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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 6
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pfad/multatul/klwalthe/klwalthe.xml
typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ein italienischer Räuber auf dem Buitensingel zu Amsterdam. Das bittere Leiden der tugendsamen Amalia. Die Wachskerzen, Palladien der Moral. Die Feinheit der Hallemännchen, oder Ehrlich währt am längsten. Auch über Mangel an Raum.

Walther dachte durchaus nicht an Heldenzeitalter oder chinesische Zöpfe, als er, ganz gefühllos für die mangelnde Schönheit der Landschaft, an einen Sumpfgraben kam, über den eine überflüssige Brücke führte. Deren Geländer erkor er zum Lesepult, nachdem er sich gut umgesehen und sich überzeugt hatte, daß er allein war und ungestört zum Verschlingen seines Räubers übergehen konnte.

Ich habe einen Augenblick die Lust in mir verspürt, den Leser zum Teilnehmer an Walthers Genüssen zu machen, indem ich eine Skizze des unsterblichen Werkes lieferte, das ihn so fesselte. Aber abgesehen davon, daß ich Gloriosos Geschichte nicht recht kenne – was mich übrigens durchaus nicht hindern würde, darüber zu sprechen – habe ich viele andere Dinge dringenderer Natur zu erzählen, und ich sehe mich daher genötigt, euch nach der »Hartenstraat« zu verweisen, in der Hoffnung, daß ihr euch da zurechtfinden werdet, ohne euren Weg gerade über die alte Brücke, die »Ouwebrüg« zu nehmen.

Laßt es euch genügen zu wissen, daß es »sehr schön« war. Die tugendsame Amalia, die bei flackerndem Fackelschein, am traurigen Sterbebett ihrer verehrten Mutter, in dem düsteren Cypressenthal, feierlich geschworen hatte, daß ihre feurige Liebe zu dem edlen Räuber, durch die entsetzliche Fallthür und die verrosteten Ketten, mit ihren salzigen Thränen – kurz, es war rührend. Auch war mehr Moral drin als in all den flauen Nachahmungen. Alle Mitglieder der Bande waren verheiratet und trugen Handschuhe. In der Höhle stand ein Altar mit Kerzen, und die Kapitel, in denen Mädchen geraubt wurden, endigten mit ehrbaren Punkten oder geheimnisvollen Gedankenstrichen – die Walther vergebens gegen das Licht hielt, um mehr davon zu erfahren.

Er las bis: »Stirb, Verräter!« dann war es dunkel, und er begriff, daß es Zeit war, von dem angeblichen Spaziergang mit den kleinen Hallemans, »die solche anständigen Kinder waren,« nach Hause zu kommen. Mit Bedauern schloß er das teure Büchelchen, und eiligst lief er davon, weil er für sein langes Ausbleiben gescholten zu werden fürchtete.

»Er würde nie wieder Erlaubnis bekommen,« so wurde ihm bei derartigen Gelegenheiten gedroht. Aber er verstand wohl, daß es nicht ernst war. Er wußte viel zu gut, daß man die Kinder »gern mal los ist, wenn man etwas beschränkt wohnt.« Und dann: »die kleinen Hallemans waren so außergewöhnlich anständig: sie wohnten neben einem Hause mit einem Balkon und hatten kürzlich so nett ihre Mützchen abgenommen.«

Ich glaube ja nun nicht, daß die Hallemännchen anständiger waren als die anderen Männchen aus Walthers Bekanntschaft. Und da ich gern für meinen Glauben Gründe angebe, so will ich hier einen Vorfall einfügen, der sich etwas früher ereignet hatte.

Walther bekam kein Taschengeld. Seine Mutter sagte, das wäre nicht nötig, weil er zu Hause alles bekäme, was er brauchte. Es kränkte ihn, daß er immer auf die Erlaubnis zum Mitspielen warten mußte, wenn seine Kameraden mit dem Ball spielten und ihm vorwarfen, daß er zur Anschaffung dieses Möbels nichts beigesteuert hatte. Es kostete in Walthers Zeit drei Deut. Jetzt wird es wohl teurer sein ... ach nein, billiger, infolge der Nationalökonomie.

Und er hatte bei öfteren Gelegenheiten noch Verdruß über seine dauernde Geldlosigkeit. Wir werden später sehen, ob es wahr war, was seine Mutter sagte: daß er nämlich zu Hause alles bekam, was er brauchte. Gewiß ist, daß man ihm zu Hause nicht die Gelegenheit gab, hin und wieder über eine Kleinigkeit nach eigenem Willen zu verfügen. Und das ist doch so sehr nett für Kinder. Und für Menschen auch.

Die Hallemännchen – die so besonders anständig waren – gaben ihm deutlich zu verstehen, daß sie keine Lust hatten, die Kosten des Verkehrs allein zu tragen. Fränzchen berechnete, daß Walthers Freundschaft sie schon neun Stüber gekostet hatte – ich finde das teuer, nicht um die Freundschaft, sondern um das Berechnen – und Gustav sagte, es wäre noch mehr, aber das lasse ich dahingestellt. Auch hatte ihm dieser vier Griffel vorgeschossen, die er brauchte, um der langen Cecil den Hof zu machen, welche nichts von ihm wissen wollte, weil er noch ein Einsteckjäckchen trug, ein Jäckchen, das unten in die Hose gesteckt wurde, wie es die kleinen Jungen damals trugen; die Griffel hatte sie genommen und an Gustav weiter verschenkt für einen Kuß.

Die bitteren Vorwürfe der kleinen Hallemans, die so besonders anständig waren, brachten Walther zur Verzweiflung.

»Ich habe es meiner Mutter gesagt, aber sie will mir nichts geben.«

»Das geht uns nichts an,« sagten die kleinen Hallemans, die so besonders anständig waren. »Du bist ein Schmarotzer.«

Walther hörte das Wort zum erstenmal, aber er verstand es sofort. Nichts macht scharfsinniger als Bitterkeit des Herzens.

»Ein Schmarotzer, Schmarotzer! ... ich bin ein Schmarotzer.«

Heulend lief er davon und machte einen Umweg, um die Straße zu vermeiden, wo der Vater der langen Cecil einen Trödelladen hatte. O, wenn sie gesehen hätte, daß er wie ein kleines Kind auf der Straße lief und heulte – ja, das war schlimmer, als die Höschen über dem Jackenrand!

Schmarotzer, Schmarotzer!

Er begegnete viel großen Menschen, die vielleicht auch Schmarotzer waren, aber sie heulten deswegen nicht, wie es Walther that.

Schmarotzer!

Er sah einen Polizisten und holte Atem, als der vorbei war.

Es wunderte ihn, daß der Mann ihn nicht mitnahm.

Schmarotzer!

Da kam der Mann mit der Kehrichtkarre, der ihm das Wort nachklapperte.

Unser armer Dulder erinnerte sich, wie die Hallemännchen, die so besonders anständig waren, ihm einmal vorgespiegelt hatten, welchen Gewinn man im Kleinhandel mit Pfefferminz haben könnte. Für vierundzwanzig Stüber bekam man einen großen Sack voll. Beim Verkauf, so und so viel Stück für den Deut, würde der Vorteil enorm sein, wenn man bloß Kapital hatte, um anzufangen. Das hatten die Hallemännchen ganz genau ausgerechnet. Denn sie waren nicht nur besonders anständig, sondern auch sehr schlau. Schlauheit und Anständigkeit gehen meist Hand in Hand. Aber, hatten sie gesagt, Anfangskapital müßte sein. Sie würden den Einkauf besorgen, sie würden sich mit dem Verkauf befassen, und wenn Walther bloß einen Gulden beisteuern könnte, wäre die Sache gesund.

Schmarotzer ... Schmarotzer ...

Walther stahl einen Gulden aus Mutters Sparbüchse und brachte ihn den Hallemännchen, die so besonders anständig waren.

»Woher hast du ihn?« fragte Gustav, aber er sorgte dafür, daß Walther keine Zeit hatte, zu antworten, oder wenigstens, daß er die Antwort, die in verlegenem Schweigen bestand, nicht bemerkte.

»Woher hast du ihn« – ohne Fragezeichen also – »schön nun werden Fränzchen und ich jeder ein Dübbeltje dazuthun, das macht vierundzwanzig, und dann kaufen wir die Pfefferminz-Plätzchen. Auf der Rosengracht ist eine Fabrik – so'n Sack für vier Schilling – wir werden die ganze Arbeit thun, Fränzchen und ich – bei uns auf Schule ist mehr Gelegenheit, verstehst du ... Christian Kloskamp hat schon zwölf bestellt ... nach den Ferien wird er bezahlen ... wir werden die ganze Mühe übernehmen, du brauchst nichts zu thun, Walther – und gleich teilen ... darauf kannst du dich verlassen ...«

Walther ging heim und träumte von unerhörten Reichtümern. Er würde der Sparbüchse seiner Mutter einen Thaler zurückgeben, für die lange Cecil würde er einen Bleistift kaufen von dem Manne, der damit in das Holz seines Wagens Löcher pickte. So stark waren sie! Das war etwas anderes als ein paar Schieferstifte, dachte er, und wenn die lange Cecil ihn dann noch nicht als Bräutigam haben wollte, dann – nein, weiter dachte Walther nicht. Es giebt Abgründe auf dem Wege unserer Phantasie, die wir nicht zu ermessen wagen. Wir merken sie instinktmäßig, schließen die Augen und – – Ich weiß bloß, daß Walther den Abend ganz glücklich einschlief und hoffte, daß er bald in betreff der bestohlenen Sparbüchse ein gut Gewissen haben würde, und außerdem ein zufriedenes Herz, was die Liebe zur langen Cecil anging.

Ach, ach, Waltherchen hatte ohne die Schlauheit und den Anstand der Hallemännchen gerechnet!

Nämlich am folgenden Tage lauerten sie ihm auf, als er aus der Schule kam, Walther, der sich ausgemalt hatte, wie sie unter dem Gewicht von dem großen Sack keuchen würden, Walther, der so gern gewußt hätte, ob Christian Kloskamp seine beherzte Bestellung auch beibehalten hatte, Walther, der vor Neugier auf den Erfolg brannte – o, er wurde bitter enttäuscht, als er Gustav Halleman erblickte, der nicht allein keinen Sack mit Pfefferminz trug, sondern obendrein ein sehr ernstes Gesicht mitgebracht hatte. Auch Fränzchen blickte wie die Tugend selbst.

»Nun, wie steht die Sache?« fragte Walther, ohne ein Wort zu sprechen. Er war zu neugierig, um nicht zu fragen, und zu ängstlich, um die Frage anders zu äußern als durch lautloses Mundöffnen und Vorstrecken des Gesichts.

»Weißt du, Walther, wir haben uns die Sache überlegt. Es ist viel dagegen.«

Armer Walther! Da verunglückten in einem Schiffbruch sein Gewissen und sein Herz. Weg, ihr Träume von moralischer Rechtfertigung, weg, gähnendes Sparbüchschen von Muttern, weg, holzbohrender Bleistift, der ein Loch stoßen sollte in der langen Cecil hartes Herz – weg ... weg ... weg... alles weg!

»Verstehst du, Walther, die Plätzchen könnten schmelzen ...«

»Ja... a... a,« schluchzte der arme Junge.

»Und der Christian Kloskamp, der zwölf bestellt hat, weißt du ...«

»Ja... a... a...«

Ob Christian wohl auch schmelzen würde?

»Er geht ab von der Schule und wird sicher nicht wiederkommen nach den Ferien.«

»So...o...o...?«

»Ja, und darum, .. und auch ... wir haben ausgerechnet, Fränzchen und ich, daß doch viel weniger aufs Pfund gehen als wir dachten, weil die Pfefferminzplätzchen jetzt sehr schwer sind, verstehst du?«

»Ja,« fügte Fränzchen hinzu, mit hohem Ernst, wie einer, der in Lebensgefahr einen großen Rat abgiebt, »die Dinger sind gegenwärtig sehr schwer. Fühle mal, aber du mußt es zurückgeben.«

Und er gab Walther ein Pfefferminzchen, das dieser ganz gutmütig auf seinem Finger wog. Der arme Junge gab es ehrlich zurück. Schwer fand er's ... ach, er war so bedrückt, er hätte in diesem Augenblick alles schwer gefunden.

Fränzchen steckte das Pfefferminzchen in seinen Mund, und daran lutschend fuhr er fort:

»Ja wirklich, sehr schwer ... 's sind englische, weißt du. Und dann ist noch etwas dabei ... nicht wahr, Gustav? Der Anstand! Gustav, sag' es ihm nur.«

»Der Anstand, Walther!« rief Gustav bedenklich.

»Wir meinen den Anstand,« wiederholte Fränzchen, als ob er etwas erklärte.

Walther sah abwechselnd beide an und schien nicht zu begreifen.

»Sage du es nur, Gustav.«

»Ja, Walther, Fränzchen wird dir es wohl sagen.«

»Walther, unser Papa ist in der Diakonie, und er geht mit einer Mappe, und bei uns auf der Gracht ...«

»Ja,« rief Gustav, »bei uns auf der Gracht ... weißt du, da wohnt M'neer Krüllewinkel, der hat 'ne Villa ...«

»Und'n Balkon ...«

»'s ist bloß um den Anstand ... weißt du, Walther? Und wenn Besuch kommt, dann setzt unsere Mama ...«

»Ja, dann setzt sie Madeira vor ... wahrhaftig, und unser Tabakskasten ist von Silber ...«

»Nee, Fränzchen ... aber 's ist gerade wie Silber, weißt du, Walther?«

Der arme Kerl sagte, er wüßte es, wobei er hoffte, endlich doch zu erfahren, was das denn alles mit seiner entschwundenen Hoffnung zu thun hätte. Er stotterte:

»Ja, Gustav... ja, Fränzchen ... aber die Pfefferminz...«

»'s ist bloß, verstehst du, um dir zu sagen, daß wir sehr anständig sind.«

»Ja, Gustav.«

»Und artig.«

»Ja...a...a..., Fränzchen!«

Armer Walther!

»Und da du doch sagtest, daß du kein Taschengeld bekämst ...«

»Ja, Walther, und weißt du, weil unser Papa so anständig ist ... wenn's Winter wird, kannst du's sehen, dann geht er mit den Waisenjungen ...«

»Ja, und er klingelt an allen Thüren. Na, darum haben wir Angst, daß du ...«

»Daß du ...«

»Den Gulden...«

»Den Gulden, verstehst du ...«

»Daß du ihn nicht ...«

»Daß du nicht ehrlich dazu gekommen bist, das ist es,« sagte Fränzchen, der ein zweites Plätzchen aus der Tasche holte und in den Mund steckte, wahrscheinlich zur Bekräftigung.

Es war heraus! Armer, armer Walther!

»Und darum Walther, wollen wir lieber nicht mithalten. Aber gleich teilen ... das ist abgesprochen!«

»Ja, gleich teilen,« rief Gustav. »Du verstehst ... wir die Arbeit ...«

Also, gleich teilen ...

Die Hallemännchen waren schlau. Gleich teilen: zwanzig und zweimal zwei durch drei, macht acht.

Walther bekam acht Stüber.

»Weißt du,« sagte Gustav, »weil unser Papa in der Diakonie ist.«

»Ja ... und unser Tabakskasten ... Wenn's auch kein Silber ist ... 's ist gerade wie Silber.«

Auf diese wahre Geschichte gründet sich mein Unglauben an die außergewöhnliche Anständigkeit der Hallemännchen. Und ich schlage mich lieber zu der Ansicht, daß dieser Anstand weiter nichts war als ein Vorwand von Walthers Mutter, weil sie »beschränkt wohnte«. Es ist die Frage, ob sie in diesen Kindern etwas besonders Anständiges entdeckt hätte, wenn sie eine Aussicht gehabt hätte, Walther mit einigem Nutzen im Haushalt zu verwenden.

Viele Gesetze und die meisten Sitten sind entstanden aus »Mangel an Raum« im Verstande, Charakter, Wohnung, Landgebiet und Existenzmitteln.

Das paßt auf die Bevorzugung der rechten Hand sowohl, eine Folge der Enge bei Tisch, als auf die Einrichtung der Ehe, und auf viele Dinge, die dazwischen liegen.

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