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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Unter einer Menge von jungen Leuten, die sich zu erklärten Verehrern der liebenswürdigen Hyacinthe aufgeworfen hatten, und sich ihres vermeynten Rechts bedienten, sie hinter der Scene mit allem dem Unsinn zu ermüden, den sie ihr vorsagten, waren verschiedene, die ihre Absichten gerne weiter getrieben hätten, wenn sie, so lang ich ihnen ihrer Meynung nach im Wege stund, sich einigen Erfolg davon hätten versprechen können. So unangenehm es mir war, daß ich Hyacinthe nicht von diesem ganzen beschwehrlichen Schwarm befreyen konnte, so wenig hatte ich Ursache zu besorgen, daß irgend einer von ihnen ihrem Herzen gefährlich seyn könnte; es ist, dachte ich, eine natürliche Unbequemlichkeit, der die Rose ausgesetzt ist, daß sie allerley Ungeziefer um sich her sumsen lassen muß; und das Betragen der Hyacinthe, welche diesen Gecken eine Art von Ehrfurcht, über die sie selbst erstaunte, einzuflössen wußte, machte mich über diesen Punct so ruhig, als ich nur immer hätte seyn können, wenn sie mir ganz gleichgültig gewesen wäre. Allein Don Fernand von Zamora, der um diese Zeit nach Grenada kam, und vom erstenmal, da er Hyacinthen auf dem Theater sah, eine heftige Leidenschaft nach seiner Art für sie faßte, ließ mich nicht lange in dieser stolzen Ruhe. Ein Rival, der die Schönheit eines Narcissus mit der frechen Ausgelassenheit eines Satyren verband, der gewohnt war seinen Leidenschaften den Zügel zu verhängen, und die unermäßlichen Reichthümer, über die ihn der Tod seiner Eltern zum Herrn gemacht hatte, zu Befriedigung seiner Begierden unmäßig verschwendete, ein solcher Rival, so wenig ich auch für Hyacinthens Herz von ihm besorgte, war doch in verschiedenen andern Absichten nicht als gleichgültig anzusehen. Er machte seine erste Liebes-Erklärung mit Geschenken, die vielleicht manche spröde und stoltze Tugend in Versuchung hätten führen können. Hyacinthe schickte sie zurück, ohne zu glauben, daß sie ihrer Unschuld oder meiner Liebe, die ihr, ungeachtet ich noch immer in den Grenzen der Freundschaft zu bleiben schien, kein Geheimniß war, ein beträchtliches Opfer gebracht habe; allein sie konnte sich doch mit guter Art nicht erwehren, seine Besuche anzunehmen, und an den ausschweiffenden prächtigen Lustbarkeiten, die er seiner Eitelkeit zu Ehren, anstellte, mit Arsenien und andern von ihren theatralischen Freundinnen Antheil zu nehmen. So schwer es meinem Herzen wurde, so beschloß ich doch sie in dieser Gefahr, wenn es eine war, gänzlich dem ihrigen zu überlassen.

Don Fernand, dem ganz Grenada sagen konnte, daß ich sie niemals anders als in Arseniens oder anderer Gesellschaft sah, konnte sich um so weniger bereden, daß ich sein Rival sey, da er durch die genaueste Beobachtung nichts in meinem Betragen entdeckte, das mich hätte verdächtig machen können; und wenn er auch einigen Verdacht gehabt hätte, so würde ihn das nur desto eifriger gemacht haben, seine Anfälle auf ihr Herz zu verdoppeln. Allein weder seine Schönheit noch sein schimmernder Aufzug, noch seine Geschenke, noch seine Feste, noch die ungeheure Menge von Oden und Elegien, in denen er über die diamantne Härte ihres Herzens klagte, oder sich wunderte, wie der warme Schnee ihres schönen Busens so kalt seyn könne, waren nicht vermögend aus diesem kleinen Felsen-Herzen ein einziges armes Fünckchen von Mitleiden heraus zu schlagen, so kläglich auch die ganze poetische Zunft von Grenada auf seine Unkosten darum winseln mußte, und Don Fernand von Zamora fand endlich für gut, sein Herz, seine Geschenke und seine Elegien einer andern Schauspielerin anzubieten, welche die Sprödigkeit, (wie sie es nannte,) ausgenommen, in allen andern Stücken mit Hyacinthen in die Wette eiferte. So sehr ich nun Ursache hatte, mir dem dieses Abentheuers zufrieden zu seyn, so ungedultig hatten mich die Unbequemlichkeiten des theatralischen Lebens, denen ich Hyacinthe bey dieser Gelegenheit ausgesetzt sehen mußte, gemacht, sie davon zu befreyen. Ich glaubte nunmehr ihres Characters und Herzens so gewiß zu seyn, daß ich eine längere Beobachtung für überflüßig hielt, und ich gieng würklich damit um, mich Arsenien zu entdecken, und die Mittel zur Ausführung meines Entwurfs mit ihr abzureden, als eine auszehrende Krankheit, deren schneller Anwachs sie gar bald an ihrer Wiedergenesung zweifeln machte, sie veranlaßte mir zuvor zukommen. Sie bat sich eine Unterredung mit mir aus, wovon ausser einer kurzen Erzählung ihrer eigenen Schicksale, Hyacinthe der einzige Gegenstand war. Ich liebe sie, sagte diese hochachtungswürdige Frau zu mir, als ob sie mein eigenes Kind wäre, und die Umstände, worinn ich sie verlassen muß, sind das einzige, was mir die Verlängerung eines Lebens angenehm gemacht hätte, das mir durch eine lange Kette von Unglücks-Fällen und einen Gram, den nur mein Tod enden kan, schon lange zu einer beschwerlichen Bürde worden ist. Meine Liebe zu ihr ist desto unpartheyischer, da sie kein Werk eines mechanischen Triebs ist, sondern sich allein auf die Eigenschaften ihres Herzens gründet. Wie würdig ist sie eines bessern Schicksals, und wie wenig Hofnung darf ich mir machen, daß ihr Glück jemals mit ihrem Werth übereinstimmen werde! In ihren Umständen kan sie keine Lebensart erwählen, die nicht ihre eigene Gefahren hat. Jugend und Unschuld von so vielen Annehmlichkeiten begleitet, sind ohne die Vortheile der Geburt oder des Glücks, gefährliche Gaben für unser Geschlecht; eben diese Unschuld, eben diese Reitzungen, die an einer jungen Person von Stande, oder an einer reichen Erbin eine ehrerbietige Liebe oder doch wenigstens rechtmäßige Absichten einflössen würden, machen ein Mädchen, die dem Glück nichts zu danken hat, zu einem blossen Gegenstand von Begierden, die auf ihr Verderben zielen; und eben derjenige, der sich nicht schämt, zu ihren Füssen hingeworfen, sie in der Sprache der Schwärmerey und Anbetung für die Göttin seines Herzens zu erklären, würde sich durch den blossen Verdacht, daß er ehrliche Absichten auf sie haben könnte, für beleidigt halten. Urtheilen sie nun selbst, Don Eugenio, ob ich über Hyacinthens Schicksal ruhig seyn kan. Sie ist für die Umstände nicht gemacht, wozu ihr Unglück sie verurtheilt hat; sie ist liebenswürdig, und wie ich glaube, durch ihre Unschuld und sanfte Gemüthsart nur desto fähiger, gerührt zu werden. Ich besorge nichts für sie von allen diesen schimmernden Gecken, die um sie herum flattern, und gleich unfähig sind Liebe zu empfinden und einzuflössen; aber wenn sie einen Mann findet, der mit den Eigenschaften eines edlen Gemüths, mit tugendhaften Gesinnungen und einer ehrerbietigen Zärtlichkeit sich ihre Hochachtung erwirbt, der seine Begierden unter uneigennützigen Empfindungen zu verbergen, und die Liebe unter dem Namen und in Gestalt der Freundschaft heimlich in ihr Herz einzuführen weiß, der Gedult genug hat, den Zeitpunct abzuwarten, da sie durch das Vertrauen, das sie ihm schuldig zu seyn glaubt, durch die Unschuld ihrer eigenen Empfindungen, durch den zauberischen Reitz der Sympathie und gewisser geheimer Triebe, die sie in der unerfahrnen Einfalt ihres Herzens mit den zärtlichen Regungen desselben vermengt, entwafnet, unbesorgt und ganz in Liebe aufgelöst, als ein williges Opfer seinen Begierden überliefert wird, – – – –

Ach! Don Eugenio! – – wie sehr besorge ich, daß sie diesen Mann schon gesehen hat! – – Vergeben sie mir, mein edler Freund; die Umstände, worinn ich bin, berechtigen mich freymüthig zu seyn; eine Person, die in kurzem von den Menschen nichts mehr zu fürchten noch zu hoffen hat, sieht durch alle die Blendwerke durch, die unsere Urtheile zu bethören, zu verfälschen, oder zurück zu halten pflegen, so lange wir noch selbst in die menschliche Angelegenheiten verwickelt sind. Sie werden nicht daran zweifeln, daß ich schon lange weiß, daß sie Hyacinthen lieben, und sie müssen es so gut wissen als ich, daß sie ihre Absichten auf das zärtlichste und beste aller Herzen nur gar zu gut erreicht haben. Ich schätze sie hoch, Don Eugenio, und noch vor wenig Tagen würde ich es für beleidigend angesehen haben, ihnen das geringste Mißtrauen sehen zu lassen; aber was wollen sie, daß ich jetzt, da Hyacinthens Sicherheit meine einzige Sorge ist, von ihrer Neigung denken soll? – – Hier fuhr die redliche Arsenia fort mir ihre Besorgnisse zu entdecken, und endigte ihre Rede endlich damit, daß sie mich mit vielen Thränen beschwur, der Unschuld ihrer jungen Freundin zu schonen. Sie sah mich so lebhaft gerührt, daß sie unmöglich in die Wahrheit der Erklärungen, die ich ihr hierauf gab, einen Zweifel setzen konnte. Ich entdeckte ihr umständlich, was von dem ersten Augenblick an, da ich Hyacinthen gesehen hatte, in meinem Herzen vorgegangen war, wie sehr jederzeit das Verlangen sie glücklich zu sehen, die Begierde mich selbst durch sie glücklich zu machen überwogen habe, und wie fest ich nunmehr entschlossen sey, alle andere Betrachtungen, so wichtig sie immer an sich selbst seyn möchten, unserer gemeinschaftlichen Glückseligkeit aufzuopfern. Ich bat sie, Hyacinthe hierüber vorzubereiten, und alsdann zu gestatten, daß ich in ihrer Gegenwart mich gegen sie erklären dürfte. Beydes geschah, und die liebenswürdige Hyacinthe machte sich kein Bedenken, mich sehen zu lassen, wie gerührt sie davon war. Diese Zeichen des vollkommenen Vertrauens, das ich in ihre Rechtschaffenheit setze, sagte sie, indem sie mich mit thränenden Augen ansah, diese Thränen, die ich mich nicht bemühe vor ihnen zu verbergen, bin ich ihren allzugroßmüthigen Gesinnungen schuldig: Aber das ist alles, was die unglückliche Hyacinthe thun kan, ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen. – – Sie entdeckte mir hierauf mit einer Offenherzigkeit, die sie noch tausendmal liebenswürdiger in meinen Augen machte, die ganze Geschichte ihres Lebens.

Urtheilen sie jetzt selbst, Don Eugenio, fuhr sie fort, wie sie damit zu Ende war, ob ich nicht die unwürdigste Creatur wäre, wenn ich das Uebermaaß ihrer Gütigkeit für mich mißbrauchen wollte, so lang ich nicht eine völlige Gewißheit dessen habe, was vermuthlich eine bloße Eingebung meiner Eitelkeit ist, wenn ich mir schmeichle, daß ich vielleicht weniger Ursache habe über meinen Ursprung zu erröthen, als die Zigäunerin, die mich erzogen hat, mich bereden wollte. Arsenia vereinigte sich vergebens mit mir, sie zu überzeugen, daß ihre Bedenklichkeit zu weit getrieben sey; sie blieb unbeweglich bey ihrem Entschluße, wenn sie Arsenien verliehren sollte, sich in ein Kloster zu begeben; und alles, was ich endlich von ihr erhalten konnte, war, daß sie mir die Wahl des Orts überließ, und feierlich versprach, sich ohne meine Einstimmung durch kein Gelübde binden zu wollen. Ich schrieb so gleich an einen Freund zu Sevilla, um Nachrichten von der alten Zigäunerin einzuziehen; erfuhr aber, daß die Aufmerksamkeit, die der Corregidor auf ihr Hauß zu wenden angefangen, sie vor kurzem genöthiget habe sich durch eine schleunige Flucht in Sicherheit zu bringen. So verdrießlich mir dieser Umstand war, so gab ich doch die Hofnung nicht auf, durch die Maaßregeln, die ich deßwegen nahm, die Alte noch endlich aufzutreiben, die ich alsdann unfehlbar zum Geständniß, wie sie zu Hyacinthen gekommen sey, zu bringen hofte; und im Fall sie mir entgehen würde, so schmeichelte ich mir doch, Hyacinthens Entschluß endlich durch meine Beständigkeit zu erweichen. Inzwischen nöthigten mich die Angelegenheiten meiner Schwester, die meine Gegenwart zu Valencia schlechterdings erforderten, von Grenada abzureisen, und meine Geliebte bey einer würdigen Freundin zurück zu lassen, von der sie sich durch nichts als den Tod trennen lassen wollte, und deren täglich abnehmendes Leben mir wenig Hofnung überließ, sie jemals wieder zu sehen.

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