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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Neuntes Capitel.

Was für gefährliche Leute die Philosophen sind.

Unter diesen einsamen Betrachtungen war es heller Tag geworden; Don Sylvio begab sich, um seinen Gedanken desto besser nachhängen zu können in den Garten, und wir wissen nicht, wohin sie ihn endlich geführt hätten, wenn Don Gabriel, der die Morgenstunden gewöhnlicher Weise mit einem Buch im Garten zubrachte, ihn nicht in den Gängen des Labyrinths angetroffen hätte.

Von ungefähr war das Buch, das Don Gabriel in der Hand hatte, ein physicalisches, und dieses führte sie nach und nach in ein Gespräch über die Natur, worinn Don Sylvio seine cabbalistischen Begriffe und Grundsätze mit so vieler Scharfsinnigkeit und mit einer so lebhaften Beredsamkeit behauptete, daß Don Gabriel die Schönheit seines Geistes und die durchgängige Falschheit seiner Ideen gleich viel zu bewundern Ursache hatte.

Man müßte so sehr ein Philosoph seyn, als es Don Gabriel war, um den Muth, über eine so tief eingewurzelte Schwärmerey endlich Meister zu werden, nicht auf einmal zu verlieren. Allein durch die Gefälligkeit, die er gegen die Vorurtheile unsers Helden hatte, hoffte er mit gutem Grunde ihn, ohne seine Grundsätze gerade zu bestreiten, unvermerkt so weit zu bringen, daß er selbst an der Wahrheit derselben zweiffeln müßte.

Unsre Leser und Leserinnen (denn ungeachtet des strengen Verbotts des Herrn Rousseau werden wir ganz gewiß dergleichen haben) unter denen schwehrlich ein einziges nöthig hat von Zoroastrischen, Plotinischen, Cabbalistischen, Paracelsischen und Rosenkreuzerischen Irrthümern geheilt zu werden, würden uns vermuthlich für die Mittheilung einer so tiefsinnigen metaphysischen Unterredung wenig Dank wissen, zumal da es von Morgens sechs Uhr bis um die Zeit, da die Gesellschaft sich in einem kleinen Garten-Saal zum Frühstück versammlete, fortgesetzt wurde. Wir begnügen uns also ihnen zu melden, daß Don Gabriel, mit aller nur ersinnlichen Hochachtung, die er für die Weisen, welche die Natur im Ganzen und en detail durch Geister bewegen lassen, zu hegen vorgab, so starke Einwürfe gegen diese wundervolle Natur-Lehre vorbrachte, daß Don Sylvio, wo nicht völlig wankte, doch ziemlich erschüttert wurde, und (so vorsichtig auch der Philosoph gewesen war, den Feen nicht zu nahe zu treten) nicht wenig besorgt zu werden anfieng, was aus allen seinen Mährchen und aus seinen eigenen Abentheuren werden möchte, wenn die Grundsätze des Don Gabriel, die dieser zwar für blosse Hypothesen gab, sich in facto wahr befinden sollten.

Nun half sich zwar Don Sylvio mit dem gewöhnlichen Schlusse, den die Schwärmerey zu machen pflegt, wenn sie von der gesunden Vernunft in die Enge getrieben wird; er verwies sich selbst auf seine Erfahrungen, und schloß, daß Grundsätze, die seiner Erfahrung widersprächen, nothwendig falsch seyn müßten. Allein es regte sich doch, wir wissen nicht was, in seinem Kopfe, das ihn bey diesem Schlusse nicht so ruhig seyn ließ, als man es bey einer geometrischen Demonstration zu seyn pflegt; und da er ein ungemeiner Liebhaber von Speculationen von dieser Gattung war, so willigte er mit Vergnügen ein, dieses Gespräch zu einer andern gelegenen Zeit in der Bibliotheck des Don Eugenio fortzusetzen.

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