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Die Acht Oktavhefte

Franz Kafka: Die Acht Oktavhefte - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
titleDie Acht Oktavhefte
authorFranz Kafka
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt
year1987
isbn3-596-22067-X
pages41 ? 118
senderreuters@abc.de
created20040530
firstpub1916
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Das siebente Oktavheft

Unverbrüchlicher Traum. Sie lief die Landstraße entlang, ich sah sie nicht, ich merkte nur, wie sie sich im Laufen schwang, wie ihr Schleier flog, wie ihr Fuß sich hob, ich saß am Feldrand und blickte in das Wasser des kleinen Baches. Sie durchlief die Dörfer, Kinder standen in den Türen, sahen ihr entgegen und sahen ihr nach.

Zerrissener Traum. Die Laune eines früheren Fürsten verfügte, das Mausoleum müsse unmittelbar bei den Sarkophagen einen Wächter haben. Vernünftige Männer hatten sich dagegen ausgesprochen, schließlich ließ man den sonst vielfach beengten Fürsten in dieser Kleinigkeit gewähren. Ein Invalide aus einem Krieg des vorigen Jahrhunderts, Witwer und Vater dreier Söhne, die im letzten Krieg gefallen waren, meldete sich für diesen Posten. Er wurde angenommen und von einem alten Hofbeamten in das Mausoleum begleitet. Eine Waschfrau folgte ihnen, beladen mit verschiedenen Dingen, welche für den Wächter bestimmt waren. Bis zur Allee, welche dann geradeaus zum Mausoleum führte, hielt der Invalide trotz seiner Stelze mit dem Hofbeamten gleichen Schritt. Dann aber versagte er ein wenig, hüstelte und begann, sein linkes Bein zu reiben. »Nun Friedrich«, sagte der Hofbeamte, der mit der Waschfrau ein Stück vorausgegangen war und sich nun umsah. »Mich reißt es im Bein«, sagte der Invalide und machte eine Fratze, »nur einen Augenblick Geduld, das pflegt gleich aufzuhören.«

Erzählung des Großvaters

Ich war zu den Zeiten des seligen Fürsten Leo V. Wächter des Mausoleums im Friedrichspark. Natürlich bin ich nicht gleich Mausoleumswächter geworden. Noch ganz genau erinnere ich mich, wie ich als Laufbursche der fürstlichen Meierei zum erstenmal die Milch am Abend zur Mausoleumswache tragen sollte. ›Oh‹, dachte ich, ›zur Mausoleumswache.‹ Weiß denn jemand genau, was Mausoleum ist? Ich war Mausoleumswächter und sollte es also wissen, aber eigentlich weiß ich es nicht. Und ihr, die ihr meine Geschichte hört, werdet am Schluß erkennen, daß ihr, selbst wenn ihr zu wissen glaubtet, was Mausoleum ist, gestehen müßt, ihr, ihr wüßtet es nicht mehr. Damals aber kümmerte ich mich darum noch wenig, sondern war nur ganz allgemein stolz darauf, zur Mausoleumswache geschickt worden zu sein. Und so galoppierte ich gleich mit meinem Milcheimer durch die Nebel der Wiesenwege, die zum Friedrichspark führten. Vor dem goldenen Gittertor staubte ich meine Jacke ab, reinigte die Stiefel, wischte die Feuchtigkeit vom Eimer, läutete dann und lauerte, die Stirn an den Gitterstäben, darauf, was jetzt geschehen werde. Zwischen Gesträuch auf einer kleinen Anhöhe schien das Wächterhaus zu sein, ein Licht kam aus einem sich öffnenden Türchen und ein ganz altes Frauenzimmer öffnete das Tor, nachdem ich mich gemeldet und zum Beweis der Wahrheit den Eimer gezeigt hatte. Ich mußte dann vorausgehn, aber genau so langsam wie die Frau, es war sehr unbehaglich, denn sie hielt mich hinten fest und blieb auf dem kurzen Weg zweimal stehn, um Atem zu holen. Oben auf einer Steinbank neben der Tür saß ein riesiger Mann, die Beine übereinandergeschlagen, die Hände vor der Brust gekreuzt, den Kopf zurückgelehnt und hielt den Blick auf das knapp vor ihm stehende Buschwerk, das ihm jede Aussicht benahm, gerichtet. Ich sah unwillkürlich fragend die Frau an. »Das ist der Mameluck«, sagte sie, »weißt du es nicht?« Ich schüttelte den Kopf, staunte den Mann noch einmal an, besonders seine hohe Mütze aus Krimmerpelz, dann aber wurde ich von der Alten ins Haus gezogen. In einer kleinen Stube saß bei einem sehr ordentlich mit Büchern bedeckten Tisch ein alter bärtiger Herr im Schlafrock und sah unter der Glocke der Stehlampe hinweg nach mir hin. Ich glaubte natürlich, nicht richtig gegangen zu sein, und drehte mich um, wollte wieder aus der Stube hinaus, aber die Alte versperrte mir den Weg und sagte zum Herrn: »Der neue Milchjunge.« »Komm her, du kleine Krabbe«, sagte der Herr und lachte. Ich saß dann auf einem kleinen Bänkchen bei seinem Tisch und er brachte sein Gesicht ganz nahe an meines. Leider war ich infolge der freundlichen Behandlung etwas vorlaut geworden.

Auf dem Dachboden

Die Kinder hatten ein Geheimnis. Auf dem Dachboden, in einem tiefen Winkel inmitten des Gerümpels eines ganzen Jahrhunderts, wohin kein Erwachsener mehr sich hin tasten konnte, hatte Hans, der Sohn des Advokaten, einen fremden Mann entdeckt. Er saß auf einer Kiste, die, der Länge nach aufgestellt, an der Wand lehnte. Sein Gesicht zeigte, als er Hans erblickte, weder Schrecken noch Staunen, sondern nur Stumpfheit, mit klaren Augen beantwortete er Hansens Blick. Eine große runde Mütze aus Krimmerpelz saß tief auf seinem Kopf. Ein starker Schnurrbart breitete sich steif aus. Gekleidet war er in einen weiten braunen Mantel, den ein mächtiges Riemenzeug, es erinnerte an das Geschirr eines Pferdes, zusammenhielt. Auf dem Schoß lag ein gebogener kurzer Säbel in mattleuchtender Scheide. Die Füße staken in gespornten Schaftstiefeln, ein Fuß war auf eine umgestürzte Weinflasche gestellt, der andere auf dem Boden war etwas aufgerichtet und mit Ferse und Sporn ins Holz gerammt. »Weg«, schrie Hans, als der Mann mit langsamer Hand nach ihm greifen wollte, lief weit in die neuern Teile des Dachbodens und blieb erst stehn, als ihm die dort zum Trocknen aufgehängte Wäsche naß ins Gesicht klatschte. Dann aber kehrte er doch gleich wieder zurück. Mit gewissermaßen verächtlich aufgestülpter Unterlippe saß der Fremde dort und rührte sich nicht. Hans prüfte durch vorsichtiges Heranschleichen, ob diese Bewegungslosigkeit nicht Hinterlist sei. Aber der Fremde schien wirklich nichts Böses zu beabsichtigen, ganz schlaff saß er da, vor lauter Schlaffheit nickte sein Kopf kaum merklich. So wagte es Hans, einen alten durchlöcherten Ofenschirm, der ihn noch von dem Fremden trennte, wegzuschieben, ganz nahe heranzutreten und schließlich sogar ihn zu berühren. »So staubig bist du!« sagte er staunend und zog seine geschwärzte Hand zurück. »Ja, staubig«, sagte der Fremde, sonst nichts. Es war eine so ungewöhnliche Aussprache, erst im Nachklang verstand Hans die Worte. »Ich bin Hans«, sagte er, »der Sohn des Advokaten und wer bist du?« »So«, sagte der Fremde, »ich bin auch ein Hans, heiße Hans Schlag, bin badischer Jäger und stamme von Koßgarten am Neckar. Alte Geschichten.« »Jäger bist du? Du gehst auf die Jagd?« fragte Hans. »Ach, du bist noch ein kleiner Junge«, sagte der Fremde, »und warum reißt du den Mund so auf, wenn du sprichst?« Diesen Fehler pflegte auch der Advokat auszusetzen, aber beim Jäger, den man kaum verstand und dem das Mundaufreißen sehr zu empfehlen gewesen wäre, war dieser Tadel gewiß nicht angebracht.

Der Unfrieden, der zwischen Hans und seinem Vater seit jeher bestand, war nach dem Tode der Mutter zu derartigem Ausbruch gekommen, daß Hans aus dem Geschäft des Vaters austrat, ins Ausland fuhr, einen kleinen Posten, der sich ihm dort zufällig darbot, sofort wie geistesabwesend annahm und jeder Verbindung mit dem Vater, sei es durch Briefe, sei es durch Bekannte, mit solchem Erfolg auswich, daß er von dem Tode des Vaters, der etwa zwei Jahre nach seiner Abreise durch Herzschlag erfolgte, erst durch den Brief des Advokaten erfuhr, der ihn zu seinem Testamentsvollstrecker bestimmt hatte. Hans stand gerade hinter dem Ladenfenster des Tuchgeschäftes, in welchem er als Handlungsgehilfe angestellt war, und blickte in den Regen auf den Ringplatz des kleinen Landstädtchens hinaus, als von der Kirche her der Briefträger herüberkam. Er übergab der Chefin, der schwerbeweglichen, ewig unzufriedenen, die in der Tiefe auf einem hohen Polsterstuhl saß, den Brief und ging. Das schwach abklingende Läuten des Türglöckchens fiel Hans irgendwie auf, er blickte hin und sah dann auch, wie die Chefin ihr bärtiges, von schwarzen Tüchern umbundenes Gesicht ganz nahe an den Briefumschlag brachte. Immer schien es Hans bei solchen Gelegenheiten, als müsse ihr gleich die Zunge herausrollen und nun würde sie, statt zu lesen, hundeartig zu lecken anfangen. Schwach läutete das Türglöckchen nach und die Chefin sagte: »Hier ist ein Brief für Sie gekommen.« »Nein«, sagte Hans und rührte sich nicht vom Fenster weg. »Sie sind ein eigentümlicher Mensch, Hans«, sagte die Frau, »hier steht doch deutlich Ihr Name.« Es hieß darin, daß Hans zwar zum einzigen Erben bestimmt worden war, aber die Hinterlassenschaft war mit Schulden und Legaten so überlastet, daß für ihn, wie er schon nach oberflächlicher Schätzung merkte, kaum mehr zu erübrigen war als das elterliche Wohnhaus. Das war nicht viel: ein alter einfacher einstöckiger Bau, aber Hans hing sehr an dem Haus, auch hielt ihn nach dem Tode des Vaters hier in der Fremde nichts mehr, dagegen erforderte die Abwicklung der Hinterlassenschaftsgeschäfte seine Anwesenheit dringend, er löste deshalb sofort seine Verpflichtungen, was nicht schwer war, und fuhr nach Hause.

Es war spät an einem Dezemberabend, alles lag im Schnee, als Hans bei dem Elternhaus vorfuhr. Der Hausmeister, der ihn erwartet hatte, trat, von seiner Tochter gestützt, aus dem Tor, es war ein gebrechlicher Greis, der schon Hansens Großvater gedient hatte. Man begrüßte einander, allerdings nicht sehr herzlich, denn Hans hatte im Hausmeister immer nur einen einfältigen Tyrannen seiner Kinderjahre gesehn und die Demut, mit der er sich ihm jetzt näherte, war ihm peinlich. Trotzdem sagte er der Tochter, die ihm über die steile enge Treppe das Gepäck nachtrug, in ihres Vaters Einkommen werde sich ohne Rücksicht auf das Legat, das er erhalten habe, nicht das Geringste ändern. Die Tochter dankte unter Tränen und gestand, daß damit die Hauptsorge ihres Vaters beseitigt sei, die ihn seit dem Tode des seligen Herrn kaum habe schlafen lassen. Dieser Dank brachte Hans erst zum Bewußtsein, was für Unannehmlichkeiten aus der Erbschaft für ihn entstanden und weiter noch entstehen könnten. Um so mehr freute er sich auf das Alleinsein in seiner alten Stube und im Vorgefühl dessen streichelte er sanft den Kater, der als erste ungetrübte Erinnerung aus vergangenen Zeiten in seiner ganzen Größe an ihm vorüberhuschte. Nun wurde aber Hans nicht in sein Zimmer geführt, das nach seiner brieflichen Anordnung für ihn hätte vorbereitet werden sollen, sondern in das frühere Schlafzimmer des Vaters. Er fragte, warum das geschehen sei. Das Mädchen, noch schweratmend vom Tragen der Last, stand ihm gegenüber, sie war groß und kräftig geworden in den zwei Jahren und auffallend klar war ihr Blick. Sie bat um Entschuldigung. In Hansens Zimmer sei nämlich sein Onkel Theodor eingerichtet und man habe den alten Herrn nicht stören wollen, besonders da doch dieses Zimmer größer und auch behaglicher sei. – Die Nachricht, daß Onkel Theodor hier im Hause wohnte, war für Hans neu.

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