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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Achtes Capitel.

Don Sylvio ermüdet sich über dem Suchen des blauen Schmetterlings, und schläft nach einer guten Feld-Mahlzeit ein.

Da die Absicht des Don Sylvio bey dieser wundervollen Wanderschaft ganz allein war den blauen Sommervogel aufzusuchen; so kan man leicht denken, daß beynahe ein jeder Schmetterling, der ihm in den Weg kam, seine Aufmerksamkeit an sich zog.

Diesesmal schien es, nach Pedrillos Beobachtung, nicht anders, als ob die Fanferlüschen und Caraboße recht mit Fleiß alle Sommervögel der ganzen Welt zusammen getrieben hätten, um sie im Gehölze herum zu sprengen! aus jedem Busche flatterten ihrer ein halb dutzend hervor, und unser Ritter, der alle Augenblick seine Princeßin zu sehen glaubte, setzte sich in den Kopf, daß er nicht ruhen wollte, bis er sie erhascht hatte. Pedrillo mochte fluchen wie er wollte, es half alles nichts, er mußte seinem Herrn Gesellschaft leisten.

Allein nachdem sie ein paar Stunden lang wie die Unsinnigen hin und wieder geloffen, und so müde waren, daß sie sich kaum auf den Beinen halten konnten, so befand sich, daß die verwünschten Schmetterlinge sie nur zum Besten gehabt hatten. Es waren ihrer so viele gewesen, daß man eine Sammlung in ein Cabinet davon hätte machen können; gelbe, rothe, weißgraue, feuerfarbe, aurora-farbe, bunte, getüpfelte, gestrichelte, pfauen-augichte, kurz, Schmetterlinge von allen Farben und Arten, nur kein redender, und keine Princeßin.

Herr Don Sylvio, rief endlich Pedrillo keuchend, indem er unter einen Baum hinsank, ich kan nicht mehr. Ich wollte daß die Pestilenz unter alle Schmetterlinge käme, eure Princeßin ausgenommen, so hätten wir doch noch Hofnung sie zu finden. Denn das sag ich euch, wenn sich die Frau Radiante unser nicht besser annimmt als bisher, so geb ich das Suchen auf.

Pedrillo mein Freund, antwortete Don Sylvio mit erstickter Stimme, ich bin so matt, daß ich mich nicht rühren kan. Sieh doch, ich bitte dich, ob du nicht einen bequemen Platz findest, wo wir ausruhen können; und wenn ich wieder reden kan, so will ich dir meine Gedancken sagen.

Geht nur noch etliche dutzend Schritte weiter, sagte Pedrillo, wenn ihr anders noch gehen könnt, ich sehe dort einen schönen grünen Platz, der gegen das Feld hinaus offen ist, dort hinter den Oliven-Bäumen; mich däucht, das sollte kein unfeiner Platz seyn.

In der That befanden sie ihn, da sie hinzu kamen, noch anmuthiger, als er von fern geschienen hatte; denn es zog sich ein hohes Gebüsche von gelben und weissen Rosen auf der einen Seite um ihn her, und machte eine Art von natürlicher Laube, und wo er offen war, hatte man eine Aussicht über die schönsten Wiesen, die von bunten Blumen funkelten, und von hundert schlängelnden Bächen durchschnitten waren, deren Rand zu beyden Seiten mit fruchtbaren Bäumen besetzt dem entzückten Auge das Gemählde eines Paradieses darstellte.

Was für ein angenehmer Ruheplatz, rief Don Sylvio, dem dieser Anblick wieder den Muth erhöhte; sollte man nicht denken, daß ihn irgend eine Nymphe oder Fee in diesem Augenblick habe entstehen lassen, damit wir uns wieder erquicken können? Aber ich bitte dich, hole mir eine Flasche Wasser aus jenem Bache, der dort zwischen den Rosinen-Sträuchen fließt; ich bin ganz leck vor Durst und Mattigkeit. Indem er dieses sagte, warf er sich auf den Rasen hin, der so weich und zart war wie ein sammtner Polster.

Pedrillo kam in der Minute mit seiner Flasche zurück; Munter, munter, Herr Don Sylvio, rief er ihm zu, hier ist Wassers die Fülle, und was noch mehr ist, hier sind noch ein paar Flaschen Wein von Malaga, in meinem Zwerchsack, die uns nur desto besser schmecken werden, weil wir sie so sauer verdient haben. Hey sa; auf Gesundheit unsrer Princeßin; was noch nichts ist, kan etwas werden. Nur gutes Muths, gnädiger Herr, es ist noch nichts verspielt. Wir sind ja noch keinen Tag auf der Reise, und es wäre vielleicht besser, wenn wir nicht so gar nöthig thäten. Man weißt ja beym Velten, wie die Weibsleute sind; ich wette, wenn wir ganz ruhig unsre Strasse zögen, und uns Essen und Trinken schmecken liessen, und thäten, als ob uns nicht viel daran gelegen wäre, sie käme von sich selbst, und liesse sich so willig haschen, als jene Schäferin, die vor einem Hirten, den sie liebte, fliehen wollte, und in eine Grotte lief Zum Henker! wer hat mehr dabey zu gewinnen als sie selbst? Meynt ihr, daß sie lieber ein armer blauer Schmetterling ist, als eine Princeßin und eure Frau? Das soll sie einem andern weiß machen! Es ist also, wie ihr seht, noch nichts versäumt; wir wollen es den verdammten Carabossen zum Trotze thun und lustig seyn. Auf, Herr Don Sylvio; Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen; kommt und greift zu; Wer weißt, ob wir nicht Morgen mit unsrer Princeßin in einem Schloß von Alabaster aus lauter Regenbogen-Schüsseln zu Mittag essen.

Dieser schöne Zuspruch des Pedrillo wurde durch sein Beyspiel und den Appetit unsers Helden so nachdrücklich unterstützt, daß er, wenn uns dieser Jansenistische Ausdruck erlaubt ist, eine unwiderstehliche Wirckung thun mußte.

Don Sylvio erfuhr bey dieser Gelegenheit, wie richtig die Anmerkung des weisen Zoroasters ist, welcher in einem seiner verlohren gegangenen Bücher versichert, daß ein Pfund weisses Brod, eine kalte Pastete, und eine Flasche Wein von Malaga, bey einer Person, die guten Appetit und lange nichts gegessen hat, ein bewährtes Mittel gegen allen Kummer sey. Sein Muth nahm nach der nehmlichen Proportion zu, in welcher die Pastete und die Flasche abnahm; die fröhlichen Geister des Weins zerstreuten in kurzer Zeit die schwarzen Dünste, womit sein Gehirn umzogen war, und allmählich nahmen angenehme Bilder, lächelnde Aussichten und süsse Träumereyen ihre Stelle ein, bis endlich der Gott des Schlafs, ohne ein Körnchen Moon-Saamen dazu nöthig zu haben, seiner aufgelösten Sinne sich bemächtigte, und, indem er ihn sanft betäubt ins Gras hin streckte, den Zephyrn Befehle hinterließ, ihn von Zeit zu Zeit mit vertropfenden Rosen zu bestreuen.

Pedrillo folgte in wenigen Augenblicken dem Beyspiel seines Herrn, nachdem er die Vorsichtigkeit gebraucht hatte, sich und seinen vielgeliebten Zwerchsack zwanzig oder dreyßig Schritte weit von ihm weg hinter ein Gebüsch in Sicherheit zu bringen.

Unsre Leser befinden sich vermuthlich durch die narcotische Kraft unsrer Erzählung in den nehmlichen Umständen, und damit sie, wenn sie Lust haben, unsern Schläfern Gesellschaft leisten können, so wollen wir hier eine kleine Pause machen.

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