Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
Schließen

Navigation:

Drittes Capitel.

Abermalige Entdeckungen.

Die Gesellschaft hatte sich nach genommenem Frühstück in die Bibliotheck begeben, wo Don Gabriel sich eben beschäftigte, seinem jungen Freund und den Damen verschiedene physicalische Experimente vorzuzeigen, als man eine Art von Kutsche über den Schloßhof rollen hörte, welche die Aufmerksamkeit der Schüler unsers Philosophen unterbrach. Man denke, wie angenehm die Bestürtzung des Don Sylvio war, da er nach einer kleinen Weile seine geliebte Tante Donna Mencia in das Zimmer tretten sah.

Damit einem künftigen Kunstrichter, welcher sich vielleicht die rühmliche Mühe geben wird, dieses unser Werk gegen den tadelhaftigen Zahn des Zoilus und seiner Brüder, nehmlich, aller und jeder, welche sich (zu empfindlichster Kränkung unserer gerechten väterlichen Liebe zu diesem Kind unsers Witzes) unterfangen mögen, die Mängel und Gebrechen desselben boshafter Weise aufzudecken, zu schützen, – – damit, sagen wir, diesem gelehrten und vortrefflichen Manne, (dem wir hiemit für seine großmüthige Bemühung zum Voraus öffentlichen Dank erstatten) wenigstens die Arbeit erspart werde, (denn er wird ohne das genug zu thun finden) uns gegen den Vorwurf zu vertheidigen, als ob wir, wider alle Wahrscheinlichkeit, die weise und ehrwürdige Donna Mencia wie einen Deum ex machina, in einer mit zween ausgemergelten Dorf-Kleppern bespannten Kalesche nach Lirias geschleppt hätten, ohne eine bessere Ursache davon anzugeben, als weil wir ihrer daselbst nöthig haben: So sehen wir uns genöthiget, dem geneigten Leser, ehe wir weiter gehen, zu sagen; daß diese unerwartete Erscheinung in der That nicht aus unserm Antrieb sondern aus Veranlassung des berühmten Barbiers bewerkstelliget worden, der in dieser Geschichte schon mehr als einmal aufgetretten ist. Dieser hatte bey einem abermaligen Besuch, den er Tages zuvor seinem Patienten zu Lirias gemacht, die Ankunft des Don Sylvio, und durch die Waschhaftigkeit des verschwiegenen Pedrillo verschiedene kleine Umstände erfahren, die ihn auf die Vermuthung brachten, daß ein Geheimniß hinter der Sache stecke. Mit diesen Neuigkeiten war Meister Blas spornstreichs nach Rosalva gerannt, wo man bereits Anstalt machte, unsern Helden in allen benachbarten Orten aufsuchen zu lassen. Donna Mencia war dadurch in keine mittelmäßige Unruhe gesetzt worden; denn da die Verbindung ihres Neffen mit der schönen Mergelina eine Clausul war, ohne welche die ihrige mit dem Herrn Rodrigo Sanchez von sich selbst zerfiel, so konnte sie unmöglich gleichgültig bleiben, da ihr Meister Blas mit einer geheimnißvollen Mine in die Ohren zischelte, daß, so viel er aus allen Umständen abnehmen könne, Don Sylvio nicht umsonst zu Lirias seyn müsse. Kurz, sie hatte die Sache wichtig genug gefunden, ihn in eigener Person zu reclamiren, und wenn man noch die tiefe Verachtung dazu nimmt, die ihr das graue Alterthum ihres eigenen Hauses gegen den neuen Adel einflößte, so wird man sich vorstellen, daß die Mine, die sie beym Eintritt in das Schloß zu Lirias machte, keine von den angenehmsten seyn konnte. Allein, wie sie ihren Neffen noch vollends in einer so gefährlichen Gesellschaft sah, als Donna Felicia und Hyacinthe nach ihren bekannten Grundsätzen waren, so stieg ihr Unmuth auf einen Grad, der ihrem Gesicht (welches ohnehin geschickter war, die Strenge der Tugend als ihre Schönheit auszudrücken) ein so Furien-mäßiges Ansehen gab, daß ihr zu ihrer hagern Gestalt nur noch etliche Schlangen um den Kopf und eine Fackel in der Hand fehlte, um eine von den grinsenden Grazien der Hölle vorzustellen. Allein da sie, aller dieser Annehmlichkeiten ungeachtet die Tante des Don Sylvio war, so wurde sie auf eine so ehrerbietige und verbindliche Art empfangen, daß sie sich genöthiget sah, das fürchterliche und drohende, womit sie ihr Angesicht bewafnet hatte, um etliche Grade zu mildern; ja die Schönheit und feine Gestalt des Don Eugenio besänftigte sie endlich so sehr, daß die beyden Damen, die sich auf den ersten Blick, den sie ihnen verlieh, gegen das andere Ende des Saals zurück gezogen hatten, wieder Muth faßten, und sich allmählich dem Sopha, wo Donna Mencia auf Bitten des Don Eugenio sich nieder gelassen, näherten, doch nicht ohne die Vorsichtigkeit, daß sie ihre Plätze nahe genug bey der Thüre nahmen, um im Nothfall sich durch eine schleunige Flucht retten zu können. Donna Mencia eröfnete nach einer kurzen Vorrede die Ursache, warum sie da sey, und bezeugte keine kleine Verwunderung über dasjenige, was die Ursache seyn könne, daß sie ihren Neffen zu Lirias finde. Don Eugenio antwortete ihr, daß er dieses Vergnügen einem blossen Zufall schuldig sey, und erzählte ihr hierauf, wiewohl mit Auslassung einiger Neben-Umstände, die Begebenheit, wo ihm der tapfere Beystand des Don Sylvio so nöthig gewesen war. Donna Mencia bezeugte eine so grosse Zufriedenheit darüber, daß sich ihr Neffe bey einer so schönen Gelegenheit des ritterlichen Blutes, das in seinen Adern floß, würdig bewiesen; daß die junge Hyacinthe sich aufgemuntert fand, ihren Antheil zum Lob unsers Helden beyzutragen.

Die erhabene Mencia ließ sich jetzt zum erstenmal herab, diese kleinen Geschöpfe mit einem zerstreuten Blick anzusehen. Wir haben ehemals schon bemerkt, daß Hyacinthe weder die Grösse, noch die Regelmäßigkeit der Züge, noch die vollkommene Feinheit der Gesichts-Farbe hatte, die zu einem gerechten Anspruch an das Prädicat der Schönheit gehören; die ungemeine Anmuth ihrer Bildung und ihrer ganzen Person war alles, was sie beym ersten Anblick gefällig machte; und da Donna Mencia, was die Annehmlichkeit betrift, vollkommen mit sich selbst zufrieden war, und über das noch den Vorzug einer majestätischen Grösse vor ihr hatte: so machte dieses alles zusammen genommen, daß Hyacinthe Gnade vor ihren Augen fand. Nach und nach beehrte sie dieselbige so gar mit einer Art von Aufmerksamkeit, und machte nur eben die Anmerkung, daß sie noch niemand gesehen habe, der sie so lebhaft an ihre verstorbene Schwägerin, Donna Isidora erinnere, wie dieses junge Frauenzimmer: als Don Sylvio, (der sich nicht getraut hatte ihr gleich unter die Augen zu kommen) mit Don Gabriel in das Zimmer trat. Das Lob, welches er kurz zuvor erhalten hatte, die gute Art, womit er sie begrüßte, und vielleicht auch die Figur seines Begleiters, die eine von denen war, womit man wenig Mühe hatte sich ein günstiges Auge von ihr zu erwerben, thaten eine so gute Würkung, daß Don Sylvio besser empfangen wurde, als er gehoft hatte. Don Gabriel kannte den Character der Dame von langem her, und da er boßhaft genug war, ihr die schönsten Dinge von der Welt in der Mode-Sprache der Zeiten Carls des 2ten vorzusagen, so sahe er sich, zu grosser Belustigung der übrigen Gesellschaft, unvermerkt mit der kurzweiligen Rolle eines erklärten Verehrers und Günstlings beladen. Jedermann trug das seinige bey, sie durch schwülstige Lobsprüche und Complimente im Geschmack des Amadis zu unterhalten; die Herren hatten für niemand Augen als für sie, und die jungen Damen affectirten ein so schüchternes und kindisches Wesen, daß sie aufgemuntert wurde, sich selbst um zwanzig Jahre jünger anzusehen. Sie that es, und wurde würklich nach und nach so munter, so gesprächig und so tändelnd, daß es – – ein Jammer war.

Man hatte diese Comödie bereits eine geraume Zeit gespielt, und die nochmalige Anmerkung, welche Donna Mencia über die Aehnlichkeit der Hyacinthe mit Donna Isidora von Rosalva machte, hatte sie in eine umständliche Erzählung ihrer eigenen jugendlichen Begebenheiten verwickelt, womit sie die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer schon eine gute halbe Stunde abgemattet hatte; als man plötzlich ein grosses Geschrey und Getümmel hörte, das sich die Treppe herauf zu ziehen schien; Man unterschied gar bald die Stimme des Pedrillo, und in einem Augenblick darauf zeigte er sich persönlich, oder vielmehr er stürmte, ohne die geringste Achtung für die hohen Herrschaften, in das Zimmer hinein und schrie: Freude über Freude, gnädiger Herr, Pimpimp ist gefunden, Pimpimp ist wieder da – Meiner Six, ich kannte die verfluchte Carabosse den ersten Augenblick auf fünfzig Schritte; aber sie will ihn nicht her geben; sie hat ihn nicht gestohlen, sagt sie, und hängt mir noch, wer weißt, wie viel lose Reden an, ich möchte sie vor einer so ehrbaren Gesellschaft nicht wiederhohlen; aber Sapperment! ich blieb ihr nichts schuldig, Wurst wider Wurst, ich wusch ihr das Maul, wie sichs gehörte; die alte Vettel! sie hat ihn nicht gestohlen, sagt sie; sie will ihn niemand als Euer Gnaden selbst in die Hände geben, sagt sie; Sie will für den T**, daß man sie selbst vor den gnädigen Herrn Don Eugenio lassen soll; und da sagte ich: es ist Gesellschaft da, man hat keine Zeit sich von dir in die Hände gucken zu lassen, sagte ich, man weißt schon, alles was man wissen soll, sagte ich, gib du nur den Pimpimp her, und packe dich, oder beym Sapperment! sagte ich, ich will dir alle die Maulschellen und Stösse und Püffe in den Hintern dreyfach wieder geben, die ich vorgestern auf deine oder deiner Gevatterin, der alten Fanferlüschin, ihre Anstiftung gekriegt habe, sagte ich; aber es half alles nichts, und sie würde mit Gewalt in das Zimmer hinein gedrungen seyn, wenn ich sie nicht beym Flügel gekriegt, und über sechs oder acht Stuffen die Treppe hinunter geschmissen hätte.

Wovon ist denn die Rede, mein Freund, fragte Don Eugenio? Wer ist die alte Frau, oder sagt sie nichts, das sie anzubringen habe? Gnädiger Herr, antwortete Pedrillo, wer sie ist, das wird sie selbst am besten sagen können; mein gnädiger Herr, Don Sylvio, behauptete für den Deixel, daß es die Fee Carabosse sey; aber wenn ich die Wahrheit sagen soll, so glaube ich, daß sie, mit Respect vor Eu. Gnaden zu sagen, eine Zigäunerin ist – – Don Eugenio hörte kaum das letzte Wort, als er hastig von seinem Sitz auffuhr, und zum Zimmer hinaus eilte. Die Zigäunerin konnte vielleicht diejenige sein, die er suchte, und zu gutem Glücke, betrog er sich diesesmal nicht in seiner Hofnung.

Die vermeynte Carabosse, welche unsern Helden des Morgens nach seiner Entweichung im Walde angetroffen hatte, war eben diese Zigäunerin, die wir eine Hauptperson in der Geschichte der Hyacinthe vorstellen gesehen haben. Der Leser erinnert sich vielleicht noch, daß der indiscrete Vorwitz des Corregidor von Sevilla diese würdige alte Dame genöthigt hatte, sich so weit als möglich von dieser Hauptstadt zu entfernen. Zum Unglück waren ihr Name, ihre Person und ihre Verdienste in jeder andern Provinz von Spanien so rühmlich bekannt, daß sie nicht wußte, wohin sie fliehen sollte, um nicht dem nehmlichen Schicksal, dem sie entgehen wollte, in die Hände zu lauffen. In dieser Noth fiel ihr Hyacinthe ein, von der sie durch eine von ihren alten Freundinnen erfahren hatte, daß sie auf dem Theater zu Grenada im Besitz der allgemeinen Bewunderung sey. Sie machte sich so unkenntlich als sie konnte, und kam an dem nehmlichen Tage in Grenada an, da Hyacinthe abgereist war. Sie erfuhr von einer Schauspielerin alles, und einen guten Theil mehr als das, was man von des Don Eugenio Neigung und Absichten für Hyacinthen wußte. Diese Nachricht zeigte ihr ein Mittel, sich durch den Dienst, den sie im Stande war, diesem jungen Cavalier zu leisten, einen Beschützer und eine sichere Zuflucht zu verschaffen. Sie eilte also so sehr als sie konnte, um noch vor Hyacinthen zu Valencia anzukommen, und sie war würklich auf dieser Reise begriffen, als sie von ungefehr mit unserm Abentheuer zusammen kam. Einige Meilen über Xelva traf sie durch einen ähnlichen Zufall in dem Wirthshause, wo sie übernachtete, einen Verwalter des Don Eugenio an, der im Begriff war von einem Gut, so sein Herr in der Nähe von Valencia hatte, nach Lirias abzugehen. Von diesem erfuhr sie, daß sie nichts zu thun hätte als wieder umzukehren, wenn sie seinen Herrn sprechen wollte; und da sie ihm Sachen von der äussersten Wichtigkeit zu entdecken haben wollte, so war der Verwalter höflich genug, ihr seine Gesellschaft anzubieten. Sie kam also zu Lirias an, und das Schicksal wollte, daß es gerade zu einer solchen Zeit geschah, da die Anwesenheit der Donna Mencia ihre Entdeckungen gültig machen konnte. Don Eugenio kam in wenigen Augenblicken mit der Zigäunerin zurück. Hier bringe ich ihnen, sagte er zu Donna Mencia, eine Frau, die sich davor ausgibt, daß sie Eu. Gnaden eine verlohrne Nichte wieder zustellen könne. Die liebenswürdige Hyacinthe that vor Bestürzung einen Schrey, wie sie ihrer Pfleg-Mutter ansichtig wurde, und diese fiel, so bald sie Donna Mencia erblickte, zu ihren Füssen, und bat um die Vergebung einer grossen Uebelthat, deren sie gegen diese Dame schuldig zu seyn bekannte. Sie erzählte hierauf mit allen Umständen des Orts und der Zeit, auf was für eine Weise es ihr geglückt habe, ihre Nichte, Donna Seraphina, als ein dreyjähriges Kind wegzustehlen; daß das junge Frauenzimmer, welches sie glücklich genug sey unter dem Namen Hyacinthe in dieser Gesellschaft wieder zu finden, eben diese Donna Seraphina sey, und daß sie zu dessen vollgültigem Beweiß eine kleine goldene Kette mit einem Creutz aufbewahrt habe, welches die kleine Seraphina am Halse getragen, als sie selbige geraubt habe. Man kan sich die Gemüths-Bewegungen, die eine so glückliche Entdeckung in unserer Gesellschaft erregen mußte, leichter vorstellen, als sie sich beschreiben lassen. Don Eugenio, der vor Freude ausser sich selbst war, würde der Zigäunerin gerne allen Beweiß ihrer Aussage geschenkt haben: Aber Donna Mencia war nicht so voreilig; sie examinirte die Zigäunerin über die kleinsten Umstände der Entführung mit der schärfsten Genauigkeit, und da sie durch die Antworten derselben völlig befriediget war, so betrachtete sie auch die Halskette, die sie für eben diejenige erkannte, womit sie selbst der kleinen Seraphina ein Geschenke gemacht hatte, da der alte Don Pedro sie ihrer Aufsicht übergeben. Kurz, nach einer Untersuchung, die über eine halbe Stunde daurte, wurde Hyacinthe für Donna Seraphina von Rosalva erkannt, und in dieser Qualität von ihrer Tante und von unserm Helden mit so vieler Zärtlichkeit umarmt, als jede dieser beyden Personen fähig war. Diese Entdeckung verbreitete eine ausserordentliche Freude durch das ganze Hauß, und Don Eugenio, welcher die seinige über die ganze Natur hätte ausgiessen mögen, ertheilte so gleich Befehle, noch diesen Tag und etliche folgende, durch alle nur ersinnliche Freudenbezeugungen zu Festtägen zu machen.

 << Kapitel 72  Kapitel 74 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.