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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Nachbericht des Herausgebers,

welcher aus Versehen des Abschreibers zu einem Vorberichte gemacht worden.

Ich muß es dem guten Willen der Leser überlassen, ob sie glauben wollen oder nicht, daß dieses Buch den Don Ramiro von Z***, der einige Jahre Gesandschafts-Secretarius bey einem bekannten Spanischen Minister an einem deutschen Hofe gewesen, zum Verfasser habe. Ich meines Orts gestehe, daß ich die spanische Handschrift nicht selbst in Händen gehabt; allein mein Freund, der Herr Uebersetzer, erzählt mir in einem Schreiben, worinn er mir aufträgt, die Ausgabe dieses Werks zu besorgen, eine so umständliche und wohlzusammen hangende Geschichte der besagten Handschrift und ihrer seltsamen Schicksale, der Ursachen warum, ungeachtet des günstigen Urtheils, so der Erzbischoff von T*** davon gefällt, dieselbe in Spanien niemalen zum Druck gelangen können, und auf was Art sie, vor einigen Jahren in seine Hände gekommen; daß ich mir die Mühe nicht geben mag, an der Wahrheit seiner Erzählung zu zweiffeln. Er versichert mich, daß alle diese und noch viele andre sehr merkwürdige Anecdoten, dieses Buch betreffend, in einer weitläuffigen Zuschrift enthalten seyen, welche Don Ramiro an seinen Gönner, den berühmten Minister Don Richard von W*** gerichtet habe, und die er dem Leser nicht mißgönnt haben würde, wenn er nicht durch viele eingefallene Geschäfte an Uebersetzung derselben wäre gehindert worden.

Ich lasse alles dieses an seinen Ort gestellt seyn. Was ich gewiß sagen kan, ist, daß mich Don Sylvio von Rosalva so sehr belustiget hat als irgend ein Buch von dieser Art, und daß ich bey Durchlesung des Manuscripts so oft und so herzlich lachen mußte, daß meine Frau, welche wußte, daß ich allein in meinem Cabinete war, endlich in voller Bestürzung herbey gelauffen kam, und mich fragte, was mir fehle; denn sie besorgte in der That, ich möchte närrisch geworden seyn, eine Besorgniß, womit sie, ich gestehe es, meinem Verstande eben keine Ehre anthat. Meine Frau, die eine gute Art von einem Haußweibe ist, und sich ihre Augen eben nicht mit vielem Lesen verderbt, hat, wenn sie gleich kein gelehrtes Frauenzimmer ist, doch so viel Vernunft, daß sie weißt, wenn man lachen und wenn man weinen muß. Ich bat sie also, sie möchte sich zu mir setzen, und da laß ich ihr das Capitel vor, wobey sie mich so laut lachen gehört hatte; ich war noch nicht bis in die Mitte gekommen, so fand sie die Einfälle des Pedrillo so schnackisch, daß sie auch zu lachen anfieng, und weil sie die Gewohnheit an sich hat, daß sie nicht wieder aufhören kan, wenn der Anfang einmal gemacht ist, so lachte sie so lang und viel, daß ich selbst auch wieder darein kam, und vor Lachen nicht mehr fortkommen konnte; denn das Lachen ist, wie man weißt, so ansteckend wie das Gähnen. Mein Schreiber wollte eben gewisse Acten in meinem Zimmer holen, wie wir im besten Lachen waren; weil er nun eine gar feyerliche, sauertöpfische Art von einem Kerl ist, so blieb er, bey unserm Anblick, mit der Feder hinterm Ohr in der Thüre stehen, und machte eine Mine gegen uns, als ob er dächte, wir wären dem Tollhause entloffen. Ich sagte ihm warum es zu thun sey, und ersuchte ihn nur ein wenig da zu bleiben und zuzuhören; ich las fort, und wurde alle Augenblick durch das Kichern meiner Frau und mein eigenes Lachen unterbrochen; Anfangs hielt sich mein Herr vom Dintenfaß so gut, daß es nicht besser seyn konnte; er machte ein paar Augen wie ein Cato, und veränderte nicht die kleinste von den Falten, in die er sein Gesicht alle Morgen zu legen pflegt, ungeachtet etliche Stellen kamen, bey denen ich und meine Frau uns beynahe aus dem Athem lachten; allein endlich triumphirte doch Pedrillo über seine stoische Unbeweglichkeit, und eine gewisse Stelle, auf die ich im Lesen kam, würkte mit einem solchen Nachdruck auf sein Zwerchfell, daß er in ein wieherndes Gelächter ausbrach, welches desto lauter erschallte, je mehr er sich bemühet hatte es zurück zu halten; das Stuben-Mensch, die indessen auch an die Thüre gekommen war, machte die vierte Stimme in diesem Sardonischen Concerte, und da der Lerm, den wir machten, in kurzem auch die Köchin, und Hanß, den Haußknecht, herbey zog, so wurde durch diese neue Verstärkung der Effect unsrer wiehernden Symphonie so heftig, daß die Leute auf der Strasse stehen blieben und mit zu lachen anfiengen, ohne daß sie wußten warum? Kurz, es lag nur an mir alle meine Nachbarn mit ins Spiel zu bringen, und wer weißt, ob das Gelächter sich nicht von Gasse zu Gasse fortgewältzt und endlich die ganze Stadt samt den Vorstädten in Erschütterung gesetzt hätte, wenn ich nicht so klug gewesen wäre, mein Manuscript wegzulegen, mein Gesinde wegzuschelten, und meine Frau auf ein anders Capitel zu bringen. Ich bitte den geneigten Leser um Verzeyhung, daß ich so frey gewesen bin, ihn mit solchen Kleinigkeiten aufzuhalten; ich weiß selbst nicht wie es gekommen ist, daß ich mich so vergessen habe; denn ich kenne die Ehrerbietung sonst ganz wohl, die ein Vorredner dem hochansehnlichen Publico schuldig ist, und ich wollte in der That nur sagen, wie gute Hofnung ich habe, daß Don Sylvio und sein getreuer Pedrillo nicht wenig beytragen werden, der Hypochondrie und dem Spleen Einhalt zu thun, welche, wie ich höre, aus England nach Frankreich, und von den Franzosen, (die nun schon einmal dazu bestimmt sind, uns ihre Galanterien anzuhängen) seit einiger Zeit auch zu uns Deutschen herüber gekommen seyn, und sonderlich unter den Damen und jungen Herren bereits starke Progressen gemacht haben sollen.

Weil man aber doch aufrichtig seyn, und das eine sagen muß wie das andre, so kan ich nicht bergen, daß ich einen gewissen Papefiguier kenne, der dieses Buch in einem ganz andern Lichte betrachtet, und an dem es in der That nicht liegt, daß es nicht, als ein kleines Ungeheuer in der Geburt erstickt worden. Er ist eine Art von einem Petriner, der, Verstands halben gewiß keine Ketzerey erfinden wird, aber dagegen zum Ersatz einer von den eigensinnigsten Köpfen in der Christenheit. Er geht schon seit dem vorletzten Jubel-Jahr dienstlos herum, und lebt indessen, bis der Jansenismus, wie er hoft, durch ein allgemeines Concilium eingeführt seyn wird, von der Gutherzigkeit der Christen und vom Nachtisch des benachbarten Adels. Denn er ist ein erklärter bockbeiniger Janseniste, und das ist eben die Quelle seines Unglücks. Allein er hat, wie gesagt, den Muth noch nicht verlohren, daß seine Parthey, die Oberhand gewinnen werde, und er sieht den Fall der Jesuiten in Frankreich als einen glücklichen Vorboten an, daß der Untergang des grossen Drachen vor der Thüre sey, welcher bisher, wie er sagt, die ganze Welt verführt habe. Dieser ehrliche Mann, der sich zuweilen zum Mittagessen bey mir einlädt, kam neulich in mein Zimmer zu einer Zeit, da ich eben meiner Geschäfte wegen keine Acht geben konnte. Er durchnisterte also indessen mein Papiere, und da kam er, zum Unglück auf das Manuscript des Don Sylvio. Ich dachte gleich, daß es Händel absetzen werde, und ich betrog mich nicht; er hatte kaum eine Viertelstunde darinn herum geblättert, so warf er es wieder auf den Tisch, und gerieth in einen so heftigen Eifer über ein so gottloses und gefährliches Buch, daß ich Gewalt brauchen mußte um ihn zu verhindern, daß er es nicht auf der Stelle ins Camin warf. Er wollte sichs nicht ausreden lassen, daß die Abentheuer des Don Sylvio eine Allegorie oder Parabola sey, wie er es hieß, deren geheimer Sinn und Endzweck auf nichts geringers als auf den Umsturz des Glaubens, des Evangelii des Pater Quesnell und der Wunder des Herrn von Paris abgesehen sey. Mit einem Wort, er machte einen solchen Lermen, daß er mich, als einen Layen, der seiner eignen Einsicht in dergleichen Sachen nicht trauen darf, endlich selbst ungewiß machte, ob ich gleich bey Durchlesung des Manuscripts nicht das mindeste gefunden hatte, das mir die Absichten des Verfassers hätte verdächtig machen können. Weil ich nun als der erbettene Herausgeber dieses Buchs, den sichersten Weg gehen, und gewiß wissen wollte, woran ich wäre, so communicirte ich das Manuscript einem angesehenen Geistlichen, welcher dermalen Dechant zu *** ist und bey jedermann den Namen eines der gelehrtesten und frömmsten Priester in unsrer ganzen Revier hat, und bat ihn, er möchte mir seine Gedanken davon offenherzig entdecken, indem ich sehr ungleiche Urtheile darüber hätte fällen hören. Dieser rechtschaffene Mann schrieb mir zurück: »er hätte den Don Sylvio nicht ohne Vergnügen durchlesen, ob er gleich gestehe, daß ohne einen besondern Beruf diese Art von Lectur einem Mann von seinem Stande nicht sonderlich anständig sey, er vermuthe sehr, daß der Verfasser kaum eine andre Absicht gehabt habe als sich und seinen Lesern eine Kurzweil zu machen, eine Absicht, die an sich selbst und in ihrer gehörigen Maaße und Einschränkung nicht verwerflich sey; die Thorheiten der Menschen, ihre Vorurtheile und irrige Meynungen, und die Ausschweiffungen ihrer Einbildungskraft und ihrer Leidenschaften zu verspotten, sey nicht nur erlaubt sondern so gar nützlich; und wenn in einem Buch, das mehr zur Belustigung als zum Unterricht geschrieben sey, und worinn guter Humor und scherzende Satyre herrsche, der scherzhafte Ton selbst über ernsthaftere Gegenstände ausgedehnt werde, so sey auch dieses so lange die Schranken der Anständigkeit nicht überschritten werden, ganz wohl zu dulden, indem die Wahrheit ein jedes Licht vertragen könne, und das Lächerliche niemals an der Wahrheit selbst hafte, sondern vielmehr bloß dazu diene, die falschen Zusätze, womit sie in den Köpfen der Menschen vermengt werde, von ihr abzuscheiden; und wenn auch, im übrigen, die Absicht des Verfassers gewesen wäre in der Person des Don Sylvio die Schwärmerey, und in Pedrillo den Aberglauben und die Leichtglaubigkeit des Pöbels, und überhaupt dasjenige, was Juvenal veteres avias nenne, in ein lächerliches Licht zu stellen, so würde er der Religion dadurch vielmehr einen Dienst als den geringsten Abbruch gethan haben; und ihm eine solche Freyheit übel ausdeuten, würde um so viel unbilliger seyn, da die heiligen Väter selbst sich meistens keiner andern Waffen als des lachenden Spottes und der beissenden Ironie gegen den herrschenden Aberglauben ihrer Zeiten bedient hätten etc. etc.«

Dieses gelinde Urtheil von einem Mann, dessen Aussprüche bey mir eine entscheidende Autorität haben, beruhigte mich wieder vollkommen, und ich gesteh es, daß ich ihm recht dafür verbunden bin, daß ich beym Don Sylvio wieder unbesorgt und nach Herzens Lust lachen darf.

Ich überlasse es nun den Lesern, was sie thun wollen, ob sie dabey lachen, lächeln, sauer sehen, schmählen oder weinen wollen. Mir liegt weniger daran als dem Verleger; denn dieser hat sich, die Wahrheit zu gestehen, darauf verlassen, daß Don Sylvio ein lustiges Buch sey, und er würde sich schwerlich damit abgegeben haben, ein paar tausend Copien von den Einfällen des Hrn. Don Ramiro von Z*** auf seine Unkosten machen zu lassen, wenn man ihn nicht versichert hätte, daß die Medici in hypochondrischen und Milz-Krankheiten, in allen Arten von Vapeurs, und hysterischen Zufällen, und so gar im Podagra, ihren Patienten künftig den Don Sylvio statt einer Tisanne einzunehmen verschreiben würden.

R*** am N. den
2. Octob. 1763.

P. F. X. D. R. G. N.
und S. S. D.
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