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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/multatul/klwalthe/klwalthe.xml
typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100516
projectid8fb3ce4f
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Die holländischen Grafen und die Fleischpreise, sowie der grundlose Verdacht gegen Pennewips Ehre. Leentjes heimliches Talent, Kleider und Seelen zu flicken.

So hatte jeder seinen Ärger mit der armen Leentje. Walther hielt viel von ihr, und er war mit keinem im Hause so intim wie mit ihr, wahrscheinlich, weil ihn die anderen nicht mochten, und ihm daher nichts weiter übrig blieb, als bei ihr Trost zu suchen. Denn jedes Gefühl sucht seinen Ausweg, und es geht nichts verloren – ebensowenig in der moralischen wie in der materiellen Welt. Darüber könnte ich noch mehr sagen, aber das will ich lieber lassen, denn unter meinem Fenster steht gerade ein Leiermann, der mich verrückt macht.

Walthers Mutter nannte ihn: »Dieser Junge.« Seine Brüder – es waren noch mehr als bloß Stoffel – behaupteten, daß er falsch und mißgünstig wäre, weil er wenig sprach und sich aus den »Murmeln« nichts machte. Sagte er aber etwas, so verwies man ihm eine ganz unbewiesene Verwandtschaft mit König Salomos Katze. Die Schwestern erklärten ihn für einen »Reißteufel«. Aber mit Leentje stand sich Walther gut. Sie tröstete ihn und fand es schändlich, daß man von einem Jungen, wie er, nicht mehr her machte. Sie hatte also wohl eingesehen, daß er nicht ein Kind war wie andere Kinder. Sonst würde ich mir ja auch nicht die Mühe geben, seine Geschichte zu erzählen.

Bis kurz nach der Reise nach Ouwebrüg, Hartenstraat und Aschenthor war Leentje Walthers einzige Vertraute. Ihr las er die Verse vor, welche die lange Cecil verschmäht hatte. Ihr klagte er seinen Schmerz über die Ungerechtigkeit seines Lehrers Pennewip, der ihm »genügend« gab, dem rothaarigen Keesje dagegen »recht gut« mit einem Strich drunter – Keesje, der kein Exempel allein rechnen konnte und in den holländischen Grafen immer stecken blieb!

»Armer Junge!« sagte Leentje. »Du hast wohl recht. Sie kamen in das Haus Bayern ... Es ist eine Schande! und um einen Deut aufs Pfund!«

Sie behauptete nämlich, daß Pennewip von Keesjes Vater, der Schlächter war, das Fleisch billiger bekam, und daß es deshalb mit den holländischen Grafen und ihren verschiedenen Häusern nicht stimmte.

Später hat Walther das für eine »fromme Lüge« angesehen, weil nämlich Pennewip, wohl beschaut, nicht so aussah, als ob er mit Beefsteak Mißbrauch triebe. Aber in jenen Tagen nahm er diesen leichtfertigen Verdacht gegen des Mannes Ehre gern an, als Pflaster auf die seine, die durch Keesjes Bevorzugung gekränkt war. Denn wo unsere Ehre im Spiel ist oder was wir dafür halten, da geben wir weniger auf die Ehre anderer.

Und wenn seine Brüder ihn kränkten mit dem höhnenden »Professor Walther« – oder wenn die Schwestern auf ihn die Schuld schoben wegen des »albernen Gekrabbels in den Bettvorhängen« – oder wenn seine Mutter ihn strafte, weil er den Reisbrei aufgegessen hatte, der noch für morgen gut gewesen wäre – dann war es stets Leentje, die Walthers Gemüt wieder ins Gleichgewicht brachte, genau so wie sie die Dreiecke in seinen Hosen und Jacken mit ihren unnachahmlichen Stichen unsichtbar machte.

O du häßliche, unsaubere, schiefe, böszungige Leentje, wie hat dich Walther lieb gehabt! Welcher Trost strahlte von ihrem messingnen Fingerhut, welche Ermutigung lag in ihrem Ellenmaß und was für eine Salbung in ihren liebreichen Worten:

»Da hast du eine Nadel und einen Zwirn und ein Läppchen ... näh' dir ein Säckchen für deine Griffel und erzähl' mir noch was von all den Grafen, die immer von einem Hause ins andere übergingen.«

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