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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Zwölftes Capitel.

Ein weiblicher Dialogus.

Sie sind ungewöhnlich tiefsinnig, gnädige Frau.

Tiefsinnig?

Wenn sie es nicht ungnädig nehmen wollen, und bey nahe schwermüthig, wenn sich ein so verdrießliches Wort für ein Gesicht schickte, worinn selbst der Unmuth reitzend ist.

»Ich weiß nicht, was du damit sagen willst; mich däucht ich bin so aufgeräumt, als ich es diesen ganzen Tag gewesen bin.«

Nicht ganz so aufgeräumt, gnädige Frau.

»Warum sollt ichs denn nicht seyn, wenn man fragen darf?«

Das weiß ich nicht; aber mich däucht, ich hörte eben jetzt einen kleinen Seufzer – – – –

»Einen Seufzer?«

Ja, aber nur einen kleinen, so eine Art von Seufzern, wie ein Mädchen von vierzehn Jahren seufzt, wenn sich ein hübscher junger Liebhaber um ihre ältere Schwester bewirbt.

»Du hast unverschämte Gleichnisse, Mädchen; du verwandelst einen armen unschuldigen Athemzug in einen Seufzer, um einen Einfall anzubringen, auf den du dich seit einer ganzen Viertelstunde besonnen hast.«

Ich danke Ihro Gnaden für das Compliment, das sie meinem Witz machen; aber weil sie weder tiefsinnig aussehen noch geseufzt haben wollen, ob sich gleich noch manches dagegen einwenden liesse, so wollen wir von etwas anderm reden, wenn es Ihnen beliebt.

»Ich bin diesen Abend nicht sehr zum Plaudern aufgelegt;«

Es war ein recht angenehmer Ort, wo Ihro Gnaden diese Rosen brachen, welche, die Wahrheit zu sagen, (denn ich bin kein Poet) bereits an Ihrem Busen zu verwelcken anfangen – – es war ein recht angenehmer Ort!

»Das war es.«

Ein recht poetischer Ort, in der That, und ich hoffe, es hat Ihre Gnaden nicht gereut, daß Sie da abgestiegen sind – – ungeachtet des kleinen Endymions, den wir da schlafend gefunden haben. Gestehen sie, gnädige Frau, daß man in Valencia nichts so schönes sieht.

»Du sprichst mit einer Lebhaftigkeit von ihm, die mich bey nahe glauben macht, daß du verliebt seyst.«

Vielleicht könnten Ih. Gnaden das eher von mir glauben, wenn ich nichts von ihm sagte.

»Ich verstehe dich; du magst dir aber einbilden, was du willst, so kan ich doch nicht sagen, daß er mir so übernatürlich schön vorgekommen sey, als du ihn machst.«

Uebernatürlich schön? das wollt ich eben nicht sagen, denn ich verstehe mich nicht viel auf übernatürliche Sachen; aber das werden sie doch zugeben, daß er weit schöner ist als Don Alexis, der doch in Valencia eine so wichtige Person vorstellt, daß die Damen nicht warten können, bis er sich ihnen anträgt, und daß, (Donna Felicia von Cardena ausgenommen,) keine ist, die nicht dafür angesehen seyn wollte, ihn wenigstens ein paar Tage gehabt zu haben.

»Schöner als Don Alexis, sagt nicht so viel als du meynst; ich habe ihn nie für etwas anders gehalten als für einen abgeschmackten kleinen Gecken, dessen gröstes Verdienst ist, daß er weiche Hände und weisse Zähne hat, und daß er uns, mit aller nur möglichen Einbildung von sich selbst, eine ungeheure Menge plattes Zeug vorzuschnarren weißt.«

Auch weiß ich selbst nicht, warum mir gerade dieser Don Alexis in den Sinn kam; denn in der That, ich habe nie begreiffen können, was unsre Damen an ihm sahen. Er mag sich in Acht nehmen; wenn unser Don Sylvio in Valencia auftreten sollte, so wird ihm nicht einmal so viel Verdienst übrig bleiben, als er braucht, um ein armes zärtliches Kammer-Mädchen-Herz zu verführen.

»Ich weiß nicht, mit was für Augen du diesen Don Sylvio, wie du ihn nennst, angesehen haben must; ich gesteh es, er kam mir liebenswürdig vor, aber so sehr schön als du sagst – – – –

Ihre Gnaden haben das rechte Wort gebraucht, liebenswürdig, das ist das Wort, das wollt ich eben sagen; denn in der That, was seine Schönheit betrifft, daran ließ sich vielleicht manches aussetzen. Blondes Haar – – – –

»Castanien-braun, willt du sagen – –

Nun ja, Castanien-braun, aber weil er eine so überaus feine Farbe hat, eine Frauenzimmermäßige Farbe, möchte man sagen, so würde blondes Haar, däucht mich – – – –

»Und mich däucht, die Natur habe das besser gewußt als du; sein Haar steht würklich ungemein gut zu seiner Gesichts-Farbe.«

Aber ich denke, er sollte doch mehr männliches in seinem Gesicht haben; Ich stehe Ihnen davor, wenn man ihn in ein Mädchen verkleidete, Donna Leonora von Zuniga selbst, die gewiß eine Kennerin von Mannspersonen ist, würde betrogen werden.

»Gut, er ist kein Hercules, das ist ausgemacht; aber ungeachtet der vollkommenen Feinheit und Regelmäßigkeit seiner Züge, finde ich doch, daß er etwas grosses und heroisches in seiner Bildung hat, das du nothwendig bemerckt haben solltest, da du ihn, wie es scheint, so genau betrachtet hast.«

In der That scheint es, daß ihn Ih. Gnaden in einem einzigen Augenblick richtiger betrachtet haben, als ich in einer Viertel-Stunde. Aber was sagen sie zu seinem Munde? Ich gestehe, daß er schön ist, aber doch ein wenig zu klein, däucht mich – – – –

»Ich möchte nur wissen, warum du affectirst, gerade das an ihme zu tadeln, was er würcklich schönes hat.«

Ich bitte Ih. Gnaden um Vergebung, ich rede nur, wie es mir vorkommt, und wenn ich nicht besorgte, Ih. Gnaden zu mißfallen – –

»Mir zu mißfallen? Ich glaube du bist nicht klug; Aber wenn ich die Wahrheit sagen soll, so bin ich selbst nicht viel klüger, daß ich deinen tollen Einfällen so viel Gehör gebe. Was bekümmert uns das, ob Don Sylvio schön ist, oder wie schön er ist. – – – –

Das ist auch wahr; genug, daß er liebenswürdig ist, das ist doch immer der Punct, worauf alles ankommt. Mich däucht, ich habe irgendwo gelesen, das uns nichts so schön vorkommt als was wir lieben.

»Wenn das ist, so müßtest du sehr in diesen Unbekannten verliebt seyn; denn wenn man dich hört, so ist der Vaticanische Apollo von keiner untadelichern Schönheit als Don Sylvio.

Er hat wenigstens den Vorzug vor ihm, daß er Athem hohlt, und das ist nach meiner geringen Einsicht, ein grosser Vorzug.

»Wir wollen einmal aufhören zu tändeln. Sage mir einmal Laura, erinnerst du dich noch, was dieser Pedrillo, oder wie er sich nannte, uns von ihm sagte.

Wenn man diesem Burschen glauben dürfte, so wäre unser Unbekannter von gutem Hause, ein Sohn von Don Pedro von Rosalva, von dem ich Ih. Gnaden Herrn Vater öfters als von einem wackern Officier sprechen hörte. Aber wenn ich meine wahre Meynung sagen soll, so glaube ich, Herr Pedrillo könnte mehr gesagt haben, als er jemals wird beweisen können.

»Nun ja, das Ansehen kan betrügen, denn das ist vollkommen auf seiner Seite; aber deine Ursachen, wenn ich bitten darf?

Wenn wir dem Pedrillo, der mir die Mine eines schnackischen Gesellen hat, glauben sollen, so müssen wir auch glauben, daß Don Sylvio in einen Schmetterling verliebt ist, daß er, der Himmel weißt, was für einen Zwerg zu einem Nebenbuhler hat, und eine gewisse Fee zur Beschützerin, durch deren Beystand der Schmetterling in eine Princeßin verwandelt werden soll, und so weiter. Das ist nun alles toll genug, däucht mich. Das ärgste ist, daß der Bauer-Junge alles diß abgeschmackte Zeug mit einer so verwünschten ehrlichen Schaafs-Mine vorbrachte, mit einem so trostlosen Ton der Aufrichtigkeit, daß uns alle Hofnung benommen ist, er möchte es nur zum Spaß gesagt haben. Das ist verzweiffelt!

»Ich gestehe dir, Laura, und warum sollt ich dir ein Geheimniß daraus machen? ich intereßire mich für diesen jungen Menschen. Er müßte verrückt sein, wenn Pedrillo die Wahrheit gesagt hätte.

Und Pedrillo müßte noch verrückter seyn, gnädige Frau, denn man kan nicht gelassner von den alltäglichsten Dingen reden, als er von Sommervögeln, Zwergen, Feen, Princeßinnen und Marquisaten spricht.

Es ist etwas unbegreifliches in allem diesem. Aber so viel läßt sich doch aus dem verworrenen Geschwätze des Dieners errathen, daß sich Don Sylvio um einer Liebes-Angelegenheit willen von Hause weggestohlen hat; der Bursche erwähnte einer alten Tante, die vermuthlich seiner Liebe Hindernisse in den Weg legt; vielleicht ist er darüber närrisch worden. Eine heftige Leidenschaft kan durch einen unvorsichtigen Widerstand zu seltsamen Ausbrüchen getrieben werden.

Das ist gewiß, zumal da ohnehin nichts leichters seyn soll, als daß Liebe und Vernunft Händel mit einander kriegen, aber wenn wir nicht voraus setzen, daß Pedrillo eben so verliebt und eben so toll ist als sein Herr, so haben wir mit unsrer Hypothese nichts gewonnen. Ich habe einen wunderlichen Einfall, gnädige Frau, aber er kan doch immer gut seyn, bis wir einen bessern haben. Es ist ein so schwermüthiger Gedancke, wenn wir uns einen so liebenswürdigen jungen Cavalier verrückt vorstellen sollen! In der That, es wäre ein Gedanke, der des Seufzers wohl werth wäre, der ihnen jetzt entgangen ist – – Dieses mal wenigstens gestehen sie es nur, daß sie geseufzt haben; es war einer von den Seufzern, die sich nicht verläugnen lassen; ich sah ihm von seiner Empfängniß an zu, wie er sich aus ihrem schönen Busen allgemach empor arbeitete, bis zu dem Augenblick, da er, zwischen ihren halb geöfneten Lippen hervor schlüpfend, in Gestalt eines kleinen Amors davon flog.

»Närrisches Ding; – – Aber was war denn das für ein Einfall, den du mir sagen wolltest?

Ich bilde mir ein, Don Sylvio könnte mit Erlaubniß, ein wenig närrisch seyn, ohne daß er gerade das seyn müßte, was man rasend heißt; kurz, er könnte mit einer Art von Narrheit oder Schwärmerey, oder wie mans nennen will, behaftet seyn, die ihn nichts desto unwürdiger machte, einer jeden Dame, die ihn unter einem so anmuthigen Rosengebüsche schlafen gesehen hatte, liebenswürdig vorzukommen.

»Ich merke, Mädchen, du hast dir in den Kopf gesetzt, daß ich nothwendig in ihn verliebt seyn müsse – – aber darüber wollen wir jetzt nicht disputiren. Und worinn soll denn diese Schwärmerey bestehen?

Mich däucht, er könnte eine Art von einem jungen Don Quixotte seyn, der, nach Pedrillos Ausdruck, auf der Feerey, wie der Ritter von Mancha auf der irrenden Ritterschaft herum zöge. Wär es so etwas unbegreifliches, daß ein junger Mensch von lebhafter Gemüths-Art, der die Welt nie gesehen hat, und in seinem Dorfe nichts fand, das der Zärtlichkeit seines Geschmacks ein Genügen hätte thun können, durch das Lesen der Romanen und Feen-Märchen auf den wunderlichen Einfall gerathen wäre, die Feen und die bezauberten Palläste mit allen ihren Drachen, Zwergen, Popanzen und blauen Centauren für würkliche Dinge zu halten?

»Es wäre eine seltsame Art von Schwärmerey, und doch, däucht mich, ich begreiffe, daß sie möglich seyn könnte. Aber was sollen wir in diesem Fall aus seiner Liebe zu der Princeßin machen, die in einen Sommervogel verwandelt ist?

Ich wette gleich was man will, gnädige Frau, diese Princeßin ist weder mehr noch weniger als ein hübsches Bauermädchen, das ihm in die Augen gestochen hat; seine bezauberte Phantasie hat sie zuerst zu einer Princeßin erhöht, und endlich mit Hülfe eines gelben Zwergs, oder einer bucklichten Magotine in einen Papilion verwandelt, und es wird sonst nichts nöthig seyn, als daß er eine junge Dame zu sehen bekommt, die seiner lebhaften Einbildungs-Kraft genug thut, so wird seine Geliebte, ohne Zauberstab und Talisman, in einem Augenblick wieder ihre erste Gestalt bekommen, und mit Pedrillo zu reden, zwar nicht in eine Princeßin, aber doch in ein Bauer-Mädchen zurück metaphrasirt werden.

»Ich gestehe dir, Laura, daß meine Neugierigkeit rege gemacht ist, es reuet mich jetzt, daß ich nicht wartete, bis er erwachte.

Weil er nur wenige Meilen von uns wohnt, so wird es nicht schwer seyn, Nachrichten einzuziehen, die uns aus dem Wunder helfen können. Und wer weißt, ob die Kobolte, die sich mit seinem Schicksal abgeben, ihn nicht eben so gut nach Lirias führen können, als sie uns heute in dieses Rosengebüsche geführt haben, welches, so wahr ich ein Mädchen bin! der bezauberten Laube einer Feen-Königin so ähnlich sah, als ich in meinem Leben was gesehen habe.

Indem Laura dieses sagte, waren sie in dem innern Schloß-Hofe zu Lirias angelangt, wo wir die Freyheit nehmen wollen uns von ihnen zu beurlauben, um zu sehen, was indessen aus dem Helden unsrer Geschichte geworden ist, den wir, so angenehm uns auch die Gesellschaft der Donna Felicia seyn mag, ohne strafwürdige Nachläßigkeit nicht länger aus den Augen lassen können.

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