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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Die Abentheuer des
Don Sylvio von Rosalva.

Sechstes Buch.

Geschichte des Prinzen Biribinker.

In einem Lande, dessen weder Strabo noch Martiniere Erwähnung thun, lebte einst ein König, der den Geschichtschreibern so wenig zu verdienen gab, daß sie aus Rachbegierde mit einander einig wurden, so gar seine Existenz bey der Nachwelt zweiffelhaft zu machen. Allein alle ihre boshaften Bemühungen haben nicht verhindern können, daß sich nicht einige glaubwürdige Urkunden erhalten hätten, in denen man alles findet, was sich ungefehr von ihm sagen ließ. Diesen Urkunden zufolge war er eine gute Art von einem Könige, machte des Tages seine vier Mahlzeiten, hatte einen guten Schlaf, und liebte Ruhe und Frieden so sehr, daß es bey hoher Strafe verboten war, die blossen Namen Degen, Flinte, Canone und dergleichen in seiner Gegenwart zu nennen. Das merkwürdigste an seiner Person, (sagen die bemeldten Urkunden) war ein Wanst von einer so majestätischen Peripherie, daß ihm die grösten Monarchen seiner Zeit hierinn den Vorzug lassen mußten. Ob ihm der Beyname des Grossen, den er bey seinen Lebzeiten geführt haben soll, um dieses nehmlichen Wanstes oder einer andern geheimen Ursache willen gegeben worden, davon läßt sich nichts gewisses sagen; so viel aber ist ausgemacht, daß in dem ganzen Umfange seines Reichs niemand war, den dieser Beyname einen einzigen Tropfen Bluts gekostet hätte. Wie es darum zu thun war, daß seine Majestät aus Liebe zu dero Völkern und zu Erhaltung der Thron-Folge in dero Familie, sich vermählen sollte, so hatte die Academie der Wissenschaften nicht wenig zu thun, vermittelst der gegebenen Grösse des königlichen Wanstes und einiger anderer Verhältnisse die Figur derjenigen Princeßin zu bestimmen, welche man würdig halten konnte, die Hofnungen der Nation zu erfüllen. Nach einer langen Reyhe von academischen Sitzungen wurde endlich die verlangte Figur, und durch eine grosse Menge von Gesandtschaften, die an alle Höfe von Asien geschickt wurden, die Princeßin ausfindig gemacht, die mit dem gegebenen Modell übereinstimmte. Die Freude über ihre Ankunft war ausserordentlich, und das Beylager wurde mit so grosser Pracht vollzogen, daß sich wenigstens fünfzig tausend Paare von den königlichen Unterthanen entschliessen mußten ledig zu bleiben, um seiner Majestät die Unkosten von dero Hochzeit bestreiten zu helfen. Der Präsident der Academie, der, ungeachtet er der schlechteste Geometer seiner Zeit war, sich alle Ehre der obgedachten Erfindung beyzulegen gewußt hatte, glaubte mit gutem Grunde, daß nunmehr sein ganzes Ansehen von der Fruchtbarkeit der Königin abhange, und weil er in der Experimental-Physik ungleich stärker war, als in der Geometrie, so fand er, man weißt nicht was für ein Mittel, die Berechnungen der Academie zu verificiren. Kurz, die Königin gebahr zu gehöriger Zeit den schönsten Prinzen, der jemals gesehen worden ist, und der König hatte eine so grosse Freude darüber, daß er den Präsidenten auf der Stelle zu seinem ersten Vezier ernannte.

Sobald der Prinz gebohren war, versammelte man zwanzig tausend junge Mädchen von ungemeiner Schönheit, die man zum voraus aus allen Enden des Reichs zusammen berufen hatte, um eine Säugamme für ihn auszuwählen. Man muß gestehen, daß unter allen diesen jungen Mädchen nicht eine einzige Jungfer war; allein man glaubte, sie würden sich nur desto besser zu dem ehrenvollen Amte schicken, wozu man sie nöthig hatte, und wozu sich jede die meiste Hofnung machte, weil der erste Leibartzt ausdrücklich verordnet hatte, daß die Wahl auf die schönste fallen sollte. Aus zwanzig tausend schönen die schönste auszuwählen, ist keine so leichte Commißion, als man denken möchte; auch hatte der Leibartzt, ungeachtet er eine gute Brille auf der Nase sitzen hatte, so viel Mühe, einen zureichenden Grund zu finden, warum er einer vor der andern den Vorzug geben sollte, daß bereits der dritte Tag sich zum Ende neigte, ehe er es nur so weit gebracht hatte, die Candidatinnen von zwanzig tausend auf vier und zwanzig zu bringen. Allein, da doch endlich eine Wahl getroffen werden mußte, so war er eben im Begriff unter den vier und zwanzig einer grossen Brunette den Vorzug zu geben, weil sie unter allen den kleinsten Mund und die schönste Brust hatte, Eigenschaften, die, wie er versicherte, Galenus und Avicenna schlechterdings von einer guten Amme fordern; als man unvermuthet eine gewaltig grosse Biene nebst einer schwarzen Ziege ankommen sah, welche vor die Königin gelassen zu werden begehrten.

Frau Königin, sprach die Biene, ich höre, sie brauchen eine Amme für ihren schönen Prinzen. Wenn sie das Vertrauen zu mir haben wollten, mir vor diesen zweybeinigten Creaturen den Vorzug zu geben, so sollte es sie gewiß nicht gereuen. Ich will den Prinzen mit lauter Honig von Pomeranzen-Blühten säugen, und sie sollen ihre Lust daran sehen, wie groß und fett er dabey werden soll. Sein Athem soll so lieblich riechen wie Jasmin, sein Speichel soll süsser seyn als Canarien-Sect, und seine Windeln – – – –

Gestrenge Frau Königin, rief ihr die Ziege ins Wort, nehmen sie sich vor dieser Biene in Acht, das will ich ihnen als eine gute Freundin gerathen haben. Es ist wahr, wenn ihnen sehr viel daran gelegen ist, daß ihr junges Herrchen süß werde, so taugt sie dazu besser als irgend eine andere; aber es laurt, wie das Sprüchwort sagt, eine Schlange unter den Blumen. Sie wird ihn mit einem Stachel begaben, der ihm unendlich viel Unglück zuziehen wird. Ich bin nur eine schlechte Ziege; aber ich schwöre eurer Majestät bey meinem Bart, meine Milch wird ihm weit besser zuschlagen als ihr Honig; und wenn er schon weder Nectar noch Ambrosia machen wird, so versprach ich ihnen hingegen, daß er der tapferste, der weiseste und der glücklichste unter allen Prinzen seyn soll, die jemals Ziegenmilch getrunken haben.

Jedermann verwunderte sich, da man die Ziege und die dicke Biene so reden hörte. Allein die Königin merkte gleich, daß es zwo Feen seyn müßten, und dieses machte sie eine ziemliche Weile unschlüßig, was sie thun sollte. Endlich erklärte sie sich für die Biene; denn weil sie ein wenig geitzig war, so dachte sie: Wenn die Biene ihr Wort hält, so wird der Prinz allenthalben so viel Süßigkeiten von sich geben, daß man das Confect für die Tafel wird ersparen können. Die Ziege schien es sehr übel zu nehmen, daß sie abgewiesen wurde: sie meckerte dreymal etwas unverständliches in ihren Bart hinein, und siehe! da erschien ein prächtig lackirter und vergoldeter Wagen von acht Phönixen gezogen; die schwartze Ziege verschwand in dem nehmlichen Augenblick, und an ihrer statt sahe man ein kleines altes Weibchen in dem Wagen sitzen, die mit vielen Drohungen gegen die Königin und den jungen Prinzen, durch die Luft davon fuhr. Der Leib-Medicus war über eine so seltsame Wahl nicht weniger mißvergnügt, und wollte der Brunette mit dem schönen Busen den Antrag machen, ob sie nicht Lust hätte, die Stelle einer Haußmeisterin bey ihm einzunehmen; allein zum Unglück kam er schon zu spät, und mußte sichs gefallen lassen mit einer von den übrigen neunzehn tausend, neun hundert und sechs und siebenzig vorlieb zu nehmen; denn die vier und zwanzig waren alle schon bestellt.

Inzwischen machten die Drohungen der schwarzen Ziege dem Könige so bang, daß er noch an dem nehmlichen Abend seinen Staats-Rath versammlete, um sich zu berathen, was bey so gefährlichen Umständen zu thun seyn möchte; denn weil er gewohnt war, sich alle Nacht mit Mährchen einschläfern zu lassen, so wußte er wohl, daß die Feen nicht für die Langeweile zu drohen pflegen. Nachdem nun die weisen Männer alle bey einander waren, und ein jeder seine Meynung gesagt hatte, so befand sichs, daß sechs und dreyßig Räthe in grossen viereckichten Perücken, nicht weniger als sechs und dreyßig Vorschläge gethan hatten, wovon an jedem wenigstens sechs und dreyßig Schwierigkeiten ausgesetzt wurden; man stritt in mehr als sechs und dreyßig Seßionen mit vieler Lebhaftigkeit, und der Prinz würde vermuthlich mannbar geworden seyn, ehe man eines Schlusses hätte einig werden können, wenn nicht der Favoritt Hof-Narre seiner Majestät den Einfall gehabt hätte, daß man eine Gesandtschaft an den grossen Zauberer Caramussal schicken sollte, der auf der Spitze des Berges Atlas wohnte, und von allen Orten her wie ein Orackel um Rath gefragt wurde. Weil nun der Hofnarr das Herz des Königs hatte, und in der That für den feinsten Kopf des ganzen Hofes gehalten wurde, so fiel ihm jedermann bey, und in wenig Tagen wurde eine Gesandtschaft abgeschickt, welche, die Taggelder zu ersparen, mit so grosser Geschwindigkeit reiseten, daß sie in drey Monaten auf der Spitze des Berges Atlas anlangten, ob er gleich bey nahe zwey hundert Meilen von der Hauptstadt entfernt war.

Sie wurden so gleich vor den grossen Caramussal gelassen, der in einem prächtigen Saal auf einem Throne von Ebenholtz sitzend, den gantzen Tag genug zu thun hatte, auf alle die wunderlichen Fragen Antwort zu geben, die aus allen Theilen der Welt an ihn gebracht wurden. Der erste Abgesandte nachdem er sich den Bart gestrichen und dreymal geräuspert hatte, öfnete eben einen ziemlich grossen Mund um eine schöne Anrede herzusagen, die ihm sein Secretair aufgesetzt hatte, als ihn Caramussal unterbrach; Herr Abgesandter, sagte er, ich schenke ihnen ihre Rede, ob ich es ihnen gleich an ihrer Physionomie ansehe, daß sie sehr hübsch gelautet haben würde; ich habe selbst den ganzen Tag so viel zu reden, daß mir keine Zeit zum hören übrig bleibt; und zu dem, so weiß ich schon voraus, was sie bey mir anzubringen haben. Sagen sie dem König, ihrem Herrn, er habe sich an der Fee Caprosine eine mächtige Feindin gemacht; indessen sey es doch nicht unmöglich, die Zufälle, so sie dem Prinzen angedroht habe, auszuweichen, wenn man die gehörige Vorsicht gebrauche, daß er vor seinem achtzehnten Jahre kein Milchmädchen zu sehen bekomme. Weil es aber, aller Vorsicht ungeachtet, eine sehr schwere, wo nicht unmögliche Sache ist, seinem Schicksal zu entgehen, so seye mein Rath, daß man, um auf alle Fälle gefaßt zu seyn, dem Prinzen den Namen Biribinker gebe, dessen geheime Kräfte allein mächtig genug sind, ihn aus allen den Abentheuern, die ihm zustossen könnten, glücklich heraus zu führen. Mit diesem Bescheid entließ Caramussal die Gesandtschaft, welche nach Verfluß abermaliger drey Monate, unter allgemeinem Zujauchzen des Volks wieder in der Hauptstadt ihres Landes anlangte.

Der König fand die Antwort des grossen Caramussal so ungereimt, daß er grosse Lust hatte, darüber böse zu werden. Bey meinem Bauch, rief er, (denn das war sein grosser Schwur) ich glaube, der grosse Caramussal hat seinen Spaß mit uns – – Biribinker! was für ein verfluchter Name das ist! Hat man auch jemals gehört, daß ein Prinz Biribinker geheissen hätte? Ich möchte doch wohl wissen, was für eine geheime Kraft in diesem närrischen Namen stecken soll? Und wenn ich die Wahrheit sagen soll, das Verbot, ihm vor seinem achtzehnten Jahre kein Milchmädchen sehen zu lassen, däucht mich nicht viel gescheidter. Warum dann gerade kein Milchmädchen? Und seit wenn sind die Milchmädchen gefährlicher als andere Mädchen? Wenn er noch gesagt hätte, keine Tänzerin oder kein Kammerfräulein von der Königin, das wollt ich noch gelten lassen; denn, unter uns, ich wollte nicht gut dafür seyn, daß ich nicht selbst gelegenheitlich eine kleine Anfechtung von dieser Art bekommen könnte. Indessen, weil es der grosse Caramussal nun einmal so haben will, so mag der Prinz immerhin Biribinker heissen; er wird wenigstens der erste dieses Namens seyn, und das gibt einem doch immer ein gewisses Ansehen in der Historie; und was die Milchmädchen anbetrift, so will ich schon Anstalt machen, daß auf fünfzig Meilen um meine Residenz weder Kuh noch Ziege, Melk-Kübel noch Milchmädchen zu finden seyn soll.

Der König, dessen geringste Sorge war die Folgen seiner Entschliessungen vorher zu überlegen, war würklich im Begriff ein Edict deßhalb ergehen zu lassen, als ihm sein Parlament durch eine zahlreiche Deputation vorstellen ließ, daß es sehr hart, um nicht gar tyrannisch zu sagen, heraus kommen würde, wenn Sr. Majestät getreue Unterthanen gezwungen werden sollten, den Caffee künftig ohne Milchrahm zu trincken; und weil die vorläuffige Nachricht von diesem Edict würklich schon ein grosses Murren unter dem Volk erregte: so mußten sich Seine Majestät endlich entschliessen, nach dem Beyspiele so vieler andern Könige in den Feen-Geschichten, dero Cron-Prinzen unter der Aufsicht seiner Amme, der Biene, von sich zu entfernen, und es ihrer Klugheit zu überlassen, wie sie ihn vor den Nachstellungen der Fee Caprosine und vor den Milchmädchen sicher stellen wollte.

Die Biene brachte also den kleinen Prinzen in einen grossen Wald, der wenigstens zwey hundert Meilen im Umfang hatte, und so unbewohnt war, daß man in seinem ganzen Bezirk nur nicht einen Maulwurf gefunden hätte. Sie baute durch ihre Kunst einen unermeßlichen Bienenkorb von rothem Marmor, und legte um denselben einen Park von Pomeranzen-Bäumen an, der sich über fünf und zwanzig Meilen in die Länge und Breite erstreckte. Ein Schwarm von hundert tausend Bienen, deren Königin sie war, beschäftigte sich für den Prinzen und das Serail der Königin Honig zu machen, und damit man seinetwegen vollkommen sicher seyn könnte, so wurden rings um den Wald alle fünf hundert Schritte Wespen-Nester angelegt, welche Befehl hatten, die Grenzen aufs schärfste zu bewachen.

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