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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Zweytes Capitel.

Merkwürdiges Abentheuer mit dem Salamander und dem Froschgraben.

Inzwischen hatten sich unsre Wanderer, ungeachtet der immer zunehmenden Dunkelheit, doch so weit aus dem Walde heraus gearbeitet, daß sie eine offne Stelle gewahr wurden, deren Anblick ein rechter Anstrich für den armen Pedrillo war. Er lenkte so gleich dahin ein, und seine Freude vermehrte sich nicht wenig, da er in einiger Entfernung ein Licht erblickte, welches er für ein Zeichen hielt, daß ein Wirthshauß oder Pachthof in der Gegend sey, wo sie den Anbruch des Tages erwarten könnten.

Allein seine Freude verwandelte sich bald wieder in Furcht und Grauen, da er sah, daß dieses Licht plötzlich näher kam, und um ein merkliches grösser wurde. Don Sylvio hingegen wurde es kaum gewahr, als er voller Freuden ausrief: Siehst du nun, Pedrillo, daß ich mir keine vergebliche Hofnung machte, da ich mich auf den Beystand der großen Radiante verließ?

Was soll ich dann sehen, Herr, fragte Pedrillo?

Du mußst blinder als Tiresias seyn, daß du so fragen kanst? Siehst du denn den Salamander nicht, der in der ganzen schimmernden Pracht eines Bewohners des reinsten Feuer-Kreises auf uns zueilt?

Einen Salamander, rief Pedrillo, wo ist er denn, ich bitte euch? denn ich sehe nichts als einen feurigen Mann, der vermuthlich bey seinen Lebzeiten in dieser Gegend einen Marchstein verrückt haben wird, und jetzt zur Strafe feurig umgehen muß.

Dumkopf, versetzte Don Sylvio ein wenig entrüstet; können denn deine abergläubischen Augen allenthalben nichts anders sehen als die Hirngespenste, welche die alte Hure, deine Großmutter, von ihrer Aelter-Mutter geerbt und dir in dein dummes Hirn gesetzt hat? Eben das, was du für einen feurigen Mann ansiehst, ist ein Salamander, sag ich dir, und einer der schönsten, die den stralenden Thron der grossen Radiante umglänzen. Siehst du nicht, wie seine Haarlocken gleich gekräuselten Sonnenstralen um seinen morgenröthlichen Nacken wallen? Siehst du nicht seine Augen wie zween Morgensterne blitzen? Siehst du die lazurnen mit Licht durchwebten Flügel nicht, mit denen er, wie ein Unsterblicher, in majestätischem Flug, den Ether theilt?

Sapperment, Herr Don Sylvio, schrie Pedrillo, indem er sich mit der Faust vor die Stirne schlug, entweder bin ich ein Narr, oder ihr seyd nicht recht klug; ich will geprellt werden, wenn ich von allem, was ihr mir da sagt etwas anders sehe, als einen kleinen Feuerklumpen, der in der Luft schwebt und bald näher kommt, bald wieder zurück weicht, und dergleichen ich oft gesehen habe; ihr könnt es heissen wie ihr wollt, aber ich habe mein Tage gehört, daß es feurige Männer – – – –

Pedrillo, mein Freund, unterbrach ihn Don Sylvio, wenn ich nicht mit deiner Einfalt Mitleiden hätte, so hätte ich gute Lust, dir dein unverschämtes Maul zu stopfen, daß du ein Andenken davon behieltest. Ich dächte doch wahrhaftig, der Herr Pedrillo sollte mir zutrauen, daß ich wissen müsse was ein Salamander ist, da ich ihrer mehr als zehen tausend im Gefolg der Fee Radiante gesehen habe. Es ist ein Salamander, sag ich dir nochmal, der vermuthlich etwas bey mir auszurichten hat, der vielleicht auch nur abgeschickt ist, uns den Weg zu zeigen; es sey nun das eine oder das andere, so wollen wir ihm nachgehen, das übrige wird sich bald von selbsten geben.

So mag es denn ein Salamander seyn, weil ihr es so haben wollt, erwiederte Pedrillo; ihr müßt euch besser auf solche hohe Sachen verstehen als unser einer. Euer Gnaden ist vielleicht an einem Sonntag auf die Welt gekommen, denn man sagt, die Sonntags-Kinder können bey hellem Mittag Geister sehen.

Was du da sagst, versetzte Don Sylvio, ist so unrichtig nicht. Es kan eine Gabe seyn, womit mich eine Fee bey meiner Geburt beschenkt hat, daß die Elementarischen Geister, die sonst ihrer Natur nach von irrdischen Augen nicht gesehen werden können, für mich nicht unsichtbar sind.

Wenn aber dieses wäre, sagte Pedrillo, so müßte ich jetzt gar nichts sehen. Eurer Beschreibung nach ist dieser Salamander so schön wie ein Cherubin; warum mißgönnt er mir dann das Vergnügen, ihn in seiner eigenen Gestalt zu sehen, und warum zeigt er sich mir lieber in der fürchterlichen Gestalt eines feurigen Mannes.

Daran hat deine verdorbne Einbildungs-Kraft Schuld, erwiederte Don Sylvio. Wenn du die feurigen Männer nicht schon im Kopfe hättest, so würdest du ohne Zweifel eben das sehen, was ich sehe; es geht dir jetzt mit dem Salamander, der unser Führer worden ist, wie es dir vor mit der Eiche gieng, die du für einen Riesen ansahest – – – –

Sachte, sachte, Herr Don Sylvio, fiel ihm Pedrillo ein, wir wollen diese Sayte nicht mehr berühren; zu geschehenen Dingen muß man das beste reden. Ich dächte, eine Höflichkeit wäre gleichwohl der andern werth, und wenn ich euern Salamander gelten lasse, so könntet ihr meine Riesen wohl auch in ihrem Werthe beruhen lassen. Wer weiß ohnedem, ob sie nicht näher mit einander verwandt sind als man sich einbildet, denn die Wahrheit zu sagen, der Grund, auf den uns euer Salamander geführt hat, fangt an ziemlich seichte zu werden; ich besorge immer, er wird es uns nicht besser machen, als ein gemeiner Feuermann; denn diese boshaften Schelmen haben keine grössere Freude, als wenn sie arme Wandersleute zum besten haben, und in einen Morast oder Froschgraben hinein führen können.

Pedrillo hatte kaum ausgeredet, als Don Sylvio, der immer voraus gieng, und dem vermeynten Salamander mit starken Schritten folgte, auf einmal bis an die Knie in einen Graben sank. Pedrillo, der ihm, so bald er ihn plätschern hörte, zu Hülfe kommen wollte, that es mit so weniger Behutsamkeit, daß es ihm noch ärger gieng als seinem Herrn; denn er fiel so lang er war in den dicksten Schlamm hinein. Das jämmerliche Geschrey, das er anfieng, machte unsern Helden besorgen, er möchte ein Bein verstaucht oder gar gebrochen haben. Was ist dir begegnet, mein guter Pedrillo, daß du so kläglich thust, rief er ihm zu, indem er sich selbst aus dem Morast heraus arbeitete, so gut es die Länge und Schwere seines Seitengewehrs zuließ. Wo seyd ihr denn, mein lieber Herr, rief Pedrillo ängstlich? Habt ihr noch eure eigene Gestalt, oder sind wir schon in Frösche verwandelt; daß es GOtt erbarme! mich däucht, ich höre mich selbst schon quäcken, wenn es nicht der Schrecken ist, der mich gar närrisch macht. Da haben wirs nun! sagte ich nicht vorher, es werde so gehen, und werdet ihr so gut seyn, und mich ein andermal auch etwas gelten lassen? Wo ist nun der Salamander mit seinen goldfarben Flügeln und lazurnen Haarlocken, und mit seinen Morgensternen in den Augen? Zum Guckguck ist er, und bekümmert sich den Henker darum, wie wir wieder aus dem Quarck heraus kommen.

Das Uebel ist nicht halb so groß, als du es machst, sagte Don Sylvio, und es mag seyn wie es will, so hat der Salamander keine Schuld. Warum sahen wir nicht besser vor uns hin, denn er machte uns hell genug? Und wenn er verschwunden ist, so ist gewiß nichts anders als dein ungewaschenes Maul – – – –

O saget das nicht, rief Pedrillo, der indessen aus dem Schlamm wieder hervor gekrochen war; Saperment! ich denke, es ist gewaschen genug, und mehr als mir lieb ist; ich fiel der Länge nach hinein, und kriegte gleich ein Maul voll, das gewiß nicht nach Muscaten schmeckte, das versichre ich euch.

Genug hievon, sagte Don Sylvio, auf einer Reise wie die unsrige ist, muß man sich alles gefallen lassen. Wenn ich dir aber die Wahrheit sagen soll, so fang ich bald selbst an Zweiffel zu bekommen. Ob ich gleich noch immer darauf schwören wollte, daß ich einen Salamander gesehen habe, so ist es doch nicht unmöglich, daß unsere Feinde, weil sie keine offenbare Gewalt gegen uns gebrauchen dürfen, eine List versucht haben, uns von der Fortsetzung unserer Unternehmung abzuschrecken.

Wenn ich reden dürfte, sprach Pedrillo, so weiß ich wohl was ich sagen möchte.

Und was wolltest du denn sagen?

Daß unsre Feinde vielleicht nicht so gar unrecht haben.

Wie so, wenn ich bitten darf, Herr Pedrillo?

Weil es mich däucht, daß wir nicht recht klug sind, bey Nacht und Nebel so durch dick und dünn herum zu ziehen, und die Köpfe an den Bäumen zu zerstossen, und in Sümpfe und Froschgräben hinein zu fallen, um vor einem kleinen Sack, mit hundert tausend Ducaten davon zu laufen, den wir heurathen könnten, ohne daß es uns einen Heller mehr kostete als ein armes Ja.

Der Froschgraben hat, wie ich sehe, eine merkliche Veränderung in deiner Denkungsart hervor gebracht, erwiederte Don Sylvio; aber ehe wir uns tiefer in diese Materie einlassen, möchtest du nicht so gut seyn, und mir ein paar Strümpfe aus dem Zwerch-Sack suchen, denn die meinigen sind so naß und übel zugericht, daß es nicht ärger seyn könnte.

Eu. Gnaden, antwortete Pedrillo, kan doch immer noch besser mit dem Salamander zufrieden seyn als ich; denn ich bin vom Kopf bis zu den Füssen so besalbet, daß ich einen ganzen langen Tag brauchen werde, bis ich nur wieder trocken bin. Mich däucht ich sehe hier eine kleine Anhöhe, wo wir uns ein wenig setzen und umkleiden können. Seht ihr nun, fuhr er fort, indem er seinen Zwerchsack aufschnürte, ob meine Vorsorge vergeblich gewesen ist? Wir sässen jetzt schön, wenn wir warten müßten, bis uns die Fee Radiante andre Wäsche brächte. – – Aber wieder auf unser a propos zu kommen, ich denke wir haben uns nun genug abgekühlt, daß wir mit kaltem Blut von der Sache reden können. Wie wär es, Herr Don Sylvio, wenn wir hier warteten, bis es Tag wird, und dann allgemach wieder zurück kehrten, wo wir hergekommen sind? Mich däucht, wir haben etwas angefangen, seht ihr, wovon wir kein Ende sehen werden. Meiner Six, ich wollte lieber eine Stecknadel in einem Heustock suchen als einen Schmetterling in der weiten Welt; und dann noch alle das Ungemach, dem man sich dabey aussetzt, die Dornritze, die Beulen am Kopf, die verstoßnen Schienbeine, die Riesen, die Salamander, die Froschgräben – – und alles das um der schönen Augen eines Schmetterlings willen! beym Velten, das ist ja alles, was man leiden könnte, wenn es um die schöne Hecuba aus Griechenland zu thun wäre! Freylich ist der Schmetterling eine gebohrne Princeßin; aber seht ihr, Herr, wenn ich sagen soll, wie mirs um Herz ist, denn ich bin immer ein guter offenherziger Narr gewesen, es ist hier ein Aber, das uns das ganze Spiel verderbt. Ein Schmetterling, der eine Princeßin ist, ist freylich ein vornehmer Schmetterling; aber, zum Henker, eine Princeßin, die nur ein Schmetterling ist, ist noch weniger als eine Princeßin in einem Puppenspiel, denn wenn die Princeßin Tacamahaca oder Rossabarba mit dem spitzen Kinn, mit ihrer Krone von Flittergold, und mit ihrer langen Schleppe von falschem Silber-Moor abgetrippelt ist, so findet ihr doch Lolottchen hinter der Scene, die, wenns drum und dran kommt, wohl so gut ist als manche Princeßin, und nicht so viel Umstände macht; das werdet ihr mir nicht läugnen können? und seht ihr, Herr, was ich sagen wollte – – – –

Sa, sa, Pedrillo, das geht ja unvergleichlich, rief Don Sylvio, du sprichst ja wie ein Cicero; fahre nur fort, denn ich möchte doch gerne sehen, was endlich heraus kommen wird, wenn du fertig bist.

Das werdet ihr bald sehen, gnädiger Herr, antwortete Pedrillo, ich merke wohl, daß ihr meiner spotten wollt, aber es hat doch wohl eher ein Esel einem Propheten einen guten Rath gegeben. Kinder und Narren sagen die Wahrheit, und das Lange und Kurze von der Sache ist, daß der, hab ich, immer besser gewesen ist, als der hätt ich; vom Wünschen sagt man im Sprüchwort, ist, noch keiner reich worden. Die Frau Rademante hat euch freylich viel versprochen; aber versprechen ist eins und halten ist ein anders, sagte Hans zu Peretten, und wenn mans zuletzt beym Licht besieht, so däucht mich, es komme gerade so heraus, als wenn mir jemand einen Schatz schenckte, den ich aber erst noch erheben soll, ohne daß ich weiß wo? Wie wär es, wenn wir uns an das hielten, was wir schon haben? Donna Schmergelina ist ein junges Frauenzimmer, das mit alle dem auch nicht zu verachten ist; hundert tausend Ducaten sind meiner Six, ein hübsches Geld, Herr, und wenn es auch zuletzt etliche tausend weniger wären, so ist es doch vielleicht mehr, als das Fürstenthum werth ist, das euch eure Princeßin zubringen würde. Zudem so hat der letzte auch noch nicht geschossen; wer weiß was Donna Schmergelina ist, wenn man genau nachsieht; sie ist wenigstens immer eine Nichte der Fee Fanferlüsch, und Fanferlüsch mag im übrigen so alt, so dürr und so schlimm seyn als sie will, so ist sie doch eine Fee so gut als eine andre, und kan, wenn sie will, mit einem einzigen Schlag ihrer Zauber-Ruthe alle Ziegel auf eurem Schloß in Rubinen verwandeln.

Das ist alles wohl gut, erwiederte Don Sylvio; aber du hast mir doch selbst gestanden, daß Donna Schmergelina so häßlich sey, daß man sie unmöglich lieben könne. – – – –

Je nun, versetzte Pedrillo, was das anbetrift, so muß ich bekennen, daß sie eben nicht die schönste ist; aber, wenn ihr darauf Acht gegeben habt, so hat sie doch so was in ihrem Gesicht – – – –

Ja wohl, Finnen und Pockengruben so viel du willst, unterbrach ihn Don Sylvio.

Und was thut das zur Sache, Herr? Schönheit ist eine vergängliche Blume; Schönheit vergeht, Tugend besteht; das unansehnliche Veylchen hat einen bessern Geruch als die prächtige aber stinkende Sammetblume. Indessen ist sie doch auch so heßlich nicht, als ihr es macht; ich muß gestehen, sie ist was man sagen möchte, so ziemlich bucklicht, und beym ersten Anblick, dächte man, sie hätte rothe Haare; aber wenn man sie in einem gewissen Licht betrachtet, so fallen sie eher ins rosenfarbe, und es läßt ihr in der That nicht übel. Kurz und gut, wenn ich an Euer Gnaden Platz wäre, so machte ichs wie der Einäugige; um hundert tausend Ducaten willen kan man schon ein Auge zumachen; bey Nacht sind alle Kühe schwarz; Geld im Beutel ist der Meister, Geld regiert die Welt, kein Geld kein Schweitzer, dabey bleib ich, und wenn alle siebenzig Weise aus Morgenland mir das Gegentheil beweisen wollten.

Don Sylvio, der überhaupt die beste Seele von der Welt, und diesen Morgen bey ausserordentlich guter Laune war, belustigte sich so sehr an den Reden seines schwatzhaften und naseweisen Dieners, daß er ihn immerfort reden ließ, ohne ihn zu unterbrechen. Pedrillo fuhr also fort, die Vortheile nach einander her zu rechnen, die ihm die Vermählung mit der Nichte der Fee Fanferlüsch verschaffen würde; er baute auf Unkosten der hundert tausend Ducaten und der Ziegelsteine, welche die Fee in Rubinen verwandeln sollte, die schönsten Schlösser, die jemals in Spanien gebaut worden sind, und erhitzte über diesen Vorstellungen seine Einbildung so stark, daß es eine ziemliche Weile anstund, bis er merkte, daß Don Sylvio indessen sanft und ruhig eingeschlafen war. Weil er nun nicht Philosoph genug war, um mit sich allein zu reden, so schwieg er endlich und nachdem er etliche Züge aus einer Flasche Wein gethan hatte, so machte er sich ein Lager zurechte, und folgte dem Beyspiel seines Herren.

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