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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Achtes Capitel.

Streit zwischen der Liebe zum Bilde und der Liebe zum Original.

Die schimmernde Pracht des Speisesaals, worinn man sich versammlete, die Menge der Wachslichter, womit er erleuchtet war, die Kostbarkeit des Tischgeräthes, die Niedlichkeit der Mahlzeit, die Verschiedenheit der ausgesuchtesten Weine, alles dieses würde unsern Helden, der in einem Feen-Schlosse zu seyn glaubte, auch in andern Umständen nicht in die geringste Verwunderung gesetzt haben, ob es gleich das erstemal war, daß er eine solche Pracht ausserhalb seiner Einbildung sah. Nun aber, da Donna Felicia sich seiner ganzen Aufmerksamkeit bemächtiget hatte, wäre er leicht zu bereden gewesen, in einer Stroh-Hütte, worinn er sie gesehen hätte, sich im Pallast der Fee Lüminöse zu glauben.

Die schöne Felicia konnte nicht die letzte Person seyn, die den Eindruck bemerkte, den sie auf ihn machte; und weil sie sich ihres Sieges nicht genug versichern zu können glaubte, so nahm sie sich vor, alle ihre Reitzungen zu vereinigen, um ihm eine schlaflose Nacht zu machen. Eine angenehme Symphonie, die sich unter der Tafel hören ließ, ohne daß man sah woher, und wovon also Don Sylvio ohne Anstand den Sylphen die Ehre gab, von denen die Feen-Palläste bedient zu werden pflegten, gab ihr Gelegenheit, nach Endigung der Mahlzeit, ihre eigene Geschicklichkeit hören zu lassen. Die junge Hyacinthe glaubte sich übertroffen zu sehen, und würde sich also niemals haben einfallen lassen, der Donna Felicia das unbegrentzte Lob streitig zu machen, womit sie der bezauberte Sylvio überschüttete. Aber Don Eugenio war zu eyfersüchtig über die Lieblings-Talente seiner jungen Freundin, um seine Schwester in dem ruhigen Besitz eines so grossen und ungetheilten Beyfalls zu lassen. Er ließ also nicht ab, bis sie sich erbitten ließ sich mit der schönen Felicia in einen Wettstreit einzulassen, der in einer Gesellschaft wie diese war, nicht anders als das allgemeine Vergnügen befördern könnte. Die beyden Damen schienen wider die Gewohnheit ihres Geschlechts einander den Vorzug mit einer so ungezwungenen Gutherzigkeit beyzulegen, daß man Mühe hatte, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweiffeln; Don Gabriel fand, daß es dem Paris leichter gewesen unter den drey Göttinnen einer den goldnen Apfel zuzusprechen, als den Ausspruch zu thun, welche unter diesen zweyen allzu liebenswürdigen Musen an Schönheit der Stimme und des Gesangs, an Behändigkeit der Finger und an Geschicklichkeit sich aller Zauber-Kräfte der Harmonie nach ihrem Belieben zu bedienen, einen Vorzug vor der andern habe, und selbst die Liebhaber, so ausgemacht dieser Punct bey jedem war, gestunden doch, daß wenn es ja möglich sey eine von beyden zu übertreffen, Donna Felicia nur von Hyacinthen, und Hyacinthe nur von Donna Felicia übertroffen werden könne.

Unsere kleine Gesellschaft hatte so wenig lange Weile, bey dieser Art von Unterhaltung, und die Damen waren so gefällig, daß die anbrechende Morgen-Dämmerung sie endlich erinnern mußte, daß es Zeit sey schlafen zu gehen.

Wir wissen nicht, ob ausser Don Gabriel, der sich in einem Alter von vierzig Jahren bereits über die bewölckte und stürmische Gegend der Leidenschaften in die immer heitere Höhe einer beynahe stoischen Seelen-Ruhe empor gearbeitet hatte, sich jemand von den übrigen die guten Wünsche zu Nutze gemacht, die sie einander deswegen thaten. Was wir gewiß wissen, ist, daß Don Sylvio sich noch niemals in einem Zustande befunden hatte, der dem Schlaf weniger günstig gewesen wäre. In der Entzückung, die ihn noch immer gebunden hielt, merkte er nicht einmal, daß sich, an statt des guten ehrlichen Pedrillo, den er weder sah noch vermißte, ein paar junge Edelknaben in seinem Vorzimmer befanden, die sich der Ehre anmaßten ihn auszukleiden, und er war es würklich schon, ehe er sich besann, daß er nicht ausgekleidet seyn wollte. Nachdem er nun die Knaben, die er seiner Gewohnheit nach zu Sylphen erhob, entlassen hatte, kleidete er sich wieder an, warf sich, der Morgen-Röthe gegen über in einen weichen Lehnstuhl, und überließ sich noch eine geraume Zeit, mit einem Vergnügen, wovon nur wenige sich einen Begriff machen können, dem Anschauen des reitzenden Gegenstandes, der noch immer, wie gegenwärtig vor seiner bezauberten Seele schwebte. Allein er mußte doch endlich aus dieser wachenden Träumerey erwachen, und nachdem er wieder zu sich selbst gekommen war, fieng er an sich zu befragen, was er von allem dem, was ihm in diesem Pallast begegnet war, denken sollte. Er glaubte sichs bewußt zu seyn, daß es weder ein Traum, noch eine Erscheinung von derjenigen Art, wie er schon gehabt hatte, gewesen sey. Aber was er aus der Beherrscherin dieses Pallasts machen sollte, ob es eine Fee, eine Sterbliche, eine Göttin, oder wohl gar seine Princeßin selbst sey, wie die Aehnlichkeit, die sie mit dem verlohrnen Bildniß hatte, ihn zu bereden schien, darüber konnte er sich nicht mit sich selbst vergleichen; Zwar stimmte diese letzte Vermuthung so sehr mit seinen Wünschen überein, daß er sich eine gute Weile bemühte, sie wahrscheinlich zu finden; allein bey genauerer Ueberlegung, fand er diese Hypothese mit so vielen Schwierigkeiten umgeben, daß er sie wieder fahren ließ. Vielleicht ist sie eine Anverwandte meiner Princeßin, dachte er, oder in der nehmlichen Constellation und unter den Einflüssen der nehmlichen Aspecten gebohren, oder sie hat diese Aehnlichkeit aus geheimen Ursachen nur angenommen, oder es ist wohl gar nur ein süsser Irrthum meines Herzens, das von irgend einem ähnlichen Zug verführt, diejenige zu sehen glaubt, die es überall zu sehen wünscht. Nach langem Nachdenken schien ihm das letztere das wahrscheinlichste, weil es mit der Treue, die er seiner Geliebten zu halten entschlossen war, sich am besten zu vertragen schien. Auf diese Art bewunderte er bloß seine Princeßin in Donna Felicia, und er schloß sehr scharfsinnig, wie reitzend, bezaubernd, überirrdisch, göttlich, und wofern es möglich wäre, mehr als göttlich die Vollkommenheiten seiner Princeßin seyn müßten, da eine schwache Aehnlichkeit mit ihr diese Fee schon so reitzend in seinen Augen machte.

Um diesem Schlusse desto mehr Stärke zu geben, strengte er die äusserste Macht seiner Phantasie an, sich die vermeynte Princeßin noch reitzender, liebenswürdiger und vollkommener einzubilden als Donna Felicia; aber, es sey nun, daß die Einbildungs-Kraft nicht im Stande ist etwas vollkommeners hervor zu bringen als die Natur, oder daß ihm die Liebe hierinn einen ihrer gewöhnlichen Streiche spielte: gewiß ist, das Bild der schönen Felicia stand jedesmal an der Stelle der Princeßin, und alle seine Bestrebungen, sich dieselbe unter andern Zügen vorzustellen, waren vergeblich.

Dieser Umstand setzte ihn in keine geringe Verlegenheit, ohne sein eigenes Herz in Verdacht zu ziehen, fieng er an, über die Bezauberung, welche Donna Felicia über seine Seele auszuüben schien, mißtrauisch zu werden. Er gerieth auf allerley seltsame Einfälle, die er wechselsweise bald verwarf, bald wahrscheinlich fand, und nachdem er sich lange über die Maasregeln, die er zu nehmen hätte, bedacht, däuchte ihn zuletzt das sicherste zu seyn, sich so bald als möglich, oder wenigstens, so bald als er Ursache finden würde seinen Argwohn für gegründet zu halten, aus diesem gefährlichen Schlosse zu entfernen.

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