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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Zweytes Capitel.

Worinn sich Pedrillo sehr zu seinem Vortheil zeigt.

Pedrillo, ungeachtet er in dem unglücklichen Abentheuer mit den Gras-Nymphen die meiste Schläge bekommen hatte, raffte sich, nachdem er eine gute halbe Viertel-Stunde ganz betäubt dagelegen war, dennoch zuerst wieder vom Boden auf, und der erste Gebrauch, den er von seinen wiederkehrenden Sinnen machte, war, daß er alle Nymphen, Faunen und Sylvanen, Zwerge, Princeßinnen und Schmetterlinge, nebst allen und jeden Feen-Märchen, die von Erschaffung der Welt an bis auf selbigen Tag geschrieben worden, und noch künftig bis an der Welt Ende geschrieben werden möchten, mit ihren Verfassern, Gönnern und Erzählern, und deren sämtlichen Angehörigen und Erben in auf- und absteigender Linie, samt und sonders zum T** wünschte. Er verfluchte die Gänse, mit deren Spulen sie geschrieben, die Lettern, womit sie gesetzt, und die Farbe, womit sie gedruckt worden, und wünschte herzlich, daß die heilige Inquisition alle diejenige zu Staub und Asche verbrennen möchte, die dergleichen verteuffeltes Zeug, wodurch der artigste und braveste junge Edelmann von ganz Spanien zum Narren gemacht worden, unter die Leute brächten. Denn die Schläge, die er ohne Zahl und Maaß um des blauen Schmetterlings willen empfangen hatte, überzeugten ihn nun auf einmal, daß alles, was ihm sein Herr von der Fee Radiante und der Bezauberung seiner vermeynten Princeßin gesagt hatte, lauter Träume und Einbildungen seyen. Je, verflucht; schrie er, wenn hat jemals eine Fee diejenige, die sie in ihren Schutz genommen hat, von Gras-Menschern und Bauerknechten zu todt prügeln lassen? Es sollte mich nicht verdriessen, wenn es noch Popanze oder Feuerspeyende Drachen gewesen wären; aber von solchem Lumpenvolk – – Sackerlot! Ich will mich fressen lassen, wenn seine Rademante, die uns alle diese verfluchte Händel gemacht hat, nicht gerade so eine Fee ist, wie die dreyfachen Huren, die mir die Augen mit ihren Nägeln ausgekratzt haben, Nymphen sind; – – – –

In diesem emphatischen Ton fuhr er noch eine gute Weile fort, bis er endlich gewahr wurde, daß sein Herr noch immer ohne Bewegung auf dem Boden ausgestreckt lag. Dieser Anblick und die Furcht, daß er gar todt seyn möchte, machten den gutherzigen Tropfen auf einmal seines eignen Ungemachs vergessen; er rief ihm, er rüttelte ihn, und da er noch immer kein Zeichen von sich gab, so fieng er eben so jämmerlich oder noch jämmerlicher zu schreyen an, als der bucklichte Sohn des bösen Königs, da ihn das Gänsemädchen nicht heurathen wollte.

Endlich besann er sich in der Angst an eine Flasche Madera-Wein, die er noch in seinem Zwerch-Sack hatte, und zu gutem Glück hatten die Feinde in der Hitze des Streits den Zwerchsack, den Pedrillo gleich anfangs von sich legte, aus der Acht gelassen. Er hohlte also die Flasche, und goß sie, ohne sich den Wein dauren zu lassen, fast ganz über Don Sylvios Gesicht aus. Dieses Mittel that die gewünschte Würkung. Don Sylvio erhohlte sich in kurzem wieder, denn seine Betäubung war von einem einzigen, etwas nachdrücklichen Schlag hergekommen, den er, wiewohl ohne andern Schaden, als eine ziemliche Beule über den Kopf bekommen hatte; er öfnete die Augen und rief mit schwacher Stimme: Wo bin ich? Lebst du noch, Pedrillo?

Ja, mein lieber Herr, rief Pedrillo, und GOtt Lob! daß ihr wie ich sehe, auch noch lebt; denn so wahr ich ehrlich bin, wenn ihr todt gewesen wäret, wie ich schon zu fürchten anfieng, ich hätte mich eher in den Fluß gestürtzt, eh ich euch hätte überleben wollen.

Wollte GOtt; sagte Don Sylvio, daß ich dein gutes Herz und deine Treue belohnen könnte! Aber, o Himmel! sage mir, wenn du es weist, was ist aus meiner armen Princeßin worden?

Die Princeßin? schrie Pedrillo, fort ist sie, zum T... ist sie, sie flog gleich anfangs davon, wie die paußbackichten Unholden mit ihren langen krummen Nägeln über uns her fielen – – Sapperment! ich wollte, sie hätt uns – – Aber was habt ihr denn, Herr – – ums Himmels willen, gnädiger Herr, was fehlt euch? daß es GOtt erbarme! Was ist zu thun? O! die verfluchten Feen! – – – –

Pedrillo jammerte so, weil sein Herr, der sich nach dem Bildniß seiner Princeßin umgesehen, so bald er fand, daß er es nicht mehr bey sich hatte, vor Schrecken und Herzleyd abermal in Ohnmacht gesunken war.

Er hatte grosse Mühe ihn wieder zu sich selbst zu bringen, aber noch grössere, der Verzweiflung Einhalt zu thun, der sich unser Ritter ohne Maaß überließ, so bald er wieder fähig war, die Grösse seines Verlusts zu fühlen. Pedrillo, so gute Lust er gehabt hätte, über die Fee Radiante und alle Feen der ganzen Welt loßzubrechen, und seinem Herrn die närrische Liebe zu einem Schmetterling auszureden, wußte nicht mehr was er sagen oder anfangen sollte, da er ihn so kläglich jammern hörte, und so gar entschlossen sah, den Guadalaviar durch seinen Tod berühmt zu machen. Er warf sich ihm zu Füssen, er bat, er weinte, er fluchte über die Feen und die Feerey, aber das erste half nichts, und das andre machte das Uebel noch ärger.

Nachdem er nun alles andere versucht hatte, so verfiel er endlich auf das einzige Mittel, wovon man sich in dergleichen Umständen noch einige Würkung versprechen kan, er fieng an mit ihm in die Wette zu heulen, und ihn, wo möglich, noch darinn zu übertreffen. Er dachte, mein junger Herr wird es doch endlich müde werden, und wenn nur einmal der erste Anstoß von Tollheit vorüber ist, so wird er sich hernach schon besser berichten lassen.

Wie er nun sah, daß Don Sylvio wieder stille wurde, so fieng er an, obgleich wider seine eigene Ueberzeugung, alle nur ersinnliche Vorstellungen hervor zu suchen, die, wie er glaubte, ihn sollten beruhigen können. Er versicherte ihn daß wenn auch, wider bessers Hoffen, das Bildniß der Princeßin in den Händen des grünen Zwergs seyn sollte, so sey doch die Princeßin selbst in Sicherheit; denn die habe er samt dem Faden mit seinen eignen Augen davon fliegen gesehen. Glaubet mir, mein lieber Herr, sagte er, die Fee Rademante will nur eure Gedult auf die Probe setzen, es kan in kurzer Zeit alles ein ganz anders Gesicht bekommen. Man muß hoffen, so lange man noch Athem hat. Dencket, daß es andern Prinzen und Rittern auch nicht besser oder wohl noch ärger gegangen ist. Was hat nicht der blaue Vogel ausstehen müssen, bis er der garstigen Forelle loß war, und seine liebe Florine in seinen Arm bekam? Wie sauer ist es dem guten Prinzen Höckerich gemacht worden, bis er zum Besitz der schönen Brilliante gelangte, die der schwarze Zauberer in eine Heuschrecke verwandelte, ob sie gleich so gut eine Princeßin war als andre, die ich nicht nennen will. Ihr seyd doch noch nicht in einem Keller voller Kröten und Eydexen bis an den Halß im Wasser gestanden, wie die Brüder der Princeßin Rosette; ihr seyd doch in kein Thier verwandelt worden, wie der Prinz der glücklichen Insel, und ihr seyd noch nie in Gefahr gewesen von Popanzen und Unholden gefressen zu werden, wie der Prinz Amatus; mit einem Wort, gnädiger Herr, bedenckt, daß ich Ursache genug hätte, mich so arg zu beklagen als einer. Ich weiß nicht, warum es die Frau Rademante so gut mit mir meynt, aber ich habe zehenmal mehr Prügel und Stösse in den Hintern gekriegt als ihr, und die Princeßin soll noch gebohren werden, die mich deßwegen trösten wird. Wenn ihr etwas leidet, so wißt ihr doch warum? Aber dem armen Pedrillo, der bey allen schlimmen Abentheuern das meiste davon trägt, gibt niemand kein gutes Wort darum. Sey es! Ich will mich nicht beschwehren, ob mir gleich die verdammten Bengel den Rücken so weich geschlagen haben als den Bauch; es ist nun einmal mein Schicksal; wenn ihr nur wieder zufrieden seyn wollt, so will ich mit Eu. Gnaden aushalten, so lang GOtt will, und ich noch eine Rippe habe, die ich mir in euerm Dienst entzwey schlagen lassen kan.

Diese Vorstellungen, denen das gute Herz des Pedrillo keinen geringen Nachdruck gab, und die Gewißheit, daß die Princeßin noch lebe und in Freyheit sey, würkten nach und nach so kräftig auf unsern Helden, daß er sich wieder faßte, und dem Pedrillo für die Ergebenheit, die er gegen ihn zeigte, sehr verbindliche Dinge sagte, mit der Versicherung, daß er, wenn er noch glücklich genug seyn sollte das Ziel seiner Wünsche zu erreichen, seine erste Sorge seyn lassen wollte, ihn für seine Treue und für alles Ungemach, so er ihm zuliebe ausgestanden, so reichlich zu belohnen, daß ihm nichts zu wünschen übrig bleiben sollte. Diese tröstlichen Versprechungen, so wenig auch die dermaligen Umstände zu ihrer Erfüllung Hofnung machten, erfreuten den dankbaren Pedrillo so sehr, daß er der empfangnen Schläge auf einmal vergessen hätte, wenn sein Rücken nicht so unhöflich gewesen wäre, ihn alle Augenblicke daran zu erinnern.

Indessen bot er doch allen seinen Kräften auf, um seinen Herrn wieder aufzumuntern, und nachdem er den schattigsten Platz am Flusse ausgesucht hatte, so wurde beschlossen, sich so lange da aufzuhalten, bis sie sich völlig erhohlt haben würden.

Don Sylvio fühlte den Schmerz das Bildniß seiner Geliebten verlohren zu haben, allzustark, als daß er andre Schmerzen hätte fühlen können; er fieng alle Augenblicke an, neue Klagen anzustimmen, und es währete ziemlich lang, bis ihn das Beyspiel des Pedrillo und sein eigener Hunger vermögen konnten, den Vorrath aufzehren zu helfen, der sich noch im Zwerchsack fand. Es war unter anderm noch eine Flasche Malaga vorhanden, die ihnen in so betrübten Umständen sehr zu statten kam, und in kurzer Zeit den ehrlichen Pedrillo so guten Humors machte, daß er nicht leiden konnte, seinen Herrn mit einer so trostlosen Mine da sitzen zu sehen. Herr Don Sylvio, sagte er, im Unglück muß man Muth haben. Sapperment; Es ist keine Kunst zufrieden zu seyn, wenn euch alles nach Wunsch und Willen geht.

Nur herzhaft, gnädiger Herr! Ein feiges Herz freyt keine schöne Frau. Das Glück ist kugelrund; heute mir, morgen dir, heut Regen, Hagel und Prügelsuppen, morgen Sonnenschein, Freude und Wohlleben. Es ist die Welt, pflegte meine Großmutter zu sagen, jeder Tag hat seine eigene Plage; aber es wird alles besser, wenn man nur der Zeit erwarten kan; Zeit bringt Rosen, und man redt so lange von der Kirmeß, bis sie kommt. Es ist mir, ich seh es schon, wie froh ihr seyn werdet, wenn wir einmal unsere Princeßin haben, aber nicht mehr als einen elenden Schmetterling, versteht sich, sondern in Lebensgrösse, wie sie aus Mutterleibe gekommen ist, ich will sagen, als eine würkliche Princeßin, versteht ihr mich, mit einer reichen goldnen Krone auf dem Kopf und in einem langen Talar; über und über mit Perlen und Carfunkeln besetzt, daß sie wie die helle Sonne glänzen wird. Hey sa! da wirds zugehen! da wird der Himmel voller Geigen hangen; da werden wir alle Tage Feyertag haben, und essen und trincken, und tanzen und springen, und lachen und fröhlich seyn, daß die Carabossen und Fanferlüschen vor Neid bersten möchten, wenn sie uns so lustig sehen. Nur gutes Muths, sag ich! Sapperment, wenn wir die Princeßin selbst haben, was bekümmern wir uns um ihr Bild. So dächte ich, wenn es meine Sache wäre. Zudem so wollt ich gleich schwören, daß der grüne Zwerg euer Kleinod so wenig gesehen hat, als die achtzigjährige Jungfer, der er die Zähne ausstochern soll. Ich hatte meine Augen weit genug offen, und ich sehe GOtt Lob! noch wohl, daß eine Mistgabel kein Ohrlöffelchen ist. Die Nymphe war ein Grasmensch, gnädiger Herr, ein Kühmensch, das weiß ich so gewiß, als ob ich sie selbst gemacht hätte. Und wenn ihrs nicht glauben wollt, so ist bald ein Mittel da, hinter die Sache zu kommen, das Dorf kan nicht hundert Meilen von hier seyn, wo sie zu Hause ist. Wir wollen diesen Abend noch hingehen, und von Thür zu Thür suchen, bis wir sie gefunden haben; sie muß das Kleinod wieder herausgeben, oder es müßte keine Justiz mehr im Lande seyn.

Aber wenn es so wäre, sagte Don Sylvio, woher käme die wunderbare Uebereinstimmung zwischen dieser Begebenheit und meinem gestrigen Traum?

Gnädiger Herr, antwortete Pedrillo, ich erinnere mich euers Traums noch so wohl, als ob ich ihn selbst geträumt hätte; aber ich kan die Uebereinstimmung nicht finden, die ihr darinn seht. Wo ist denn hier die Sylphide, die euch erschien, und wo ist der Rosenwagen mit zwölf rubinenen Paradieß-Vögeln, der euch in die bezauberte Insel führte? das ist doch ein Haupt-Umstand, der hier gänzlich mangelt. Und dann sagtet ihr, die Nymphe habe den blauen Schmetterling an einem goldnen Faden flattern lassen, das trift wieder nicht ein, denn der Faden, den die Gras-Nymphe dazu brauchte, war ein grober hanfener Faden, womit sie, denk ich, die Löcher in ihrem Hemde hatte stoppen wollen; und sie hätte meiner Six, wohl daran gethan, denn die blosse Haut guckte ihr allenthalben hervor; ich will nicht ehrlich seyn, wenn sie nicht so schwarz wie Erde war, und ich habe doch mein Tage gehört, daß eine Nymphe lauter Lilien und Rosen ist. Doch sie mag gewesen seyn was sie will, so viel weiß ich gewiß, daß wir die Schläge, die uns die groben Lümmels gaben, gewiß nicht im Traume gekriegt haben – – doch, das ist nun vorbey, und zu geschehenen Dingen muß man das beste reden. Auf die Gesundheit der Princeßin, wo sie auch seyn mag! Ich hoffe, sie wird es uns seiner Zeit auch entgelten lassen, daß wir so viel um ihrentwillen ausgestanden haben.

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