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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Sechstes Capitel.

Abentheuer mit dem Laubfrosch.
Warum Don Sylvio nicht gemerkt, daß der Frosch keine Fee war.

Der Gedanke einen unsichtbaren Feind von solcher Wichtigkeit zu haben, beunruhigte unsern jungen Helden nicht wenig; jedoch da er in seinen Mährchen keinen von Feen oder Zauberern verfolgten Prinzen gefunden hatte, der nicht von einer andern Fee beschützt worden wäre, so ermunterte ihn die Hofnung wieder, daß er nicht der erste seyn werde, an dem diese Regel eine Ausnahme leiden sollte.

Weil es nun in der Feen-Welt eben so wie in unserer Alltags-Welt der Gebrauch ist, daß man selten jemand Dienste zu leisten pflegt, von dem man nicht eben dergleichen oder noch grössere zurück erwartet; so wünschte sich Don Sylvio nichts so sehnlich, als eine Gelegenheit zu bekommen, sich die Dankbarkeit irgend einer grosmüthigen Fee verbinden zu können.

Indem er einst in diesen Gedanken an einem Graben in seinem Garten vorbey gieng, sah er auf der andern Seite einen Storch, (einige Nachrichten sagen, wiewohl ohne genugsamen Grund, daß es eine Störchin gewesen) im Begriff einen artigen Laubfrosch zu erhaschen, der unbesorgt quackend im Gras herum hüpfte.

Don Sylvio würde auch aus blossem Antrieb seines Herzens, welches sehr gütig und mitleidig war, nicht saumselig gewesen seyn, dem nothleidenden Frosche zu Hülfe zu kommen; Allein der Gedanke, daß es vielleicht eine Fee und wohl gar eben der wohlthätige Frosch seyn könnte, so der Princeßin Mufette und ihrer Mutter so gute Dienste geleistet hatte, setzte ihm Flügel an; er sprang über den Graben, und verjagte mit einem Stecken, den er eben in der Hand hatte, den langbeinichten Erbfeind der Frösche in eben dem Augenblick, da er im Begriff war, den kleinen unschuldigen Quäcker hinunter zu schlingen. Der Storch ließ seinen Raub fallen und entfloh, und das Fröschchen sprang in den Graben, ohne sich zu bekümmern, wem es seine Rettung zu danken habe.

Don Sylvio blieb an dem Graben stehen und erwartete, daß es in Gestalt einer schönen Nymphe, oder doch mit seiner Rosen-Haube auf dem Kopf wieder hervor kommen werde, um sich für einen so wichtigen Dienst gar schön bey ihm zu bedanken: er wartete über eine halbe Stunde, aber zu seiner nicht geringen Befremdung wollte weder Frosch noch Nymphe zum Vorschein kommen.

Eine so ungewöhnliche Undankbarkeit an einer Fee war ihm unbegreiflich. Wenn es auch, dachte er, die kleine häßliche Magotine, die alte Ragotte, oder die Fee Concombre selbst gewesen wäre, so sollte doch ein Dienst von dieser Art vermögend gewesen seyn, sie zu einiger Erkenntlichkeit zu bewegen. Könnte es aber nicht seyn, besann er sich einen Augenblick darauf, daß es ihr nicht erlaubt ist, mir jetzt in ihrer eigenen Gestalt zu erscheinen, oder, daß sie es, aus andern Ursachen auf eine Gelegenheit verschiebt, da sie mir ihre Dankbarkeit durch eine würkliche Dienstleistung beweisen kan?

Diese Vermuthung schien ihm, weil sie mit seinen grillenhaften Wünschen am besten überein stimmte, bey mehrerm Nachdenken so wahrscheinlich, daß er voller Zufriedenheit in sein grünes Schloß zurück gieng, und keinen Augenblick länger zweifelte, daß diese Begebenheit in kurzem irgend eine wichtige Veränderung in seinem Schicksal nach sich ziehen würde.

Vermuthlich werden einige Leser sich wundern, wie es möglich sey, daß Don Sylvio albern genug habe seyn können, um aus dem widrigen Ausgang dieses Abentheuers nicht den Schluß zu ziehen, der am natürlichsten daraus folgte, nehmlich daß der Frosch keine Fee gewesen sey. Allein sie werden uns erlauben, ihnen zu sagen, daß sie die Macht der Vorurtheile und vielleicht ihre eigene Erfahrung nicht genugsam in Erwägung ziehen. Nichts ist unter den Menschen gewöhnlicher als diese Art von Trug-Schlüssen; das Vorurtheil und die Leidenschaft macht keine andre.

Ein alter Geck, der durch seine Freygebigkeit die Treue seiner Liebste zu erkaufen gedenkt, schreibt die funkelnden Augen und die glüende Wangen, womit sie ihn empfängt, der Freude zu, die ihr seine Ankunft verursache, und bedenkt nicht, wie viel wahrscheinlicher es wäre, sie auf die Rechnung eines jüngern Buhlers zu setzen, der inzwischen in einem Schranke steckt, und seines leichtglaubigen Unvermögens spottet.

Ein Indianer kauft seinem Bonzen Amulete ab, die wider alle Krankheiten dienen sollen; er wird krank, und die Amulete helfen nichts. Was schließt er daraus? Vielleicht daß seine Amulete keine solche Heilungs-Kraft haben, und daß der Bonze ein Betrüger ist? Nichts weniger; alles was er daraus schließt, ist, daß er dem Götzen, dessen Bild er am Halse getragen, nicht Andacht genug bewiesen, und den Bonzen nicht Allmosen genug gegeben habe.

Keine Leute sehen mehr Verdienste an sich selbst als diejenige, an denen sonst niemand keine sieht; wer wollte ihnen auch zumuthen, die Verachtung, die sie für eine Würkung des Neides halten, der weit natürlichern Ursache zuzuschreiben, daß andre unmöglich so partheyisch für sie seyn können als sie selbst?

Dergleichen Beyspiele liessen sich ins Unendliche häuffen. Es ist wohl wahr, die Thorheit des Don Sylvio wird dadurch nicht kleiner; aber es ist auch zu seiner Entschuldigung genug, daß er wenigstens keine schlimmere Schlüsse macht als andere ehrliche Leute.

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