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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Mit der Bedingung, fuhr Cristalline fort, daß ich meine Gestalt nicht eher wieder bekommen sollte, bis ich dem Prinzen Biribinker – – verzeihen sie meiner Schamhaftigkeit, daß ich den Umstand nicht nenne, worum ich zu erst das Vergnügen hatte sie kennen zu lernen, und in der That, ohne ihnen zu schmeicheln, so sehr zu ihrem Vortheil, daß ich in der ersten Bestürzung im Begriff war, sie für den armen Grigri selbst zu halten.

Sie erweisen mir allzuviel Ehre, erwiederte Biribinker, und wenn ich gewußt hätte, daß ihr Herz für einen so würdigen Gegenstand eingenommen wäre – – – –

Ich bitte sie, sagte die Fee, gewöhnen sie sich doch die unzeitigen Complimente ab, die sie so gern zu machen pflegen; sie können nicht glauben, wie gezwungen und wunderlich es ihnen läßt. Ich sage ihnen, daß ich die beste Meynung von ihrer Bescheidenheit habe, und ich denke, ich gebe ihnen eine sehr starke Probe davon, da ich mich so nahe bey ihnen sicher glaube. Ich erinnere mich zwar nicht allzuwohl, wie es zugegangen ist, daß wir so vertraulich mit einander worden sind; denn ich gestehe, daß ich aus Vergnügen über unsere so lang gewünschte Zusammenkunft ein paar Gläser mehr getrunken als ich zu trinken pflege; aber ich hoffe doch, sie werden sich in den Schranken – – – –

In der That schöne Cristalline, fiel ihr der Prinz ins Wort, ich finde ihr Gedächtniß so ausserordentlich als die Tugend, worauf sie wollten, daß der alte Padmanaba sich verlassen sollte; aber sagen sie mir doch, wenn sie es nicht auch vergessen haben, was wurde denn aus der Hummel?

Sie erinnern mich eben recht daran, antwortete die Fee; der arme Grigri! ich hatte ihn würklich vergessen – – es ist mir leyd, aber der grausame Padmanaba hat seine Befreyung auf eine so ungereimte Bedingung gesetzt, daß ich nicht weiß, wie ich es ihnen werde sagen können – – – –

Und was kan denn das für eine Bedingung seyn, fragte Biribinker?

Ich begreiffe nicht, antwortete Cristalline, was sie dem alten Zauberer gethan haben können, daß er sie in diese Händel eingemischt hat; denn das ist gewiß, daß damals, da alle diese Verwandlungen vorgiengen, ihre Aelter-Mutter noch nicht einmal gebohren war. Mit einem Wort, Grigri soll seine vorige Gestalt nicht wieder bekommen, bis sie – – Nein! die Delicatesse meiner Empfindungen läßt mir nicht zu, es ihnen zu sagen, und ich begreiffe nicht, wie ich fähig seyn werde, mich dazu zu verstehen; denn sie werden, denk ich, an der Röthe, womit der blosse Gedanke daran mein Gesicht überzieht, schon errathen haben, was es ist.

Ich will selbst gleich zu einem dreyfachen Hummel werden, rief Biribinker, wenn ich errathe, was sie haben wollen; ich bitte sie, machen sie nicht so viel Umschweiffe; es ist schon heller Tag, und ich kan mich nicht aufhalten – –

Wie? sagte die Fee, wird ihnen die Zeit so lange bey mir? bin ich nicht fähig, ihnen ein Milchmädchen nur für etliche Stunden aus dem Sinn zu bringen? Sie sollten mir wenigstens aus Eigennutz ein wenig den Hof machen; denn ich kan mehr zu ihrem Glücke beytragen als sie sich einbilden.

So sagen sie mir dann geschwind, was ich thun soll, erwiederte Biribinker. – – – –

Wie ungedultig sie sind, rief die Fee! Wissen sie also, daß der arme Grigri nicht eher wieder Grigri werden soll, bis der Prinz Biribinker – – Nun! so rathen sie doch – – Aber das versichere ich ihnen, wenn es nicht um die Wiederherstellung eines alten guten Freundes zu thun wäre, ich könnte mich nimmermehr dazu verstehen, das Opfer der Rache zu werden, welche Padmanaba durch ihren – – Beystand an dem armen Grigri nehmen will.

Er will doch nicht, daß ich ihnen das Leben nehmen soll, sagte der Prinz?

Nun, das muß ich gestehen, antwortete Cristalline, daß sie heute mit einem ausserordentlich harten Kopf aufgewacht sind; Glauben sie denn nicht, daß ein recht eingenommener Liebhaber seine Geliebte lieber sterben als in eines andern Armen sehen würde?

Ha, ha! Nun versteh ich sie endlich, Madam, sagte Biribinker ganz kaltsinnig; wahrhaftig! ihre Schamhaftigkeit hätte nicht nöthig gehabt sich so viel Bedenken zu machen, die Sache gerade heraus zu sagen. Aber erlauben sie mir ihrem Gedächtniß ein wenig nachzuhelfen, und sie zu erinnern, daß wenn es mir hieran läge, Grigri schon lange enthummelt seyn müßte. Es sind noch nicht drey Stunden – – – –

Ich glaube, sie haben Zerstreuungen, unterbrach ihn die Fee! – – Indessen müssen sie wissen, daß Padmanaba sehr streng über dem Recht der Wiedervergeltung hält, und daß Grigri nicht eher zu seiner ersten Gestalt gelangen kan, bis sie ihm alle die Beleidigungen wieder geben, welche der Zauberer von ihm empfangen zu haben glaubt.

O! Madame, rief der Prinz, indem er aus dem Ruhebette sprang, ich bin des Herrn Padmanaba gehorsamer Diener; aber wenn es nur auf diesen kleinen Umstand ankommt, so werden sie unter den zehen tausend Gnomen, die ihnen zu Diensten stehen, einen neuen Grigri suchen müssen, um ihren graubartigen Gecken an seinem wunderthäthigen Nebenbuhler zu rächen (denn daran wird ihnen vermuthlich mehr gelegen seyn, als daß ihr kleiner Zwerg seine vorige Schönheit wieder bekomme). Was mich betrift, so denke ich, sie sollten zufrieden seyn, daß ich ihnen die ihrige wieder gegeben. Ich sage das nicht, als ob ich mich durch die Gütigkeiten, die sie für mich gehabt haben, nicht überflüßig für einen Dienst belohnt halte, der mich so wenig gekostet hat; ich wollte sie nur erinnern, daß die Hauptsache doch immer in dem Umstande liegt, daß sie, an statt ein crystallener Nachttopf zu seyn, wieder die Fee Cristalline sind, und daß die Gewalt, die ihnen der Zauberstab des alten Padmanaba giebt, sie gar leicht wegen des Verlusts eines einzigen sollte trösten können.

Ich hoffe doch nicht, versetzte Cristalline, daß sie meine Sorge für den armen Grigri einer eigennützigen Absicht beymessen? Sie müßten in der That weder die Feinheit meiner Empfindungen, noch die Pflichten der Freundschaft kennen, wenn sie nicht begreiffen könnten, daß man sich für einen Freund beeyfern kan, ohne einen andern Bewegungs-Grund zu haben, als das Beste dieses Freunds, und ich müßte sie bedauren – – – –

O! Madame, erwiederte Biribinker, der sich indessen angekleidet hatte, ich bin von der quintessenz-mäßigen Feinheit ihrer Empfindungen so überzeugt, als sie es nur verlangen können; aber sie sehen, wie bequem dieser Morgen ist, meine Reise fortzusetzen. Seyn sie so gütig, sie, deren Herz einer so uneigennützigen Freundschaft fähig ist, und entdecken mir, auf welchem Weg ich meine geliebte Galactine wieder finden kan: So will ich gegen alle und jede behaupten, daß sie die großmüthigste, die uneigennützigste, und wenn sie wollen, auch die sprödeste unter allen Feen des Erdkreises sind.

Sie sollen befriediget werden, antwortete Cristalline; gehen sie, und suchen ihr Milchmädchen, weil es doch ihr Schicksal so haben will; ich hätte vielleicht Ursache mit ihrer Aufführung nicht allzu sehr zufrieden zu seyn, aber ich sehe wohl, daß man es mit ihnen nicht so genau nehmen muß. Gehen sie, Prinz, sie werden im Hof ein Maulthier antreffen, welches so lange mit ihnen davon trotten wird, bis sie ihre Galactine gefunden haben; und wofern ihnen wider Vermuthen etwas unangenehmes zustossen sollte, so werden sie in dieser Erbsen-Schotte ein unfehlbares Mittel dagegen finden.

Wie froh bin ich, unterbrach Don Eugenio die Erzählung seines Freundes, daß sie ihren Biribinker endlich aus diesem verwünschten Schlosse heraus führen! Ich gestehe ihnen, daß ich dieser Cristalline endlich überdrüßig worden bin. Was für eine abgeschmackte Creatur! Sagen sie nur, sie ist eine Fee, versetzte Don Gabriel, das ist alles gesagt. Sie wollen vermuthlich, sagte Don Sylvio, mit grossem Ernst, hiemit nicht zu verstehen geben, als ob es keine hochachtungswürdige Feen gebe; denn es ist unleugbar, daß es solche gibt; indessen ist doch gewiß, daß vielleicht die Meisten irgend etwas seltsames und ungereimtes an sich haben, wodurch sie sich von den Sterblichen unterscheiden wollen; wenn anders der Fehler nicht an uns liegt, daß wir sie nach Regeln beurtheilen, denen sie als Wesen von einer andern Classe nicht unterworffen sind. Aber ihr Gewäsche, sagte Don Eugenio, die Delicatesse ihrer Empfindungen, ihre Tugend! Was sagen sie dazu? Ich halte es für eine so kitzliche Sache von Feen zu urtheilen, daß ich lieber nichts davon sagen will, antwortete Don Sylvio; und das bey dieser Gelegenheit um so mehr, als in der That die Geschichte des Prinzen Biribinker in allen Betrachtungen die ausserordentlichste Feen-Geschichte ist, die ich jemals gehört habe. Was den Character der Fee Cristalline betrift, sagte Don Gabriel, so gibt ihn der Geschichtschreiber für nichts bessers als er ist, und ich glaube, daß man ihn allenfalls tadelhaft finden könnte, ohne der Ehrfurcht gegen die Feen zu nahe zu tretten; im übrigen werden sie doch gestehen, Don Eugenio, daß ihr Gewäsche nicht halb so langweilig ist, als es ihnen aus meinem Munde gewesen seyn mag, so bald sie sich an des Prinzen Stelle setzen. Man hört eine schöne Person allemal gern, wenn man sie sieht, und wenn sie eine wohl klingende Stimme hat; sie überzeugt und rührt, ohne daß man darauf acht gibt was sie sagt, und würde gemeiniglich nicht viel dabey gewinnen, wenn man darauf acht gäbe. Wenn sie unserm Geschlecht keine schönere Complimente zu machen haben, sagte Donna Felicia, so thäten sie besser ihre Erzählung fortzusetzen, so langweilig sie immer seyn mag.

Don Gabriel versprach, sein möglichstes zu thun, um sie kurzweiliger zu machen, und fuhr also fort: Der Prinz Biribinker steckte die Erbsen-Schotte zu sich, bedankte sich gegen die Fee für alle ihre Gütigkeiten, und stieg in den Hof herab. Sehen sie hier, sagte Cristalline, die ihn begleitete, sehen sie hier ein Maulthier, das vielleicht wenige seines gleichen hat. Es stammt in gerader Linie von dem berühmten trojanischen Pferd und der Eselin des Silenus ab. Von der väterlichen Seite hat es die Eigenschaft, daß es von Holz ist, und weder Futter noch Streue noch Striegel nöthig hat, und von der mütterlichen, daß es einen überaus sanften Trab geht, und so gedultig ist wie ein Schaaf. Steigen sie auf, und lassen es gehen, wohin es will; es wird sie zu ihrem geliebten Milchmädchen bringen, und wenn sie nicht so glücklich seyn werden als sie wünschen, so wird die Schuld nur an ihnen selbst seyn.

Der Prinz besahe dieses ausserordentliche Thier von allen Seiten, und hatte alle die Wunderdinge, die ihm in diesem Schloß begegnet waren nöthig, um ihm so viel Gutes zuzutrauen, als ihm die Fee nachgerühmt hatte. Indessen, daß er aufstieg, wollte ihm Cristalline noch eine Probe geben, daß sie nicht zu viel von ihrer Macht gesagt hatte. Sie schlug mit ihrem Stab dreymal in die Luft, und siehe! auf einmal erschienen alle zehen tausend Sylphen, welche ihr der Stab des Padmanaba unterthänig machte; der Hof, die Treppe, die Galerie, und so gar die Dächer und die Luft wimmelte von geflügelten Jünglingen, wovon der geringste den vaticanischen Apollo an Schönheit übertraf. Bey allen Feen, rief Biribinker, von diesem Anblick ausser sich selbst gesetzt, was für einen glänzenden Hof sie haben! Lassen sie den kleinen Grigri immer eine Hummel bleiben, Madame, und halten sie sich an diese hier; es müßte unglücklich seyn, wenn unter allen diesen Liebes-Göttern keiner fähig seyn sollte, ihnen einen Gnomen zu ersetzen, der ihrem eigenen Geständniß nach keinen andern Vorzug vor seinen mißgeschaffnen Gesellen hatte, als daß er auf eine kurzweiligere Art ungestalt war. Sie sehen wenigstens, versetzte Cristalline, daß es mir nicht an Gesellschaft fehlt, die mich wegen ihrer Unbeständigkeit trösten kan, wenn es mir jemals einfallen sollte, daß ich getröstet seyn wollte.

Mit diesen Worten wünschte sie ihm eine glückliche Reise, und Biribinker trabte auf seinem Hölzernen Maulthier davon, indem er allem demjenigen nachdachte, was ihm in diesem wundervollen Schlosse begegnet war.

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