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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Siebendes Capitel.

Don Sylvio findet auf eine wunderbare Art das Bildniß seiner geliebten Princeßin.

Einige Tage, nachdem sich das Abentheuer mit dem Laubfrosch zugetragen hatte, gieng Don Sylvio mit dem Anbruch des Morgens in den Wald, um Schmetterlinge zu suchen, von denen ihm noch einige zu Ausschmückung seines Cabinets abgiengen.

Er hatte sich schon über eine Stunde weit von seinem Schloß entfernt, als er eines wunderschönen Papilions ansichtig wurde, der sich nur wenige Schritte von ihm auf eine Blume setzte. Seine Flügel waren Lasur-blau, mit einer Einfaßung von Purpur verbrämt, die in der Sonne wie Gold glänzte. Don Sylvio glaubte ihn schon erhascht zu haben, aber der schöne Sommer-Vogel schlupfte unter seinem Strohhut weg, und verbarg sich in das dichteste Gebüsche.

O, rief Don Sylvio, ich muß dich haben, und wenn ich dich auch bis in das unterirdische Reich des König Hammels verfolgen müßte, wo es kleine Pastetchen regnet, und gebratne Feldhüner auf den Bäumen wachsen.

Der Sommer-Vogel, der sich auf den Vortheil seiner Flügel verließ, schien ihm eine so weite Reise ersparen zu wollen. Kaum hatte Sylvio ihn aus dem Gesicht verlohren, so fand er ihn wieder ein paar Schritte vor sich, auf einem Roßmarin-Strauch sitzen. Er wollte ihn wieder haschen, aber es gieng wie das erstemal; der schöne Papilion schien seiner nur zu spotten; oft gauckelte er in kleinen Kreisen um ihn herum, dann setzte er sich wieder, aber entwischte allemal, wenn er im Begriff war gefangen zu werden.

Dieses Spiel daurte so lange, bis Don Sylvio endlich merkte, daß er in eine ihm ganz unbekannte Gegend verirrt war.

Jezt reuete es ihn, daß er sich einem Schmetterling zu lieb so weit eingelassen hatte: allein, da es nun einmal geschehen war, so wollte er doch so viele Mühe nicht umsonst gehabt haben, und ließ nicht nach, bis er endlich so glücklich war den Papilion zu erhaschen, der ihm mehr Mühe gemacht hatte, als jemals eine Spröde, seit dem es Spröden gibt, ihrem Liebhaber gemacht hat.

Seine Freude war ungemein, und in der That konnte man keinen schönern Sommer-Vogel sehen. Er betrachtete ihn lange mit einem desto lebhaftern Vergnügen, je mehr er ihm Mühe gekostet hatte, und er war jezt im Begriff ihn in ein kleines Keficht zu stecken, so er zu diesem Ende bey sich trug, als es ihn däuchte, als ob der gefangne Schmetterling ihn mit einer flehenden Mine und gesenkten Flügeln anschaue. Er bildete sich so gar ein, (denn Einbildungen kosteten ihn nichts) daß er so laut geseufzt habe, als ein Papilion nur immer seufzen kan.

Mehr brauchte es nicht, um ihn auf seine gewöhnliche Grille zu bringen, und es kam ihm ganz wahrscheinlich vor, daß es vielleicht eine Fee oder eine verwandelte Princeßin seyn möchte. Denn, dachte er, ist die Prinzeßin Burzeline eine Heuschrecke gewesen, so kan eine andre eben so gut ein Sommer-Vogel seyn. Er besann sich also keinen Augenblick ihm die Freyheit wieder zu schenken, um die er ihn so beweglich zu bitten geschienen hatte.

Der erledigte Sommer-Vogel flatterte fröhlich davon; und Don Sylvio gieng ihm nach, voll Erwartung, was daraus werden möchte, als er ein paar Schritte vor sich etwas im Grase blinken sah, welches seine Aufmerksamkeit an sich zog. Er hob es auf, und fand, daß es eine Art von Kleinod war, mit grossen Brillianten besetzt, und an einer Schnur der feinsten Perlen befestiget. Er betrachtete es auf allen Seiten, aber wie groß war sein Erstaunen, als er, von einem ungefehren Druck auf eine Feder, die er nicht bemerkt hatte, einen grossen Türkis in der Mitte auf die Seite springen, und ein kleines sehr künstlich auf Email gemachtes Brustbild entdecken sah, welches eine junge Schäferin von ungemeiner Schönheit vorstellte.

Er stund etliche Augenblicke unbeweglich, und wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte; Er besah und befühlte es immer wieder von neuem, um sich zu überzeugen, daß es keine Einbildung sey, und je mehr er es betrachtete, desto mehr beredete er sich, daß es das Bildniß einer Göttin, oder doch zum wenigsten der Allerschönsten Sterblichen sey, die jemals gewesen, oder künftig seyn werde.

Unsre schönen Leserinnen werden ihm dieses übereilte Urtheil desto eher zu gut halten, wann sie bedenken, daß er von seiner Tante, die aus bekannten Ursachen sehr wenig Gesellschaft sah, in einer so strengen Einsamkeit erzogen worden war, daß er ausser ihrer eignen angenehmen Person, ihrer Kammerfrau, der Wittwe eines Sennor Scudero, welche bereits fünf und dreißig Jahr eingestand, der dicken Maritorne, und den Bauerweibern im Dorfe in seinem Leben nichts gesehen hatte, was auch nur im uneigentlichen Verstand zum schönen Geschlecht hätte gerechnet werden können. Denn seine Schwester, die in der That ein hübsches kleines Mädchen gewesen war, hatte sich schon in einem Alter von drey Jahren verlohren, und man vermuthete, daß sie von einer Zigäunerin gestohlen worden sey, welche jemand um dieselbe Zeit nicht weit vom Schlosse angetroffen haben wollte.

Don Sylvio mußte also nothwendig von der Schönheit dieser Schäferin ausserordentlich gerührt werden, da sie unter den Figuren, an die er seine Augen hatte gewöhnen müssen, nicht anders ausgesehen hätte, als wie Latona unter den Einwohnern von Delos, als sie in Frösche verwandelt, ihr am Ufer entgegen quäkten. Kurz, es deuchte ihn unmöglich, daß Gracieuse, Bellebelle, die Schöne mit den goldnen Haaren, oder Venus selbst so schön gewesen seyn könnten, und er wurde vom ersten Anblick an so verliebt in dieses Bildniß, als es jemals ein irrender Ritter, oder ein Arcadischer Schäfer in seine Dulcinea oder Amyrillis gewesen ist.

Endlich, rief er in seiner Entzückung aus, endlich hab ich sie gefunden, sie, die ich mit ahnender Sehnsucht überall suchte, die ich zu lieben bestimmt bin, und o! daß keine zu kühne Hofnung mich täusche! sie, die mein glückliches Schicksal bestimmt hat, mich durch ihre Liebe den Göttern an Wonne gleich zu machen. O! gütige Fee, die du meiner dich annimmst, wer du auch seyst, dir allein danck ich dieses überraschende Glück! Wer anders als du legte in dieser öden Wildniß, die vielleicht vor mir keines Menschen Fuß betreten hat, dieses himmlische Bildniß in meinen Weg? O! vollende deine Wohlthat, zeige dich mir, und laß zu deinen Füssen mich hören, wo ich sie finden kan, sie, deren Schattenbild schon genug ist, eine unauslöschliche Liebe in meiner Brust anzuzünden. Denn das schwöre ich bey allen Göttern, die der Liebe günstig sind, und wenn ich sie auch am Quecksilber-See, mitten unter den Ungeheuern der Fee Lionne, im Ringe des Saturnus, ja selbst in der grossen Aquavit-Flasche der Feen suchen müßte, bis ich sie gefunden habe, soll kein ruhiger Schlaf auf meine Augen sich senken!

Also sagt er und schwur; ihn hörten die Nymphen im Hayne,
Und die Feen, und – – – –

Je nun! wahrhaftig! das sind ja gar Hexameter? Was für ein ansteckendes Fieber der Enthusiasmus ist! die begeisterte Rede des Don Sylvio ergriff uns, ohne daß wir es gewahr wurden, und wenn uns Apollo nicht in Zeiten beym Ohr gezupft hätte, so könnten unsre armen Leser mit einem ganzen Wolkenbruch von Hexametern geängstiget worden seyn, eh wir gemerkt hätten, daß es nicht recht richtig in unserm Kopfe sey. Wir wollen also hier einen Augenblick ruhen, und, ehe wir diese wahrhafte Erzählung fortsetzen, unserm Blute Zeit lassen, wieder in Prosa zu fliessen.

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