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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 54
Quellenangabe
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typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Rätsellösen und praktische Philosophie. Der Leser lernt seine nächstliegende Pflicht kennen. Der Autor auch.

Am nächsten Morgen ließ der Doktor unseren Walther auf sein Studierzimmer kommen und sprach ihm freundlich zu. Er ermutigte den angehenden Jüngling, ihm recht offen zu erzählen, was in seinem Gemüt vorging, vermied aber alles, was ihn auf die Idee hätte bringen können, daß es etwas Besonderes wäre. Er verstand mehr, als Walther sagen konnte. Auch die Geschichte der Verführerin, die Walther gern auslassen wollte, lag ihm klar vor Augen, da der Jüngling doch nicht das Geschick dazu hatte. Er hörte sich Walthers Gefühlsausbrüche ruhig an, als ob er so etwas längst kenne, und seine grenzenlose Ehrsucht oder vielmehr seine überspannte Sucht nach dem Guten – faßte er als eine gewohnte Erscheinung, die sich aus seiner Lebensperiode ergab. Auch Walthers Liebe zu Femke behandelte er als eine sehr gewöhnliche Sache. Er meinte, das wäre bei ihm in seiner Jugend genau so gewesen, eine Methode, die unseren Eltern und Erziehern vielfach noch unbekannt zu sein scheint.

»Gewiß, gewiß, mein Junge, in solchen Stimmungen möchte man überall sein, alles in Ordnung bringen, beherrschen, gutmachen. Man hat das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein. Es kränkt einen, daß so viel Verkehrtes in der Welt ist. Ich kenne das sehr gut. Aber nun denke doch einmal nach über die Mittel, die dir zu Gebote stehen. Wie willst du es anfangen, etwas zu bessern?«

Walther schwieg.

»Meinst du, alle Menschen sind schlecht? Das wirst du doch nicht denken. Es giebt gewiß viele, die dasselbe wünschen wie du? Warum ändern sie die Welt nicht?«

Walther schwieg wieder. Gerade die Einfachheit der Frage verblüffte ihn.

»Nun, ich will dir helfen. Glaubst du, daß ich ein guter Mensch bin?«

»O ja!« rief Walther herzlich.

»So? Nun, ich glaube es auch. Ich würde mich schämen, wenn ich nicht wagen dürfte, das zu sagen. Warum ändere ich die Welt nicht? Du sprichst oft von Afrika – weil du das Land nicht kennst, Junge! Nun, ich, der ich ein guter Mensch bin, habe die Sklavenjagden noch nicht abgeschafft. Warum nicht? Was denkst du wohl?«

Walther gab keine Antwort. Holsma war mit einer Amputation beschäftigt. Ist es ein Wunder, daß der Kranke das Glied seiner Seele, das abgenommen werden sollte, furchtsam zurückzog?

»Ich will dir die Sache anders vorstellen. Du hörst ein anhaltendes Geklopfe und Gehämmer – horch! Das kommt von der Schmiede hier nebenan. Du kannst dir wohl denken, daß mich das manchmal stört!«

»Bei Krankheit!«

»Ja, und auch, wenn ich zu denken habe. Ich wünschte wohl, die Schmiede weggeschafft zu sehen ... so – husch – weg! Warum thu ich das nicht?«

»Weil ... Sie es nicht können, Mynheer.«

»Richtig. Darum habe ich auch bis heute in Afrika noch nichts geändert, was da verkehrt geschieht. In Asien auch nicht. Und in Amerika auch nicht. Und in vielen anderen Ländern auch nicht. Aber gestern abend im Theater – als du unwohl warst – da nahm ich dich mit nach Hause und habe für dich gesorgt und dich zu Bett gebracht. Und ich habe deine Mutter über dein Ausbleiben beruhigen lassen. Das war meine Pflicht, nicht wahr?«

»O, Mynheer ...«

»Keinen Dank, mein Junge. Es kam mir vor, daß es meine Pflicht war, und ich that es: weil ich konnte! Was nicht geht, ist meine Pflicht nicht. Und darum nehme ich auch die Schmiede nicht zwischen Daumen und Finger und versetze sie nicht anderswohin. Aus demselben Grunde gebe ich mich nicht mit Afrika ab. Unmögliche Pflicht ist keine Pflicht, und das Jagen danach steht der Erfüllung unserer wahren Pflichten im Wege. Hast du wohl einmal auf der Schule deine Lektion nicht gekonnt?«

»O ja, oft! Aber in der letzten Zeit nicht, weil Femke...«

»Laß Femke vorläufig aus dem Spiel. Vielleicht sage ich dir später ein Wörtchen über sie. Wenn du auf der Schule deine Arbeit vernachlässigt hattest, dann hattest du gewiß an etwas anderes als deine Lektionen gedacht, an Dinge, die weitab lagen. Das ist der Fehler von vielen jungen Leuten, und – nimm's nicht übel: ich war auch so! – es kommt größtenteils aus Trägheit. Es ist bequemer, sich einzubilden, daß man über einen Berg in der Ferne schwebt, als in Wirklichkeit den Fuß zu heben und über ein Steinchen zu steigen. Unter den Millionen Dingen, die du thun möchtest, sind wenige, die du thun kannst. Mit diesen wenigen beschäftige dich, das ist der Weg, um weiter zu kommen. Frage bei jeder Gelegenheit: welches ist meine nächstliegende Pflicht? Willst du mir das versprechen?«

Walther gab die Hand darauf.

»Und du möchtest gern mehr wissen? Ich auch, mein Junge. Was ist da zu thun? Was dich betrifft, so fehlt es dir an allerlei Schulkenntnissen, in denen Altersgenossen dir voraus sind. Das ist leicht nachzuholen, und wir sprechen darüber noch, aber ... deine nächstliegende Pflicht ist das eigentlich nicht! Das bißchen Latein, das unser Willem versteht und worauf du so neidisch bist, ist in ein Paar Monaten nachgeholt, wenn du erst geübt bist im Wollen! Zur Zeit sind ganz andere Feinde zu bekämpfen als die Ritter aus deinen Romanen. Schätze die Schwierigkeiten nicht gering, die du zu bekämpfen hast. Das könnte sonst die Ursache einer Niederlage werden. Du mußt dein Denkvermögen nach deinem Willen gebrauchen lernen und die Phantasie festhalten, die dir sonst über den Kopf wächst. Träumen ist nicht Leben. Verstehst du?«

Walther nickte zustimmend.

»Die wahre Erhabenheit,« fuhr Holsma fort, »ist, zu thun, was man thun muß – auch das Geringe. Was würdest du von Rittern sagen, die sich durch Vagabunden auf den Kopf schlagen ließen, weil ihre Ritterehre ihnen nicht gestattete, mit ihnen zu fechten? Das wäre doch eine unbrauchbare Ritterschaft. Du gehst jetzt in den Handel. Komm nach einem Monat wieder und erzähle mir, ob du Wort gehalten hast. Dann wollen wir weiter sehen, aber ... das zuerst! Willst du?«

»O, gewiß!« rief Walther. »Aber ... Mynheer, darf ich nun fragen ...«

»Wegen Femke? Nun, das ist ein sehr gutes, ein braves Mädchen, eine Base von mir.«

»Aber wie kam sie denn ...«

»Die Dame im Theater war Femke nicht. Es war Prinzessin Erika. Wir wollten sie sehen, weil ihre Vorfahren mit unseren verwandt waren. Da ist nichts Besonderes dabei, mein Kerlchen!«

»Eine wirkliche Prinzeß?«

»Ja, und Femke ist ein wirkliches Waschmädchen. Wir wollen hoffen, daß Erika von Charakter ebenso gediegen ist wie sie. Aber, mein Junge, leg' dem nicht solch Gewicht bei. Solche Familienabzweigungen sieht man oft. Und wenn man es nicht sieht, es ist so. Es hat eine Zeit gegeben, da Erikas Ahnen sich in Tierfelle kleideten, und meine auch. Wir wissen nicht, ob sie davon weiß, daß sie hier Verwandte hat. Daß wir es wissen ... nun ja, mein Bruder Sybrand hat Vergnügen daran, die Übereinstimmung von allerlei Gegensätzen und dergleichen aufzuspüren. Recht besehen, ist die Welt kleiner als du denkst: alles hängt miteinander zusammen. Wer weiß, am Ende hat es auf die Geschichte Einfluß, daß du morgen bei den Herren ... wie heißen sie doch?«

»Ouwetyd und Kopperlith.«

»Ja, daß du morgen bei den Herren Ouwetyd und Kopperlith in die Lehre kommst. Nun, welthistorisch oder nicht, jedenfalls thue deine nächstliegende Pflicht. Das ist nun deine ritterliche Aufgabe ... wenn du hören willst. Willst du?«

»Ja, Herr! Aber...Femke?«

»Da haben wir es schon! Sie hat mit deiner nächstliegenden Pflicht nichts zu thun. Die einzige Dame, der du jetzt zu dienen hast, ist ... wer?«

»Der Handel.«

»Richtig. Willst du aber durchaus etwas von Femke wissen ... nun, sie sagt auch, daß du dich jetzt nicht mit ihr beschäftigen sollst, und an nichts mehr denken als an deine Arbeit ...«

»O, ich will, ich will!«

»Noch so zehn Jahre lang.«

»Zehn Jahre? Zehn?«

»Ja, so sagte sie, als sie erfuhr, daß du noch so wenig weißt und so wenig kannst.«

»Zehn Jahre?«

»Na ja, so sagte sie. Vielleicht acht ... vielleicht zwölf – oder zwanzig. So etwas kann man nicht so genau vorausbestimmen. Das begreifst du wohl?«

»Zehn Jahre!«

»So sagte sie.«

»Ich will.«

»Sehr gut, mein Junge. Es wird mir eine Freude sein, und ... ihr auch. Also fange schnell an, und bilde dir nicht ein, daß es so besonders schwer wäre. Tausende haben vor zehn Jahren mit dem angefangen, was du morgen thun wirst und ... sie leben noch! Du siehst, es geht also. Übrigens, denke du vorläufig nur an den ersten Monat. So wird es kürzer. Nach fünf Wochen etwa erwarte ich dich bei mir. Dann sprechen wir weiter.«

Noch einmal versprach Walther, alle »Thorheiten« aus seinen Gedanken zu verbannen, und dann nahm er für diesen Tag Abschied. Aber seine Rosenknospen bewahrte er auf.

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