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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Dreyzehntes Capitel.

Don Eugenio setzt die Erzählung der Hyacinthe fort.

Die liebenswürdige Hyacinthe schien, indem sie dieses sagte, so gerührt zu werden, daß sie, so sehr sie sich auch bemühte es zu verbergen, ein wenig inne halten mußte. Erlauben Sie, schöne Hyacinthe, sagte Don Eugenio, ohne daß er ihre Beunruhigung zu merken schien, daß ich ihre Erzählung fortsetze, da sie nun auf denjenigen Theil ihrer Geschichte gekommen sind, wo sie mit der meinigen verwickelt zu seyn anfangt.

Es ist bey nahe ein Jahr, fuhr er fort, daß ich mit Don Gabriel nach Grenada reißte, wo ich verschiedene Angelegenheiten in Ordnung zu bringen hatte. Ich besuchte einsmals die Comödie und sah Hyacinthe; sie gefiel mir, und rührte mich. Das erste war eine natürliche Folge der Annehmlichkeiten ihrer Person, denn wem gefiel sie nicht? Und das andere schien mir eine eben so natürliche Würkung der Rolle zu seyn, die sie damals spielte. Der allgemeine Beyfall, in dessen Besitz sie war, und der mir ihre eigene Person mit denen, die sie annehmen mußte, zu vermengen schien, blendete mich nicht, ich bemerkte, daß sie nur eine mittelmäßige Schauspielerin war. Es ist wahr, in einigen Stellen, wo sie edle Gesinnungen oder wahre und ungekünstelte Empfindungen der Natur zu sagen hatte, schien sie unverbesserlich; aber der Poet hatte dafür gesorgt, daß sie nur selten Anlaß hatte, es zu seyn, und in allen übrigen glaubte ich zu bemerken, daß sie sich zwingen mußte Gesinnungen oder Gemüths-Bewegungen anzunehmen, die nicht ihre eigene waren. Diese Beobachtung war ihr sehr vortheilhaft bey mir, und ich glaube in der That, daß sie mir denselben ganzen Abend nie besser gefiel, als wenn sie, als eine Schauspielerin betrachtet, am wenigsten hätte gefallen sollen. Ich gieng aus der Comödie, und war betroffen, wie ich fand, daß mir das Bild dieses jungen Mädchens überall folgte, ich sahe sie diesen ganzen Abend vor mir; der rührende Klang ihrer Stimme tönte noch immer in meinen Ohren, und alle Zerstreuungen der Gesellschaft, wo ich den Abend zubrachte, war nicht zulänglich, diesen Eindrücken das mindeste von ihrer Lebhaftigkeit zu benehmen. Ich gab eine Zeit lang keine Acht darauf, und bemühte mich endlich diese Ideen zu zerstreuen; aber sie kamen immer wieder, und ich hatte ein paar Tage nöthig, bis sie andern Vorstellungen Platz machten, mit denen ich damals beschäftiget war.

Nach einigen Tagen kam ich wieder in die Comödie, und erwartete vergeblich, daß Hyacinthe auftretten würde. Sie wurde diesesmal durch eine andere ersetzt, die das Talent sich in alle mögliche Gestalten zu verwandeln, welches eigentlich den guten Schauspieler macht, in einem weit höhern Grade besaß. Aber sie mißfiel mir, ohne daß ich einen andern Grund hätte angeben können, als weil sie nicht Hyacinthe war, und niemals hatte ich so ungedultig auf den letzten Aufzug gewartet. Ich erkundigte mich bey einem meiner Freunde nach Hyacinthen, und erfuhr von ihm den Character der Arsenia, die für ihre Tante gehalten wurde, und die eingezogene Lebensart, die sie führten. Diese Nachrichten vermehrten meine Neugier; ich beschloß mich mit ihnen bekannt zu machen, ich besuchte sie und fand, daß mir mein Freund nicht zu viel Gutes von Arsenien gesagt hatte. Man ist so wenig gewohnt, Tugend, Grundsätze und edle Gesinnungen bey Schauspielerinnen zu suchen, daß man sich, wenn man sie bey ihnen findet, nicht erwehren kan, diesen Character eben so sehr für ein Werk ihrer Kunst zu halten, als die übrigen, die ihnen die Poeten zu spielen auferlegen. Ich beobachtete Arsenien eine geraume Zeit mit allem dem Mißtrauen, welches ihr Stand nothwendig zu machen schien, und sie gewann so viel dadurch, als vielleicht manche, die ein grosses Geräusch mit ihrer Tugend macht, dabey verliehren würde. Urtheilen sie, ob ich weniger Aufmerksamkeit auf Hyacinthen gehabt haben werde. Ihre Jugend schien sie zwar von allem Verdacht loszusprechen, als ob Verstellung und Kunst einen Antheil an der Unschuld haben könnte, die aus ihrem ganzen Wesen zu athmen schien; es war unmöglich sie mit einem mißtrauischen Auge anzusehen: Aber das Vergnügen, so ich darinn fand, mich immer mehr in der Idee bestärkt zu sehen, die ich mir beym ersten Anblick von ihr gemacht hatte, machte daß sie mit einer Scharfsichtigkeit, der nichts entgieng, beobachtet wurde. Eben diese Aufrichtigkeit und liebenswürdige Einfalt des Herzens, welche sie aller der kleinen Kunstgriffe unfähig machte, wodurch die Schönen aus Eitelkeit oder andern Absichten unsern Herzen nachzustellen pflegen, ließ sie auch nicht bemerken, daß sie beobachtet wurde. Sie dachte eben so wenig daran sich zu verbergen, als sich zu zeigen. Sie gefiel ohne gefallen zu wollen, und die Anmuth, die ihre kleinsten Bewegungen anzüglich machte, war eben so natürlich und ungeschminkt als ihre Gesichtsfarbe. Ihre Handlungen hatten nie mehr als eine Absicht, und nie eine andere als die sie natürlicher Weise haben sollten. Sie schien nicht zu wissen, daß man die Augen, so beseelt auch die ihrigen von Natur waren, zu etwas anderm als zum sehen gebrauchen könne; sie lachte niemals um ihre schöne Zähne zu zeigen, und ließ oft in einer einzigen Stunde zwanzig Gelegenheiten entgehen, wo eine andere sich das Vergnügen gemacht hätte, die Anwesenden von der Schönheit eines wohlgestalten Arms, oder von der verführerischen Artigkeit eines kleinen Fusses zu überweisen. Ihre Gegenwart, Hyacinthe, macht es überflüßig ein Gemählde fortzuführen, womit ich ohnehin nie zufrieden seyn würde. Die Unschuld hat eine unendliche Menge Annehmlichkeiten, die eben so wenig beschrieben, als von der Kunst nachgeahmt werden können, und deren Eindruck desto gefährlicher ist, da er so sanft und unschuldig zu seyn scheint als sie selbst. Mein Herz war schon völlig von ihr eingenommen, ehe ich daran dachte, wie weit mich die Gesinnungen führen könnten, die sie mir, wiewohl ohne ihr Zuthun einflößte. Unvermerkt wurde ich es gewohnt, sie alle Tage zu sehen, unvermerkt verlohr alles andere, was mir sonst angenehm gewesen war, seinen Reitz für mich; ihre blosse Gegenwart setzte mich in Entzücken, und ohne sie machte mir alles Langeweile. Ich entzog mich nach und nach allen Gesellschaften, Lustbarkeiten und Zerstreuungen, um des einzigen Vergnügens ungestört zu geniessen, dessen jetzt mein Herz fähig war. Jeder Augenblick, um den irgend ein Zufall mich nöthigte sie später als gewöhnlich zu sehen, dehnte sich in eine tödtliche Länge aus, und ein ganzer Abend, den ich in ihrer und Arseniens Gesellschaft zubrachte, (denn allein sah ich sie niemals) schien mir ein Augenblick, wenn er vorüber war.

Die Vorwürfe meiner Freunde nöthigten mich endlich ihnen von einer Neigung Rechenschaft zu geben, die alle andere in meinem Herzen ausgelöscht zu haben schien; und die kleinen Streitigkeiten, die wir darüber mit einander bekamen, entdeckten mir, daß diese Neigung, an statt, wie man für recht und billig hielt, ein blosser Zeitvertreib und flüchtiger Geschmack zu seyn, eine Leidenschaft war, die das Glück oder Unglück meines Lebens entscheiden würde. Ich will Ihnen durch keine umständliche Beschreibung alles dessen, was von dieser Entdeckung an in meinem Herzen vorgieng, beschwehrlich fallen. Diejenigen, welche glauben, daß man die Liebe mit Erfolg bekämpfen könne, reden von einer Liebe, die nur in sehr uneigentlichem Verstande so genennt zu werden pflegt. Diese auflodernde Flammen, die bloß durch die Schönheit oder ein beydseitiges Bedürfnis angezündet und durch die Begierden unterhalten werden; diese willkührlichen Verbindungen, an denen das Herz keinen Antheil hat, die man aus Eitelkeit, Langerweile, Vorwitz, Caprice, Gewohnheit oder Convenienz eingeht und wieder aufhebt, wie und wenn man will, und die man, so wenig sie mit der Liebe gemein haben, bloß darum Liebe nennt, um ihnen einen ehrbaren Namen zu geben; diese mögen wohl ohne Mühe bekämpft und besiegt werden. Aber über eine wahre Liebe, die sich auf ein geheimes Verständniß der Herzen gründet, und mit gegenseitiger Hochachtung verbunden ist, ist noch nie kein Sieg erhalten worden, und die Schwierigkeiten, die ihr in den Weg gelegt werden, dienen zu nichts, als den ihrigen zu befördern. Ich machte mir selbst alle nur ersinnliche Einwürfe, ich fühlte ihre Stärke, ich wußte nur gar zu wohl, daß man die Vorurtheile, die meiner Liebe das Urtheil sprachen, nicht ungestraft verachten könne. Aber was vermochten alle diese Betrachtungen gegen eine Neigung, die für mein Herz die Quelle einer innerlichen Glückseligkeit war, der ich alle Augenblick bereit war alles andere Glück aufzuopfern? Ein Opfer, wofür derjenige, der wahrhaftig liebt, sich durch einen einzigen Blick, eine einzige Thräne der Zärtlichkeit für entschädiget halten würde. Doch, ich weiß eben so wohl, daß ich in dieser kleinen Gesellschaft von Freunden keine Entschuldigung nöthig habe, als daß diejenigen, die das Unglück haben, dieser Art von Gesinnungen selbst unfähig zu seyn, keine Entschuldigung gelten lassen.

Ich entschloß mich also mit aller nur möglicher Unerschrockenheit in den Augen dieser letztern ein Thor zu seyn, und richtete jetzt alle meine Bemühungen allein dahin, mich einer Gegenliebe zu versichern, von der die Glückseligkeit meines Lebens abhangen sollte. Mein Umgang mit Hyacinthe daurte bereits etliche Monate, und meine Absichten waren bey mir selbst fest gesetzt, ohne daß sie Ursache hatte mich als einen Liebhaber anzusehen. Mein Betragen war so zurück haltend, und die Zärtlichkeit, die ich für sie zeigte, derjenigen so ähnlich, die ein Bruder für eine Schwester haben kan, daß Arsenia endlich einen kleinen Argwohn über meine Absichten bekam. Sie errieth zwar, daß ich das Vergnügen haben wollte, eine gewisse Sympathie, die zwischen unsern Herzen zu seyn schien, sich in dem ihrigen nach und nach und von sich selbst entwickeln zu lassen, aber sie zweifelte zuweilen, ob der Gebrauch, den ich einst davon machen würde, so unschuldig seyn möchte, als sie es aus Liebe zu ihrer Hyacinthe wünschte. Sie hatte zwar Ursache sich zu meiner Denkungsart und zu meinen Grundsätzen das beste zu versehen; aber auf der andern Seite setzten die Vorurtheile der Welt, oder vielleicht die Betrachtung meines eigenen Glücks eine so weite Kluft zwischen uns, daß sie mir nicht Muth oder Liebe genug zutrauen konnte, sie zu überspringen. Sie wußte, daß die Welt weit geneigter seyn würde, mir eine Verbindung, wobey nur Hyacinthe aufgeopfert würde, zu gut zu halten, als eine solche, wodurch nach den Maximen des grossen Hauffens meine eigene Ehre verdunkelt würde, und was meine Denkungsart betraf, so kannte sie die Menschen zu gut, als daß sie die Grundsätze eines jungen Mannes für eine hinlängliche Gewähr gegen seine Leidenschaften hätte halten sollen. Diese Betrachtungen, die sie mir in der Folge selbst entdeckte, schienen ihr zwar nicht dringend genug, die unschuldige Neigung, die durch fast unmerkliche Grade in dem Herzen ihrer jungen Freundin sich entwickelte, durch voreilige Besorgnisse zurück zu schrecken, aber sie verdoppelten doch ihre Aufmerksamkeit auf mich, und bewogen sie, mir, wiewohl auf eine sehr feine Art, Gelegenheit zu machen, wo ich, wie sie glaubte, meine Gesinnungen deutlicher verrathen sollte.

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