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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Siebendes Capitel.

Gegenseitige Gefälligkeiten.

Es ist schon längst beobachtet worden, daß das terentianische: Tu si hic esses, aliter sentias, wenn der gehörige Gebrauch davon gemacht würde, ein fast allgemeines Mittel gegen alle die Widersprüche, Irrungen und Zwistigkeiten wäre, die aus der Verschiedenheit und dem Zusammenstoß der menschlichen Meynungen und Leidenschaften täglich zu entstehen pflegen.

Für einen blossen Zuschauer der menschlichen Thorheiten, wenn es anders einen solchen gibt, kan nichts lustigers seyn, als eine ganze wohl policirte Gesellschaft von moralischen Egoisten beysammen zu sehen, wovon immer einer dem andern seine Personalität streitig macht, und nichts geringers zu fordern scheint, als daß alle andre in allen Sachen und zu allen Zeiten gerade so empfinden, denken, urtheilen, glauben, lieben, hassen, thun und lassen sollen, wie er; welches, in der That, eben so viel sagen will, daß sie keine für sich selbst bestehende Wesen, sondern blosse Accidentia und Bestimmungen von ihm selbst seyn sollen.

Es ist wahr, unter allen diesen Egoisten ist keiner unverschämt genug diese Forderung geradezu zu machen; aber, indem wir alle Meynungen, Urtheile oder Neigungen unserer Nebengeschöpfe für thöricht, irrig und ausschweiffend erklären, so bald sie mit den unsrigen in einigem Widerspruch stehen: was thun wir im Grund anders, als daß wir ihnen unter der Hand zu verstehen geben, daß sie unrecht haben, ein paar Augen, ein Gehirn und ein Herz für sich haben zu wollen?

»Warum gefällt ihnen das, mein Herr?

Ich kan ihnen keine andre Ursach davon geben, als, weil es mir gefällt.

»Aber ich kan doch unmöglich begreiffen, was sie denn daran sehen, das ihnen so sehr gefällt? Ich für meinen Theil – – – –

Gut, mein Herr, das beweißt nichts, als daß mir etwas gefallen kan, das ihnen mißfällt.

»Ich will eben nicht sagen, daß es mir schlechterdings mißfalle, aber ich kan doch auch nicht sagen, daß ich es so gar vortreflich, so gar ungemein finden sollte, wie sie«

Gesetzt aber, es käme mir so vor?

»So hätten sie unrecht.«

Und warum das, mein Herr?

»Weil es nicht so ist.

Und warum ist es nicht so?

»Eine seltsame Frage, mit ihrer Erlaubniß. Hab ich denn nicht so gute Augen wie sie? Ist mein Geschmack nicht eben so richtig? Kan ich nicht eben so gut von dem Werth einer Sache urtheilen wie sie? Wenn es so vortreflich wäre, wie sie sich einbilden, so müßte ichs ja auch so finden.«

Alles dieses kan ich mit so gutem Rechte sagen wie sie. Es mag nun hier das Auge, der Verstand oder die Einbildung entscheiden, warum soll ich ihren Augen, ihrem Verstand, oder ihrer Einbildung mehr zutrauen als den meinigen? Das möcht ich doch wissen!

»Das kan ich ihnen gleich sagen. Ich sehe die Sache wie sie ist, und Sie sind durch den Affect verblendet.«

Gut, mein Herr, da kommen sie mir gerade, wo ich sie erwartete. Wenn der Affect zuweilen verblendet (und das thut er nur alsdann, wenn er raset, welches nie lange dauren kan) so ist hingegen eben so gewiß, daß er ordentlicher Weise das Gesicht schärft. Wie können sie erwarten, daß der flüchtige, unachtsame und ungefehre Blick, den die Gleichgültigkeit auf einen Gegenstand wirft, so viel an ihm entdecken, oder die Grade seines Werths so richtig bemerken soll als der Affect, der ihn mit der äussersten Aufmerksamkeit von allen Seiten und Gesichtspuncten betrachtet?

»Aber die Einbildung, die sich unvermerkt in seine Beobachtungen mischt – – – –

Belieben Sie zu bedenken, mein Herr, daß nur ein Narr seine Einbildungen für wirkliche Empfindungen hält; warum wollen sie lieber auf einer Voraussetzung bestehen, wodurch sie die Gesundheit meines Hirns verdächtig machen, als gestehen, daß es eine Sache geben kan, die ich besser kenne als sie, oder die, zum wenigsten, mir aus guten Ursachen anders vorkommt als ihnen?

Erhitzen Sie sich nicht, meine Herren, sagte ein dritter, der diesem Streit zwischen Ich und Du zugehört hatte; Sie könnten noch einen halben Tag disputiren, ohne daß einer den andern bekehren würde – – und wissen sie wohl warum? – – die Ursache ist ganz natürlich – – weil sie beyde recht haben. Tu si hic esses, sagt Terentz: Sie urtheilen wie ein Liebhaber, und so haben sie recht; und Sie urtheilen wie ein Gleichgültiger, und so haben sie auch recht.

Aber, mein Herr Schiedsrichter, die Frage ist: Ob er recht habe, ein Liebhaber von etwas zu seyn, das in der That – – – –

Ihnen gleichgültig ist, wollen sie sagen?

»Nein mein Herr – – das den Grad der Liebe nicht verdient, den er – – – –

Das ist eben die Frage, die sich nicht ausmachen läßt, mein Herr; Auf diesem Wege gerathen wir wieder in den vorigen Cirkel, und da können wir ewig herum traben, ohne jemals an ein Ende zu kommen. Ihr Streit ist von einer Art, der nur durch einen gütlichen Verglich ausgemacht werden kan. Gestehen sie einander ein, daß ich gar wohl berechtiget ist, nicht du zu seyn; hernach setzen Sie sich jeder an des andern Platz; ich will verlohren haben was sie wollen, wenn sie nicht eben so dächten wie er, wenn sie er oder in seinen Umständen wären, und so hat der Streit ein Ende.

Es ist (wie vermuthlich Aristoteles schon vor uns bemerkt haben wird) keine verdrießlichere Situation in der Welt, als diejenige, worinn ein Liebhaber ist, der einer dritten Person, zumal wenn sie nur wenig empfindlich ist, von seiner Neigung Rechenschaft geben soll. Donna Felicia und ihr Bruder befanden sich dermalen beyde in diesem critischen Umstande, und, bey einer andern Lage der Sachen, würde vermuthlich ein jedes grosse Schwierigkeiten gehabt haben, den Beyfall des andern zu erhalten. Ohne diesen glücklichen Zufall hätte Donna Felicia oder Don Eugenio sich, so viel sie gewollt hätten, auf das tu si hic esses, berufen mögen; sie würden vermuthlich nicht halb so viel damit gewonnen haben, als jetzt, da sich jedes würklich an des andern Platz befand; so groß ist der Unterschied zwischen der Würkung, die eine flüchtige Abstraction und ein wahres Gefühl auf uns macht. Es ist wahr, wenn sie einander hätten schicanniren wollen, oder von der unverschämten Art von Leuten gewesen wären, die allein das Recht haben wollen Schellen an ihren Kappen zu tragen, so würden sie noch immer Stoff genug gefunden haben, einander Händel zu machen. Aber bey der guten Vernunft und gefälligen Gemüths-Art, die sie mit einander gemein hatten, brauchte nur das Hinderniß aus dem Wege geräumt zu werden, das aus der Gleichgültigkeit des einen Theils natürlicher Weise hätte entstehen müssen. Wir wollen einmal setzen, Donna Felicia hätte die Nachsicht ihres Bruders nicht für sich selbst nöthig gehabt, wie viele Einwendungen hätte sie nicht gegen seine Liebe zu einem Mädchen ohne Namen, ohne Vermögen, ja selbst ohne schimmernde persönliche Eigenschaften, zu einer Person, die vielleicht Ursach hatte über ihre Herkunft zu erröthen, und mit der sich seine Bekanntschaft auf dem Theater angefangen hatte, einwenden können? – – Ich gestehe Ihnen alles ein, würde Don Eugenio geantwortet haben, alle diese Einwürfe, alles, was sie, meine Freunde und die Welt nur immer dagegen sagen können, hat mir meine eigene Vernunft tausendmal gesagt, und so thöricht ich ihnen scheinen mag, so bin ich es doch nicht genug, um nicht ganz deutlich einzusehen, daß Sie und meine Vernunft recht haben; aber was vermag das alles gegen die Stimme meines Herzens? gegen einen unwiderstehlichen Zug, von dem ich nicht Meister bin, noch zu seyn wünschen kan? Die Hälfte aller dieser Umstände würde mehr als zulänglich seyn eine gewöhnliche Leidenschaft zu dämpfen. Aber die Gewalt der Sympathie, liebste Schwester – – Man muß sie selbst erfahren haben, um zu wissen, wie unmöglich es von dem ersten Augenblick an, da man sie erfährt, ist, ihr zu widerstehen.

Donna Felicia würde diesen Grund sehr geringhaltig gefunden haben, wenn sie diese Sympathie, womit Don Eugenio, (es sey nun mit Recht oder Unrecht) seine Thorheit oder Schwachheit, oder wie es die weisen Leute, die über solche Ausschweiffungen hinweg gesetzt sind, nennen wollen, zu rechtfertigen vermeynte; nicht aus eigener Erfahrung gekannt hätte; und in der That hätte es ihr kaum anders als ungereimt vorkommen können, daß eine betrügliche, ungewisse und unerklärbare Empfindung, ein ich weiß nicht was, das vielleicht nur ein Gespenst der Einbildungs-Kraft ist, für hinlänglich gehalten werden solle, die Stimme der Vernunft, der Klugheit und der Ehre zu überwiegen. Allein zum Vortheil ihrer beyderseitigen Leidenschaft befanden sie sich beyde in dem nehmlichen oder doch einem sehr ähnlichen Falle. Was Donna Felicia für den Don Sylvio empfand, erklärte ihr vollkommen, was Don Eugenio seine Sympathie für Hyacinthen nannte; und Don Eugenio konnte nicht so unbillig seyn, von seiner Schwester die Unterdrückung einer Neigung zu verlangen, die er selbst für unwiderstehlich erklärt hatte. Sie schenkten also einander die Einwürfe, die eines jeden eigene Vernunft so gut als des andern seine gegen den Entschluß ihres Herzens zu machen wußte, und richteten ihre vereinigte Aufmerksamkeit bloß darauf, wie die Hindernisse, die ihren Wünschen im Wege stunden, am besten gehoben werden könnten. Die Gefälligkeit, die Donna Felicia in diesem Stücke für die Leidenschaft ihres Bruders zeigte, verdiente alle nur ersinnliche Erkenntlichkeit auf seiner Seite, und da in der That die überspannte Phantasie unsers Helden das einzige war, was ihn ihrer Liebe unwürdig machen konnte: So schien alles bloß darauf anzukommen, wie man es anzufangen hätte, um sein Gehirn wieder in seine natürlichen Falten zu legen. Die Nachrichten des Barbiers wurden hiebey zum Grunde gelegt, und Don Eugenio urtheilte, daß es nicht sehr viel Mühe brauchen werde, einen jungen Menschen, dessen Thorheit bloß in einer Art von Schwärmerey bestund, die aus zufälligen Ursachen einen so seltsamen Schwung genommen hatte, in kurzer Zeit zurechte zu bringen. Ich habe bemerkt, sagte er, daß sie ihm nichts weniger als gleichgültig sind. Es ist wahr, sie haben eine Rivalin, aber da sie nur ein Sommervogel ist, und erst noch in eine eingebildete Princeßin verwandelt werden soll, so wird sie ihnen den Sieg nicht lange streitig machen. Lassen sie uns anfangs so viel Nachsicht gegen seine Thorheit brauchen als nöthig ist, um sein Vertrauen zu erwerben; die Natur und die Liebe werden das meiste thun; die Phantasie wird nach und nach der Empfindung Platz machen, und wenn nur diese einmal die Oberhand hat, so wird es leicht seyn, ihm Vorurtheile und irrige Begriffe zu benehmen, die keinen Fürsprecher mehr in seinem Herzen haben.

Donna Felicia war sehr erfreut ihre eigene Ideen von ihrem Bruder gerechtfertiget zu sehen, und unterließ nicht ihm ihre Dankbarkeit dadurch zu bezeugen; daß sie so viel Gutes von seiner geliebten Hyacinthe sagte, als er nur immer wünschen konnte. Sie versicherte ihn so gar, daß sie in ihrer Person und Denkungsart allzuviel edles habe, als daß das Geheimniß ihrer Geburt sich anders als zu ihrem Vortheil enthüllen könne; und Don Eugenio, dem dieser Gedanke nichts neues war, hatte ihn jederzeit dem Vortheil seines Herzens zu günstig gefunden, um seinen Witz zu Einwürfen dagegen zu mißbrauchen.

Nachdem sie sich also über die Maasregeln, die sie zu Beförderung ihrer Absichten mit Don Sylvio nehmen wollten, verglichen und für gut befunden hatten, der schönen Hyacinthe und dem Don Gabriel einen Theil des Geheimnisses anzuvertrauen: So schieden sie so vergnügt von einander als sie es jemals gewesen waren, und begaben sich in den Saal, um ihren Gästen bis zum Abendessen Gesellschaft zu leisten.

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