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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 101
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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Schluß der Ahnen

1. Im Hause

Seit zwölf Jahren ist Frieden. Das junge Geschlecht, welches jetzt vor den Häusern mit Bohnen spielt und den Papierdrachen auf die Stadtfelder trägt, ist in der Mehrzahl erst nach dem Kriege geboren, und wenn die Eltern von den Baschkiren auf dem Marktplatze erzählen und von ihrem Heeresdienst mit der schweren Pike, so klingt dies den Kleinen wie die Geschichte von den sieben Zwergen, bei denen Schneewittchen wohnte, oder wie die Sage vom kleinen Däumling, der zwischen den Waffen des Menschenfressers durchkroch. Sie stülpen sich papierene Tüten statt der Filzmützen über das blonde Haar, tragen Häufchen Stroh aus den Höfen auf die Straße und setzen sich darauf. Aber auch den Eltern ist die Zeit rasch zur Sage geworden, mancher hat kleine Abenteuer, in denen er seine Tapferkeit bewiesen, so oft erzählt, daß er selbst daran glaubt, und wenn die Bürger von den großen Erinnerungen reden, die jeder der Älteren im Herzen trägt, so gedenken sie mit Ehrfurcht des Königs, der unter so großem Leidwesen die schweren Jahre durchgekämpft hat, sie freuen sich über den alten Blücher, der den Franzosen so verderblich geworden ist; von ihrem eigenen Hunger und ihren Entbehrungen sprechen sie selten. Alle aber, die damals im Felde gefochten haben und jetzt in friedlicher Tätigkeit unter den anderen wohnen, werden mit großer Achtung betrachtet, und so oft einer von diesen den Angewöhnungen des Feldes zu sehr nachgibt, ein Glas über den Durst trinkt und einen Gegner mit starken Fäusten angreift, wird ihm dies lieber nachgesehen, als anderen.

Seit zwölf Jahren ist Friede, aber man merkt nicht, daß die Stadt zugenommen hat. Die Bürger nähren sich sparsam und arbeiten nach der Väter Weise mit Hammer und Webstuhl, doch wenige haben gewagt, ein neues Haus zu bauen oder ihr Geschäft zu erweitern, und die Dampfmaschine, die vor langen Jahren ein unternehmender Mann aufstellen wollte, ist noch nicht errichtet. Die Frühstückstube ist eingegangen, und niemand denkt daran, im Winter ein Faß Austern kommen zu lassen; die Honoratioren leben still dahin in ihren Familien. Wer aus der Stadt in die Landschaft reist, der findet auch dort geringe Spuren von zunehmendem Wohlstand; viele der adligen Gutsherren leben in Geldnot, jedes Jahr fallen Rittergüter in die Hand der Gerichte, und der Regen trieft durch die Löcher der leeren Scheunen und Ställe. Die ältesten Leute erinnern sich recht gut daran, daß im Anfange des Jahrhunderts eine weit bessere Zeit gewesen war, aber Alte und Junge haben sich an das knappe Wesen gewöhnt; sie sind darum keine Kopfhänger, nur singen sie ihre Lieder nicht vierstimmig in hellem Chor, sondern einzeln vor sich hin. Die Bürger erkennen aber auch, daß bei ihnen nicht alles beim alten bleibt; neue Laternen werden aufgehängt, die an Ketten über der Gasse schweben, eine neue, stattliche Schule wird gebaut, ein schlammiger Teich vor dem Stadttore in Wiesengrund verwandelt, und gerade jetzt besteht unser Herr Bürgermeister darauf, die vorspringenden Dachrinnen abzuschaffen, welche ihr Wasser auf die Straße schütten, und er wird seinen Willen durchsetzen, ungeachtet die Hausbesitzer kräftig widersprechen. Unter allen Häusern ist die Apotheke am merkwürdigsten geworden, denn der ganze Unterstock wird von außen mit Ölfarbe gestrichen, welche weit über den Markt riecht.

Die kleine Trompete der Post blies wie sonst durch die Gassen, und die Post brachte jetzt täglich eine Zeitung; es stand aber wenig darin, nur was der Polizei genehm war. Dort weit unten hatte sich der Grieche erhoben, und die allgemeine Stimmung der Stadt war gegen den Türken, bei den Männern wegen seiner Grausamkeit, und bei den Frauen wegen seiner schlechten häuslichen Gewohnheiten; von den übrigen fremdländischen Nationen betrachtete der Bürger den Franzosen noch immer mit großem Mißtrauen, den Engländer mit Vorliebe. Der Russe galt allerdings für einen Bundesgenossen, doch konnte er bei näherer Bekanntschaft wegen allzu großer Unsauberkeit und Bestechlichkeit nicht geschätzt werden. Diese alle aber lebten draußen in der Fremde. Aus der Hauptstadt ihrer Provinz und aus der großen Residenz des Königs wußten die Zureisenden wenig Wichtiges zu berichten; und die Kreisstadt, die Provinz und der ganze Staat waren wie Dornröschens Burg mit einer unsichtbaren Hecke umzogen, hinter welcher alles laute Leben erstarrt schien. Doch geräuschlos arbeitete in dem Banne die Kraft des Volkes, und es mag einmal die Stunde kommen, wo sie sich müht, die Hecke zu zerreißen.

Eins der schönsten Häuser am Markte, Parterre und Oberstock mit großen Fenstern, gehörte dem Doktor König; er hatte es damals gekauft, als er heiratete. Und wenn die Städter von dem Hause sprachen, sagten sie: Dort wohnt das Glück. Es war ein stilles Glück, werktätige treue Liebe und festes Vertrauen ohne das Bedürfnis vieler Worte, dort wie überall unter den guten Menschen jener Zeit. Dem Hausherrn vergingen die Tage wieder in angestrengter Tätigkeit; sein junger Vetter war in eine benachbarte Kreisstadt gezogen, hatte das Fräulein mit den Lilien geheiratet und gewann Ruf und Ansehen. Der Doktor aber wollte die große Praxis auf dem Lande, welche ihm zufiel, nicht einschränken, weil ihm dort viele von früher her wert waren. Wenn er jetzt des Abends ermüdet nach Hause fuhr, freute er sich den ganzen Weg über auf den Gruß seiner Hausfrau und auf den Augenblick, wo sie ihm aus dem Bärenpelz helfen und beim einfachen Abendessen gegenübersitzen würde. War er einmal gegen Abend zu Hause, dann holte er wohl seine Flöte hervor, auf der er in jungen Jahren tüchtig gewesen war, und blies, während der Mond das Fensterkreuz in der dunklen Stube abmalte und sein liebes Weib an seiner Seite saß und andächtig zuhörte; zuletzt legte er die Flöte weg und zog die Geliebte an sein Herz. Henriette hatte sich ausgedacht, wie hübsch es wäre, wenn sie ihn auf der Gitarre begleiten könnte; in der Stille hatte sie sich ein Instrument geschafft, nur wenige Stunden bei dem Organisten genommen und in Abwesenheit des Gatten fleißig geübt. An seinem Geburtstage trug sie ihm die Flöte herbei, und da er ein wenig geblasen hatte, klangen leise die Akkorde ihrer Gitarre hinein. Dem Gatten wurden die Augen feucht, und er küßte ihr die Hand; sie aber errötete über die ungewohnte Artigkeit und sah noch am nächsten Tage heimlich auf die Stelle, an welcher der Kuß gehaftet hatte.

Der Doktor hätte ihr alltäglich die Hand küssen können, denn es war eine gesegnete Hand; was sie im Hause anfaßte, geriet; das Backwerk, welches sie ihrem Herrn zuliebe unternahm, die Blumen, die sie in den kleinen Hausgarten pflanzte, und die Dienstmädchen, welche sie in die Lehre nahm.

Doch alles Gute war nur ein Vorspiel gewesen, als die Zeit kam, wo ein kleines Bett neben dem ihren stand und ein holdes Abbild des geliebten Mannes darin lag.

»So hast du einst ausgesehen,« sagte sie stolz zu dem Gatten, »als dein Vater neben dir saß, deine Händchen zusammenlegte und nicht müde wurde, dich zu betrachten; du machst es mit dem Kleinen ebenso. Siehe, sein Haar wird bräunlich und man merkt, daß sich's kräuseln wird. Der kleine Engel liegt still auf der Seite, er hat, wie vormals du selbst, die Fäustchen geballt, die kleinen Füße hinaufgezogen. Schlummre, mein Kind, du hast den besten Schutz, denn das Auge deines Vaters ist über dir und wird dich behüten, damit du fest und redlich wirst wie er.«

Etwas aber schwebte in der Zeit, wo Mutter und Kind der Pflege bedurften, behend und geräuschlos wie eine Elfe oder Sylphe durch das Haus; immer hilfreich und zu jeder Stunde bei der Hand, und dies war Tante Minchen. Seit der Kleine erschienen war, hatte sie diesen Verwandtennamen angenommen; ihr mußte die Kunst angeboren sein, kleine Weltbürger zu waschen, zu wickeln, umherzutragen und mit zärtlichem Gesange in Schlaf zu lullen. Sie wurde der erste Pate, der Graf und Bärbel die andern, und sie gab den Rat, das Kind Viktor zu nennen zur Erinnerung an vergangenen Kampf und Sieg. »Wüßte ich nicht ziemlich genau, daß ich die Mutter bin,« sagte Henriette dankbar, »so müßte ich dich dafür halten. Sieh hin, er verzieht das Mäulchen und will über dich lachen.«

Viktor wuchs heran, als ein kräftiger Knabe mit einem runden Kopf, großen blauen Augen und einem so sonnigen Ausdruck in seinen Mienen, daß er schon auf den Armen der Wärterin von den Vorübergehenden angeredet und geliebkost wurde. Es war wohl die stille Freudigkeit der Eltern, was seiner Erscheinung den lichten Glanz gab, und die Gunst der Stadt und der tägliche Verkehr mit freundlichen Nachbarn verliehen ihm dazu eine frohe Sicherheit und ein keckes Selbstvertrauen, welches sein ernster Vater nicht gehabt hatte. Kurz entschlossen bewegte sich der Knabe unter seinen Genossen, alle kleinen Buben der Stadt kommandierte er, obschon er der jüngste war, so oft er auf der Straße mit ihnen zusammentraf. Aber auch mit Erwachsenen hielt er gute Freundschaft. Einer der besten Freunde war Hans, der Trompeter, der nach dem Kriege sein Mädchen geheiratet hatte, jetzt als erster Ratsdiener die Polizeigewalt der Stadt darstellte und durch energisches Schwenken seines spanischen Rohres an Markttagen ein gefürchteter Mann geworden war. Auch Hans fühlte eine zärtliche Neigung zu dem Kleinen; wenn er ihn auf der Straße traf, hob er ihn auf und küßte ihn mit seinem großen Schnurrbart, nicht zur Freude der Mutter. Viktor begleitete dafür den Diener gern auf Geschäftswegen, und als der Doktor einst die Straße herabkam, sah er, wie Hans mit gehobenem Rohr ein stark betrunkenes Bäuerlein auf die Wache führte, und wie sein kleiner Sohn, zum Ergötzen der Leute, ebenfalls mit einem gehobenen Stock hinter dem Bauer herlief und dabei die Zickzackwege desselben getreulich mitmachte. Und es wurde schwer, den Kleinen zu ernster Wohlanständigkeit zu ziehen, denn er war zwar gutherzig, aber übermütig, und ahmte gern alles Lächerliche nach. So hatte der Kammerherr die Gewohnheit, zu schnupfen, dann hielt er die Dose dicht unter seine Nase, welche nicht klein war, zog die Schultern in die Höhe und beugte den Kopf vor, während er mit Genuß die Prise nahm. In dem Familienschatz des Doktors aber befand sich eine silberne Dose, welche als teures Erbstück aufbewahrt wurde, weil die Überlieferung meldete, daß sie dem Großvater von Friedrich dem Großen geschenkt sei, und die Sage hatte vieles für sich, da die Dose nur klein und keineswegs kostbar war. Als nun einst der Kammerherr den Doktor besuchte, sah dieser, daß der Herr mitten im Geschäft des Schnupfens anhielt und den stieren Blick in die Stubenecke richtete. Dort saß der kleine Viktor, in der Hand die silberne Familiendose, welche er heimlich aus dem offenen Schreibtisch des Vaters geholt hatte, und stellte in respektwidriger Weise die auffällige Gebärde des fremden Herrn so lächerlich dar, daß der Vater, trotz dem Frevel des Sohnes, Mühe hatte, ernsthaft zu bleiben.

Auch die Unternehmungslust des Kleinen machte den Eltern Sorge. Unweit der Stadtmauer stand als Überrest einer vergangenen Burg ein alter viereckiger Turm mit schadhafter Treppe und ohne Dach, in den Ritzen wuchs Gesträuch, dessen Samen die Vögel hingetragen hatten. Für den Turm hatte Viktor eine Vorliebe, er führte seine Gespielen gern dahin, einen Helm von Pappe auf dem Haupt und eine Fahne in der Hand. Als einst zur Mittagszeit der Kleine nicht aufzufinden war, und der Vater in die Haustüre trat, kamen ihm Leute entgegengelaufen und wiesen bestürzt nach dem Ende der Straße, wo das alte Gemäuer ragte. Der Vater eilte dorthin und sah den Knaben auf schwindelnder Höhe in einer Fensteröffnung sitzen. Das Kind hatte den Turm offen gefunden, war die schlechte Treppe hinaufgeklettert und vermochte den Rückweg nicht zu finden. Während Hans unter Lebensgefahr im Innern emporstieg, stand der Vater mit bebendem Herzen draußen und starrte nach der Höhe in dem Gedanken, sein Kind aufzufangen, wenn es herabstürze. Wie er endlich den Geretteten in seinen Armen hielt, wollte er ihn nicht loslassen und trug ihn der ahnungslosen Mutter zu. Lange nachher gestand er dieser: »Seit jenem Tage sehe ich oft im Traume den Turm, die schwarze Mauer, die offene Tür, das Gesträuch, welches zwischen den Steinen herauswächst, und in der Fensteröffnung mein weinendes Kind, und das Entsetzen schüttelt mir die Glieder wie damals.«

Viktor war vier Jahre alt, als seine Schwester Katharina geboren wurde. Auch er wurde von der Aufregung im Hause angesteckt und sah staunend auf das kleine eingewickelte Ding, welches in seiner Wiege lag; zuweilen streichelte er ihr die runden Wangen, endlich erhob er gar den Anspruch, sie auf seinen Armen zu tragen. Seit sie in der Stube umherlief, ließ er sich ihre Nähe gefallen in dem Wechsel von Herzlichkeit und ruhiger Nichtachtung, womit Knaben ihre jüngeren Geschwister zu behandeln pflegen.

Käthe genoß als zweites Kind den Vorteil, daß die Liebe der Eltern ruhiger, die Pflege sicherer war. »Sie wird sich leichter ziehen als Viktor«, sagte die Mutter behaglich. Freilich, dem Erstgeborenen hatte Schmerz und Freude, Begeisterung und Entzücken der Eltern stärkeren Abdruck ihres eigenen Gemütes eingeprägt, dafür fand Käthe außer ihnen auch eine Kinderseele, durch welche sie in das Leben eingeführt wurde. Oft lief sie auf den Bruder zu, sah ihn liebevoll an und umarmte ihn, und er ließ sich das lächelnd gefallen. Das erste, was die Kleine sprach, waren Worte, die sie dem Bruder abgelauscht hatte. Noch viel später, da sie bis zu den Stricknadeln herangewachsen war, strickte sie als erstes Kunstwerk einen Strumpf für Viktor, und da sie endlich in die Geheimnisse des Kreuzstichs eingeweiht wurde, unternahm sie als erste Arbeit einen Gurt für den Bruder. So war natürlich, daß ihre Gedanken viel bei ihm verweilten.

Das Haus des Doktors war ein gastliches Haus, nur geladene Gesellschaft bewegte sich selten darin, denn solche war damals umständlich und feierlich. Die liebsten Gäste waren die guten Freunde aus der Stadt, welche am Abend ungeladen zum »Lichten« kamen; ihnen wurde vorgesetzt, was im Hause war: Punsch, Äpfel und Nüsse. Außerdem erschienen die Universitätsfreunde und Kriegskameraden des Hausherrn, welche hier und da in der Umgegend wohnten. Dann saßen die Männer bei einem Glase Ungarwein bis in die Nacht zusammen und wurden nicht müde, von vergangener Zeit zu reden. Viktor war an solchen Abenden gar nicht von der Fußbank wegzubringen, die er neben den Vater gerückt hatte, auch er hörte mit glänzenden Augen zu, wenn die Herren von den Fahrten nach Lauchstädt erzählten, wohin sie aus der Universitätsstadt zu Pferde und zu Fuß gezogen waren, oder von ihren Erlebnissen und Gefahren im Felde.

Aber die treuesten Hausfreunde, der Einnehmer und seine Frau, blieben nach einigen Jahren aus. Herr Köhler hatte bis zur Höhe seines Lebens in kleinen Verhältnissen seine Pflicht getan, jetzt auf einmal gewann der Staat ein besonderes Zutrauen zu seiner Tüchtigkeit; er wurde ganz außer der Reihe nach der Residenz in einen großen Wirkungskreis berufen. Dies war der erste Verlust, der das glückliche Haus traf, allen wurde der Abschied bitterlich schwer, am schwersten für Tante Minchen die Trennung von den Kindern, welche bis zuletzt an ihrem Halse hingen.

Zu den Besuchern, welche von auswärts kamen, gehörten die Bellerwitze. Sie waren alte Bekannte auch der Hausfrau, und weil im Kriege gewissermaßen die Verbrüderung aller Stände stattgefunden hatte und seitdem jedermann alten Vorurteilen entsagte, geschah es, daß die große Kutsche gern vor dem Hause anhielt und daß die Damen dasselbe als Absteigequartier benutzten, wenn sie in der Stadt zu tun hatten. Einst im Winter, als die Herrschaften vom Lande in ihrem Kränzchen einen großen Maskenball veranstalteten, wurde ausgemacht, daß die Kammerherrin sich bei der Frau Doktorin dazu ankleiden sollte. Sie erschien als türkische Sultanin mit Turban, auf welchem ein großer Federbusch von gesponnenem Glase ragte, in weiten Atlashosen und einem langen seidenen Sultansmantel und hatte sich ausgedacht, daß sie an einer Kette, deren Glieder von blankem Blech verfertigt waren, einen Sklaven hinter sich herführen wollte. Nicht jedermann war zu dieser Rolle bereit, endlich fand sich ein kleiner Referendar, der sich seinerseits mit schwarzer Larve verkappte. Viktor wurde in das Ankleidezimmer geführt, um die Masken auch zu sehen. Es war das erstemal, daß er jemand in prächtiger Verkleidung erblickte, er setzte sich still in die Ecke, starrte auf die großartige Gestalt und war durch keine Liebkosungen der Sultanin aus seinem Winkel herauszulocken. Als Henriette später zu dem Gatten sagte: »Was hat doch das Kind? Er ist sonst dreist und zutraulich gegen alle Welt, nur nicht gegen diese Familie«, – da antwortete der Doktor lachend: »Woher er das hat, kann niemand sagen. Er kennt aber diese Leute so gut wie wir. Das ist der Scharfsinn der Kinder«, und als er den Kleinen fragte, wie ihm die Frau gefallen habe, sagte der Knabe eifrig: »Sie soll niemanden an der Kette führen.«

Auch später wollte es nicht gelingen, ihn in ein gutes Verhältnis zu den Insassen der großen Kutsche zu bringen. Die Kammerherrin hatte ihrem Gemahl kurz nach Viktors Geburt eine Tochter geschenkt, die kleine Valerie war als Nestling in kinderreichem Hause der Liebling der Eltern, und ihre Mama hatte schon oft die artige Bitte ausgesprochen, daß Viktor doch die Eltern bei einem Besuch begleiten möge. Deshalb nahm der Doktor den siebenjährigen Knaben bei einer Geschäftsreise nach dem Gute mit. Auf dem Wege befand sich Viktor in rosiger Stimmung, denn mit dem Vater zu fahren, war sein Stolz. Da sie aber auf der Rampe des Schlosses hielten und der Diener die steinerne Treppe hinaufführte, verstummte das Kind, und wie er unter die jungen Damen kam, stand er steif und schweigsam; der Vater überließ ihn der weiblichen Beredsamkeit, welche auch unter den jüngeren Gliedern der Familie nicht unbedeutend war, und besorgte seine Angelegenheiten. Als er den Knaben wieder abholen wollte, erhielt er von den Fräulein den Bescheid, Viktor hätte nicht bei ihnen aushalten wollen und sei mit dem Diener in den Hof gegangen. Dort fand ihn der Vater beim Pferdestall sitzen. Auf dem Heimwege mahnte er den Sohn an seine Verpflichtung, mit der Kleinen zu spielen, und bekam die unwillige Antwort: »Sie berühmten sich zu sehr bei ihrem Spielzeug und bei einer großen Decke mit Blumen, die in ihrer guten Stube auf dem Boden liegt, und ich sagte ihnen, daß sie Gänse sind.«

Viktor ging in die Schule. Der Diakonus, ein Freund des Doktors, hatte sich erboten, den Knaben in Privatstunde zu nehmen. Auch in dieser Schule wurde Käthe nach den ersten Jahren seine Genossin; er half ihr, schwere Worte lesen und lehrte sie die Bedeutung der Zahlen, und wenn die beiden runden Kindergesichter sich über die Schiefertafel beugten, strahlte von ihnen ein heller Schein in die Herzen der Eltern. In dem Privatunterricht wuchsen die Kinder heran, Käthe las kleine Geschichten im Bilderbuch, und Viktor lernte mit elf Jahren über den unregelmäßigen Zeitwörtern der lateinischen Grammatik.

Als er einst seine Mappe nach Hause trug, sah er vor dem Gasthofe einen großen Packwagen abladen. Außer vielen Kisten und Koffern auch ungeheure Rollen, und um das Gepäck trieben sich fremde Männer umher mit gelockten Haaren und einer auffällig bleichen Gesichtsfarbe. In der Mitte der Bewegung stand ein breitschultriger Herr, der ein buntes Tuch lose um den Hals geknüpft hatte und den Hut verwegen auf einem Ohr trug. Er befahl mit kühnen Bewegungen des Armes und mit einer Stimme, welche gewaltig über den Markt schallte. Die herzugelaufenen Leute sagten einander, daß dies Komödianten seien und der große Mann in der Mitte der Herr Direktor. Viktor fühlte die Aufregung mehr als alle anderen, vieles, was er aus den Erzählungen des Vaters erlauscht hatte, die Begeisterung, mit welcher dieser oft vom Theater gesprochen, das wurde plötzlich in seiner Seele lebendig wie Ahnen eines neuen Glückes. Beim Mittagessen war wieder von den angekommenen Schauspielern die Rede. Auch die Eltern waren in heiterer Erwartung. Damals, als sie einander zuerst liebgewannen, hatten sie ihre Erinnerungen an genossene Aufführungen ausgetauscht. Seitdem war beiden nur selten einmal ein Besuch des Theaters möglich gewesen, und jetzt kam es so nahe an ihre Türe. Sie durften auch hoffen, in ihren frohen Erwartungen nicht getäuscht zu werden. Denn die Gesellschaft hatte einen guten Ruf, und die Vorstellungen der besseren Wanderbühnen hatten damals einen höheren Wert, als wohl später; waren auch die Stücke zum größten Teil schwach, das Spiel war keineswegs verächtlich. Von diesem Tage begann für Viktor eine Entfaltung der eigenen Gestaltungskraft, welche fast in allen Kinderseelen durch das erste Eindringen der dramatischen Kunst bewirkt wird. Schon zur ersten Vorstellung wurde er, trotz der Bedenken der Mutter, mitgenommen. In dem großen Saal des Gasthauses war die Bühne aufgeschlagen, davor die Bretterbank, auf welcher Steinmetz mit seinen Gehilfen den musikalischen Teil des Genusses zu besorgen hatte. Als der Vorhang aufging, starrte Viktor in einem Schauer von Ehrfurcht und Erwartung nach der fremden Frau, welche aus dem schön gemalten grünen Wald heraustrat, in einem weißen Gewande und einer hochgepufften Frisur, wie sie damals bei Frauen und Göttinnen modisch war. Und als sie sich verneigte und erklärte, daß sie eine Muse sei und ihre Gesellschaft der Gunst des Publikums empfehle, empfahl sie auch sich selbst, bei dem übrigen Publikum und bei Viktor. Sie war so schön und edel, daß die hochnasigen Mädel im Schlosse des Kammerherrn sich mit ihr gar nicht vergleichen konnten. Das Stück aber war »Käthchen von Heilbronn«. Wetter von Strahl, ganz in eine silberne Rüstung gehüllt, die schwarze Feme, das wunderschöne Käthchen, vor allen der gute treue Knappe. Und als in der Mitte des Stückes der Burgbrand kam und mit polizeilicher Erlaubnis im Hintergrund außer dem Transparent ein Schwärmer zuckte – Hans stand in den Kulissen neben zwei Eimern mit Wasser –, da drückte sich der Knabe in seinem Entzücken zwischen Vater und Mutter hinein und hielt sich mit den Armen an beiden fest. Mit Besorgnis sah die Mutter nach der Heimkehr die glühenden Wangen, und daß das Kind keinen Schlaf finden konnte. Aber am Morgen war er wieder munter und spielte Feme mit einem alten Tuche.

Als er das nächstemal in die Komödie mitgenommen wurde, war dort alles lustig, man gab »Das Donauweibchen«; es wurde auch gesungen, die Nixen schwenkten hinter einem Damm von bemalter Leinwand ihre Schleier, der Ritter erschien und sein dicker Knappe, Kaspar Larifari, welcher sich unglaublich lächerlich gebärdete. Aber als Viktor gerade am lustigsten war, erlebte er etwas, was er sobald nicht vergessen sollte; denn auf einmal erschien vor dem Kaspar ein kleines Nixenkind, ein Mädchen von etwa acht bis neun Jahren, mit rosigem Gesicht und rabenschwarzen Locken, sie drehte sich vor dem Manne im Kreise und sang dazu. So schön war das Mädchen, und wie ein Glöckchen klang ihre Stimme durch den Raum, daß die Zuschauer vor Freude in die Hände klatschten. Viktor wandte kein Auge von ihr, und als der Akt zu Ende war, lief er von seinem Platze zu den Musikern. Dort war seitwärts von der Bank, an dem gemalten Portal der Bühne, ein kleiner Vorhang, hinter welchem zuweilen Mitglieder der Gesellschaft verschwanden. Von übermächtiger Gewalt getrieben, glitt Viktor hinter den Vorhang, stieg eine kleine Treppe hinauf und stand in den Kulissen. Dort saß in dem schmalen Raume zwischen Leinwand und Stricken das schöne Mädchen auf einem Schemel; die Händchen im Schoß gefaltet, sah es vor sich hin. Viktor stand in Ehrfurcht vor ihr, unbeweglich wie sie, und hielt den Apfel in der Hand, welchen ihm die Mutter zur Erquickung eingesteckt hatte. Endlich legte er den Apfel leise in ihren Schoß, die Kleine sah erstaunt auf und die Kinder blickten einander mit großen Augen an. Da tönte ein Glöckchen, das Mädchen fuhr auf und er sprang die Stufen hinab und drückte sich unter die Zuschauer, welche an der Seite standen und seinen Einbruch in das Heiligtum den Augen der Eltern verborgen hatten. Seitdem studierte Viktor die Theaterzettel und bat, so oft die kleine Tina auftrat, daß er mitgenommen werde. Aber er strich auch, wenn er sich freimachen konnte, bei Tage um den Saal des Gasthofs. Als einmal die Kleine neben der Mutter auf der Straße vorüberkam, stand er wie ein Bild aus Stein, in freudigem Schreck über die Begegnung. Und als das Mädchen zu seiner Mutter sprach – er wußte recht gut, daß von seinem Apfel die Rede war – wurde er vor Erregung rot und vermochte die Mütze erst zu ziehen, als es zu spät war. Doch des Abends wagte er durch den Ritz an der Seite zu gucken, und da er die Kleine nach ihrem Spiele sah, ihr zuzurufen: »Das war schön.« Sie lachte ihn an. Damit war das Eis gebrochen. Als Vertrauter des Stadtmusikus gewann er in seinem Drange, dicht an der Bühne zu sein, einen Platz auf der Bank des Musikanten, und die Eltern, deren Stühle in der Nähe waren, hatten nichts dawider. Dort saß er an der Ecke neben dem Schlitz am Portale, schlüpfte hinter die Gardine und teilte mit der Kleinen, was er Gutes in der Tasche hatte. Auch traf es sich, daß zuweilen der Kopf eines Mädchens hinter dem Vorhang heraussah und eine kleine Hand sich gegen ihn ausstreckte. Ja, einmal, als ihre Rolle zeitig zu Ende ging, kam sie in ihrem Mäntelchen heraus und setzte sich neben ihn auf die Bank. Er legte seine Nüsse in ihre Hand, hielt die Hand mit den Nüssen fest und war sehr glücklich.

Aber auf dies heitere Verhältnis fiel durch Viktors Schuld ein dunkler Schatten. Es wurde ein gefühlvolles Ritterstück gegeben und die Mutter der Kleinen spielte die Heldin, welcher ihre Kinder von einem mächtigen Bösewicht geraubt werden sollten. Als nun die verzweifelnde Mutter wie eine Löwin gegen das Gitter des Kerkers losfuhr, wurde die Aufregung Viktors übermächtig, und in dem Bestreben, sich von einem schmerzlichen Eindruck zu befreien, hob er das dünne Stöckchen des Vaters, das er leider in der Hand hielt, und tippte damit an eine Pyramide von Hüten, welche die stehenden Zuschauer mißbräuchlich an der Ecke des Podiums aufzustellen pflegten. Die Hüte kollerten und wälzten sich bis nahe vor die Füße der Heldin, das Publikum lachte, kaum konnte die Szene zu Ende gespielt werden. Viktor erschrak über diese Folge seiner Missetat; auch war das Schwenken des Stockes nicht ganz unbemerkt geblieben, sogar hinter den Kulissen hatten sie es gesehen, und die Eltern erfuhren davon. Als das Theater zu Ende war, ging die Kleine an Viktor vorüber, ohne ihn anzusehen, und er fühlte jetzt tiefe Reue, die er hinter stillem Trotz verbarg. Obwohl nicht böse Absicht, sondern nur Ungeschick angenommen wurde, bestand der Vater doch darauf, daß der Sohn bei der Künstlerin Abbitte tun solle. Dies hielt er um so mehr für Schuldigkeit, weil die Eltern der kleinen Tina von den Bürgern als ordentliche Leute gerühmt wurden, sie lebten still in einfachem Haushalt und machten keine Schulden, deshalb wurden die Heldenrollen, welche sie spielten, gern ihrem Charakter zugute gerechnet.

Viktor ging neben dem Doktor stumm zu der Wohnung der Schauspieler, das Herz war ihm sehr beklommen und das Weinen nahe. Vor den Fremden entschuldigte zuerst der Vater die Untat, Viktor aber, der die kleine Tina hinter der Mutter stehen sah, vermochte mit niedergeschlagenen Augen nur die Worte herauszubringen: »Seien Sie mir nicht böse.« Der gekränkte Künstlerstolz der Schauspielerin wurde durch natürliche Gutherzigkeit und durch die Rücksicht auf den angesehenen Arzt überwunden. Sie reichte dem Knaben die Hand, der Heldenvater rückte dem Doktor einen Stuhl hin und Viktor wurde aufgefordert, mit der Kleinen zu spielen. Er fühlte wieder tiefe Beschämung, als das Mädchen leise sagte: »Vater meinte auch, es sei nicht gern geschehen.« Während die Eltern verständige Worte tauschten, saßen die Kinder zusammen vor einem alten Jäckchen von roter Seide, auf welches Tina für eine künftige Pagenrolle silberne Tressen nähte, und über ihnen hing an der Wand die glänzende Blechrüstung, ein Hauptstück des Garderobenschatzes, welches der Künstler nur in den größten Heldenrollen gebrauchte. Die prachtvollen Gewänder an der Wand und die vornehme Weise, in welcher die Fremden auf ihren Stühlen saßen und mit verbindlichem Lächeln die Unterhaltung machten, bezauberten den Knaben. Auch der Vater war mit dem Besuch zufrieden und lud beim Abschiede die kleine Tina in sein Haus ein.

Seitdem sahen sich die Kinder einigemal bei ihren Eltern. Als das Mädchen in das Haus am Markte kam und das ganze Spielzeug zur Genüge betrachtet war, hätte Viktor gar zu gern gehabt, wenn sie mit ihm Kaspar Larifari gespielt hätte, sie aber weigerte sich und fragte nach seinem Brummkreisel, von dem er einiges erzählt. Zuletzt gestand sie ihm vertraulich, daß sie vor allem gern einen Drachen würde steigen lassen. Da konnte er helfen, und am nächsten Tage zogen beide mit dem Papierdrachen auf das Feld, er hielt den Drachen, sie die Schnur, und als der Drache in der Höhe immer kleiner wurde, sah sie glückselig zu dem Steigenden hinauf. »So hoch möchte ich mit dir fliegen,« sagte sie, »immer weiter.« »Aber zuletzt fallen wir herunter«, versetzte der klügere Viktor.

Als endlich der Tag der Trennung kam, trug Viktor der Kleinen ein Halsband zu, das ihm die Mutter auf seine Bitte gekauft; sie aber schenkte ihm einen Schal von bunter Wolle, den sie selbst für ihn gestrickt hatte. Beim Abschied fiel er ihr um den Hals und küßte sie recht herzlich, sie hielt ihn fest umschlungen. Die Mutter hatte vorher die Befürchtung ausgesprochen, daß der Sohn sich ungebärdig stellen und sehr weinen würde. Zur Verwunderung der Eltern war das nicht der Fall, er ging still neben dem Vater nach Haus, ohne sich umzusehen, und erzählte am Abend der Mutter mit glänzenden Augen die Geschichte von dem Kampfe der drei Horatier, die er in der Schule gehört. Er war nicht traurig, sondern gehoben durch die Szene des Abschiedes und durch den ersten Kuß, den er freiwillig einem fremden Mädchen gegeben. Es war eine unschuldige Kinderneigung, aber es war die erste Liebe eines reich begabten, früh entwickelten Knaben. Ob es ihm einst zum Heil oder zum Unglück gereichen sollte, daß er als Kind die Hingabe und die Zärtlichkeit einer solchen Leidenschaft durchlebt hatte? Er selbst sprach selten von seiner kleinen Freundin, aber er dachte fröhlich an sie wie an Weihnachten, und der Diakonus rühmte in der nächsten Zeit den aufgeweckten Geist des Knaben und die schnellen Fortschritte.

Bald darauf verkündeten die Zeitungen, daß draußen in der Welt sich ein unruhiges Getümmel erhob, man las von Straßenkampf und Barrikaden bei den Franzosen, auch die Polen rührten sich heftig, im Lande wurde getrommelt, Soldaten marschierten und besetzten die Grenze. Die Herren saßen länger im Gespräch bei einem Glase Wein, Hans führte einen Leinweber auf die Wache, weil dieser im Rausch auf der Gasse nach Menschenrechten geschrien und dem Bürgermeister einen Stein gegen die Haustüre geworfen hatte. Auch die Kinder wurden von der Unruhe ergriffen. Viktor schritt als Kommandant vor einer Bande Schulknaben, und da er vom Vater wußte, daß man fernes Geräusch von Pferdehufen und das Rollen der Kriegswagen erlauschen könne, wenn man das Ohr an die Erde halte, so zwang er seine Kompanie, sich in der Dämmerung auf das Straßenpflaster zu legen, um dort das Anrücken unbekannter Feinde zu vernehmen. Bei Kindern und Großen legte sich allmählich die Bewegung. Dennoch merkte man, daß sich allerlei Neues an die Stadt heranzog: eine Schnellpost, eine Chaussee, und die Leute sprachen viel von Eisenbahnen, auf denen man fahren könne.

Auch für die Glücklichen im Doktorhause brachten diese Jahre große Veränderungen. Zuerst starb der gute Herr Senior, hoch an Jahren, aufrichtig betrauert von seiner Gemeinde, und die Frau Pastorin zog in weite Entfernung zu einem Sohne, der ebenfalls Geistlicher auf dem Lande war. Während Henriette noch unter diesem Verluste litt, traf sie ein anderer. Viktor mußte das Elternhaus verlassen, um ein Gymnasium zu beziehen. Der Wechsel war so günstig als möglich, die Entfernung betrug nur wenige Meilen und der Haushalt, in welchen er versetzt wurde, war der des jungen Doktors. Die Aufregung und Betäubung des Aufbruchs barg dem Knaben den Schmerz, welcher ihm bevorstand; die Eltern empfanden den Verlust schon lange vorher. Sie begleiteten den Sohn in die benachbarte Stadt. Als die Trennungsstunde kam und der Wagen vorfuhr, der die Eltern in die Heimat zurückbringen sollte, da warf sich Viktor schluchzend ihnen um den Hals und klammerte sich zuletzt krampfhaft am Vater an. Und er blickte dem rollenden Wagen nach in einem herzzerreißenden Weh, dem ersten großen seines Lebens. Auch die Eltern saßen im Wagen sprachlos und hielten einander bei der Hand, bis die Mutter das eigene Leid über dem stummen Schmerz des Gatten vergaß und ihr Haupt auf seine Schulter legte, um ihn leise zu mahnen, daß er nicht allein geblieben sei; da sagte der Gatte in tiefer Bewegung: »Jetzt weiß ich, wie einem armen Vater zumute ist, der sich von seinem Kinde scheidet. Es ist ein Teil des eigenen Lebens, den man von sich tut. Auch für dich, Geliebte, endet der blühende Sommer, in dem wir so selig waren. In Frieden und Freude des Hauses drängt sich Entbehrung und Sorge; das höchste Glück bereitet dem bittersten Leid nur die Wege. Das ist Menschenlos!«

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