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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Die Abentheuer des
Don Sylvio von Rosalva.

Drittes Buch.

Erstes Capitel.

Heimliche Flucht unsrer Abentheurer; Wortstreit, der zwischen ihnen wegen eines Baums entsteht, den Pedrillo für einen Riesen ansieht.

Es war ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht, als Don Sylvio, unter vielen andächtigen Seufzern an die Gebieterin seines Herzens, in Gesellschaft des getreuen und wohlbepackten Pedrillo seine abentheurliche Wanderschaft antrat. Der kleine Pimpimp, der nach dem Befehl der Fee mit von der Parthie war, hüpfte munter vor ihnen her, und führte sie, es sey nun aus blossem Instinct, oder durch den geheimen Antrieb irgend einer Fee, den nehmlichen Weg, auf welchem Don Sylvio das Bildniß seiner Princeßin gefunden hatte. Pedrillo machte zwar viele Einwendungen dagegen, und stellte vor, daß sie längst des linken Ufers des Guadalaviar, der sich an dem Walde hinab zog, einen bequemern Weg haben würden. Allein Don Sylvio blieb dabey, daß er keinen andern Wegweiser haben wolle als Pimpimp, von welchem er zu vermuthen anfieng, daß er vielleicht wohl selbst eine Art von Fee, oder wenigstens von vernünftigen Thieren seyn könnte. Pedrillo mußte sich also ergeben, so sehr er sich fürchtete bey nächtlicher Weile durch einen Wald zu reisen, wo seine Phantasie alles was er sah, in Gespenster verwandelte. Das schlimmste war, daß sich, nachdem sie kaum eine Stunde lang gewandert waren, der Himmel mit Wolken zu bedecken anfieng, die ihnen kaum so viel Heiterkeit übrig liessen, daß sie einen Weg in dem Gehölze finden konnten, ob es gleich keines von den dichtesten war.

Dieser Umstand ermangelte nicht die Einbildung des armen Pedrillo vollends in Verwirrung zu setzen. Es fielen ihm auf einmal alle Gespenster-Historien ein, die er von seiner Kindheit an gehört hatte, er glaubte alle Augenblicke etwas verdächtiges zu sehen, und zitterte bey dem mindesten Geräusch, das er merkte, so laut oder noch lauter als ein Klopfstockischer Teufel.

Du schnatterst ja als ob du das Fieber hättest, sagte endlich Don Sylvio, der schon lange gemerkt hatte, wo es ihm fehlte.

Um des Himmels willen; gnädiger Herr, stotterte Pedrillo, und faßte ihn dabey beym Rock, seht ihr nichts? Ich sehe Bäume, so gut als man sie im Dunkeln sehen kan, versetzte Don Sylvio.

GOtt steh uns bey! sagte Pedrillo keuchend, seht ihr dann den greulichen Riesen nicht, der dort auf einmal aus dem Boden hervor kommt, dort linker Hand? Er wird immer grösser und grösser, und streckt, deucht mich, wohl hundert Arme gegen uns aus, seht ihr, er kommt immer näher. – – – –

Ich glaube, du bist nicht klug, erwiederte Don Sylvio; thu die Augen besser auf, und schäme dich, daß du einen Baum für einen Riesen ansiehest.

GOtt gebe nur, daß es nicht noch etwas ärgers als ein Riese ist, versetzte Pedrillo. Ein Baum sagt ihr? Wo hat denn ein Baum Arme und Füsse?

Ich sage dir alberner Tropf, antwortete Don Sylvio, daß es ein Baum ist; was du für Arme ansiehst, sind seine Aeste, er scheint immer grösser zu werden, weil der Grund, worauf wir gehen, etwas erhaben ist, und er kommt uns immer näher, weil wir auf ihn zugehen. Wenn du so furchtsam bist, daß du Eichbäume für Riesen ansiehst, so möcht ich wohl wissen, wofür du die würklichen Riesen halten wirst, die uns vielleicht noch aufstossen werden? Was mich betrifft, so schwör ich dir, daß alle Bäume in diesem Walde zu Riesen werden könnten, ohne daß ich sie fürchten würde.

Ich bitte euch, mein lieber Herr, versetzte Pedrillo, redet nicht so laut; die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich euch so reden höre. Die Riesen könnten euch beym Worte nehmen; glaubt mir Herr, ein einziger würde euch so viel zu thun geben, daß ihr genug hättet. Ich bitte euch ums Himmels willen, geht ihm aus dem Wege, und thut ihm nichts; es daurte mich nur mein junges Blut; der Popanz würde keinen Unterschied machen, und ich müßte dran glauben, so unschuldig ich immer bin.

Das dachte ich wohl, antwortete Don Sylvio lachend, daß es dir nur um deine eigne Haut ist; aber besorge nichts; die Fee Radiante hat dich ja ausdrücklich zu meinem Gefährten ernannt, und du stehest also unter ihrem Schutz so gut als ich selbst. Ich sag es dir noch einmal, wenn aus jedem Baum in diesem Walde ein Riese würde, und aus jedem Blatt ein junger Feldteufel hervor kröche, so hätten wir doch nichts zu besorgen. Aber siehst du denn nicht, daß dein Riese nichts mehr und nichts weniger ist als was ich dir sagte? Wir sind nun ganz nah bey ihm, und wenn du noch nicht glauben willst, daß es ein Baum ist, ein Eichbaum sag ich dir, ein eichener Eichbaum, so gut als es jemals einer gewesen ist, so will ich zur Probe einen Ast davon abhauen.

Ach, mein lieber gnädiger Herr, rief Pedrillo, indem er ihm den Arm zurück hielt, thut es ja nicht, ich bitte euch; ums Himmels willen, laßt es bleiben, und macht nicht euch und mich durch eure Tollkühnheit unglücklich. Es mag nun jetzt eine Eiche oder eine Linde seyn, so hab ich doch mit meinen Augen gesehen, daß es ein ungeheurer Riese war, ich will eben nicht sagen, ein Riese, GOtt weiß, was es gewesen seyn mag; aber ich weiß doch, was ich gesehen habe; der Teufel, GOtt behüt uns! ist ein Tausendkünstler, und er kan eben so gut – –

Weißst du wohl, Pedrillo, fiel ihm Don Sylvio ins Wort, daß ich deiner blödsinnigen Einfälle müde bin? Ich glaube zum Henker, du willst einen Don Quischotte aus mir machen, und mich bereden, Windmühlen für Riesen anzusehen? da siehe, wie viel ich mir aus deinen Riesen mache! Mit diesen Worten zog er seinen Säbel, und hieb auf einen Zug einen ziemlichen Ast herunter.

Pedrillo erschrack anfangs so sehr über diese verwegene That, daß er beynahe umgesunken wäre; da er aber sah, daß sie keine schlimme Folgen hatte, so faßte er wieder Muth. Ich hätte nicht gemeynt, sagte er zu unserm Helden, daß ihr so viel Herz hättet, Herr Don Sylvio; ich glaube, verzeyh mirs GOtt, ihr wäret toll genug, mit dem Teufel und seiner Großmutter anzubinden. Aber wir wollen nicht zu früh Triumph singen. Seht einmal ob nicht Blut aus dem Ast heraus fleußt?

Da sieh selbst, sagte Don Sylvio, indem er ihm den Ast darbot, und gesteh einmal, daß du der albernste dumme Junge bist, den ich jemals gesehen habe. Woher nimmst du doch alles das altvettelische Zeug, das du sagst?

Was ich da sagte, gnädiger Herr, ist, meiner Six! nicht so einfältig als ihr denkt; ich habe dergleichen Dinge mehr gelesen, und was einmal begegnet ist, kan ein andermal wieder begegnen. Zum Exempel, ich besinne mich jetzt gleich eines gewissen Trojanischen Prinzen, ich weiß selbst nicht mehr Coridor oder IsidorSeh. Virgil. Æneid. L. III. V. 20. seq. , aber es dort sich so was in seinem Namen, der von einem Mahommetanischen Zauberer in einen Cypressenbaum verwandelt worden war, und da ihn der Pabst Aeneas Sylvius, ich weiß nicht mehr warum, wollte umhauen lassen, da floß bey jedem Hieb Blut heraus, frisches Blut, so roth als man es nur sehen wollte. Die Leute erschracken entsetzlich, wie ihr euch einbilden könnt; allein der Pabst Aeneas, der gleich merkte, daß ein Geheimniß darunter stecken müsse, befahl, man sollte nur fortfahren zu hauen, und was meynt ihr wohl, was da geschah? Man hörte eine Stimme aus dem Baum, eine überaus klägliche Stimme, welche sagte, daß sie die Seele des Isidorus sey, oder wie er hieß, und wie es ihr ergangen, und wie sie von dem ungläubigen Zauberer in diesen Baum verwandelt worden sey, ohne daß sie vorher habe beichten oder sich vorbereiten können; und bat alle Christliche Herzen, die gegenwärtig waren, so flehentlich, daß jedermann die helle Zähren weinen mußte, daß sie doch zu Linderung ihrer Pein etliche dutzend Ave für sie beten möchten.

Das muß ich gestehen, sagte Don Sylvio, nachdem Pedrillo mit seiner Erzählung zu Ende war, daß du eine erstaunliche Belesenheit hast Pedrillo; und was die Gabe der Erzählung betrift, so will ich mein Schloß und alles Meinige verlohren haben, wenn zu Salamanca oder in irgend einer andern Universität von Spanien ein Baccalaureus ist, der es mit dir aufnehmen dürfte. Ich biete ihnen allen Trotz, daß sie einen Trojanischen Prinzen mit dem Pabst Aeneas Sylvius, oder Pius dem andern zusammen bringen, wie du gethan hast, es müßte denn in der Hölle seyn, wohin gewiß Aeneas Sylvius nicht gekommen ist, denn er war einer von den frömmsten und gelehrtesten unter allen, die jemals der Kirche vorgestanden sind.

Es beliebt Eu. Gnaden so zu sagen, erwiederte Pedrillo; aber es mag nun euer Ernst seyn oder nicht, so versichre ich euch, daß ich mir in diesem Stück, wenn ich schon nicht gestudirt bin, vor keinem fürchte, er mag seyn wer er will, und wenn er auch ein dreyfacher Bacularius oder gar ein Doctor in allen sieben Facultäten wäre. Ich war noch nicht acht Jahr alt, so wußte ich schon alle Historien des Ovidius Nasus, und alle Fabeln in Florians Chronick auswendig; gelt, das hättet ihr nicht hinter mir gesucht? Aber ich hatte ein Gedächtniß wie ein Elephant, und unser alter Pfarrer, tröst ihn GOtt! sagte meiner Großmutter oft, wenn man mich studiren liesse, so könnte ich noch wohl einmal, ob GOtt wollte, Bischoff oder gar General-Vicarius werden. Wer weiß auch was geschehen wäre! wenn der gnädige Herr, Eu. Gnaden Herr Vater mich nicht ins Schloß genommen hätte, da mich meine Großmutter eben zu ihrem Bruder thun wollte, der damals Küster in einem Dorf ohnweit Toledo war, und wie die Leute sagten, sehr viel beym Erzbischof galt. Ihr müßt aber nicht meynen, als ob ich damit sagen wolle, daß ich bey diesem Tausch verlohren habe. Es ist überall gut Brod essen. Euer Gnaden weiß, daß ich euch so zu sagen, von eurer Kindheit an treulich und redlich gedient habe, und ich bin gewiß, daß ihr mein Glück machen werdet, wenn wir einmal, GOtt gebe nur bald! unsre Princeßin gefunden haben. Denn ob ihr schon ein so edler Edelmann seyd als einer in der Christenheit, so bin ich doch gewiß, daß ihr euer Wort so ehrlich halten werdet, als ob ihr nur ein Bauer wäret.

Auf diese Art fuhr der gute Pedrillo noch eine gute Weile fort zu plaudern, ohne daß sein Herr, der in ganz andern Gedanken vertieft war, die geringste Acht darauf gab. Pedrillo schwazte wie die Kinder im Finstern zu singen pflegen; denn er fürchtete sich noch immer so sehr, daß er schwitzte, und es war kein Heiliger im Calender, dem er nicht bey sich selbst ein Gelübde that, wenn er ihn lebendigen Leibs und unbeschädigt das Tageslicht wieder sehen lassen würde.

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