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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Siebentes Capitel.

Don Sylvio kommt wieder zu sich selbst. Unterredung mit Pedrillo. Wie geschickt dieser die vermeynte Fanferlüsch zu hintergehen weißt.

So heftig die Anstösse waren, mit denen Don Sylvio zuweilen befallen wurde, so schnell pflegten sie vorüber zu gehen, wenn sie ihren nächsten Grund in demjenigen Theil der Seele hatten, welchem der göttliche Plato seinen Sitz zwischen der Brust und dem Zwerchfell angewiesen hat.

Er befand sich also kaum etliche Minuten allein, so erholte er sich wieder und verwunderte sich nicht wenig, sich in seinem Zimmer, und in seinem Bette zu sehen.

Endlich erblickte er in einem Winkel den Pedrillo, der auf die erste Bewegung, die er an seinem Herrn vermerkt, sich verkrochen hatte, aus Besorgniß, er möchte wieder einen Anstoß von Raserey bekommen.

Bist du hier, mein guter Pedrillo, rief ihm Don Sylvio mit einem sanften Ton der Stimme zu, indem er ihm die Hand entgegen bot; ich dachte schon, du hättest mich auch verlassen; aber du hast ein gutes Herz, und es soll dich auch nicht gereuen, daß du so viel Ergebenheit gegen mich zeigst.

Pedrillo weinte vor Freuden, da er seinen jungen Herrn, den er für rasend gehalten hatte, so gelassen und vernünftig reden hörte, und bezeugte ihm seine Freude in den lebhaftesten Ausdrücken, die er in der Eile finden konnte.

Ich begreiffe weder, was du mir da sagst, antwortete Don Sylvio, noch was mit mir vorgegangen ist. Es sind noch nicht sechs Minuten, so befand ich mich in den Gärten der Königin der Salamander; kanst du mir nicht sagen, wie ich hieher gekommen bin, und wer mir Hände und Füsse so gebunden hat?

GOtt steh uns bey, rief Pedrillo halb erschrocken, was sagt ihr da von Salamandern und von der Königin? die ihr gewiß so wenig gesehen habt, als ich meine Ur-Aelter-Mutter? Wißt ihr denn nicht was euch begegnet ist? Aber sie sind auch mit Eu. Gnaden so umgegangen, daß es kein Wunder ist, wenn ihr eine Ohnmacht gekriegt habt. Ich war eben im Begriff, meinen Zwerchsack heimlich aus dem Hauß zu tragen, als ich den Lermen im Garten hörte; ich warf ihn geschwind hinter ein Gebüsch und lief, was ich lauffen konnte, um zu sehen was es wäre, denn es däuchte mich, daß ich euch schreyen hörte; aber ich kam schon zu spät. Das verfluchte Volk schrie aus einem Halse, ihr wäret, mit eurer Erlaubnis zu sagen, im Kopf verrückt, oder gar toll, sie fielen über euch her, und banden euch, ohne daß ich es wehren konnte. Daß sie die Pest! Jetzt seh ich wohl, daß alles nur erlogen war, und daß ihr so gut bey euren vier Sinnen seyd, als ich und ein anderer guter Christ.

Höre Pedrillo, erwiederte Don Sylvio – – aber löse mir zu erst diese Bande auf, ich kan es nicht länger so ausstehen – – wenn ich diesen Abend eine starke Vermuthung hatte, daß unter der Ankunft dieser Alten, die sich für meine Tante ausgibt, ein Geheimniß verborgen liege, so weiß ich jetzt gewiß, was ich von der Sache denken soll; es sind mir erstaunliche Dinge begegnet, seit dem du mich im Garten verlassen hast; aber es läßt sich jetzt nicht einmal davon flüstern. Wir sind hier nicht sicher, und der Himmel weißt, was uns noch bevor steht, wenn wir uns nicht durch eine schleunige Flucht zu retten suchen.

Aber wie wird das möglich seyn, antwortete Pedrillo: sie sind noch alle auf, und die gnädige Frau, die alte Hexe wollt ich sagen, wird alle Augenblicke kommen, um euch, wie sie sagte, ein Terpentin-Pulver einzugeben.

Du willt vielleicht ein Temperier-Pulver sagen, fiel ihm Don Sylvio ein?

Es mag heissen wie es will, sagte Pedrillo, wenn ich Eu. Gnaden rathen darf, so werdet ihr nicht ungescheidt seyn, und es hinunter schlucken; Bösen Leuten ist nie viel Gutes zuzutrauen, sie könnten euch eben so gut Mäußgift oder geschabte Nägel als gestossene Krebs-Augen eingeben.

Das hab ich wohl am wenigsten zu besorgen, erwiederte Don Sylvio; ich könnte eher vermuthen, daß sie mir einen Liebes-Tranck beybringen möchte, um mich gegen diese häßliche Zwergin zu entzünden, die, ich weiß selbst nicht, ihre Tochter oder ihre Nichte ist. Aber ich bitte dich, Pedrillo, mein Freund, denke ein Mittel aus, wie ich diese Nacht noch entrinnen könne, ohne weder die Alte noch die Junge wieder zu Gesichte zu kriegen; denn ich versichere dich, der Streich, den sie mir gespielt haben, geht mir so tief zu Gemüthe, daß ich bey ihrem Anblick unmöglich gelassen bleiben könnte.

Wißt ihr was? sagte Pedrillo, nachdem er sich eine gute Weile besonnen hatte; die Frau Fee Rademante könnte uns hier am besten aus der Noth helfen. Wenn sie so sehr eure gute Freundin ist, als sie vorgibt, warum kommt sie nicht, und befreyt uns aus den Klauen dieser alten Kuplerin? Wenigstens könnte sie uns doch einen Luft-Wagen oder das Hütchen des Prinzen Kobolt, oder so was schicken, daß wir desto bälder davon kämen. Aber so machen es diese grosse Herren und Damen. So lang ihr nichts braucht, versprechen sie euch goldne Berge; aber verlasse sich ein andrer drauf! wenn man sie am nöthigsten hat, da ist niemand zu Hause. Ich wette gleich was man will, wenn wir in Scorpionen oder Lindwürmer verwandelt seyn werden, so wird sie gleich da seyn, und ihr Mitleiden mit uns bezeugen, und die Schuld auf das Schicksal oder auf die Constipation der Sterne schieben.

Rede nicht so unvernünftig, fiel ihm Don Sylvio ein; meynst du die Feen haben sonst nichts zu thun, als dazustehen und zu lauren, bis es dir einfällt, daß sie uns aufwarten sollen. Wenn wir uns selbst nicht mehr helfen können, so bin ich gewiß, daß Radiante mir ihren Beystand nicht versagen wird. Inzwischen müssen wir das unsrige thun und auf Mittel denken – –

Gut, gut, unterbrach ihn Pedrillo, ich höre die alte Gabelreuterin auf der Treppe, jetzt ist guter Rath theuer – – hum; mir fällt was ein! legt euch auf die Seite, und thut als ob ihr schlaft; So! schnarcht ein wenig, für das übrige laßt mich sorgen.

Er hatte kaum ausgeredet, so trat Donna Mencia mit ihrem Pulver und einem Glaß Wasser in der Hand ins Zimmer, wie steht es um Don Sylvio, fragte sie den Pedrillo, der ihr auf den Zehen entgegen gieng; ich dachte nicht so lange auszubleiben, aber es ist mir – –

Reden sie nicht so laut, flüsterte ihr Pedrillo zu, mein junger Herr ist schon eine gute Weile eingeschlafen, und sie wissen ja, daß man einen schlafenden Löwen nicht aufwecken soll. Die Ruhe thut ihm jetzt besser als alle Pulver und Latwergen der ganzen Welt.

Hat er keinen neuen Anstoß gehabt, seit dem du allein bey ihm bist, fragte die alte Dame.

Nein, gnädige Frau Fanferlüschin, antwortete Pedrillo, indem er ihr bald auf die Stirne, bald auf die Füsse sah, er hatte – – – –

Was sagtest du da, unterbrach ihn Donna Mencia? wie nenntest du mich, du alberner Kerl? was soll das bedeuten?

O, ich bitte Eu. Gnaden tausendmal um Verzeyhung, erwiederte Pedrillo zitternd, es ist mir so entfahren, ohne daß ich daran dachte; man kan ja leicht eins für das andre sagen; ich wollte nur sagen; daß es am besten wäre, wenn Eu. Gnaden meinen jungen Herrn schlafen liesse; denn es ist noch keine halbe Viertelstunde, da rief er: Pedrillo! Gnädiger Herr, sagte ich, wollt ihr etwas? Höre Pedrillo, sagte er, ich weiß nicht wie mir ist, sagte er; aber ich bin so matt, als ob mir alle Glieder entzwey geschlagen wären; aber ich denke, wenn ich nur schlafen könnte, so würde mir bald besser werden, sagte er; und damit legte er sich auf die Seite und schlief ein: Hört ihr ihn nicht schnarchen?

Er schläft, sagte Donna Mencia, nachdem sie ein wenig hinter den Vorhang geguckt hatte; es ist mir lieb, daß er wieder so ruhig ist. Weck ihn ja nicht auf; wenn er aber von sich selbst erwacht, so gib ihm dieses Pulver ein; es wird ihm gewiß wohl thun; indessen kommt der Barbier, der ihm eine Ader öfnen soll; denn man kan nicht vorsichtig genug seyn; Er ist vermuthlich nur aus Mattigkeit eingeschlafen, und das Fieber kommt vielleicht nur desto heftiger, wenn er aufwacht.

Ich glaube, sagte Pedrillo, Eu. Gnaden kan sich deshalb ganz ruhig schlafen legen; ich hoffe, das ärgste ist vorbey. Indessen will ich schon auf ihn acht haben; aber aufwecken laß ich ihn nicht, und wenn der Barbier von Bagdad in eigener Person käme. Er kan mir wachen helfen; wenn mein junger Herr allenfalls wieder rappelköpfisch werden wollte, so ist es immer besser, es seyen unsrer zween, die ihn hüten als einer.

Donna Mencia bezeugte sich hiemit zufrieden, und verließ das Zimmer ihres Neffen, um ihre Gäste, die an seinem Unfall nicht wenig Antheil genommen hatten, durch die Nachricht, daß es wieder besser mit ihm stehe, zu beruhigen.

Was für eine Angst du mir eingejagt hast, sagte Don Sylvio, als sie wieder allein waren, wenn wirst du doch einmal über deine verwünschte Zunge Meister werden? Konnte auch etwas unbesonnener und dummer seyn, als ihr ins Gesicht zu sagen, daß du sie für die Fee Fanferlüsch ansehest?

Erzürnt euch nur nicht, gnädiger Herr, antwortete Pedrillo, ihr werdet doch selbst gestehen müssen, daß ich meinen Fehler augenblicklich wieder gut gemacht habe; und das ist eben die Kunst. Es kan der klügsten Ganß ein Ey entfallen, ich will sagen, es verspricht sich wohl der Pfarrer auf der Canzel, aber gleichwie ich die gnädige Frau oft bey Tische sagen hörte, der beste General wäre derjenige, der am meisten Fehler macht, – – nicht doch! der am besten – – der seine Fehler – – ich kan jetzt nicht daran kommen, aber es war doch etwas von Fehlern, und es schickte sich recht gut hieher – – – –

Ich glaube du redest im Schlaf, unterbrach ihn Don Sylvio? Was für verteufeltes Zeug plauderst du wieder daher, ohne dich zu bekümmern, daß ich jetzt wichtigere Dinge zu thun habe als deinen Albernheiten zuzuhören? Geh, und schleiche dich, indessen daß ich mich ankleide, leise hinunter, um zu sehen, ob sie sich schlafen legen; wir müssen, wo möglich, noch vorher zu entrinnen suchen, ehe der Barbier kommt, sonst werden wir aufgehalten, und dann ist alles verlohren.

Das ist eben die Sache, versetzte Pedrillo, Maritorne ist schon über eine Stunde weg, und wenn sie ihn zu Hause angetroffen hat, so sind wir keinen Augenblick vor seiner Ankunft sicher.

Wir wollen das beste hoffen, sagte der junge Ritter, der schon beynahe angezogen war, geh und thue was ich dir befohlen habe, und wenn du merkst, daß alles im Hause still ist, so schleiche durch die kleine Nebentreppe in den Garten, und erwarte mich beym grünen Schloß, wo es am leichtesten ist über die Garten-Mauer zu steigen, denn sie ist dort ziemlich eingefallen.

Wo habt ihr denn, fragte Pedrillo, euren Schlüssel – – aber ja, jetzt besinn ich mich, sie nahmen euch im Garten alles Eisen-Werck weg, das sie bey euch fanden, Degen, Messer, Schlüssel, so gar euren Flaschenzieher, aus Furcht, ihr möchtet ihnen oder euch selbst damit Schaden thun.

Gut, gut, sagte Don Sylvio, geh und erwarte mich beym grünen Schloß, wir haben keinen Augenblick zu verliehren.

Pedrillo gehorchte, und nach einer kleinen Viertelstunde sah ihn Don Sylvio, dessen Zimmer gegen den Garten lag, einen langen Gang von Pomeranzenbäumen einschlagen, der zum grünen Schloß führte. Er war eben im Begriff ihm zu folgen, als er gewahr wurde, daß er keinen Degen hatte. Ohne Degen auf Abentheuer auszugehen, däuchte ihn eine Unanständigkeit, die nicht zu entschuldigen wäre. Ob ich gleich hoffen darf, dachte er, daß mir die Fee Radiante im Fall der Noth einen diamantnen geben würde, so würde es doch das Ansehen einer Zagheit haben, wenn ich kein andres Gewehr führen wollte als ein bezaubertes. Endlich besann er sich eines alten Reuter-Säbels, der unter andern Alterthümern, nicht weit von seinem Zimmer in einer Plunder-Kammer lag, und das Ansehen hatte, seit den Zeiten König Ferdinands, des Catholischen, wenig Dienste gethan zu haben. Die Schwere dieses ehrwürdigen Seitengewehrs machte ihm die Nothwendigkeit, sich dessen zu bedienen, sehr unangenehm; allein da er sich nicht anders zu helfen wußte, so bewafnete er sich damit, mit dem Vorsatz es bey der ersten Gelegenheit gegen ein bequemers zu vertauschen.

Die allgemeine Stille, die im Hause herrschte, versicherte ihn, daß jedermann schon zu Bette gegangen sey. Er schlich sich also ganz getrost in den Garten, wo dem Pedrillo jeder Augenblick von Verzug eine Stunde däuchte, so sehr besorgte er, daß ihre Flucht von der zurück kommenden Maritorne allzufrüh entdeckt werden möchte. Dieses und die Furcht vor demjenigen, was er in diesem Fall von der Rache der Fee Fanferlüsch zu erwarten haben würde, hatte alle andre Furcht bey ihm verdrungen.

Allein das gute Glück unsers jungen Ritters hatte schon für diese Schwierigkeit gesorgt. Maritorne, die sich entweder vor Gespenstern fürchtete, oder ihre artige Person bey Nacht nicht allein wagen wollte, hatte ihrem Liebhaber, dem Haußknecht, die Erlaubniß gegeben sie zu begleiten. Unterwegs hatte sich dieses zärtliche Paar von der Annehmlichkeit dieser verführerischen Nacht verleiten lassen, sich in einem kleinen Gebüsche niederzusetzen. Was sollen wir sagen? Die Gelegenheit war günstig, der Liebhaber ungestümm, die Schöne schwach; Kurz, sie thaten, was Jupiter selbst in dergleichen Umständen oft gethan hatte; die gute Maritorne vergaß, daß sie den Barbier holen sollte, und erinnerte sich dessen erst, da sie von der Morgen-Sonne aus dem süssen Schlummer erweckt wurde, worinn eine angenehme Ermattung sie nebst ihrem Gefährten in diesem Gebüsche eingewiegt hatte.

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