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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 102
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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2. Vandalen und Thüringer

Wieder vergingen acht Jahre und Viktor wurde Student. Er war ein reichbegabter Schüler, sein fröhliches Naturell erwarb ihm Zuneigung der Lehrer und Mitschüler, und ein behendes Selbstvertrauen, das ihm eigen war, verminderte nur selten seinen Fleiß, denn von dem redlichen Pflichtgefühl der Eltern war doch viel auf ihn übergegangen. Der Doktor folgte der Entwicklung seines Sohnes mit stillem Wohlgefallen. »Er hat einen hochfliegenden Geist und den Mut, etwas zu wagen«, sagte er zu seiner Frau. »Er soll sich erwerben, was seinem Vater nicht zuteil wurde, freie Tätigkeit in einer Wissenschaft, und er soll die Wissenschaft wählen nach seinem Gefallen. Oft, wenn ich ein gutes Buch las, habe ich daran gedacht, daß doch der edelste Beruf des Mannes ist, für Lehre und Bildung in weiten Kreisen tätig zu sein.« Und als die Mutter bescheiden einwendete: »Ist solche Aufgabe nicht sehr schwer und der Erfolg ungewiß, und wie steht es dabei mit der Sicherheit des äußeren Lebens?« – da entgegnete der Doktor hoffnungsvoll: »Er ist einfach erzogen, an geringe Bedürfnisse gewöhnt, und ich erwarte, wenn seine Kraft als Schriftsteller für hohe Leistungen nicht ausreicht, daß er verstehen wird, als gewissenhafter Lehrer seine Pflicht zu tun.«

In diesem Sinne besprach der Vater mit dem Sohne die künftigen Studien. Weil er der Meinung war, daß im Anfange eine kleinere Studentenstadt für Bildung des Charakters vorteilhaft sein werde, riet er ihm die Universität, an welche er sich selbst mit Freude erinnerte.

Dort saß jetzt Viktor am Fenster seiner Studierstube, die Sonnenstrahlen füllten sein Zimmer mit Glanz, und aus dem Garten quoll der Blumenduft herauf; zwischen das ferne Geräusch der Straßen tönte das Gezwitscher der Vögel und das Gesumm der Bienen, welche um die Blüten des wilden Weines schwebten. In gehobener Stimmung saß er und sann. Denn er war zuweilen Dichter, und er hatte nichts dawider, wenn es die ganze Welt erfuhr, zur Zeit wußte es nur seine Familie. Heut dachte er an die Heimat und an die liebe Mutter. Der Segen, den sie auf sein Haupt gelegt, und die Liebe, mit der sie ihn beim Abschiede ans Herz gedrückt, erfüllten ihm das Gemüt, und ihm war, als müßte alles, was ihn bei der Erinnerung bewegte, die ganze Fülle zärtlicher Gefühle in Wort und Vers dahin strömen. Wie starker Glockenton bebte es durch sein Inneres. Aber da er es in Worte fassen wollte, wurde, was als Ton und Vers von seinen Lippen klang, immer nur ein bekanntes Lied, das er bisweilen von der Mutter gehört hatte, und er mußte sich darüber wundern, daß seine Seele von der alten Weise nicht lassen wollte, die nicht einmal ganz paßte und einen anderen Ausdruck gar nicht begehrte als den Text von Lebewohl und Wiedersehen. Dazwischen hörte er draußen Trommeln, und ihm fiel plötzlich ein, wie kunstvoll am Abend vorher sein Leibbursch Roller auf einem leeren Tönnchen die Schlägel gehandhabt hatte, und welch ein prächtiger Gesell der Freund war mit seiner trocknen guten Laune. Er lief zum Schreibtisch, und was er niederschrieb, war ein munteres Studentenlied, in welchem kleine Abenteuer des Leibburschen nach bekannter Melodie gefeiert wurden, nicht hochpoetisch, aber lustig. Als er die Worte durchlas, fiel ihm der Abend ein, wo er mit dem Stock des Vaters die Hüte auf die Bühne geworfen hatte, und er fragte sich zweifelnd, ob solches Herausspringen aus der Sentimentalität für einen Lyriker geziemend und eine gute Vorbedeutung sei.

Als Schlesier trug Viktor das Korpsband der Vandalen, eines tapferen und ruhmreichen Stammes, bei dem er viele Landsleute fand, und obwohl er seine Zeit nicht ausschließlich den Fehden und Trinkgelagen der Genossenschaft widmete, wurde er doch als ein ansehnlicher Mann, welcher mit Feder und Schläger Bescheid wußte und in dem Ruf diplomatischer Weisheit stand, mit der Zeit zum Konsenior gewählt. Dies Ehrenamt war nicht mühelos, denn obwohl die verschiedenen Korps in der Regel gegen die Burschenschaft und die Wilden zusammenhielten, hegten sie doch auch gegeneinander starken Argwohn, und es gab Grenzstreitigkeiten wegen der Füchse und der Zugewandten. Am häufigsten zwischen Vandalen und Thüringern. Diese Nation, die zahlreichste von allen, war lange nichts als eine Verbindung von lockerem Zusammenhalt gewesen, hatte sich aber vor einiger Zeit zu einem Korps emporgeschwungen und litt gerade damals an einem unleidlichen Dünkel. Unter ihren Starken waren mehrere Adlige, welche größeren Aufwand und vornehme Neuerungen einführten. Ihr erster Häuptling, ein Herr von Henner, war ein langer, hagerer Gesell, als Schläger gefürchtet und wegen seines Hochmuts übel beleumundet. Ihn konnte Viktor durchaus nicht leiden, schon darum nicht, weil er Neffe eines verstorbenen uralten Majors aus der Kreisstadt war, von dem Viktor als Knabe einen scharfen Verweis erhalten hatte, als er einst mit seiner Kompanie auf dem Stadtwall die Wege verengte. Doch hatte die gemessene Höflichkeit des Thüringers seither einen feindlichen Zusammenstoß verhindert.

Nun wollte der Zufall, daß Thüringer und Vandalen zugleich den Entschluß faßten, ein Königreich zu errichten, und daß sie zur Festfeier dieselbe Woche bestimmten. Da dies der Gäste und des Lokals wegen nicht paßte und den Vandalen viel an dem gewählten Tage lag, der ihr Stiftungsfest war, so wurde beschlossen, deshalb mit den Rivalen in freundliche Verhandlung zu treten, und Viktor ward mit dem Auftrage betraut. Er begab sich also eines Abends nach dem unterirdischen Gewölbe, in welchem die Thüringer ihren Trank in Humpen und Stangen zu heben pflegten. Verwundert blickten die Helden aus rötlichen Gesichtern auf den fremden Gast und das Vandalenband über seiner Brust; doch wurde er von dem Fuchsmajor, der die Pflichten des Marschalls zu erfüllen hatte, achtungsvoll empfangen, zu dem Häuptling geleitet und neben diesem niedergesetzt. Während die wilde Jugend der Thüringer sang und Bierkonvente berief, verhandelten die beiden Würdenträger leise miteinander. Doch leider fand das gute Wort des Vandalen bei dem stolzen Thüringer keine gute Statt, gleich im Anfange nicht, als Viktor, seinem Auftrage gemäß, ihn selbst als Gast einlud. Denn Henner antwortete, daß er nicht zusagen könne, bevor die Genossen ihr Einverständnis erklärt hätten. Als sich vollends herausstellte, daß seinem Volke eine Verlegung des Tages zugemutet wurde, verweigerte er mit trockenen Worten jedes Eingehen auf solchen Wunsch. Durch die ungefällige Art des Gesellen wurde Viktor gereizt, doch gedachte er, daß er nicht in eigenen Sachen, sondern im Interesse seiner Nation zu sprechen hatte, und wahrte seine Würde. Auch als Henner die widerwärtige Angelegenheit eines Fuchses zur Sprache brachte, den die Vandalen den Thüringern entführt haben sollten, behielt der Gesandte seine Haltung. Da die Verhandlungen ins Stocken gerieten und er den aufsteigenden Unwillen bewältigen wollte, sprach er von anderm, erzählte allerlei, und weil er sehr kunstvoll gemalte Pfeifenköpfe in der Nähe sah, so rühmte er die Arbeit und fragte nach dem Maler. Da hielt ihm Henner nachlässig das Bild seines Pfeifenkopfes hin, einen Schild in Blau und Silber geteilt, darin schwarze Vögel, und nannte den Maler.

Viktor lobte das Werk und sagte ruhig: »Mir gefällt nicht der neue Brauch, Wappen auf Burschenpfeifen zu tragen.«

»Manchem mißfällt, was er nicht hat, hätte er's, so würde er es wert halten«, antwortete Henner kalt. »Jedes Land hat seinen eigenen Brauch. Unter euch Schlesiern macht jeder Schuljunge Verse; ich höre, bei euch kauft man ein Leichengedicht zu vier Groschen, und bei Hochzeiten tun's eure Poeten umsonst für Essen und Trinken.«

Dies war eine bösartige Anspielung auf die Begabung, welche auch Viktor nicht versagt war. Denn es war bekannt, daß die Vandalen einige Lieder von ihm auf ihren Bänken zu singen liebten. Der Gast merkte, daß der andere Händel suchte und daß ein Kampfgespräch beginnen mußte, dessen Ausgang beide kannten. Er antwortete also mit kaltem Stolze: »Ich gebe dir mit besserem Grunde deine Worte zurück, daß mancher verlacht, was er wert halten würde, wenn er's hätte. Haben die Schlesier allzuviel Verse, so ihr Thüringer zuviel große Herren. Du bist, wie ich höre, aus dem Lande, in dem der Maikäfer über sieben Fürstentümer fliegt.«

»Ich stamme aus Westpreußen,« versetzte Henner stolz, »aber meine Familie ist erst dorthin ausgewandert, sie saß in Thüringen, bevor es ein Preußen gab. Wir sind die Henner aus dem Hause Ingersleben.«

Als Viktor diesen Unsinn hörte, verlor er die Geduld. Im Augenblicke fiel ihm vieles ein, was ihn schon als Knaben an den Bellerwitzen und andern geärgert hatte, die Blechkette und die Ruhmredigkeit. Er erhob sich und verhehlte nicht länger die bedeutsamen Worte, welche dem Betroffenen das Gegenteil von männlicher Klugheit zur Last legen, denn er sagte verächtlich: »Aus dem Hause Ingersleben? Du bist ein dummer Junge.« Henner blieb kaltblütig sitzen und hob gegen einen Vertrauten, welcher neben ihm saß, nur einen Finger in die Höhe, worauf dieser aufsprang und den scheidenden Gast, welcher kampfmutig über den Haufen der Thüringer sah, im Namen Henners auf einen Gang mit kleinen Mützen forderte. Viktor nickte und beobachtete, daß den Thüringern erst jetzt der Zusammenstoß der Großen auffiel und daß sie zahlreich von den Bänken fuhren, um dem Fremden mit gleicher Schmähung zu bezahlen, aber durch eine neue Handbewegung ihres Seniors zurückgehalten wurden. Nur zwei der besten Recken tauschten mit ihm noch Scheltworte und Forderung, und Viktor schied aus dem Heerlager der Feinde mit der Aussicht auf drei Geschäfte, bei denen für die Beteiligten der Hingang auf eigenen Beinen sicherer war, als die Heimkehr.

Als Viktor am anderen Morgen früher als sonst erwachte, war ihm in dem nüchternen Grau des Tages das Gemüt doch etwas beschwert; er hatte bis dahin mit Glück und Kunst ähnliche Zusammenstöße überwunden und genoß den Ruf, scharfe Hiebe auszuteilen. Diesmal aber stand dreimaliger Männerkampf mit den besten Schlägern der Universität in Aussicht, und zwar in der gefährlichsten Kampfweise, und er beobachtete an sich selbst mit Befriedigung, daß er in dem Kolleg einer langen philosophischen Erörterung zu folgen vermochte, obgleich ihm die Sekunden und Quarten zuweilen den Faden zerschnitten. Natürlich zog der Zwist sein ganzes Volk in Mitleidenschaft, die Vandalen waren empört, die Thüringer gereizt, und wo Kämpfer aus beiden Stämmen zusammenstießen, wurden wilde Worte und Forderungen getauscht.

Der Morgen des Kampfes brach an. Noch vor Aufgang der Sonne schritt Viktor mit seinen Genossen durch die dämmerigen Straßen einem abgelegenen Gartensaal an der Grenze der Stadt zu, alle schweigsam und mit festem Tritt. Von einem Baum am Wege schlug ein Fink und begleitete die Wanderer eine Strecke, Viktor winkte mit der Hand dem Vogel zu, und der Gruß des Kleinen machte ihm das Herz leicht. Er fand an der Kampfstätte die Gegner bereits versammelt, dazu eine Anzahl aufgeregter Füchse, welche schon vor Tagesanbruch die Waffen geschleppt hatten und als Späher das Haus gegen feindliche Gewalten bewachen sollten. Die Vorbereitungen waren kurz, wenige Worte wurden gewechselt, auch die Sekundanten hatten nicht viel zu tun: ein Strang über die Pulsadern des rechten Armes gebunden, die leichten Tuchmützen dem Unparteiischen vorgezeigt, die Aufstellung gemessen, dann traten die Sekundanten tiefatmend zurück, der Unparteiische rief sein »Gebunden – los« und Stahl klang an Stahl. Mit Freude sahen die Vandalen, wie gewaltig der Streit wurde, die Kraft des langen Henner war größer, aber seine gefürchteten steilen Quarten sausten unschädlich, bis endlich ein verhängnisvolles Atempo dem Kampf ein Ende machte, die Wange Henners klaffte weit aufgeschlitzt, und von der Schulter Viktors strömte das Blut zur Brust, die Sekundanten sprangen ein, und trotz dem Widerspruch der Kämpfenden wurde der Streit für ausgetragen erklärt. Mit stillem Triumph geleiteten die Vandalen ihren Mann nach Hause. Henner mußte im Wagen nach seiner Wohnung befördert werden.

Es war ein rühmlicher Kampf gewesen und lange haftete die Erinnerung daran, denn er wurde für beide Genossenschaften verhängnisvoll. Der Behörde flog eine Kunde zu, und da der Zufall wollte, daß gerade aus der Residenz eine der periodischen Mahnungen zur Abstellung unerlaubter Verbindungen eingetroffen war, mit scharfen Bemerkungen über seither gewährte Nachsicht, so mußte der Senat, der eine Zeit lang beide Augen zugedrückt hatte, sich ungern entschließen, eine große Untersuchung eintreten zu lassen. Nun hatten die Thüringer am meisten mit Nachtwächtern und Pedellen zu tun gehabt und wurden deshalb zum Objekt des gesetzlichen Zornes auserwählt. Aber auch die Vandalen gingen nicht leer aus. Die Untersuchung ward bis zum Ende des Halbjahres hingezogen, und Viktor erhielt die Andeutung, daß er die Universität verlassen müsse; Henner aber, der übler angeschrieben war, wurde erst festgesetzt und dann mit Entschiedenheit weggewiesen. Die Entfernung der beiden Helden wurde für ihre Nationen verderblich, zwar die Vandalen erhielten sich, aber die Thüringer verloren die Kraft des Widerstandes, sie gerieten kurz darauf mit den Franken in ärgerliche Händel und verschwanden für längere Zeit aus den Akten des Senats und der Geschichte.

Als Viktor nach einer Abwesenheit von anderthalb Jahren in die Heimat kam, fuhr ihm der Vater allein bis zur nächsten Post entgegen. »Ich komme dich abzuholen,« sagte er nach der ersten Begrüßung, »weil ich weiß, daß du mir allerlei zu erzählen hast, was man am besten in der ersten Stunde des Wiedersehens abmacht, damit das Herz frei werde. Setze dich zu mir in den Wagen und denke, daß ich dein ältester Freund bin und daß ich auch einmal jung war.« Da legte der Sohn ein offenes Bekenntnis ab über manches, was er als Musensohn zuwenig und als Vandale zuviel getan, und er fand einen nachsichtigen Richter. Zuletzt sagte der Vater: »Ich hoffe, du hast in dieser Zeit für dich erworben, was ein Mann unter allen Umständen im Leben braucht, und das lustige Burschentreiben wird für dich abgeschlossen sein. Von jetzt bist du ein Mann, der fleißig für seine wissenschaftliche Bildung zu arbeiten hat, und dafür schlage ich dir die große Universität in der Residenz vor.« So gelangten beide im besten Einvernehmen nach Hause.

Als der verbannte Häuptling der Vandalen zwischen Mutter und Schwester in das Wohnzimmer trat, fand er dort eine hochaufgeschossene junge Dame, die ihr Haupt stolz auf einem vollen Nacken trug und ihr blondes Haar, unbekümmert um die Mode, in langen Locken um den Kopf hängen ließ. Während er sie staunend betrachtete, rief Käthe: »Kennst du sie nicht? Es ist ja Valerie, meine liebste Freundin.«

Kein Zweifel, es war die jüngste Bellerwitzin. Viktor grüßte förmlich, das Fräulein dankte ebenso; er erkannte jetzt in dem Antlitz der Jungfrau die Züge des Kindes, und doch sah sie fremdartig aus. Sie war unleugbar hübsch, die Stimme klangvoll, und wie sie von Käthchen nach der Nebenstube gezogen wurde, und das Gelächter der Mädchen herüberklang, mußte er sich bekennen, daß auch ihr Lachen wohltönend war. Dennoch wunderte ihn der Besuch und er fragte die Mutter: »Wie kommt die hierher?«

»Sie ist auf einige Monate zu uns gezogen, um mit Käthchen Unterricht im Klavier zu nehmen, wozu hier gute Gelegenheit geboten ist. Sie ist redlich und hat Charakter.«

Das letztere war nicht unmöglich, aber Viktor war nicht der Mann, seine Ansichten im Handumdrehen aufzugeben, und das Verhältnis zwischen beiden blieb während seiner ganzen Anwesenheit sehr kühl. Das Fräulein sprach in Viktors Gegenwart wenig und er wandte seine Rede an sie nur dann, wenn die Schicklichkeit es durchaus gebot.

Einst klagte Käthe: »Seit der Kinderzeit bin ich in unserem Stadtwalde nur so weit gekommen, als die gebahnten Wege führen; ich möchte auch einmal draußen die Heide sehen.« Da riet Viktor, am nächsten Morgen früh aufzubrechen und einen Ausflug in die Wildnis zu unternehmen. Es war ein klarer Herbsttag, als die drei sich aufmachten; im Schießhause genossen sie das Frühstück und zogen von dort mit beflügeltem Schritt in den Wald hinein. Nachdem die Mädchen Waldblumen gesammelt und zartem Naturgefühl Genüge getan hatten, ergaben auch sie sich der Fröhlichkeit; sie lachten und sangen, und Viktor erzählte in übermütiger Laune drollige Geschichten. So kamen sie aus dem lichten Laubholz in den großen Kiefernwald und an jungen Schlägen vorüber, bis die gebahnten Wege aufhörten. Vor ihnen lag eine weite Heidefläche, auf der sich nur einzelne Stämme erhoben. Der Boden war mit Moos gepolstert, und an dem Heidekraut hingen die verblichenen Blüten.

»Das ist eine wundervolle Wildnis«, rief das entzückte Käthchen. »Merkt auf, wir begegnen Zigeunern.«

»Nur die Richtung nicht verlieren«, mahnte Viktor.

»Wir sind dort herausgekommen, wo die beiden Birken nebeneinander stehen«, sagte Valerie zurückweisend, »ich will den Weg schon finden.«

»Du bist ja sehr klug«, dachte Viktor.

Wie sie weiter gingen, senkte sich der Boden, zwischen dem Heidekraut wuchsen Gräser, von einem nahen Quell schlängelte sich der dünne Wasserfaden durch die Ebene; der Wald ging allmählich in Wiesengrund über, auf dem eine große Rinderherde weidete. Käthe blieb stehen, sah der Herde zu und bewunderte den tiefen Klang der Glocken und die lustigen Sprünge des Jungviehs. Als ein feindseliges Gebrumm näher kam und Viktor sah, daß der Leitstier der Herde herantrottete, suchte er mit den Augen den Hirten, winkte und rief ihn herzu. Dabei hatte er sich einige Schritte von den Mädchen entfernt, der Stier aber, erzürnt über das Eindringen Fremder in seine Waldeinsamkeit, kam brummend und mit gesenkten Hörnern auf die Mädchen zu. Käthe stieß einen hellen Schrei aus und suchte zu entfliehen; da brach Valerie schnell einen Weidenzweig ab und stellte sich schützend vor sie; doch der Wilde, gereizt durch den Widerstand des Feindes, trabte schnaufend näher. Jetzt sprang Viktor herbei, riß den roten Schal, den Valerie trug, von ihren Schultern, ballte ihn zusammen und warf ihn seitwärts dem zornigen Tiere entgegen; er selbst stellte sich als erster vor die Mädchen. Der Stier fuhr wütend auf das rote Zeug los und bohrte mit den Hörnern hinein. Unterdes lief mit Geschrei der Hirt heran, schlug und ermahnte den Meister seiner Herde und trieb ihn endlich wieder den Kühen zu. Viktor holte das gemißhandelte Tuch und gab es an Valerie, welche die zitternde Gespielin in den Armen hielt. »Ich erbitte Ihre Verzeihung,« bat er, »aber ich wußte im Augenblick nichts Klügeres zu tun.«

»Dem Schal hat es wenig geschadet,« entgegnete Valerie ruhig, »und ich glaube, Sie haben uns vor großer Gefahr bewahrt« – sie drehte das Tuch und schlug es wieder um den Nacken. – »Sei tapfer, Käthchen«, bat Viktor die Schwester; »nimm meinen Arm, wir suchen, nachdem der Feind entwichen ist, den Heimweg durch die Birken.«

Als Käthe unter den Scherzreden ihrer Begleiter neuen Lebensmut gewonnen hatte, sagte sie, unzufrieden mit sich selbst: »Ich war die Furchtsame, du aber, Valerie, standest wie eine Heldin vor mir.«

»Das brauchst du nicht zu loben,« antwortete Valerie, »ich bin vom Lande und gewöhnt, bei der Herde vorbeizugehen. Hättest du so oft das Gebrumm des Stieres gehört, würdest du dich auch nicht fürchten. Deinem Bruder aber wollen wir beide danken.«

»Wir haben ›Den Dritten abschlagen‹ gespielt,« versetzte Viktor lachend, »und der Stier war der Geschlagene.«

Aber auch dies kleine Abenteuer brachte zu Käthchens Betrübnis keine freundliche Annäherung zwischen dem Bruder und der Freundin zuwege. »Charakter mag sie haben,« sagte Viktor, »und hübsch ist sie ohne Zweifel, aber den steifen Federbusch von gesponnenem Glase trägt sie auch.«

Als er am Ende der Ferien zusammenpackte, sah Käthe von ihrem Nähtisch auf, an dem sie noch etwas für seine Ausrüstung zurechtmachte, und bat: »Schreibe mir manchmal von dem, was du denkst und arbeitest, du weißt nicht, Viktor, wie lieb mir jede Zeile ist, welche ich von dir erhalte. Nimm dich auch ein wenig meiner Bildung an und rate mir, was ich lesen und lernen soll.« Viktor sah in die feuchten Augen der Flehenden, und ihm kam auf einmal zum Bewußtsein, welch einen Schatz von hingebender Liebe er in dem Herzen der Schwester besaß; er zog sie an sich, und sie besprachen einen regelmäßigen Briefwechsel.

In der Residenz begann für den Jüngling eine neue Lehrzeit. Einst hatte ihm der Direktor seines Gymnasiums geraten: »Da Sie mehr begehren als die Abrichtung für ein Brotstudium, so treiben Sie vor allem die Wissenschaft, welche allein Ihnen Methode geben kann; Philologie ist die einzige sichere Grundlage, gleichviel, ob Sie später Jurist, Geschichtschreiber oder Philosoph werden.« Diesem Rat hatte der Student bisher ein wenig gefolgt, freilich ohne rechten Ernst; jetzt aber setzte er seine Kraft daran. Er erhielt Zutritt zum Seminar und blieb noch fast drei glückliche Jahre auf der Universität. Was er in dieser Zeit der Schwester schrieb, war zumeist ein Widerklang der edlen Stimmungen, welche ihm die Kunst gab, das Theater, die Konzerte, die Museen. Fast überwältigend drang der Zauber des vielen Schönen, das er jetzt mühelos genießen konnte, in sein Gemüt. Auch er verfaßte ein Theaterstück und begann ein zweites, schrieb beide sauber ab und sandte sie dem Vater nach Hause, aber zu seinem Glück nirgendwo anders hin.

Die besten Freunde, die er in der Residenz besaß, waren Onkel und Tante Köhler. Unser Herr Einnehmer arbeitete als Geheimrat im Ministerium. Er stand jetzt in hohen Jahren, hatte eben sein Jubiläum gefeiert, war aber rüstig und lebensfroh wie früher und hatte die gute Laune und Originalität seiner Gedanken in der großen Stadt, welche so gern Kristalle zu runden Kieselsteinen abschleift, nicht verloren. In dem kinderlosen Haushalt wurde Tante Minchen immer noch von dem bewundernden Blick des Gatten verfolgt, der die Elfenkünste zu erforschen suchte, durch welche sie von Morgen bis Abend Behagen um sich verbreitete. Herr Köhler schritt stolzer und ritterlicher einher, wenn er seine Gattin durch die Straßen führte; er kam selten aus seinem Bureau nach Hause, ohne ihr etwas mitzubringen: einen Veilchenstrauß, eine schöne Frucht, ein Werk des Kuchenbäckers. Bei ihnen verkehrte Viktor wie ein Sohn, und die Abende, welche er allein mit ihnen verlebte, bildeten in ihm vielleicht ebensoviel als die akademischen Vorlesungen. Denn Herr Köhler fand bald einen Genuß darin, seine geheimen Gedanken über Regierung und Weltlauf in die Seele seines jungen Freundes zu senken. Was sonst nur in trockenen Scherzreden mit Laune oder Bitterkeit zutage kam, das klang bei dem Glase Rheinwein – den er jetzt ausschließlich trank – voll und eindringlich in das Ohr des Jünglings. Von dem Verkehr der Völker, den Bedürfnissen und der Verwaltung des Staates erhielt dieser bessere Kenntnis, als mancher junge Arbeiter des Ministeriums erwirbt.

Endlich schrieb Viktor seine Doktordissertation, sehr gelehrt, über etwas von Aristoteles, was die Gesetze der schönen Kunst anging. Als der junge Doktor die Bogen im Prachtbande dem Vater übersandte, legte dieser das Buch in den Schoß der Mutter und sagte freudig: »Was der Vater sich ersehnte, wird beim Sohne zur Tat.« In besonderem Verschluß hatte der Doktor alles gesammelt, was ihm von Arbeiten seines Knaben zugänglich wurde, zarte Gedichte und Trinklieder, die Theaterstücke und Arbeiten des Seminars; wenn er allein war, holte er die Blätter zuweilen heraus, sah sie der Reihe nach durch, und dabei war ihm zumute, als ob er selbst dies alles gedacht und erfunden hätte.

Als Käthe dem Bruder von der Aufnahme seiner Dissertation schrieb, kam natürlich auch mancherlei über ihre Freundin zutage, und daß Valerie beim letzten Besuche den Vater so lange gebeten hatte, bis er ihr die Hauptsachen der Abhandlung deutlich gemacht. »Die Katharsis des Aristoteles?« brummte Viktor feindselig, »was will die davon wissen? Verstehen wir's doch selber kaum.« In einer Nachschrift der Schwester tauchte sogar der lange Häuptling der Thüringer auf, denn Viktor las die Worte: Richard Henner ist jetzt als Referendarius zum Besuch auf dem Schlosse des Kammerherrn; die Narbe, die er dir verdankt, steht ihm übrigens nicht schlecht. »Sie weiß auch den Vornamen,« dachte Viktor wieder, »Valerie kann ihn ja heiraten« – und er warf den Brief unwillig auf den Tisch.

Darauf schrieb der junge Doktor in der Residenz sein erstes größeres Buch, wieder gelehrt und ästhetisch über gewisse stille Gesetze, nach denen der Dichter Form und Inhalt seiner Werke erfindet. Als nach einem Jahre dieses Werk erschien, wurde es von der Kritik wohlwollend aufgenommen, hier und da gerühmt. Auch Herr Köhler war damit zufrieden, schrieb glückwünschend dem Vater und legte einige Rezensionen bei; zu Viktor aber sagte er: »Morgen kommst du zum Mittagessen, junger Lessing, es ist niemand geladen, die Tante hat dir zu Ehren etwas Gutes in die Küche besorgt.« Es war ein frohes Mahl, die Herbstsonne schien durch das Kristall der Gläser und malte kleine goldene Bilder an das weiße Tischtuch, auf dem Kuchen in der Mitte war in Zuckerguß der Vers zu lesen:

»Zum Dank für goldne Worte
Empfange, Kind, die Torte.«

»Das ist Poesie der Sylphe«, erklärte Herr Köhler, brachte die Gesundheit Viktors aus und war sehr lustig. Nach dem Essen trat Viktor mit der Tante in die Stube des Hausherrn, wo dieser, ein Buch in der Hand, seine kurze Siesta zu halten pflegte; Minchen sah über dem Sofa auf das Bild des Alten Fritz und sagte zum Gaste: »Wenn er sich nur entschließen wollte, den schwarzen Flor abzunehmen. Ich habe den Flor so eng zusammengedreht, als möglich ist; aber es macht doch traurig, wenn man hinsieht.«

»Habe ich ihn nach der Schlacht bei Leipzig nicht abgenommen, so ist jetzt vollends kein Grund dazu«, antwortete Herr Köhler. »Die Zeit von 1806 kommt noch einmal wieder, mein Sohn, wir sind auf dem besten Wege. Damals lärmten die Waffen der Franzosen vor dem Bilde des alten Königs, jetzt tun es moderne französische Gedanken, gute und schlimme, mit denen wir in unserer feigen Schwäche nicht fertig werden. Der Trauerflor wird an dem Tage abgenommen, an welchem bei uns die große Knechtung und Fälschung der öffentlichen Meinung aufhört, das will sagen die Zensur. Erst wenn das gedruckte Wort frei wird, kann unser Volk zu einem gesunden Gedeihen kommen. Das Bild ist übrigens einmal für dich bestimmt, Viktor, ich habe es der Tante schon gesagt.« Er ging zu seinem Bücherschrank und holte einen Band heraus: »Komm du hervor, alter Freund«, sagte er und wies seinem Gaste den beschädigten Einband. »Ihn hat einst Napoleon ärgerlich in den Schnee geworfen. Jetzt geht, ihr Lieben, damit ich mich behaglich ausstrecke; in einer halben Stunde bin ich bei euch.«

Die halbe Stunde verging. Da er nicht kam, trat Tante Minchen bei ihm ein; Viktor vernahm einen Schrei und eilte nach. Die Tante kniete auf dem Fußboden, über den Gatten gebeugt – Herr Köhler war entschlafen und erwachte nicht wieder. Ohne Krankheit, im vollen Genuß des häuslichen Glückes, war er geschieden, und »Katzenbergers Badereise« war heruntergefallen und lag neben ihm auf dem Fußboden.

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