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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Viertes Capitel.

Muthmassungen des Don Sylvio.
Er verabredet seine Entweichung mit dem Pedrillo.

Pedrillo, der was er auch sagen mochte, eben so vorwitzig als plauderhaft war, hatte an einer kleinen Seitenthüre des Zimmers die ganze Unterredung angehört, die sein Herr mit Donna Mencia gehabt hatte.

Wie er nun sahe, daß er im grösten Zorn in den Garten lief, so schlich er ihm nach und traf ihn in einem Gange von Castanien-Bäumen an, wo er, die Hände auf dem Rücken gefaltet, mit grossen Schritten hin und wieder gieng, und ziemlich laut mit sich selber redete. Er sah so wild aus, daß Pedrillo sich nicht getraute ihm näher zu kommen. Allein so bald Don Sylvio seiner gewahr wurde, rief er ihm und sagte: Ich sehe wohl, daß du dich vor meinen Vorwürfen fürchtest; denn wenn deine unzeitigen Sorgen nicht gewesen wären, so wären wir jezt schon weit von diesem verwünschten Hause entfernt, woraus wir nun, wie ich besorge, ohne den Beystand der mächtigen Radiante schwehrlich entkommen werden. Aber besorge nichts, mein Freund; ich weiß, daß du keine böse Absicht hattest, und ich bin nicht so unbillig, daß ich dir Begegnisse zur Last legen sollte, an denen allein mein widriges Schicksal und die Bosheit der Zauberer meiner Feinde schuld ist.

Mit diesen Worten nahm er ihn bey der Hand, führte ihn in eine Laube, und nachdem er ihm befohlen hatte, sich auf allen Seiten umzusehen, ob sie auch allein wären, sagte er mit leiser Stimme zu ihm: Höre, Pedrillo, ich will dir meine innersten Gedanken entdecken; ich bin vollkommen überzeugt, daß diese alte hagre Frau, die du mit den zweyen Ungeheuern aus der Kutsche steigen sahst, nicht meine Tante Donna Mencia ist, ob ich gleich beym ersten Anblick selbst betrogen wurde, sie dafür zu halten. Ganz gewiß ist es die boshafte Fanferlüsch, die ihre Gestalt angenommen hat, um desto gewisser die Anschläge zu zerstören, welche die wohlthätige Radiante zu meinem Glück gemacht hat. Ich habe Merkmale, Pedrillo, die mir keinen Zweifel übrig lassen, denn so gut auch diese anmaßliche Donna Mencia sich zu verstellen wußte, so bemerkte ich doch in der Unterredung, die ich mit ihr hatte, etlichemal etwas gräßliches in ihren Augen, das meine Tante niemals gehabt hat. Kurz; denn ich kan mich jetzt nicht umständlich heraus lassen, ich habe über diesen Punct nicht den mindesten Zweifel. Fanferlüsch wird die Verwandlung des grünen Zwergs erfahren haben, und, um zu verhindern, daß ich mit Hülfe der mächtigen Radiante nicht dazu gelange den blauen Papilion zu entzaubern, ist sie in Gestalt der Donna Mencia hieher gekommen, um mich zu einer Heurath zu nöthigen, die ich verabscheuen würde, wenn gleich diejenige, die sie mir zur Braut aufdringen will, eben so schön wäre als sie abscheulich ist.

Glaubt ihr das, Gnädiger Herr? antwortete Pedrillo, der ihm mit grosser Aufmerksamkeit zugehört hatte, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, so dächte ich fast selbst, daß ihr recht haben könnet, denn ich merkte gleich, wie ich sie aussteigen sah, daß es nicht mit rechten Dingen zugieng, und seit dem ihr mir eure Gedanken gesagt habt, wollte ich schier wetten, daß diese Donna Schmergelina, oder wie sie heißt, des grünen Zwergs leibliche Schwester wäre, wenn sie nicht, GOtt behüt uns, noch etwas ärgers ist; denn ich will nicht ehrlich seyn, wenn ich in meinem Leben einen so häßlichen Wechsel-Balg gesehen habe. Jetzt reut es mich, daß ich ihr nicht gleich auf die Füsse sah; aber das hab ich doch gesehen, daß sie ganz grün im Gesicht und am Leibe war, und daß sie einen Buckel und ein paar entsetzlich lange Ohren hatte.

Mit allen diesen Schönheiten, versetzte Don Sylvio, verlangt sie nichts geringers, als daß ich sie heurathen soll.

Ihr sollt sie heurathen? rief Pedrillo, heurathen? Ihr ein solches Mondkalb heurathen? Ihr müßtet ja gar den Verstand verlohren haben; verzeyht mir, gnädiger Herr, daß ich so sage, denn ich weiß doch wohl, daß ihrs nicht thun werdet. Zum Henker! was bildt sich das Affen-Gesicht ein? das wäre wohl ewig Schade, wenn ein so hübscher junger Herr einem solchen kleinen Meer-Drachen in den Armen liegen sollte! Beym Element, da wird nichts draus, Jungfer Schmergelina! laß dir heim geigen, oder, wenn du ja geheurathet seyn willst, so laß dich den Zwerg Migonnet heurathen, der schickt sich besser für dich, hi, hi, hi; das würde mir ein Paar seyn, das zusammen taugte! Sapperment, wenn er ein dutzend Finken und Distelvögel auf der Nase sitzen hätte, wie die Historie sagt, so setzte sie ein halb dutzend Meerschweinchen auf ihren breiten Busen! das würde gut lassen! daß dich die Pest! Ja wohl da! Man heurathet nur gleich solche Leb-Kuchen-Gesichter! Ich habe zwar gehört, daß sie holdreich seyn soll, aber wenn sie sich auch von Fuß auf übergülden liesse, so möcht ich sie nicht, ob ich gleich nur ein armer Kerl bin. Weniger Geld, Jungfer Fanferlüschin, und mehr Schönheit, oder sucht eure Heurather anderswo, wenn ihr so gut seyn wollt.

Don Sylvio mußte über den Eyfer, womit Pedrillo alles dieses närrische Zeug vorbrachte, lachen, so wenig er auch Lust dazu hatte; da er es aber gar zu lange machte, so fiel er ihm endlich ein, und sagte: Mein lieber Pedrillo, die Sache ist ernsthafter als du dir vielleicht einbildest; Fanferlüsch ist eine von den schlimmsten und rachgierigsten Feen, die jemals gewesen sind, und ihre Macht ist nicht geringe; wenn sie es ist, die diesen Abend in Gestalt meiner Tante hieher gekommen ist, mir diese ungeheure Mergelina aufzudrängen – – – –

Sapperment, unterbrach ihn Pedrillo, den diese Worte plötzlich auf einen andern Ton stimmten, wenn die gnädige Frau, eure Tante, nicht eure Tante, sondern, wie ihr sagtet, die verfluchte Fanferlüsch ist, so helf uns der Himmel! denn wie wollt ihr, daß wir uns gegen Zauberer und Gespenster helfen sollen?

Höre, Freund Pedrillo, sagte Don Sylvio, es ist kein ander Mittel übrig, als daß wir uns in dieser Nacht noch aus dem Hause machen.

Diese Nacht noch? rief Pedrillo ganz erschrocken aus; o gnädiger Herr, bedenket doch, was ihr sagt! die Nacht ist ohnehin Niemands Freund, aber in solchen Umständen, seht ihr, wollt ich keinen Fuß aus dem Hause setzen, und wenn ihr mir auch so viel Quadrupel geben wolltet, als ich Haare auf dem Kopf habe. Ich will des Todes seyn, wenn wir nicht bey jedem Tritt ein paar tausend Gespenster, Drachen und Stachelschweine antreffen, die uns allenthalben den Paß verrennen. Ich bitte euch, Herr Don Sylvio – – – –

Schweige mit deinen abgeschmackten Possen, sagte Don Sylvio, hab ich nicht das Bildniß der Princeßin, deren Anblick gewiß allein schon hinlänglich ist, alle Ungeheuer von Africa in Ehrfurcht zu halten, und auf allen Fall hat uns ja die Fee Radiante ihren Schutz versprochen. Wir werden dem Ansehen nach eine schöne heitre Nacht haben, und wenn auch der Mond nicht schiene, so zweifle ich nicht, daß sie uns im Nothfall einen von ihren Salamandern oder etliche schicken wird, die unsern Weg beleuchten, und uns gegen alle Verfolgungen der Fanferlüsch sicher stellen werden. Mit einem Wort, Pedrillo mein Freund, wenn du mich lieb hast, so sey mir zu meinem Vorhaben behülflich; denn wenn wir diese Gelegenheit zur Flucht versäumen, so weißt der Himmel, ob wir sie jemals wieder finden werden. Sey versichert, daß ich nicht undankbar seyn werde. Ich verspreche nicht gern mehr als ich halten kan; aber wenn ich einmal meine Princeßin gefunden habe, so darfst du darauf zählen, daß dein Glück gemacht seyn soll. Willt du mich aber nicht begleiten, so sey versichert, daß ich lieber allein gehen, ja lieber tausendmal den Tod leiden, als noch eine Nacht in diesem verwünschten Schlosse bleiben will.

Pedrillo war ungeachtet seiner Furchtsamkeit der gutherzigste Narr von der Welt, die Thränen kamen ihm in die Augen, da er seinen Herrn so reden hörte, und er entschloß sich endlich allen Gespenstern, Fanferlüschen und Schmergelinen zu trotz mit ihm davon zu gehen, in welcher Stunde der Nacht es ihm belieben werde.

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