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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Zehendes Capitel.

Wer die Dame gewesen, welche Pedrillo für eine Fee angesehen.

Pedrillo, den wir von nun an, oder eigentlicher zu reden, von dem Augenblick an, da ihn die reitzende Laura zum erstenmal angelächelt hatte, als einen Menschen betrachten müssen, von dem ohne Unbilligkeit nicht gefordert werden kan, daß er diejenige Gegenwart des Geistes zeigen soll, wodurch einer, der bey sich selbst ist, sich zu unterscheiden pflegt; Pedrillo, sage ich, hatte die beyden Damen, die ihm in dem vorigen Capitel erschienen, schon eine geraume Zeit aus dem Gesicht verlohren, ehe es ihm einfiel, daß er nicht übel gethan hätte, sich zu erkundigen, wie sie hiessen, oder wo man sie erfragen könnte.

Weil es aber eben so wenig billig wäre, wenn unsre Leser, die vermuthlich nicht verliebt sind, diese Zerstreuung des verliebten Pedrillo entgelten müßten; So halten wir uns verbunden, die Neugier zu befriedigen, die wir uns schmeicheln in ihnen erregt zu haben, indem wir ihnen, ohne die geheimnisvolle Zurückhaltung, womit die Romanen-Dichter uns zuweilen etliche Capitel lang im Zweifel lassen, wer diese oder jene Person sey, mit der sie uns in irgend einem Wirthshauß oder auf der Landgutsche zusammen gebracht haben, jedoch in gröstem Vertrauen, (denn in der That darf Don Sylvio noch nichts davon wissen,) entdecken wollen, wer diese Damen wären, und durch was für einen Zufall sie an den Ort gekommen, wo sie, zum Unglück für die Ruhe ihres Herzens, den schönen Sylvio schlafend und seinen getreuen Achates wachend angetroffen.

Diejenige, welche Pedrillo ihrer Gestalt und ihrer Juwelen wegen für eine Fee angesehen hatte, nannte sich Donna Felicia von Cardena, und befand sich in einem Alter von achtzehn Jahren, die Wittwe von Don Miguel von Cardena, der die Discretion gehabt hatte, ungefehr zwey Jahre nach ihrer Vermählung im siebenzigsten seines Alters zu sterben, und sie als Erbin der unermeßlichen Reichthümer zu hinterlassen, mit deren Erwerbung er beynahe sein ganzes Leben in Mexico zugebracht hatte.

Sie wohnten seit ihrer Vermählung zu Valencia, einer Stadt, die ihrer Schönheit und angenehmen Lage wegen von den Spaniern Vorzugsweise die Schöne genannt wird. Allein so bald Donna Felicia durch den Tod ihres Alten Meisterin von sich selbst wurde, entschloß sie sich, aufs Land zu ziehen, wo sie einem gewissen romanhaften Schwung ihrer Phantasie und ihres Herzens sich ungehinderter überlassen konnte.

Die Poeten hatten bey ihr ungefehr die nehmliche Würkung gethan, wie die Feen-Märchen bey unserm Helden. Wenn dieser seine Einbildungs-Kraft von Verwandlungen, Zaubereyen, Princeßinnen, Popanzen und Zwergen voll hatte, so war die ihrige mit poetischen Gemählden, arcadischen Schäfereyen und zärtlichen Liebesbegegnissen angefüllt; und sie hatte sich den frostigen Armen eines so unpoetischen Liebhabers als ein Ehmann von siebenzig Jahren ist, aus keiner andern Absicht überlassen, als weil die Reichthümer, über welche sie in kurzem zu gebieten hofte, sie in den Stand setzen würden, alle die angenehmen Entwürfe zu realisieren, die sie sich von einer freyen und glücklichen Lebensart, nach den poetischen Begriffen, machte.

Bey einer seltnen Schönheit besaß Donna Felicia alle die Annehmlichkeiten, welche den Mangel der Schönheit ersetzen, und die Schönheit unwiderstehlich machen. Sie spielte die Laute in der äussersten Vollkommenheit, und begleitete sie mit einem Gesang, der desto bezaubernder war, da der blosse Ton ihrer Stimme etwas rührendes und musicalisches hatte, welches nach dem Urtheil des guten Königs Lear, ein vortreffliches Ding an einem Frauenzimmer ist. Sie zeichnete, sie mahlte in Pastell, und damit ihr keine von den Gaben der Musen fehlen möchte, so machte sie auch Sonnette, Idillen, und kleine Sinngedichte, welche nach dem Urtheil ihrer Liebhaber alles übertrafen, was die Sapphos, die Corinnen, und die neun Musen selbst jemals in dieser Art hervor gebracht hatten.

Man kan sich vorstellen, was für eine Revolution der Tod ihres Gemahls in der schönen Welt zu Valencia machen mußte. Alle Damen zitterten für die Treue ihrer Liebhaber, alle jungen Herren rüsteten sich auf eine so glänzende Eroberung; die Poeten machten ganze Wagen voll Stanzen und Elegien im Vorrath, welche sie bey den Liebhabern der schönen Wittwe in billigem Preise anzubringen hofften: Kurz, alle Welt war in Bewegung, diejenige allein ausgenommen, die das Ziel so vieler Anstalten und Absichten war. Ihre Trauerzeit und der Winter waren kaum vorbey, so verließ sie die Stadt, ohne sich zu bekümmern, in was für trostlose Umstände ein so grausamer Entschluß ihre Anbeter setzen werde, und begab sich mit ihrem Bruder nach Lirias, einem schönen Gut, so er in einer der anmuthigsten Gegenden besaß, die man auf dem Erdboden findet.

Sie erwählte sich diesen Aufenthalt, theils, weil sie ihren Bruder sehr zärtlich liebte, theils des Wohlstands wegen. Denn ob sie gleich selbst ein prächtiges Landgut besaß, welches Don Miguel auf ihr Verlangen in der Nachbarschaft von Xelva gekauft hatte; so hielt sie es doch für anständiger, unter den Augen eines Bruders zu leben, zumal, da sie keine nähere Verwandte übrig hatte, und Don Eugenio von Lirias in dem allgemeinen Ruf stund, ein sehr verdienstvoller junger Edelmann zu seyn.

Donna Felicia hatte auf ihrem eigenen Gut eine Art von Schäferey angelegt, aus welcher sie nach und nach ein andres Arcadien zu machen gedachte. Sie setzte sich vor, von Zeit zu Zeit einen kleinen Absprung dahin zu machen, und sie war eben im Begriff in Gesellschaft ihrer vertrauten Laura von einer solchen Spatzier-Reise nach Lirias zurück zu kehren, als sie des Rosengebüsches ansichtig wurde, unter welchem Don Sylvio eingeschlafen war. Der Ort däuchte sie so anmuthig, daß sie abstieg, um etliche Rosen zu brechen, von denen sie, wie alle poetische Seelen, eine grosse Liebhaberin war, und dieses war der Anlaß, wobey sie auf eine so unvermuthete Art durch den Anblick unsers schlummernden Feen-Ritters überraschet wurde.

So poetisch, mystisch oder magisch das Wort Sympathie in den Ohren vieler unsrer heutigen Weisen klingen mag, so kennen wir doch kein anders Wort um eine gewisse Art von Zuneigung zu bezeichnen, die wir (die sämtlichen Kinder von Adam und Even nehmlich) zuweilen beym ersten Anblick für unbekannte Personen empfinden, und welche sich so wohl in ihrer Quelle, als in ihren Würkungen von allen andern Arten der Zuneigung, Freundschaft oder Liebe nicht wenig unterscheidet.

Zum Exempel: Es waren wohl mehr als fünfzig der Liebenswürdigsten jungen Cavaliers in Valencia, die sich alle nur ersinnliche Mühe gaben, das Herz der schönen Felicia zu rühren, ohne daß sie es so weit bringen konnten, daß sie einem unter ihnen den Vorzug vor den Reichthümern des alten Don Miguel gegeben hätte. Einige von ihren Verehrern hatten würklich Verdienste; Donna Felicia ließ ihnen hierüber vollkommene Gerechtigkeit wiederfahren; sie schätzte sie hoch, fand Vergnügen an ihrem Umgang, würdigte sie ihrer Freundschaft, und würde vielleicht, (man merke, mit Erlaubniß, dieses vielleicht) unter gewissen Umständen, in einem gewissen Zeichen des Monds, wenn ein gewisser Wind gegangen wäre, an einem gewissen Ort, zu einer gewissen Stunde und in gewissen Dispositionen, so gar fähig gewesen seyn, für irgend einen unter ihnen, der mehr Lebensart gehabt hätte als der kleine Abbé der Frau von Lisban, eine kleine Schwachheit zu haben; denn, (mit Erlaubniß unsrer schönen Landsmännin) es gibt nach der Meynung des weisen Avicenna, welcher auch der ehrwürdige Pater Escobar in seiner Moral-Theologie beypflichtet, gewisse Augenblicke, wo ein glücklicher Zufall der Tugend ungemein zu statten kommt. Allein es gelang keinem einzigen unter ihnen, und würde auch nach einer längeren Reyhe von Jahren, als die Celadons in der Asträa zu den Füssen ihrer unempfindlichen Göttinnen verseufzen, keinem unter ihnen gelungen seyn, ihr diese ausserordentliche und unerklärbare Empfindung beyzubringen, welche Don Sylvio, ohne sein Zutun, ohne darum zu wissen, schlafend, und beym ersten Anblick in ihr erregte; eine Empfindung, die ihr in dem zehnten Theil eines Augenblicks mehr sagte, als ihr Herz ihr in ihrem ganzen Leben für alle ihre Bewunderer gesagt hatte; Kurz, eine Empfindung, die ihr, wenn der ecstatische Zustand, worinn sie sich damals befand, einige Aufmerksamkeit auf sich selbst erlaubte, ganz deutlich zu verstehen gegeben hätte, daß sie fähig wäre diesem unbekannten jungen Schläfer alle die Reichthümer mit Freuden aufzuopfern, denen sie vor wenigen Jahren die liebenswürdigste Jugend von Valencia aufgeopfert hatte.

Was die eigentliche Ursache einer so seltsamen Würkung, und aller derjenigen sey, wodurch sich die sympathetische Liebe von den übrigen Arten der Liebe unterscheidet, würde eine Untersuchung seyn, die uns zu weit von unsrer Erzählung entfernte, und wir überlassen es unsern Lesern, sich hierüber diejenige Hypothese auszuwählen, die ihnen die anständigste ist. Es mag nun seyn, daß die Seelen solcher sympathetischen Geschöpfe in einem vorherigen Zustande, sich schon gekannt und geliebt haben, oder daß es eine natürliche Verwandtschaft unter Seelen, und wie es ein Englischer Dichter nennt, Schwester-Seelen gibt, oder daß ihre Genii in einem besondern Verständniß mit einander stehen, oder daß eine musicalische Gleichstimmung ihrer Fibern und Fibrillen auf eine mechanische Art diese Würkung hervor bringt: Genug, daß diese Sympathie sich eben so würklich in der Natur befindet, als die Schwere, die Anziehung, die Elasticität, oder die magnetische Kräfte, und daß man es, alles wohl überlegt, der schönen Donna Felicia eben so wenig übel nehmen kan, daß sie, von der magischen Gewalt dieses Geheimnißvollen Zugs bezwungen, sich nicht erwehren konnte, für unsern Helden etwas zu empfinden, das sie noch nie empfunden hatte, als man es einem gewissen Regulo Vasconi übel auslegen konnte, daß er, nach Scaligers Bericht, das Wasser nicht zurück halten konnte, so bald er eine Sack-Pfeiffe hörte.

Wir haben Uns, dieses nicht allzu edlen Gleichnisses, ungeachtet wir besorgen mußten, die Delicatesse unsrer schönen so wohl als häßlichen Leserinnen dadurch zu beleidigen, mit gutem Vorbedacht bedient, weil es, im Fall die künftigen Commentatoren dieser unsrer Geschichte so vorwitzig seyn sollten, unsre wahre Meynung von der Sympathie erforschen zu wollen, dazu dienen kan, ihnen einiges Licht hierüber zu geben. Und nunmehr kehren wir, ohne uns länger mit solchen Subtilitäten aufzuhalten, zu unsern beyden Schönen zurück, welche wir, wie man sich vielleicht noch erinnert, auf dem Rückwege nach Lirias verlassen haben.

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