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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100516
projectid8fb3ce4f
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Der Unterschied zwischen verbummelten Zuckerdosen und verschärften Bibeln, oder die Macht des Gewissens. Leentjes Verdienste und Mängel, vom philanthropischen Standpunkte aus besehen.

Lassen wir die principienschaffende Fruchtbarkeit der Beschränktheit auf sich beruhen, Walther kannte die Frucht, wenn ihm auch die Kenntnis des Ursprungs fehlte. Er sorgte sich auch nicht so sehr um sein Nachhausekommen, als wegen der schrecklichen Strafe, die seiner wartete, wenn man sein Neues Testament mit Psalmen vermissen würde. Er war von seiner Landpartie in die Abruzzen zurückgekehrt, und bei seiner Rückkehr nach Amsterdam fiel ihm die Erinnerung an seine Bosheit – oder die Vorahnung des nun Kommenden – drückend auf das Gemüt.

Es würde wohl wenig übrig bleiben von dem, was wir Gewissen nennen, wenn wir die notwendigen Folgen des begangenen Schlechten wegdenken könnten.

Aber Walther tröstete sich mit dem Gedanken, daß er diesmal doch keinen Fingerhut um die Ecke gebracht hatte, wie neulich. Das Neue Testament wird man ja nicht so gleich vermissen, dachte er, weil der Sonntag noch in weitem Felde war, und in der Woche würde ja wohl nicht danach gefragt werden.

Wie gesagt: es war kein Fingerhut, keine Stricknadel, keine Zuckerbüchse, und sonst etwas von täglichem Bedarf ...

Als unser Held nach Hause kam, versteckte er den fettigen Glorioso schnell unter dem Nähtisch von Leentje, derselben Leentje, die nach dem Thorsprung seine Hose geflickt hatte, sodaß seine Mutter es nie erfahren hat.

Ja, sie ist ins Grab gestiegen, ohne von der zerrissenen Hose etwas zu wissen.

Leentje flickte auch sonst Hosen, und sie bekam dafür sieben Stüber die Woche und abends eine Butterstulle.

Lange nach Habakuks Zeit dachte Walther noch manchmal an ihr demütiges »Guten Abend, Jüffrau, guten Abend, M'neer und die Jonge-Jüffrauen, guten Abend, Walther ...« u. s. w.

Ja, Walthers Mutter hieß Jüffrau, wegen der Schuhmacherei, Denn »Jüffrau«, das ist der Titel von Frauen aus dem Bürgerstande, gewöhnliche Weiber dagegen heißen bloß »Frau« und »Mevrouw« ist der hohe Titel der vornehmen Damen. So ist es in den Niederlanden noch heute. Alles nach Rang und Ordnung, wie sich's gehört. Jüffrau heißen aber auch unverheiratete Damen, sodaß man sich unter Jüffrau sowohl eine Jungfrau als auch eine »junge Frau« denken kann – und die letztere braucht nicht einmal jung zu sein. Die Jonge-Jüffrauen waren Walthers Schwestern, die tanzen gelernt hatten. Und sein Bruder war »M'neer« seit seiner Ernennung zum dritten Hilfslehrer an der städtischen Zwischenschule – die wird's wohl jetzt nicht mehr geben, es war ein wenig mehr als die Armenschule. Er hatte damals Verlängerungsschlippen an seine Jacke bekommen, um der Schuljugend Respekt einzuflößen, und »Stoffel« paßte eigentlich nicht mehr, sagte seine Mutter. Deshalb sagte Leentje »M'neer« zu ihm. Aber zu Walther sagte sie einfach Walther, weil er noch ein kleiner Junge war. Auch war er ihr drei Stüber schuldig oder eigentlich sechsundzwanzig Deut, die er ihr nie wiedergegeben hat, denn als er später, nach Jahren, die Schuld abtragen wollte, gab es keine Deute mehr, und Leentje war auch tot.

Das schmerzte ihn sehr, denn er hatte sehr viel von ihr gehalten. Sie war recht häßlich, sogar ein bißchen schmutzig, und überdies auch etwas schief. Ferner meinte Stoffel, der Schulmeister, daß sie eine böse Zunge führte. Sie soll nämlich erzählt haben, daß er in »den Niederlanden«, d. h. dem Gartenlokal, das so hieß, einmal Erdbeeren mit Zucker gegessen hatte.

Das will ich wohl glauben, aber was kann man für sieben Stüber und eine Butterstulle mehr verlangen! Ich habe Herzoginnen gekannt, mit mehr Einkommen, die im Umgang trotzdem nicht angenehm waren.

Daß Leentje schief war, kam vom fortwährenden Nähen. Sie hielt die ganze Familie »im Stande« und verstand die Kunst, aus einem alten Rock zwei Jäckchen und eine Mütze zu machen, und dann blieben noch Lappen übrig zu den Gamaschen, die Stoffel brauchte, um sein Nachexamen zu machen. Er fiel dabei durch, weil im Euklid ein Fehler war.

Außer Walther war keiner mit Leentje zufrieden. Ich glaube, man fürchtete, sie durch zu viel Sanftmut zu verderben. Die Jonge-Jüffrauen sprach immerzu vom »Stand«, und daß »jeder auf seinem Platze bleiben müßte.« Das galt ihr. Leentjes Vater war nämlich ein Schuster gewesen, der besohlte, und der Vater der Jonge-Jüffrauen hatte einen Laden gehabt, in dem »Schuhe aus Paris« verkauft wurden. Ein großer Unterschied. Denn es ist vornehmer, etwas zu verkaufen, was ein anderer gemacht hat, als selber etwas zu machen.

Die Mutter meinte, daß Leentje wohl ein bißchen sauberer sein könnte. Aber ich komme wieder zurück auf den Preis und auf die Schwierigkeit des Waschens, wenn jemand keine Zeit, keine Seife, keinen Platz und kein Wasser hat. Leitungswasser gab es noch nicht, und wenn auch – es ist die Frage, ob es bis zu Leentje durchgedrungen wäre.

In einem rauhen Klima ist reinliche Armut oft eine Unmöglichkeit.

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