straße. Die Straße war leer wie in tiefer Nacht, die Türen geschlossen; er eilte an den Häusern entlang, um zu ihr durchzudringen, die in dieser Stunde ihn zitternd erwartete. Der Weg war erhellt von einem rötlichen, unheimlichen Lichte. Wie er um die Ecke bog, sah er den ganzen Himmel in heller roter Glut, feurige Lohe und schwarze Rußwolken wälzten sich in wildem Tanze über den Häusern dahin. Ein Haufe von Männern und Weibern quoll ihm entgegen, die Gesichter blutlos, in den Augen Wut und Entsetzen; sie brüllten: »Mord! Heraus zur Hilfe!« Viktor sprang heran – auch ihm starrte das Blut in den Adern – auf einem Räderkarren, den sie vorwärts zogen, lag ein Mann in dem Kleid eines Arbeiters und ein halbwüchsiger Knabe, und beide waren getötet, das geronnene Blut klebte an Haaren und Kleidern. Wieder rannte er weiter, zu dem Schrecken kam ein wütender Zorn gegen die Bewaffneten, welche arme Leute niederschossen, und gegen eine Regierung, die so Furchtbares, Wahnwitziges geboten hatte.

Als er die nächste Straße erreichte, stand er in einem geschäftigen Haufen Arbeitender zwischen umgestürzten Wagen und ausgebrochenen Pflastersteinen, in dem Dämmerlicht bewegten sich schweigend die dunklen Gestalten, fahl die Gesichter und glanzlos die Augen, gleich gespenstigen Schatten, welche der Tod aus seinem Reiche heraufgesandt hat. Eine heisere Stimme rief dem Zornentflammten in das Ohr: »Zur Hilfe dem Volke, wenn du ein Mann bist!« – ein Gewehr lag in Viktors Hand, er selbst stand hinter den Steinen und stierte nach vorwärts, und über ihm pfiffen die Kugeln, die aus einer Salve gegen ihn und seine Umgebung heranflogen. In demselben Augenblick hörte Viktor von der Seite einen französischen Anruf, und er hörte, wie der Mann, welcher an der Barrikade gebot, einem Genossen in polnischer Sprache Befehle gab. Da schlug er den Kolben des Gewehres, welches er in der Hand hielt, gegen die Pflastersteine, daß der Kolben in Stücke sprang und der Schuß zwischen seinen Fingern hindurch an der Schläfe vorbeikrachte, er selbst setzte mit einem Sprung über die Barrikade in die gesperrte Straße, dem rollenden Gewehrfeuer entgegen. Eine neue Salve! Wieder hörte er das Pfeifen der Kugeln um sein Haupt, während er längs der Häuser dahinlief; auch vor ihm war die Straße durch einen Steinwall gesperrt, dort tobte der Kampf. Er sah sich um nach einem Obdach – alle Türen verschlossen; doch er kannte die Gegend, auf seiner Straßenseite lag ein Weinkeller, den er oft besucht hatte, er sprang in den Schutz der Türbrüstung und pochte in der Art, wie vertraute Gäste pflegten, wenn sie einmal am späten Abend den Eintritt suchten. Nach einer Weile rasselte der Riegel, er warf sich hinab, und der erschrockene Küfer schloß hinter ihm zu, er war gerettet.

Die Schenkstube fand er leer, nur ein Gast saß still in der Ecke, den Kopf auf den Arm gestützt – es war Henner. Viktor war seinem alten Gegner seither öfter begegnet und hatte mit ihm zuweilen gleichgültige Reden ausgetauscht. Heut trat er zu ihm und bot ihm die Hand, welche Henner ergriff und festhielt. So saßen die beiden nebeneinander, während draußen die Salven krachten und die Fenster von dem Donner schwerer Geschütze klirrten.

»Oh, du mein armes Preußen«, rief Viktor. »Die Vormacht sollten wir sein für andere deutsche Stämme, und jetzt liegen wir am Boden in einem Siechtum, das uns anderen verächtlich und den Feinden zur Beute macht.«

»Was würde Ihr Vater dazu sagen?« fragte Henner ruhiger. »Er gehört zu den wenigen Alten, die über ihrem Schlachtruf: Mit Gott, für König und Vaterland! das Verständnis für den Jammer der neuen Zeit nicht verloren haben.«

»Vielleicht wird er sagen,« antwortete Viktor, »daß die Kanonen jetzt dem Sohne dieselbe Lehre zu Ohren donnern, wie einst dem Vater. Die Stunde ist da, wo der Preuße die Sorge um sein eigenes Leben und seines Herzens Gelüst vergessen muß in der Todesnot seines Vaterlandes.«

»Draußen töten sie einander, und wir sitzen müßig hier«, sagte Henner.

»Ich habe mein Gewehr an den Steinen zerschlagen, weil ein fremder Emissär mir es in die Hand drückte«, versetzte Viktor finster.

»Ist aber dieser wilde Aufstand eine Betörung unserer Arbeiter und überlegtes Werk fremder Anstifter,« sagte Henner, »wie kommt es, daß wir alle davon ergriffen sind und kaum der Versuchung widerstehen, Pflastersteine aufzureißen? Wer trägt die Schuld, daß ein redliches und loyales Volk, welches durch so große Erinnerungen mit seinem Fürstenhause verbunden ist, einem solchen plötzlichen Ausbruch seines Grimmes verfällt?«

»Vielleicht sind Regenten und Regierte beide erkrankt, jeder in seiner Weise, und uns allen tut Genesung not«, erwiderte Viktor.

»Was aber vermag der einzelne für solche Besserung zu tun?«

»Zuerst sich selbst gesund zu machen«, rief Viktor. »Der Vater hat mir erzählt, wie ihm einst in der jammervollen Niederlage, als der Staat Friedrichs des Großen zerbrach, der Ruf in die Seele drang, daß auch er sich für das Vaterland hinzugeben habe. Er konnte in seinem Beruf als Arzt dienen und mit seinem Säbel als Soldat. Ich bin nichts als Schriftsteller und habe die ersten frischen Jahre meiner Tätigkeit auf Dinge verwandt, die mir in diesem Augenblick so weichlich und ungesund erscheinen, daß ich mich ihrer schäme. Dies Lippenfechten über schöne Attitüden und über die Geheimnisse einer ästhetischen Wirkung, und ob der Schauspieler das Bein so oder anders setzen soll. Pfui! – unterdes schlich der Haß, die Verzweiflung, die Mordlust in die Seelen der Menschen, neben denen ich täglich vorbeiging. Aus einer furchtbaren Betörung erwache ich. Ihnen aber gelobe ich in dieser Stunde, Henner, ich tue ab von mir jede andere literarische Tätigkeit und all mein üppiges Schwelgen im Lande der Träume. Ich will eine Antwort suchen auf die Frage: Wie uns und unser geliebtes Preußen retten? Der Vater hatte es besser, er sah den Weg vor sich.«

»Damals tat es der Säbel,« sagte Henner, »jetzt vielleicht das gesprochene und gedruckte Wort. Was Sie auch wählen mögen, lassen Sie mich teilhaben an Ihrer Arbeit. Ich bin nicht reich, aber ich kann als unabhängiger Mann leben, und ich denke, diese Freiheit von jeder dienstlichen Abhängigkeit wird jedem nötig sein, welcher von heut ab für die Erhebung seines Vaterlandes tätig sein will.«

Es war draußen stiller geworden, nur einzelne Schüsse und gellende Schreie wurden gehört. An die Tür des Kellers donnerten heftige Kolbenstöße. Viktor sprang auf, ein Offizier mit einer Abteilung Soldaten drang in das Gewölbe, ihnen allen lag in Antlitz und Gebärde das furchtbare Grausen, welches den Menschen entstellt, wenn er andere gewaltsam vom Leben scheidet.

»Hierher hat er sich geflüchtet«, schrie der Offizier. »Packt ihn – zeigen Sie Ihre Hand!« Viktors Hand war von Pulver geschwärzt. »Nieder mit ihm!«

Henner sprang vor, warf sich zwischen die Wütenden und ihr Opfer und drückte ein Bajonett zur Seite, der Stich ging durch Viktors Arm und Seite, das Blut strömte herab. »Er ist unbeteiligt wie ich«, schrie Henner dem Leutnant entgegen.

»Er hatte ein Gewehr in seiner Hand«, sagte der Offizier grimmig. »Dies ist keine Zeit, Herr von Henner, um für andere einzutreten.«

»Er hat das Gewehr eines Empörers an den Steinen zerschlagen.« Der Offizier wandte sich ab und gebot: »Vorwärts, durchsucht den Keller.«

Die beiden blieben allein, Viktor ließ sich schwerfällig nieder. »Das ist auch eine Art von Katharsis«, sagte er mit trübem Lächeln und legte den Arm auf den Tisch. Henner eilte dem Offizier nach, und Viktor vernahm die kurzen Reden einer aufgeregten Verhandlung; ihm war jetzt auf einmal so ruhig zumute, als ginge das ganze wilde Treiben ihn wenig an; auch fühlte er den Schmerz der Wunde nicht sehr. Der Leib war matt, aber der Geist war klar, und er dachte bei sich: Der unnütze Lärm wird aufhören, dann kommt eine friedliche Zeit, wo ich mit Henner wieder zusammen bin. Darüber wurde ihm der Kopf schwer und sank nach vorwärts, aber er hörte deutlich Henners Stimme, als dieser sich über ihn neigte. »Ich habe durchgesetzt, daß wir nicht abgeführt werden, wir müssen hier aushalten, der Kampf dauert fort und die Wege sind gesperrt. Wir helfen Ihnen die Treppe hinauf in die Wohnung des Wirtes. Nebenan ist das Schild eines Arztes, er soll Sie verbinden.« Viktor sah ihn dankbar an. Er wurde auf einem Stuhl in die oberen Zimmer getragen, der Arzt kam und untersuchte die Wunde; der Stich war durch den Arm und an den Rippen vorbeigegangen, und die Verletzung größerer Adern hatte den starken Blutverlust herbeigeführt. Viktor legte den Kopf müde auf das Lager, und Henner saß neben ihm.

Erst gegen Mittag des nächsten Tages war der Verkehr so weit geöffnet, daß Viktor in einem Tragstuhle nach seiner Wohnung geschafft werden konnte. Die Träger kletterten über die Öffnungen zerrissener Barrikaden, und der Wunde sah auf dem Wege die Spuren des kläglichen Kampfes. Als in seiner Wohnung alles zur Pflege eingerichtet war, rief er Henner an sein Bett und sprach ihm leise in das Ohr. »Sage ihr, ich bin in Blut getreten, als ich zu ihr ging. Wenn ich das Leben behalte, so gehört es nicht mehr ihr, sondern einer Pflicht, die noch älter ist, als meine Liebe zu ihr.« Henner ergriff den Hut und entfernte sich.

Als Henner zurückkam und seinen neuen Kameraden leidlich bei Kräften fand, fragte er: »Darf ich dir übergeben, was mir anvertraut wurde?« Viktor nickte, und der andere legte ein Billett auf das Lager und öffnete das Siegel. Tina schrieb: »Lebe wohl für immer, mein geliebter Viktor; ich reise morgen ab. Gedenke in Freundschaft deines unglücklichen Kameraden!«

»Was sagte dir die Schreiberin?« fragte Viktor.

»Sie weinte, da sie mir den Brief gab, und vermochte nicht zu reden. Der Fürst war bei ihr.«

»Lebe wohl, Tina!« sagte Viktor vor sich hin, »ich denke dein.«

Als er eine Woche später nach wohltätigem Mittagschlummer die Augen aufschlug, glaubte er noch zu träumen, denn die Schwester stand neben seinem Bette.

»Der Vater schickt mich der Tante zu Hilfe«, sagte das gerührte Käthchen nach der ersten freudigen Begrüßung. »Henner hat zuerst von deiner Verwundung geschrieben, und seitdem jeden Tag von deiner Besserung.«

»Ich habe lange seinen Wert verkannt,« antwortete der Bruder, »er ist mir in schwerer Stunde ein treuer Freund geworden. Ihm verdanke ich, daß ich nicht ein Opfer jener Unglücksnacht wurde.«

Bei diesem Lobe des Freundes leuchteten Käthes Augen, und eine hohe Röte zog über ihr Antlitz, so daß der Bruder sie forschend ansah; da beugte sie sich zu ihm herab und drückte ihr Haupt an das seine. »Bist du ihm gut?« fragte er leise. Er fühlte, daß sie nickte. »Und er dir.« »Ich glaube auch«, sagte sie fast unhörbar.

»Es ist noch jemand aus der Heimat hier,« fuhr Käthe nach einer Weile mutiger fort; »darf sie hereinkommen? Sie wollte mich in diesen schrecklichen Wochen nicht allein lassen, und sie wohnt auch bei der Tante.«

Valerie trat herein und setzte sich still auf den Stuhl an seinem Lager.

Die Heilung ging nur langsam vonstatten. Sobald für Viktor ein Umzug möglich wurde, bestand die Tante darauf, daß er bis zur vollständigen Genesung zu ihr ziehen sollte.

»Der Stich hat mir einen guten Dienst getan,« sagte Viktor, »er überhebt mich jeden Tag der Notwendigkeit, diesen widerwärtigen Karneval der Gasse anzusehen. Liebe Tante, geh an das Bild des Alten Fritz und entferne den Trauerflor; die Presse ist frei, und Henner und ich werden Zeitungsschreiber.«

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