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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Sechstes Capitel.

Unverhofte Zusammenkunft.

Donna Felicia bezeugte eben einige Unruhe über das Aussenbleiben ihres Bruders, der ihr, wie sie sagte, Hofnung gegeben hatte, ihr eine liebenswürdige Gesellschaft mit zubringen: als sich die innere Thüre des Saals öfnete, und Don Eugenio von Lirias mit der schönen Hyacinthe und seinem Freunde Don Gabriel herein trat, und unseren Helden in dem Unbekannten, dem er das Leben oder wenigstens seine Geliebte gerettet hatte, den Bruder seiner angebeteten Fee zeigte.

Die Ueberraschung war auf beyden Seiten gleich angenehm, und mit einer gleich grossen Verwunderung auf Seiten des Bruders und der Schwester begleitet. Allein da es sich jetzt nicht schickte, diese letztere Regung merken zu lassen, so begnügte sich Don Eugenio, nachdem er seiner Schwester die schöne Hyacinthe vorgestellt, und empfohlen hatte, seine Freude darüber zu bezeugen, daß er unsern Helden, dessen unerwartete heimliche Abreise aus dem Wirthshause ihn nicht wenig befremdet hatte, so unverhoft in seinem eigenen Hause wieder finde. Sie wissen vielleicht nicht, sagte er zu Donna Felicia, wie viel wir dem Don Sylvio schuldig sind. In kurzem sollen sie den ganzen Zusammenhang einer Geschichte erfahren, die ihnen kein Geheimniß mehr seyn darf. Alles was ich Ihnen jetzt davon melden kan, ist, daß Sie in der Person dieses liebenswürdigen Unbekannten denjenigen sehen, der durch großmüthige Wagung seines eigenen Lebens Ihnen einen Bruder erhalten hat.

Sie vergrössern, erwiederte unser Held, den Werth eines Beystands, den ihre und ihres Freundes Tapferkeit überflüßig machte, und wozu ich durch Gesinnungen, die ihr erster Anblick mir einflößte, hingerissen wurde. Hätte ich damals wissen können, was dieser glückliche Augenblick mich gelehrt hat, so würde ich, wenn auch jede meiner Adern ein eigenes Leben hätte, jedes derselben mit Vergnügen aufgeopfert haben, um ein so kostbares Leben zu erhalten.

Don Eugenio würde vermuthlich über dieses hyperbolische Compliment ein wenig gestutzt haben, wenn die Aufmerksamkeit, die er anwandte, die Eindrücke, welche Hyacinthe auf seine Schwester machte, zu beobachten, ihm zugelassen hätte, auf irgend etwas anders aufmerksam zu seyn.

Donna Felicia, welche ziemlich verlegen gewesen war, wie sie ihre Neigung zu unserm Helden, und den Plan, den sie seit einer halben Stunde mit der Behendigkeit, die allen Würkungen der Liebe eigen ist, bey sich selbst entworfen hatte, ihrem Bruder verbergen oder gefällig machen möchte, war vor Vergnügen ausser sich, da sie hörte, was für Verdienste sich Don Sylvio bereits um ihn gemacht hatte. Dieser glückliche Umstand rechtfertigte nicht nur die Lebhaftigkeit ihrer Achtung für den Erretter eines Bruders, den sie so zärtlich liebte, sondern, da er ihr in Verbindung mit den übrigen Umständen einiges Licht über die geheime Geschichte, worinne Hyacinthe vermuthlich keine Neben-Rolle zu spielen hatte, zu geben schien, so hofte sie nun, daß sie wenig Mühe haben würde, den Beyfall ihres Bruders für ihre Liebe zu erhalten, da er vermuthlich den ihrigen für die Seine nöthig haben würde. Sie verdoppelte also die Ausdrücke des Wohlgefallens und der Zuneigung, welche ihr die Liebenswürdigkeit der jungen Hyacinthe ohnehin eingeflößt haben würde, da sie aller Zurückhaltung des Don Eugenio ungeachtet, nur allzudeutlich sah, wie heftig er sie liebte; und Don Eugenio, der alle diese Liebkosungen ganz allein auf die Rechnung der Vorzüge seiner Geliebten schrieb, war darüber so erfreut, daß er den Augenblick kaum erwarten konnte, sich seines Geheimnisses in ihren schwesterlichen Busen zu entladen.

Niemals hat vielleicht in einer Gesellschaft von Personen, die einander, theils gänzlich, theils bey nahe unbekannt waren, so viel Sympathie und eine solche Mannigfaltigkeit von verborgnen zärtlichen Regungen geherrschet, als in dieser. Natürlicher Weise konnten so liebenswürdige Personen, als sich hier zusammen gefunden hatten, einander nicht gleichgültig seyn; aber die geheimen, obgleich noch unentwickelten Verhältnisse, worinn sie gegen einander stunden, machten sie einander noch unendlichmal interessanter, und Amor, und die Natur, die hier in geheim ihr Spiel hatten, brachten eine Harmonie und eine Vertraulichkeit, wozu sonst ein Reyhe von Wochen erfordert wird, in eben so vielen Minuten hervor.

Don Gabriel war der einzige, der ohne eigennützige Absichten an dem allgemeinen Vergnügen Antheil nahm. Die Ruhe seines eigenen Herzens erlaubte ihm die übrigen mit der Scharfsichtigkeit eines Weisen und mit der Güte eines Menschenfreunds zu beobachten, und ob gleich ein Theil von dem, was er zu bemerken glaubte, ein Räthsel für ihn war, so sah er doch, daß in kurzem sehr artige Geheimnisse sich entwickeln würden.

Inzwischen erschienen ein paar prächtig gekleidete kleine Mohren, um die Gesellschaft mit Erfrischungen zu bedienen, und Don Gabriel, der einen natürlichen Beruf dazu zu haben glaubte, hatte die Gefälligkeit, durch die Munterkeit seines Witzes zu verhindern, daß die Conversation nicht von Zeit zu Zeit in ein gedoppeltes, wiewohl stillschweigendes Tête-à Tête ausartete.

Ungeachtet einer gewissen phantastischen Wendung, die beynahe in allem was Don Sylvio sagte oder that, in die Augen fiel, wurde doch Don Eugenio je länger je mehr von ihm eingenommen, und bey den Verbindlichkeiten, die er ihm hatte, konnte er ohnehin nicht weniger thun, als sich die Ehre seines Aufenthalts zu Lirias auf einige Zeit auszubitten, um, wie er sagte, einer Bekanntschaft, die sich auf eine so ausserordentliche Art angefangen, Zeit zu lassen, zu derjenigen vollkommenen Freundschaft zu reiffen, deren er sich nicht unwürdig zu zeigen hofte.

Don Sylvio nahm eine so verbindliche Einladung mit gröstem Vergnügen an, ohne einen Augenblick mehr Umstände zu machen, als die Prinzen in den Feen-Märchen zu machen pflegen, wenn ihnen ein Nacht-Quartier in einem bezauberten Schlosse angeboten wird.

Donna Felicia entfernte sich hierauf mit der schönen Hyacinthe, und Don Eugenio führte seinen Gast in ein prächtiges Zimmer, welches er ihn als das seinige anzusehen bat, so lang er ihn mit seinem Auffenthalt in Lirias beglücken würde. Er verließ ihn hierauf bis zum Abend-Essen, und wartete mit Ungedult, bis Laura ihm die Nachricht brachte, daß seine Schwester sich in ihrem Cabinet allein befinde.

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