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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/multatul/klwalthe/klwalthe.xml
typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100516
projectid8fb3ce4f
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Das tiefsinnige Schweigen von Jüffrau Laps. Stoffels Predigt. Walthers standhafte Treue zu Glorioso. Rührender Rückblick auf Scelerajosos Tod, und das glorreiche Ende Gloriosos. Der letzte König von Athen. Verdorbene Magen und geplatzte Trommelfelle – ein eigenartiger Stoffwechsel.

Ich weiß nicht, welcher Prophet unserem Walther zur Strafe für sein verschärftes Bibelchen aufgegeben wurde. Der Hausgeistliche kam gerade dazu, und der Mann war reinweg entsetzt über so viel Schlechtigkeit. Jüffrau Laps, die auf der Unter-Vorkammer wohnte, hatte auch davon gehört. Sie war sehr fromm und behauptete daher, daß so ein Junge für den Galgen aufwuchs, denn:

»Man beginnt mit der Bibel,« sagte sie bedeutungsvoll, »und endigt mit was anderem.«

Niemand hat aber jemals erfahren, was wohl das »andere« eigentlich sein könnte, wenn man mit der Bibel angefangen hat. Ich denke, sie wußte es selbst nicht und sagte bloß so, damit die Menschen glauben sollten, sie besäße viel Lebensweisheit und wüßte mehr vom Lauf der Welt, als sie äußerte. Mir kann es recht sein, wenn ich auch nichts von Weisheit halte, die sich nicht in verständlichen Worten äußert, und wenn es meine Sache gewesen wäre, hätte ich der Jüffrau Laps schon den Daumen zwischen die Thür gesetzt.

Stoffel hielt eine Nachpredigt, in der er nachtrug, was der Hausgeistliche vergessen hatte. Er redete von Korah, Dathan und Abiram, die auch so etwas wie Walther verbrochen hatten und die dafür mit frühzeitigem Begräbnis gestraft worden waren. Auch sagte er: »daß die Ehre der Familie auf der Ouwebrüg verloren gegangen wäre, daß er als der einzige älteste Sohn einer unbescholtenen Witwe, und als dritter Hilfslehrer auf der Stadt-Zwischenschule verpflichtet wäre, Sorge zu tragen für die Ehre des Hauses ...«

»Bayern,« sagte Leentje sachte.

»Daß eine Verheiratung oder eine andere Versorgung für die Mädchen durch Walthers Schuld sich zerschlagen könnte, denn niemand würde mit Mädchen zu thun haben wollen, die ...«

Kurz, Stoffel betonte, daß es »eine Schande« wäre, und daß er »die Augen niederschlüge vor jedem, der von dem Verbrechen wüßte.« Er hatte deutlich bemerkt, daß auch »die Jungens« davon wissen müssen, denn Ludwig Hopper hatte schon ihm die Zunge herausgesteckt!

Und endlich, »daß er sich graulte, über den neuen Markt zu gehen« – dort wurde nämlich in den Tagen gegeißelt, gebrandmarkt und gehenkt – »weil das ihn so unangenehm an die gräßliche Anspielung erinnerte, die Jüffrau Laps über Walthers Zukunft gemacht hatte.«

Dann kam noch allerlei von den Korahs und von Dathan und Abiram, worauf die ganze Familie in Geheul ausbrach, weil es so sehr rührend war.

Walther tröstete sich mit dem Gedanken an Olorioso, und wenn von dem »anderen« gesprochen wurde, frei nach Jüffrau Laps, träumte er von seiner Hochzeit mit der schönen Amalia, deren Schleppe von sechs Pagen getragen wurde. Jüffrau Laps würde wohl ein besonderes Gesicht gemacht haben, wenn sie diese Auslegung ihrer verschluckten Steigerung erfahren hätte.

Es versteht sich von selbst, daß alle Versuche, die unseren Helden zu Erklärungen zwingen sollten, auf welche Weise er eigentlich das Geld verthan hatte, vergebens waren. Nach der fruchtlosen Anwendung aller gebräuchlichen Mittel mußte man davon absehen. Wasser und Brot, Wasser ohne Brot, Brot ohne Wasser, kein Wasser und kein Brot, Hausgeistlicher, Stoffel, Habakuk, Jüffrau Laps, Thränen, Prügel – alles vergebens. Walther war der Junge nicht, um Glorioso zu verraten. Das hatte er gerade von diesem Scelerajoso so schuftig gefunden, dem es dann auch schlecht ging, wie wir gesehen haben.

Als ihm wieder gestattet wurde, mit den Hallemännchen, die so besonders anständig waren, spazieren zu gehen, eilte er nach der Brücke draußen vor dem Aschthor, um seine spannende Lektüre fortzusetzen, und er wiederholte das bis zu dem unseligen Augenblick, da er von seinem Helden Abschied nehmen mußte, welcher auf der letzten Seite als reuiger Generalmajor in den Armen der tugendhaften Elvira sanft verschied.

Als Walther sein Buch nach der Hartenstraat zurückgebracht hatte, wurde sein Blick durch Mandelkuchen bei dem Konditor an der Ecke gefesselt. Er handelt mit Glorioso, wie die Athener mit Kodrus; niemand war würdig, eines solchen Helden Nachfolger zu sein, und binnen wenig Tagen war der Überschuß von dem Neuen Testament in magenverderbendes Backwerk verwandelt ...

Was den Anteil der Psalmen in dem Saldo betrifft, das Walther von seiner italienischen Reise blieb, so lieferte diese sehr eigenartig den Grundstoff zu einer Mundharmonika mit drei Tönen, die Ohren und Seele zerrissen und schließlich durch Meister Pennewip, als störend für die Schulruhe, konfisziert wurden.

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