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Die Abentheuer des Don Sylvio

Christoph Martin Wieland: Die Abentheuer des Don Sylvio - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva
authorChristoph Martin Wieland
year1997
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20201-4
titleDie Abentheuer des Don Sylvio
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1764
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Neuntes Capitel.

Folgen des Abentheuers mit dem Sommer-Vogel. Der Leser wird mit einer neuen Person bekannt gemacht.

Der getreue Pimpimp hatte seine Zeit so wohl genommen, daß er mit seinem Herrn eben anlangte, als es Zeit war zu Tische zu gehen. Ein tiefes Stillschweigen herrschte über der Tafel, und Don Sylvio war, wie man leicht denken kan, derjenige nicht, der es unterbrochen hätte. Er war zu sehr in seine Angelegenheiten vertieft, als daß er hätte bemerken sollen, wie sehr es seine gnädige Tante in die ihrige war. Eben so wenig beobachtete er, daß sie sich ungewöhnlich geputzt hatte, und daß sie von Zeit zu Zeit in einen gegenüberstehenden Spiegel Gesichter machte, welche dem Pedrillo, der bey Tisch aufwartete, so sonderbar vorkamen, daß er sich in die Lippen beissen mußte, um nicht überlaut zu lachen.

Nach dem Essen kündigte Donna Mencia ihrem Neffen an, daß sie in Geschäften genöthiget sey, in die Stadt zu fahren und darinn über Nacht zu bleiben.

Don Sylvio war zu höflich einige Neugierigkeit über die Natur dieser Geschäfte merken zu lassen, und er konnte es desto leichter seyn, daß er in der That keine hatte. Sie schieden also sehr vergnügt von einander, und unser junger Ritter verschwand bald darauf, ohne daß jemand im Hause gewahr wurde, wohin er gieng.

Da er gewohnt war, die Sieste in seinem grünen Schloß zu halten, so vermißte man ihn nicht eher als da es Abendessens-Zeit war. Man suchte ihn hierauf im Hause, im Garten, in den Feldern, im Wald, aber überall umsonst; Man rief seinen Namen, aber da war kein Don Sylvio.

Der vorgedachte Pedrillo, ein junger Bursche aus dem Dorfe, der ihm zur Aufwartung gegeben war, eine Küchenmagd, ein Stallknecht und die schöne Maritorne, deren wir schon erwähnt haben, machten in Abwesenheit der Donna Mencia und der Dame Beatrix, ihrer getreuen Kammerfrau, die ganze Hausgenossenschaft aus. Diese vier guten Leute waren nicht wenig betrübt darüber, daß sie nicht wußten, was aus ihrem jungen Herrn geworden sey; denn sie liebten ihn wegen seines angenehmen und leutseligen Wesens recht herzlich. Nachdem sie ihn nun beym Mondschein bis in die späte Nacht umsonst gesucht hatten, kamen sie endlich auf den Gedanken, daß er vielleicht zu seiner Tante gegangen sey; denn das Städtchen war kaum drey Stunden weit vom Schloß entfernt. Sie giengen also heim und legten sich schlafen.

Allein Pedrillo, der oft genug um seinen Herrn war, daß ihm seine Neigung zur Feerey nicht unbekannt seyn konnte, kam bey näherm Nachdencken auf die Vermuthung, daß er sich auf einem seiner gewohnten Spatziergänge im Walde, vielleicht über irgend einem Abentheuer, verirrt haben möchte. Er stund also den folgenden Morgen früh auf, und durchstöberte nochmals den ganzen Wald, ohne glücklicher zu seyn als den Abend zuvor. Er wollte eben wieder heimkehren, als er in einem Felsen, um welchen etliche Reyhen von wilden Lorbeer-Bäumen im Cirkel stunden, eine mit Geißblatt bewachsene Höle gewahr ward.

Pedrillo, dem es ungeachtet seiner ziemlich schaafmäßigen Mine nicht an Witz fehlte, und der in den Ritterbüchern und Mährchen nicht weniger bewandert war als sein Herr, hielt diesen Ort für Feen-mäßig genug, daß er ihn vielleicht darinn finden könnte. Er betrog sich nicht; denn wie er an den Eingang der Grotte kam, sah er ihn auf einem Lager von Mooß und Blumen ausgestreckt in tiefem Schlafe liegen; der kleine Pimpimp schlief zu seinen Füssen, neben ihm lag seine Cither, und an seinem Halse hieng das Kleinod mit dem Bildniß der schönen Schäferin.

Pedrillo, der es noch nie gesehen hatte, wurde von dem Glanz der Steine und Perlen, wovon dieses Halsgeschmeide schimmerte, nicht wenig geblendet; und ob er gleich kein grosser Kenner von Juwelen war, so däuchte ihn doch, daß sie wenigstens zehen Dörfer, wie das seinige, werth seyn könnten. Er betrachtete sie lang ohne auf das Gemählde Acht zu geben, und konnte nicht begreiffen, woher Don Sylvio einen so kostbaren Schmuck bekommen haben möchte. Seine Neugierigkeit wurde endlich so dringend, daß er sich kaum enthalten konnte ihn aufzuwecken. Das that er nun zwar nicht, denn Pedrillo war ein so höflicher Bauer-Junge, als irgend einer in Valencia; aber er nahm doch die Cither, und klimperte darauf so laut er konnte, und endlich sang er gar dazu, ohne daß er seine Absicht desto mehr erreichte.

Nun, bey meiner Six! rief er endlich ganz ungedultig aus, das geht nicht natürlich zu; wenn das nicht ein bezauberter Schlaf ist, so versteh ich nichts davon. Vielleicht steckt die Zauberey in diesem Kleinod hier; wenn das wäre, so ist es besser, ich nehm' es ihm vom Hals, oder ich zerbrech es gar, wenns nöthig ist, als daß mein junger Herr hier ein paar tausend Jahre wie ein Murmelthier an einem Stück verschnarche.

Indem er dies sagte, langte er nach dem Kleinod, stieß aber von ungefehr mit dem Ellbogen an den Don Sylvio an, der davon erwachte, und, weil er die Augen noch nicht recht aufthun konnte, den Pedrillo nicht sogleich erkannte, sondern nur eine Menschen-Figur sah, die ihm seine geliebte Schäferin stehlen wollte.

Er gerieth darüber in eine ausserordentliche Wuth. Verfluchte Zauberin, rief er, ist es dir nicht genug, daß du diese unschuldige Princeßin ihrer himmlischen Schönheit beraubt und in einen elenden Sommer-Vogel verwandelt hast? Willst du mir auch das einzige rauben, was mir das Uebermaaß meines Unglücks noch erträglich machen kan? Aber wisse, vorher must du dieses Herz ausreissen, worinn ihr Bildniß mit feurigen Zügen eingegraben ist.

Ums Himmels willen, Herr, rief Pedrillo, indem er an dem Eingang der Grotte zurück sprang, was meynet ihr mit allem diesem seltsamen Zeug? Ich bin weder ein Zauberer noch ein Schwarzkünstler, GOtt sey Dank; ich bin Pedrillo, euer Diener, von alt-christlichem Geschlecht, so gut als einer in unserm Kirchspiel, und es thut mir leyd, nachdem ich euch in allen vier Enden der Welt gesucht habe, euch in dieser verfluchten Grotte und in einem solchen Zustand anzutreffen, was sagt ihr da von Zauberern und von dem Uebermaaß der Sommer-Vögel, die in Princeßinnen verwandelt sind? GOtt sey es geklagt, ich dachte gleich, daß es nichts Gutes bedeuten werde, wie ich euch hier eingeschlafen fand.

Bist du Pedrillo, versetzte Don Sylvio, der sich indeß die Augen gerieben hatte? Wenn du Pedrillo bist, wie deine Gestalt es allerdings zu bezeugen scheint, so bin ich schon zufrieden, und die Vorwürfe gehen dich nichts an, die ich dir machte, indem ich dich für einen andern ansah. Aber was wolltest du mit diesem Bildniß anfangen.

Mit was für einem Bildniß, fragte Pedrillo?

Schurke, versetzte Don Sylvio, mit dem Bildniß, das du im Begriff warest, mir zu entwenden, als ich von einer unsichtbaren Hand erweckt wurde, um einem so grossem Unfall zuvor zu kommen.

Beym Element, Herr Don Sylvio, erwiederte Pedrillo, ich glaube ihr träumet, wenn ihr nicht noch was ärgers thut. Wir suchten euch gestern den ganzen Abend, bis um die Zeit, da, GOtt sey bey uns! die Gespenster zu gehen pflegen; aber es war alles umsonst. Diesen Morgen früh lief ich im ganzen Wald herum, und suchte alle Gesträuche und Büsche durch, endlich fand ich euch in dieser Höle schlafen, und da sah ich dieses Kleinod, und weil ihr so gar fest schliefet, so bildete ich mir ein, daß es vielleicht ein Telesman seyn könnte, wodurch ihr in dieser Höle in einem ewigen Schlaf bezaubert liegen müßtet, bis jemand käme, der den Telesman zerbräche, wie ich dergleichen Exempel viel in den grossen dicken Büchern gelesen habe, die in der gnädigen Frauen ihrer Bücher-Kammer stehen; und weil ihr mir nun lieb seyd, Herr, und weil ihr mich daurtet, daß ihr wie Dämonion, den die Göttin Dina einsmals bezauberte, daß er hundert Jahre lang schlafen mußte, damit sie sich recht satt an ihm küssen könnte, die alte verliebte Hexe! ihr wißt ja die Historie, Herr? sie steht in einem alten Buch, das ich aus der Erbschaft meiner Großmutter für dreyzehn Maravedis annehmen mußte, ob es gleich keinen Deckel und kein Titel-Blatt mehr hatte; es waren die Menge gemahlter Figuren darinn, woran ich mich erlustigte, wie ich noch ein kleiner Junge war, und dann las mir meine Großmutter die Historien, die daneben stunden, es ist mir, als ob ich sie noch vor mir sitzen sehe, die gute alte Frau, GOtt tröste sie! Aber was wollt ich sagen? Ja, und seht ihr, weil ihr mich nun halt daurtet, wollt ich sagen, daß ihr so lange schlafen solltet, und so wollte ich den Telesman zerbrechen; das ist das Ganze, seht ihr, und ich denke, da ist nichts, darüber ihr euch erzürnen solltet.

Don Sylvio, so gute Lust er auch hatte, böse zu seyn, konnte sich doch des Lachens nicht enthalten, da er den Pedrillo so reden hörte. Höre, Pedrillo, sagte er zu ihm, es ist mir schon genug, daß du es nicht übel gemeynt hast, aber ich versichere dich, du warst im Begriff mir einen sehr schlimmen Streich zu spielen. Es ist nur allzugewiß, daß ich von demjenigen bezaubert bin, was du für einen Talisman angesehen hast; aber lieber wollt ich das Leben verliehren, als zugeben, daß diese Bezauberung aufgelöst würde. Ich habe diese Nacht Sachen von grosser Wichtigkeit erfahren; aber frage mich nicht was es sey, du sollst alles wissen, so bald es Zeit ist; denn ich bin deiner Dienste benöthiget: Mehr kan ich jezt nicht sagen.

Pedrillo verstund kein Wort von diesen Reden; aber das machte ihn eben desto neugieriger. Ich will auch nichts fragen, Herr, sagte er, indem sie nach Hause giengen, ihr habt mir's verboten, und ich weiß den Gehorsam wohl, den ich euch schuldig bin; denn erstlich, so seyd ihr mein Junker, weil ich aus eurem Dorfe bin, und dann seyd ihr mein Herr, weil ich in eurem Muß und Brodt stehe; denn obgleich die gnädige Frau die Haushaltung führt, so weiß ich doch wohl, daß alles aus eurem Beutel geht. O das versprech' ich euch, wenn ich schon einfältig aussehe, so merk' ich doch wohl, wo der Hase liegt. Ich will also nicht neugierig seyn und fragen, was das für wichtige Dinge sind, die ich nicht fragen darf, weil ihr mir sie nicht sagen könnt, ob ihr schon wolltet, wenn es Zeit wäre, daß ich sie wisse? Sagtet ihr nicht so, Herr? Aber es ist doch was seltsames, ich glaube bald, ich bin selbst bezaubert; denn ich verstund euch sonst alles was ihr sagtet; aber seit dem ich diesen Telesman angerührt habe, ist mir nicht anders, als ob ihr calecutisch redet. Ich will gleich des Todes seyn, wenn ich von allem, was wir da miteinander gesprochen haben, ein Wort verstehe. Ich habe schon oft gehört, viel wissen macht Kopfweh; aber wenn einer wißte, wo ihr diese Nacht gewesen seyd, da wir euch in der ganzen Welt suchten, so könnte einer vielleicht errathen, – – mehr sag' ich nicht, ihr könntet sonst meynen, daß ich vorwitzig sey, und euch fragen wolle, und Vorwitz das ist mein Fehler nicht. Was mich nicht brennt, das blase ich auch nicht. Zum Exempel, wenn ich vorwitzig wäre, so hätt' ich wohl erfahren können, warum die gnädige Frau seit acht Tagen so oft in die Stadt fährt; denn unter uns geredt, Herr, ich gelte was bey der Frau Beatrix, ob ihr mirs gleich nicht angesehen hättet; Sie hat es hinter den Ohren, das versprech ich euch, wenn sie schon einen so grossen Rosenkranz am Gürtel hängen hat als ein Waldbruder, und so leise daher tritt, als ob sie auf Eyern gehe. Stille Wasser gründen tief, und es sind nicht alle Köche, die lange Messer tragen. Kurz und gut, Herr, ich gieng gestern bey ihrem Zimmer vorbey, und wie sie sah, daß ichs war, denn die Thür war halb offen, so rief sie mir, und bat mich, daß ich ihr das Halstuch heften möchte; und da weiß ich nicht, wie es kam, aber ich sollt es auf dem Rücken heften, und da heftete ichs vornen, und konnte nie fertig werden; aber sie lachte nur über meine Ungeschicklichkeit, und, GOtt verzeyh mirs; ich glaub, ich wäre noch dabey, wenn die gnädige Frau nicht geschellt hätte. Das erstemal hörten wir nichts, so viel hatte ich zu thun; aber sie schellte wieder und das so stark, daß Frau Beatrix sagte: Ich muß gehen, Pedrillo, sonst werde ich gezankt; wenn ich gewußt hätte, daß du so ungeschickt wärest, so hätt ich dich nicht geruffen; denn siehst du, du machst schon so lang, und jezt muß ichs doch selbst heften. Und da lief sie fort, Herr, und, was ich sagen wollte? Ja, da hätt' ich sie fragen können, warum die gnädige Frau so oft in die Stadt fährt, und zu wem, und dieses und jenes, aber wie ich sagte, über dem Halstuch hatt' ich alles vergessen. Ihr seht also, daß ich nicht neugierig bin; denn die Dame Beatrix war bey guter Laune, und ich glaube, sie hätte mir alles gesagt.

In diesem Ton fuhr Pedrillo den ganzen Weg lang fort, ohne daß Don Sylvio darauf Acht gab, was er schwazte, so sehr war er in Gedanken vertieft. Allein, so bald sie zu Hause waren, erinnerte ihn sein Magen, daß er seit gestern Mittag gefastet hatte; denn, wie wir schon bemerkt haben, die Bezauberung erstreckte sich bey ihm niemals bis auf den Magen. Er ließ sich also einen Eyer-Kuchen und ein paar fricaßirte Hüner zum Frühstück machen, und aß mit so gutem Appetit, daß Pedrillo wieder Muth schöpfte, und eine bessere Meynung von dem Verstande seines Herrn faßte, als er diesen Morgen gehabt, da er ihn von Verwandlungen, Princeßinnen, und bezauberten Sommer-Vögeln reden hörte.

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