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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Die Abentheuer des
Don Sylvio von Rosalva

Erstes Buch.

Erstes Capitel.

Character einer Art von Tanten.

In einem alten baufälligen Schloß der spanischen Provinz Valencia lebte vor einigen Jahren ein Frauenzimmer von Stande, die zu derjenigen Zeit, da sie in der folgenden Geschichte ihre Rolle spielte, bereits sechzig Jahre unter dem Namen Donna Mencia von Rosalva sehr wenig Aufsehens in der Welt gemacht hatte.

Diese Dame hatte die Hofnung, sich durch ihre persönliche Annehmlichkeiten zu unterscheiden, schon seit dem Succeßions-Krieg aufgegeben, in dessen Zeiten sie zwar jung und nicht ungeneigt gewesen war, einen würdigen Liebhaber glücklich zu machen, aber immer so empfindliche Kränkungen von der Kaltsinnigkeit der Mannspersonen erfahren hatte, daß sie mehr als einmal in Versuchung gerathen war, in der Abgeschiedenheit einer Kloster-Celle ein Herz, dessen die Welt sich so unwürdig bezeugte, dem Himmel aufzuopfern. Allein, ihre Klugheit ließ sie jedesmal bemerken, daß dieses Mittel, wie alle diejenigen, so der Unmuth einzugeben pflegt, ihre Absicht nur sehr unvollkommen erreichen, und in der That die Undankbarkeit der Welt nur an ihr selbst bestrafen würde.

Sie besann sich also glücklicher Weise eines andern, welches sie nicht so viel kostete, und weit geschickter war die einzige Absicht zu befördern, die bey so bewandten Umständen ihrer würdig zu seyn schien. Sie wurde eine Spröde, und nahm sich vor, ihre beleidigten Reitzungen an allen den Unglückseligen zu rächen, welche sie als Wolken ansah, die den Glanz derselben aufgefangen und unkräftig gemacht hatten. Sie erklärte sich öffentlich für eine abgesagte Feindin der Schönheit und Liebe, und warf sich hingegen zur Beschützerin aller dieser ehrwürdigen Vestalen auf, denen die Natur die Gabe der transcendentalen Keuschheit mitgetheilt hat, und deren blosser Anblick fähig wäre, den muthigsten Faunen zu entwafnen.

Donna Mencia ließ es nicht bey der blossen Freundschaft bewenden, die der nähere Umgang, die Sympathie und die Aehnlichkeit ihres Schicksals zwischen ihr und einigen Frauenzimmern von dieser Classe stiftete, mit denen sie zu Valencia, wo sie erzogen worden war, nach und nach Bekanntschaft gemacht hatte. Sie richtete eine Art von Schwesterschaft mit ihnen auf, die in der schönen Welt eben das war, was die Mönchs-Orden in der politischen sind, ein Staat im Staat, dessen Interesse ist, dem andern allen möglichen Abbruch zu thun, und die sich den Namen der Anti-Grazien erwarben, indem sie mit dem ganzen Reich der Liebe in einer eben so offenbaren und unversöhnlichen Fehde stunden, als die Maltheser-Ritter mit den Musulmannen.

Um ihre Zusammenkünfte auch dem gemeinen Wesen so nützlich zu machen, als sie ihnen selbst angenehm waren, erwählten sie die Beförderung der Tugend und guten Sitten unter ihrem Geschlecht zum Gegenstand ihrer großmüthigen Bemühungen; denn die klägliche Verderbniß desselben war, ihrem Urtheil nach, die wahre und einzige Quelle alles Unheils in der Welt. Sie legten zum Grund ihrer Sittenlehre, daß die Besitzerin eines angenehmen Gesichts unmöglich tugendhaft seyn könne, und nach diesem Grundsatz wurden alle ihre Urtheile über die Handlungen und den moralischen Werth einer jeden Person ihres Geschlechts bestimmt. Ein Frauenzimmer, welches gefiel, war in ihren Augen eine Unglückselige, eine verlohrne Creatur, eine Pest der menschlichen Gesellschaft, ein Gefäß und Werkzeug der bösen Geister, eine Harpye, Hyäne, Syrene und Amphisbäne, und alles dieses und noch etwas ärgers, je nachdem es mehr oder weniger von dem ansteckenden Gifte bey sich führte, welches nach dem System dieser Sittenlehrerinnen eben so tödtlich für die Tugend als schmeichelhaft für die Eigenliebe und verführisch für die armen Mannsleute ist.

In diesem strengen Character hatte sich Donna Mencia bereits über fünfzehn Jahre der schönen Welt zu Valencia furchtbar gemacht, als Don Pedro von Rosalva, ihr Bruder, den Entschluß faßte, Madrit zu verlassen, wo er den Rest eines im Dienst des neuen Königs aufgewandten Vermögens verzehrt hatte, eine Pension nachzusuchen, die er nicht erhielt, und nun, da es zu spät war, nicht wenig bedaurte, daß er ihn nicht lieber angewendet hatte, ein kleines altes Schloß zwo oder drey Stunden von Xelva, das einzige, was ihm von seinen Voreltern übrig war, in einen bewohnbaren Stand zu setzen.

Er hatte von einer Gemahlin, die ihm kürzlich gestorben war, einen Sohn und eine Tochter, deren zartes Alter so wohl als die Regierung seines kleinen Hauswesens eine weibliche Aufsicht erforderte. Er übertrug dieses Amt seiner Schwester, welche leicht zu bewegen war, die Demüthigungen, so sie in Valencia erlitten hatte, gegen das Vergnügen zu vertauschen, die vornehmste Frau in einem Dorfe zu seyn; eine Denkungsart, die sie vielleicht dem grossen Cäsar abgelernt haben mochte, der bey seinem Durchzug durch ein elendes Städtchen in den Pyrenäen seine Freunde versicherte, daß er lieber der erste in diesem armseligen Städtchen, als der zweyte in Rom seyn möchte.

Der Gram über fehlgeschlagene Hofnungen ließ den guten Don Pedro die Annehmlichkeiten der Freyheit und des Landlebens, dessen wahre Vortheile ohnehin seinen Landsleuten noch unbekannt sind, nicht lange geniessen. Er starb, und hinterließ seinem Sohn, Don Sylvio, einen Stammbaum, der sich in den Zeiten des Gargoris und Habides verlohr, ein verfallenes Schloß mit drey Thürmen, etliche Pacht-Höfe, und die Hofnung nach dem Tode der Donna Mencia eine Erbschaft von alten Juwelen, Brillen und Rosenkränzen, nebst einem ansehnlichen Vorrath von Ritterbüchern und Romanen mit seiner Schwester zu theilen.

Don Pedro starb desto ruhiger, da er seinen Sohn, ob er gleich das zehnte Jahr kaum erreicht hatte, in den Händen einer so weisen Dame ließ, als Donna Mencia in seinen Augen war. Denn ihre erstaunliche Belesenheit in Chronicken und Ritterbüchern, und die Beredsamkeit, womit sie ihre tiefe Einsichten in die Staats-Wissenschaft und Sittenlehre bey der Mahlzeit und bey andern Gelegenheiten auszulegen pflegte, hatten ihm eine desto grössere Meynung von ihrem Verstande beygebracht, je weniger seine Martialische Lebensart ihm Zeit gelassen hatte, eine mehrere Kenntniß von dem, was man die polite Gelehrtheit heißt, zu erwerben, als etwan das wenige seyn mochte, was ihm aus seinen Schul-Jahren in einem nicht allzugetreuen Gedächtniß übrig geblieben war.

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