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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Fünftes Capitel.

Erscheinung der Fee. Wie gefährlich es ist, wenn einer ein Frauenzimmer antrift, das seiner Liebsten gar zu ähnlich sieht.

Es ist, geneigter Leser, bereits zwey und vierzig Minuten, achtzehen Secunden, richtig an einer zu Genf fabricirten Londner-Uhr abgezählt, daß wir einem halben dutzend schönen neuen Gleichnissen nachsinnen, wodurch ein Poet benöthigten Falls den höchsten Grad des Erstaunens und der Bestürzung abzuschildern versuchen könnte, ohne daß wir so glücklich gewesen sind, nur ein einziges zu finden, welches nicht durch die vielen Hände, wodurch es seit den Zeiten des alten Homers bis auf diesen Tag gegangen, so abgenutzt worden wäre, daß es würklich zu nichts mehr zu gebrauchen ist.

Wir wissen uns also für dißmal nicht anders zu helfen, als durch eine gewisse rhetorische Figur, die wir einem der geschicktesten Zueignungs-Schriften-Machern unsrer Zeit abgesehen haben, und sagen also: Weder der Schrecken eines unvorsichtigen Knaben, der seine Hand in eine Höle gesteckt hat, und unversehens eine Schlange ergreift, noch das Entsetzen jenes Bräutigams, der des Morgens nach seiner Hochzeit-Nacht an statt der schönen Schwester, die er liebte, die häßliche an seiner Seite fand, noch die Bestürzung eines Richters bey Erblickung eines silbernen Waschbeckens voll Cremnitzer Ducaten, womit ihm ein Client, der zu leben weißt, die Gerechtigkeit seiner Sache begreiflich gemacht hat – – sind hinlänglich uns nur den zehnten Theil der Bestürzung vorzubilden, in welche Don Sylvio gerieth, da er in der Fee dieses Zauberschlosses das Urbild seiner geliebten Schäferin erblickte – – Doch wir sagen zu viel; denn da er sich seit seinem letzten Traum von neuem überredet hatte, daß sie noch ein Sommervogel sey, so war er bloß darüber bestürtzt, wie es zugehe, daß eine so erstaunliche Aehnlichkeit zwischen ihr und dieser Fee seyn könne.

Donna Felicia (denn wir können und wollen es nicht länger verbergen, daß wir zu Lirias sind) hatte Sorge getragen, sich unserm Helden in einem Anzug zu zeigen, der, indem er ihre Annehmlichkeiten auf die vortheilhafteste Art entwickelte, ihr zugleich ein so sonderbares Ansehen gab, daß ihr nur ein Stäbchen von Ebenholz fehlte, um eine vollkommene Lüminöse vorzustellen.

Sie hatte sich würklich an ihrem Nacht-Tische befunden, um sich auf die Ankunft ihres Bruders auszuputzen, der sie auf eine unerwartete Gesellschaft vorbereitet hatte, als ihr Laura die überraschende Zeitung brachte, daß Don Sylvio, sie wisse nicht wie, in ihrem Saal sichtbar geworden sey, und der glückliche Instinct, der bey den Beherrscherinnen unsrer Herzen die Stelle unsrer langsamen Vernunft einnimmt, hatte ihr in einem Augenblick begreiflich gemacht, daß sie nicht Feen-mäßig genug aussehen könne, um den Eindruck zu befördern, den sie auf ihn zu machen wünschte.

Sie bewillkommte ihn mit dem edlen und anmuthsvollen Anstand, der ihr eigen war, ob sie sich gleich Gewalt anthun mußte, die Unruhe zu verbergen, die in ihrem schönen Busen pochte. Sie bezeugte sich dem Zufall sehr verbunden, der einen jungen Ritter, dessen Ansehen keine gemeine Verdienste ankündigte, in ihr Schloß geführt hätte, und versicherte ihn, daß ihr Bruder, dessen Ankunft sie alle Augenblicke erwartete, sehr erfreut seyn würde, eine so angenehme Bekanntschaft zu machen.

Hätte Don Sylvio nichts als die Bestürtzung über eine unverhofte Aehnlichkeit zu bekämpfen gehabt, so möchte es wohl nicht schwer gewesen seyn, sich in der gehörigen Fassung zu erhalten. Allein die Natur, die ihre Rechte nie verliehrt, und am Ende doch allemal den Sieg über die Einbildungs-Kraft davon trägt, spielte ihm in diesem critischen Augenblick einen andern Streich, gegen den es so viel als unmöglich war, sich zu vertheidigen.

Der gute Sylvio hatte die Eindrücke, die das Bildniß seiner vermeynten Princeßin auf ihn gemacht, und die Wünsche, die es in seinem Herzen erregt hatte, für Liebe gehalten; er hatte sich geirrt; es war nur eine schwache Vorempfindung, nur ein armes Schatten-Bild der Liebe, die ihm das Urbild selbst einflössen wurde.

Ihr erster Blick, der dem Seinigen begegnete, schien ihre Seelen auszutauschen. Die ganze Gewalt dieser unbeschreiblichen Entzückung, womit eine sympathetische Liebe, zumal wenn es die erste ist, bey Erblickung ihres Gegenstands, eine empfindliche und zu dieser glücklichen Art von Schwärmerey aufgelegte Seele berauschen kan, durchdrang, erfüllte, überwältigte sein ganzes Wesen – – Alle seine vorige Ideen schienen ausgelöscht, neue Sinnen schienen plötzlich in seinem Innersten sich zu entwickeln, um alle diese unzähliche Reitzungen aufzufassen, die ihm entgegen stralten – – Kurz, er war so sehr ausser sich selbst, daß er die verbindliche Anrede der vermeynten Fee mit nichts anderm als stammlenden und abgebrochenen Sylben zu beantworten vermochte.

Donna Felicia würde vermuthlich mit dem zierlichsten und wohl gesetztesten Compliment nicht halb so gut zufrieden gewesen seyn, als sie es mit der weit beredtern Verwirrung war, worinn sie ihn sah. Dasjenige, was in ihrem eigenen Herzen vorgieng, ergänzte ihr bis zum Ueberfluß, was in der Anrede unsers Helden mangelhaft und unverständlich war; aber weil sie mehr Gewalt über sich selbst hatte, oder, um uns richtiger auszudrücken, weil sie ein Frauenzimmer war, so wußte sie nicht nur ihre eigene Unruhe zu verbergen, sondern sie hatte auch so viel Gefälligkeit, und gab ihm Zeit sich selbst wieder zu erholen, indem sie sich so gleich auf den Sopha niedersetzte, und nachdem sie ihn ersucht einen Lehnstuhl neben ihr einzunehmen, von dem weissen Kätzchen, das seinen Platz auf ihrem Schoose genommen hatte, Anlaß nahm, über die Gedanken zu scherzen, die beym Eintritt in diesen Saal in ihm hätten veranlaßt werden müssen. Gestehen sie mir, Don Sylvio, sagte sie, daß sie, bey Erblickung einer so ansehnlichen Gesellschaft von Katzen, die bey meinem kleinen Liebling Cour zu machen schien, sich kaum erwehren konnten zu glauben, daß sie in dem Pallast der weissen Katze seyen?

Man kan auf keine glücklichere Art betrogen werden, schönste Fee, erwiederte Don Sylvio. Möchten sie mit eben der Scharfsichtigkeit, womit sie meinen ersten Gedanken, der, ehe ich sie selbst zu sehen das Glück hatte, natürlich genug war, zu entdecken wußten, in das Innerste meiner Seele schauen, und darinn zu lesen würdigen, was ich weder Kühnheit noch Vermögen habe, auszusprechen.

Donna Felicia fand für gut, an statt auf diese ehrfurchtsvolle Liebes-Erklärung zu antworten, ihn mit der Lebens-Geschichte und den bewundernswürdigen Tugenden der kleinen weissen Katze zu unterhalten; und so geringfügig dieser Gegenstand an sich selbst war, so wichtig wurde er, zumal für einen so geneigten Zuhörer als Don Sylvio war, auf den schönen Lippen der Donna Felicia, und durch den Reitz, den sie über alles was sie sagte oder that, auszugiessen wußte. Don Sylvio erfuhr es nur allzusehr. Jeder ihrer Blicke, jedes Wort, das sie sprach, jede kleine Bewegung, die sie machte, vermehrte die Entzückung, worinn er ganz verlohren schien. Seine Einbildungs-Kraft, unfähig etwas vollkommeners zu erstreben, als sich seinen Augen darstellte, wurde nun auf einmal ihrer vorigen Macht beraubt, und diente zu nichts als den Sieg der Empfindung vollkommen zu machen. Alle diese schönen Phantomen, womit sie angefüllt gewesen war, verschwanden wie die leichten Dünste eines Frühlings-Morgens vor der aufgehenden Sonne; er erinnerte sich seines vorigen Zustands nur wie eines Traums, oder, richtiger zu reden, er vergaß ihn und alles was er kurz vorher gedacht, geliebt, gehoft und gefürchtet hatte, so lang er Donna Felicia vor sich sah, so gänzlich, als ob er den ganzen Lethe ausgetrunken hätte.

Dieser Zustand mochte für ihn selbst angenehm genug seyn, aber er machte ihn nicht sehr kurzweilig für seine Gesellschafterin, und nachdem alles, was sich von ihren Katzen nur immer sagen ließ, völlig erschöpft war, so würde die Conversation ziemlich matt geworden seyn, wenn die Papagayen, die von Zeit zu Zeit in den Saal gehüpft kamen, und überaus witzig und schwatzhaft waren, sich nicht zuweilen in das Gespräch gemischt hätten.

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