Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
Schließen

Navigation:

Zweytes Capitel.

Ein Beyspiel, daß ein Augenzeuge nicht allemal so zuverläßig ist, als man zu glauben pflegt.

Pedrillo weckte also seinen schlafenden Herrn, aber unglücklicher Weise in einem Augenblick, da er in dem angenehmsten Traum begriffen war, den sich ein platonischer Liebhaber, als der Liebhaber eines Schmetterlings ist, nur immer wünschen konnte.

Unglückseliger, rief der erwachende Don Sylvio, aus was für einem Traum weckst du mich?

Sapperment, Herr Don Sylvio, schrie Pedrillo, es ist jetzt die Frage nicht von Träumen, es sind ganz andere Dinge auf dem Tapet. Aber ich bitte euch, mein lieber Herr, wenn ihr anders noch ein Fünckchen christlicher Liebe für den armen Pedrillo habt, so sagt mir vor allen Dingen, ob ich würklich Pedrillo bin oder nicht? Denn, meiner Six, es ist nicht alles wie es sollte, – – ich will geprellt seyn, wenn ich meiner leiblichen Mutter auf ihr blosses Wort glaubte, daß ich meines Vaters Sohn sey.

Was für eine Tollheit kommt dich an, fragte Don Sylvio, den diese Reden in Verwunderung setzten – – was für Ursachen hast du zu denken, daß du ein anderer seyst als du selbst?

Sagt mir nur erst, ob ichs bin, erwiederte Pedrillo, die Ursachen werden seiner Zeit schon nachkommen; wir wollen erst den Hauptpunct ausmachen; seyd so gut und antwortet mir nur indirecte auf meine Frage, denn ihr werdet sehen, daß mehr daran liegt als ihr euch jetzt einbildet.

Alberner Junge, sagte Don Sylvio lächelnd, du bist zwanzig Jahre lang immer Pedrillo gewesen, warum solltest du es nicht noch seyn?

Seht mich recht an, gnädiger Herr, betrachtet mich von vorn und hinten, und sagt mir die Wahrheit, so wahr ihr ein Edelmann seyd.

So wahr ich ein Edelmann bin, antwortete Don Sylvio, du bist Pedrillo, oder du bist ein Esel, eines von beyden ist gewiß – – – –

Ein Esel? – – Hier sind meine Ohren, Herr; es stecken, denck ich, unter mancher Doctor-Mütze längere, und wenn ich so gewiß Pedrillo bin, als ich kein Doctor – – kein Esel, wollt ich sagen, bin, so geht alles wie es gehen soll. Die Wahrheit zu sagen, Herr, ich hatte selbst so eine Ahnung, so eine Art von Reprehension, daß es nicht wohl anders seyn könne, als wie ihr mich versichert; aber wenn einem solche seltsame Dinge begegnen wie mir, so wär es kein Wunder, wenn einer endlich seinen eigenen Namen darüber vergäße.

Und was ist dir dann begegnet, fragte Don Sylvio? Mach es kurz, wenn ich bitten darf.

Herr, antwortete Pedrillo, das läßt sich nicht in einem Augenblick sagen; ein weiser Mann kan in einem Athemzug mehr fragen, als ein Narr in einem ganzen Tag beantworten kan. Wenn ihr mir Zeit lassen wollt, so will ich euch alles haarklein erzählen; denn, meiner Six; es ist mir, ich sehe sie noch vor mir, mit ihren grossen braunen Augen, und mit der allerliebsten schelmischen Mine, womit sie mich seitwärts anlachte, wie sie wieder aufsitzen wollte. Sterb ich, wenn mir nicht war, als ob sie mein Herze an einem Bindfaden hinter sich her zöge! Ihr werdet über mich lachen, Herr; aber ich will nicht ehrlich seyn, wenn ich den Maulesel, auf dem sie saß, nicht mit neidischen Augen ansah.

Mißbrauche meine Gedult nicht länger, sagte Don Sylvio, der von allem diesem Gewäsche nichts begrif; erzähle mir ordentlich und von Anfang an, was dir begegnet ist, seit dem ich eingeschlafen bin.

Gut, gnädiger Herr, das will ich auch, wenn ihr nur Gedult haben könnt; denn, wie ich sagte, ich habe euch so viel zu erzählen, daß ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, ob ich gleich so voll davon bin, daß alles auf einmal heraus platzen möchte. Aber weil ihr verlangt, daß ich die Sache von Anfang an erzählen soll, so wisset also, Herr, daß ihr noch nicht lange eingeschlafen waret, als mich ein oder zweymal ein so entsetzliches Gähnen ankam, daß ich dachte, ich würde den ganzen Abend nicht damit fertig werden. Ich merkte daraus, daß sich der Schlaf bey mir anmelden wolle; aber weil ich mir vorgesetzt hatte, bey Eu. Gnaden zu wachen, so wehrte ich mich so gut ich konnte, und that, um mich munter zu erhalten, noch zwey oder drey Züge aus der Flasche; vielleicht mochten es viere gewesen seyn, ich kan es so eigentlich nicht sagen! Kurz, die Flasche wurde endlich leer, ohne daß ich muntrer wurde; die Auglieder fielen mir alle Augenblicke zu, und dann gähnte ich wieder, und so capitulirten wir so lange mit einander, der Schlaf und ich, – – – –

O! wahrhaftig, rief Don Sylvio, wenn du so erzählen willst, so wird dein und mein Leben nicht zureichen, biß du fertig bist. Du hast geschlafen, gut, und da bist du wieder aufgewacht, oder sind dir die wunderbaren Dinge im Schlaf begegnet, die du mir erzählen wolltest?

Im Schlaf? Nein wahrlich, Herr, damals wie ich die Erscheinung hatte, war ich schon wieder aufgewacht, wie ich euch gesagt haben würde, wenn ihr mich nur hättet fortreden lassen. Denn wenn ich die Sachen der Ordnung nach sagen soll, so muß doch eins auf das andere folgen. – – – –

Ohne Zweifel, sagte Don Sylvio, aber must du deßwegen alle diese nichts bedeutenden Umstände mit dazu nehmen, wodurch deine Erzählung so schleppend und einschläfernd wird, als ein altes Kunkel-Stuben-Märchen? Du hast geschlafen, und bist wieder aufgewacht, das ist das ganze Geheimniß; und das hättest du mit dreyen Worten sagen können. Nun weiter – – – –

Ja freylich, zum Henker, nun weiter, wenn ihr mich alle Augenblicke aus dem Concept bringt, da soll ichs gleich wieder finden – – Wo bleib ich? – – Ja, bey meinem einschlafen – – – –

Du bist ja schon wieder aufgewacht – – – –

Man muß doch vorher einschlafen, ehe man wieder aufwachen kan? Aber weil ihrs so haben wollt, so sey es dann! ich wachte also wieder auf, wie ihr sagtet, und die Wahrheit zu gestehen, ich würde vielleicht noch schlafen, wenn mich nicht eine gewisse Nothwendigkeit – – ein gewisses – – ich weiß nicht wie ichs sagen soll, daß es nicht gar zu unhöflich heraus komme, aber dem Gelehrten, sagt das Sprüchwort, ist gut predigen – – Kurz, eine gewisse Angelegenheit, die man durch keinen Procurator verrichten kan, – – ihr versteht mich ja? – – – –

Unvergleichlich, Pedrillo, mache nur, daß du bald wieder davon kommst.

Ein jedes Ding will seine Zeit haben, sagt Salomon. Kurz, und gut, es war ein Geschäfte, daß der Corregidor von Xelva, und der König selbst gerade auf die nehmliche Art verrichten muß wie der ärmste Bauerjunge – – Und in der That, ich habe schon oft gedacht, wenn grosse Herren und Damen der Sache recht nachdenken wollten – – – – und es brauchte eben nicht viel Kopfverbrechens – – – – es könnte ihnen ein gut Theil von der hohen Einbildung benehmen, als ob sie wer weißt wie viel besser seyen, als wie andre gemeine Leute, wenn sie zum Exempel dächten, – – ich will es aus Respect vor Eu. Gnaden nicht heraus sagen; aber es ist doch gewiß, daß sie weder Bisem noch Ambra machen, und wenn mans beym Licht besieht. – – – –

Pedrillo, Pedrillo, rief Don Sylvio lachend, wenn du ins moralisiren hinein kommst, so kanst du das Ende nicht wieder finden. Ueberhüpfe immer die erbaulichen Sachen, die dir bey Gelegenheit, daß du deine Nothdurft verrichtet hast, beygefallen sind. – – – –

Ha, nun habens Eu. Gnaden selbst gesagt, das war in der That nicht verblümt gegeben; ich hätte mich nimmermehr unterstanden, die Sache so deutsch heraus zu sagen, aber da es nun einmal heraus ist, so will ich jetzt ohne weitere Präscription oder Circumherumschweiffung sagen, daß ich, nachdem ich die Natur erleichtert hatte, welches, im Vorbeygehen zu sagen, hinter einem dichten Gebüsche, fünfzig oder sechzig Schritte weit von dem Orte, wo ihr schlieft, geschah – – – –

Pedrillo, mein Freund, unterbrach ihn Don Sylvio, ich sehe, daß du in der Laune bist, mich zur Verzweiflung zu treiben. Aber fahre immer fort, weil es nun einmal mein Schicksal ist, daß ich durch die Gedult, die ich mit deiner mördrischen Waschhaftigkeit haben muß, zum Märtyrer werden soll – – – – Ich will aushalten, so lang es die Natur ausstehen kan.

Gnädiger Herr, antwortete Pedrillo, es sollte mir von Herzen leid thun, wenn ich Eurer Gnaden Gedult mißbrauchte, aber ihr seht ja wie es geht, ein Wort gibt das andre; man fangt oft bey einer Gansspule an, und hört beym Engel Gabriel auf; und zu dem, so dürfte ich den bewußten Umstand um des folgenden willen nicht vorbey lassen, weil ihr daraus sehen könnt, daß ich gewiß erwacht und bey völligem Gebrauch meiner Sinnen war. Aber wir wollen uns um deßwillen nicht entzweyen; denn weil ich jetzt zur Haupt-Sache komme, so will ich schon desto kürzer seyn.

Vortreflich, Pedrillo, nur keine weitere Entschuldigungen.

Wisset also, mein lieber Herr, daß wie ich wieder hinter meinem Busche hervor kam, und gehen wollte, und sehen was ihr machtet, da sah ich – – – – rathet einmal, gnädiger Herr, was ich gesehen habe?

Da sahst du in einen Bach, und da sahst du den albernsten, dummsten, unverschämtesten, langweiligsten, abgeschmacktesten Schurcken von einem Esel, der seit Bileams Zeiten jemals auf zwey Beinen gegangen ist, nicht wahr?

Ihr habt es nicht getroffen, Herr; aber ich will gehangen seyn, wenn ihrs nicht errathet, so bald ichs euch sage – – – – eine Fee sah ich, eine Fee, aber die schönste, feenmäßigste Fee, die man nur an einem Sommertag sehen mag, und die gewiß, wenn sie nicht die Frau Rademante selbst gewesen ist, schöner und glänzender war als alle eure Bellinen, Scharmanten, Amaranten und Rademanten zusammen genommen.

Eine Fee, sagst du, und woher wußtest du, daß es eine Fee war?

Woher ichs wußte? Sapperment, Herr, glaubt ihr denn daß ich gar nichts wisse? ich sollte schon so lang in eurem Dienste seyn, und nicht wissen was eine Fee ist? wenn es keine Fee war, so sagt, Pedrillo sey ein Stockfisch, und laßt mich wässern und pläuen wie einen Stockfisch, bis es genung ist. Ich sag euch, Herr, ihr Gesicht glänzte, als ob es aus einem einzigen Carfunkelstein geschnitten wäre – – – – es wurde auf drey oder vier Meilen um sie herum so heiter, als ob ein halb dutzend Sonnen am Himmel wären – – – – Wenn das keine Fee war, so könnt ihr kecklich alle eure Feen-Märchen ins Feuer werfen und sagen, daß nie keine Fee gewesen ist, noch seyn wird, so lange man Suppen mit Löffeln gegessen hat, und wenn es GOtt gefällt, auch noch künftig essen wird.

Gut, gut, wo sahst du denn die Fee, und was machte sie?

Was sie machte? Sapperment, sie schaute euch an, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sie euch anschaute; nicht anders, als ob man das Sehen bald verbieten würde; sie stund ganz hart an euch, und bückte sich ein wenig, und sah euch immer wieder an, daß es eine rechte Lust war zuzusehen.

War sie allein?

O! das ist eben der Haupt-Umstand, wenn sie allein gewesen wäre, so würde ich nicht so viel Wesens von ihr machen; aber sie hatte eine andere kleine Fee oder Nymphe, oder ein Sylphen-Mädchen, oder wie ihrs heissen wollt, bey sich, das allerdrolligste holdseligste kleine Ding, das ihr in eurem Leben gesehen habt.

Wie sah sie denn aus? Beschreibe sie mir einmal, ob ich vielleicht errathen kan, wer es war?

Wie gesagt, Herr, ein liebliches kleines Ding, beerschwarze Haare – – – –

Ich frage, wie die Fee aussah, rief Don Sylvio.

Was ich sage, Herr, wunderartig, nicht zu fett und nicht zu mager, aber frisch und saftig wie eine Morgenrose; ein Gesicht wie Milch und Blut, und einen Halß – – und Arme – – ich kans euch nicht beschreiben, wie mir dabey zu Muthe war, aber das schwör ich euch, die Frau Beatrix ist nur eine Meerkatze gegen sie; ich schämte mich recht, daß ich so dumm gewesen war, und mit einer solchen alten, abgestandenen Runkunkel gelöffelt hatte; aber ohne Wissen, ohne Sünde; wenn ich diese hätte voraus sehen können – – – –

Ich will, daß du mir von der Fee reden sollst, und du redst mir immer nur von ihrem Mädchen?

Potz Herrich! von was sollt ich auch sonst reden, gnädiger Herr, sie ließ mir keine Zeit, die andre recht anzusehen; Ihr hättet sie nur sehen sollen! Sapperment, ich hätte den ganzen langen Tag da stehen und sie angaffen wollen, ohne daß ichs müde geworden wäre.

Nun, gut dann! aber die Fee – – – –

Die Fee? Ja, was die Fee anbelangt, die stand eben da, wie ich sagte, und schaute euch an, ich kan eben nicht viel von ihr sagen, denn, wie ich sagte, das kleine Ding war immer in Bewegung, und ich sah alle Augenblicke wieder etwas an ihr, das mich aus dem Concept brachte; ich sagte euch ja gleich anfangs, daß es eine überaus schöne Fee war; ich denke, die Diamanten und Carfunkelsteine, die sie an sich hängen hatte, waren wohl zwey oder drey Königreiche werth, und sie gaben einen Glanz von sich, daß man sie nicht lang ansehen konnte; aber die kleinere – – – –

Gut, gut; sprachen sie denn nichts mit einander? Hörtest du nichts? Was sagte die Fee?

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.