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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Zehntes Capitel

Worinn Feen, Salamander, Princeßinnen und grüne Zwerge auftreten.

So bald die gröste Hitze vorbey, begab sich Don Sylvio mit seinem getreuen Pedrillo in den Garten, setzte sich an dem schattenreichesten Ort desselben unter eine Laube von Jasmin, und nachdem er ihm ernstlich untersagt hatte, ihn in seiner Rede nicht zu unterbrechen, wie es so ziemlich seine Gewohnheit war, so erzählte er ihm umständlich alles, was ihm, von dem Abentheuer mit dem Laubfrosch an bis auf den Augenblick, da er ihn in der Grotte schlafend gefunden, begegnet war.

Wir übergehen dasjenige, was unsern Lesern schon bekannt ist, und fangen seine Erzählung da an, wo die unsrige stille gestanden, nehmlich bey seiner Entfernung, welche seine Haußgenossen in so grosse Unruhe gesetzt hatte.

So bald meine Tante abgereist war, fuhr Don Sylvio fort, so gieng ich wieder in den Wald, um den Ort zu suchen, wo der blaue Papilion verschwunden war, und mir an seiner statt dieses Bildniß hinterlassen hatte, wovon nunmehr das Glück oder Unglück meines Lebens abhängt. Ich nahm den kleinen Pimpimp mit mir, weil ich hofte, daß er den Weg, den wir miteinander gegangen, durch seinen Instinct leichter wieder ausspüren würde, als ich mich dessen erinnern könnte. Ich betrog mich nicht, ich erkannte den Ort, und nachdem ich ihn aufs sorgfältigste durchsucht hatte, in der Hofnung, vielleicht etwas zu finden, das mir einiges Licht geben könnte, wem das Bildniß zugehöre, fieng ich an allenthalben umher zu laufen, ob ich den blauen Sommer-Vogel wieder entdecken möchte, den ich, nachdem was mir begegnet war, für keinen gewöhnlichen Sommer-Vogel halten konnte. Wenn es, dachte ich, eine Fee ist, wie ich zu glauben Ursach habe, so bewegt sie vielleicht die Unruhe, worinn sie mich sieht, mir wieder sichtbar zu werden, und mir die Nachrichten zu geben, ohne welche ich nicht länger leben kan.

Ich suchte also den ganzen Wald aus, ich fand Sommer-Vögel genug, aber der blaue war nirgends zu sehen. Die Nacht nahm überhand, und Pimpimp war so müde, daß er nicht mehr laufen konnte. Ich war es nicht weniger als er, und da ich diese Grotte, wo du mich gefunden hast, gewahr wurde, so beschloß ich die Nacht da zuzubringen. Ich machte mir ein Lager, und Pimpimp schlief neben mir ein, während, daß ich den Gedanken nachhieng, die meine Umstände mit sich brachten. Der Mond schien so anmuthig, daß er mich zu einem Spatziergang unter den Bäumen, die vor der Grotte stunden, einzuladen schien.

Ich war nicht lange auf und nieder gegangen, so sah ich einen plötzlichen Glanz, der die Bäume und Gesträuche weit umher vergüldete. Ich stutzte auf, und erblickte eine feurige Kugel in der Luft, die weit höher als der Mond zu schweben schien, und sich langsam gegen den Ort, wo ich stund, herab senkte. Du kanst dir nicht vorstellen, Pedrillo, wie groß die Freude war, die ich über diesen Anblick empfand.

Die Freude? unterbrach ihn Pedrillo, nun wahrhaftig, Herr, ihr seyd doch nicht wie andre Leute gemacht; ich würde über ein solches Wunderzeichen gleich zu Tod erschrocken seyn, und ihr konntet euch freuen? Sagte ich dir nicht, daß ich keine Zwischenreden haben wollte? versetzte Don Sylvio; wenn ich mich freute, so hatte ich eine sehr gute Ursache dazu; denn ich wußte wohl, daß es eine Fee war, und mein Herz sagte mir vor, daß es diejenige sey, die ich suchte. Meine Erwartung betrog mich nicht. Die feurige Kugel, die im Annähern immer grösser wurde, zersprang nah über mir mit einem grossen Knall, und an ihrer statt sah ich eine wunderschöne Dame auf einem Wagen von Carfunkeln, der von zween feuerfarben geflügelten Schlangen gezogen wurde. Um sie her flatterten auf einer kleinen silbernen Wolke eine Menge Salamander, in Gestalt kleiner geflügelten Knaben von überirrdischer Schönheit; ihre Haare schienen gekräuselte Sonnenstralen, ihre Flügel Feuerflammen, ihr Leib weisser als der Schnee im Sonnenschein, und die Farbe der Morgenröthe schimmerte um ihre Stirn und auf ihren Wangen. Dem ungeachtet wurden sie alle von dem Glanz der Fee verdunkelt, welcher so blendend war, daß mir das Gesicht davon vergangen wäre, wenn sie die Vorsicht nicht gebraucht hätte, mich mit ihrem Stabe zu berühren.

Don Sylvio, sagte sie zu mir, ich bin die Fee Radiante, welcher du neulich in der Gestalt eines kleinen Frosches ein Leben gerettet hast, von welchem so verächtlich es schien, dasjenige abhieng, worinn du mich jezt siehest. Du weißst, daß wir alle hundert Jahre acht Tage lang die Gestalt irgend eines Vogels oder Thiers annehmen müssen, daß wir in dieser Zeit den Gebrauch aller unsrer Macht verliehren, und allen Zufällen ausgesetzt sind, denen die thierische Natur unterworffen ist. Die acht Tage, in denen ich genöthiget war ein Laubfrosch zu seyn, waren bis auf etliche Stunden verstrichen, als das Vergnügen, mich bald wieder in meiner eigenen Gestalt zu sehen, mich unvorsichtig genug machte, meinen Graben zu verlassen, und mich der Gefahr auszusetzen, die mir ohne deine großmüthige Hülfe verderblich gewesen wäre. Der Schrecken, den ich in dem Schnabel des Storchs ausgestanden hatte, hielt mich ab, dir sogleich für meine Errettung zu danken, und da ich in wenigen Stunden meine eigne Gestalt wieder erlangt hatte, nöthigten mich die Salamander, deren Königin ich bin, meine ersten Augenblicke ihren Angelegenheiten zu schenken. Allein so bald ich wieder Zeit hatte an die Meinigen zu gedenken, erinnerte ich mich, wie viel ich dir schuldig sey, und dachte auf Mittel, dir meine Dankbarkeit zu beweisen. Meine Bücher, die ich zu Rathe zog, belehrten mich, daß du vom Schicksal bestimmt seyest eine gewisse Princeßin zu lieben, aber daß deinem Glück Schwierigkeiten entgegen stünden, die du ohne einen mächtigen Beystand schwerlich zu besiegen vermögend seyn werdest. Ich komme nun dir diesen Beystand anzubieten. Deine Geliebte wird von der Fee Fanferlüsch verfolgt, weil sie sich nicht überwinden konnte, einen gewissen Zwerg zu heurathen, der ein Neffe dieser Fee ist, und wegen seiner grünen Farbe der grüne Zwerg, oder auch, weil er gemeiniglich auf einer Bremse zu reiten pflegt, der Bremsen-Reiter genennt wird. Weil die Princeßin unbeweglich blieb, so ist sie vor kurzem von dieser grausamen Fee in einen blauen Papilion mit purpurfarbem Saum verwandelt worden, mit der Bedingung, daß diese Bezauberung nicht eher aufhören solle, bis sie in diesem Zustand einen geliebten Liebhaber gefunden hätte, der ihr den Kopf und die Flügel abreissen würde. Unglücklicher Don Sylvio! der blaue Sommer-Vogel, den du diesen Morgen fiengest, war deine Princeßin; sie sah dich im Walde, und liebte dich so bald sie dich sah; sie floh nur vor dir, weil sie sehen wollte, ob du ihr nachgehen würdest; und ließ sich willig fangen, so bald sie versichert war, daß sie dir selbst in Gestalt eines Sommer-Vogels nicht gleichgültig sey. Als sie sich in deiner Hand sah, bemühte sie sich dir zu sagen, wie angenehm ihr diese Gefangenschaft sey; aber die grausame Fanferlüsch hatte ihr auch die Sprache geraubt, und sie konnte nichts hervor bringen als einen Seufzer, den du unglücklicher Weise für ein Zeichen hieltest, daß sie den Verlust ihrer Freyheit beklage. Dein mitleidiges Herz bewog dich, sie wieder fliegen zu lassen; sie flatterte traurig fort, würde aber vermuthlich bald wieder zurück gekehrt seyn, wenn sie nicht in eben demselben Augenblick den grünen Zwerg erblickt hätte, der auf seiner Bremse angeritten kam, und die Zähne so abscheulich gegen sie blöckte, daß sie sich vor Angst zehen tausend Flügel wünschte, um desto schneller entfliehen zu können. Zum Glück für sie war ich eben im Begriff dich aufzusuchen; ich sah die Gefahr, worinn sich die arme Princeßin befand, und eilte ihr zu Hülfe, nachdem ich einem meiner Salamander befohlen hatte, das Bildniß der Prinzeßin in deinen Weg zu legen. Ich setzte dem grünen Zwerge nach, welcher, zu schwach sich mit mir in einen Kampf einzulassen, alle mögliche Gestalten annahm, um mir zu entwischen. Endlich verwandelte er sich in eine kleine Wolcke, allein ich ward es so gleich gewahr, und drückte ihn zwischen meinen Händen so fest zusammen, daß er in Tropfen zerfloß. Die Leute, die unten im Feld arbeiteten, sahen daß es Blut regnete, und hielten es für eine böse Vorbedeutung. Der grüne Zwerg befand sich so übel in dieser Presse, daß er in seine eigene Gestalt zurück trat; allein er behielt sie nicht lange; ich verwandelte ihn in einen elfenbeinernen Zahnstocher, mit der Bedingung, daß er seine natürliche Gestalt nicht eher wieder bekommen sollte, bis er gedient hätte, den hintersten Stockzahn eines achtzigjährigen Mädchens auszustochern, die noch eine unbefleckte Jungfer wäre.

Beym Element, unterbrach ihn Pedrillo, ich bin der Fee Radamante ihr gehorsamer Diener, aber sie denkt nicht, was sie thut; auf diese Art wird der arme grüne Zwerg ewig ein Zahnstocher bleiben; denn seht ihr, Herr Don Sylvio, ich will nicht Pedrillo heissen, wenn ihr mir in der alten und in der neuen Welt eine achtzigjährige Jungfer finden könnt, die noch Zähne auszustochern hat, oder ein achtzigjähriges Mädchen mit Zähnen, die noch eine Jungfer ist.

Dafür laß ich den grünen Zwerg sorgen, versetzte Don Sylvio, wenigstens wird er lange genug suchen müssen, daß ich nichts von ihm zu besorgen habe. Aber sagte ich dir nicht schon zweymal, daß ich nicht unterbrochen seyn will? wenn wir gute Freunde bleiben sollen, Herr Pedrillo, so laß michs nicht zum drittenmal sagen.

Gut, Herr, erwiederte Pedrillo, fahret nur fort, und erzürnet euch nicht; ich will so still seyn wie eine Maus, ihr wisset, daß ich sonst kein Plauderer bin, aber wie ihr von dem Zahnstocher und von der achtzigjährigen Jungfer – – – –

Zum Henker, rief Don Sylvio, du verfluchtes Plaudermaul, du fängst ja wieder von vornen an – – – –

Nein, Herr, sagte Pedrillo, ich wollte nur sagen, daß ich euch nicht mehr unterbrechen will, und daß ich es auch dißmal nicht gethan hätte, wenn nicht der Zahnstocher – – – –

Ich wollte, schrie Don Sylvio, daß du selbst ein Zahnstocher wärest; so höre doch und schweige, oder das soll das letzte Wort seyn, das du jemals von mir gehöret hast.

Diese Drohung erschreckte den Pedrillo, der seinen jungen Herrn überaus lieb hatte; er legte die Hand auf den Mund, zum Zeichen, daß er nichts mehr sagen wolle, und Don Sylvio fuhr also fort:

Die Fee hielt ein wenig inn, nachdem sie ihre Erzählung geendiget hatte, und ich ergrif diesen Augenblick mich ihr zu Füssen zu werfen, und ihr meine Dankbarkeit in den lebhaftesten Ausdrücken zu bezeugen.

Mächtige Fee, setzte ich hinzu, sie haben so viel für mich gethan, vollenden sie ihr Werk; haben sie dem grünen Zwerg die Gestalt eines Zahnstochers geben können, was für Mühe wird es sie kosten, meiner geliebten Princeßin ihre eigene wieder zu geben?

Es ist nicht in meiner Macht, erwiederte die Fee, eine Bezauberung aufzulösen, die eine meiner Mitschwestern gemacht hat. Dieses Abentheuer ist für dich aufgehoben. Versäume keine Zeit, Don Sylvio. Nimm deinen getreuen Pedrillo und den kleinen Pimpimp mit dir, und suche den blauen Sommer-Vogel so lange, bis du ihn findest. Ich besorge sehr, daß die boßhafte Fanferlüsch ihren Neffen an ihm und an dir selbst zu rächen suchen werde; aber laß dich durch keine Schwierigkeiten abschrecken, und sey versichert, daß du meinen Beystand, wo er nöthig seyn wird, nie vergeblich anruffen sollst.

Mit diesen Worten verschwand die Fee, der Wagen, und die Salamander. Ich befand mich so abgemattet, daß ich in einen tiefen Schlaf fiel, und ich schliefe vielleicht noch, wenn du mich nicht aufgeweckt hättest.

Du hast nun gehört, Pedrillo, was mir die Fee befohlen hat; ich habe keine Zeit zu verliehren. Wir müssen uns auf den Weg machen, meine geliebte Princeßin zu suchen, und ich hoffe, daß du dich nicht weigern wirst, mich zu begleiten.

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