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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 52
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pfad/multatul/klwalthe/klwalthe.xml
typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8fb3ce4f
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Eine Theatervorstellung mit Hindernissen. Der Konflikt zwischen Napoleon und Minos von Kreta. Die Göttin auf dem Olymp. Kußhand und Rose!

Die Familie nahm die Plätze ein, diesmal im Parterre. Ihre Loge hatten sie den fremden Potentaten abtreten müssen. Die Loge war aber noch leer.

Das wäre also die Komödie! dachte Walther und sah und horchte um sich.

Der Andrang war groß. Alles erzählte. Man zankte sich um Plätze, schob aneinander vorbei, erzählte Hofklatsch. Man stellte sich vor, wer da und wer da sitzen würde ...

»Die Theaterzettel für die Fürstlichkeiten sind auf Seide gedruckt. Was meinen Sie, was die Elle davon kostet?«

»Rotgans ist ein erster Dichter!«

»Hm! Eigentlich ein zweiter.«

»Er ist bloß ein Dichter vom siebenten Rang.«

»Warum denn da 'n Stück von ihm? Wir haben doch andere, die klingen wie Glocken!«

»Natürlich! Bilderdyk! ein Phönix!«

»Ach ... diese Fremden verstehen ja doch nichts davon. Wir können spielen lassen, was wir wollen.«

»Schade um den Floris.«

»Da sitzt was dahinter!«

»Ja. Bilderdyk ist 'n Patriot ...«

»Ein echter Holländer ...«

»Ein echter...«

»Er wird wohl in dem Stück den fremden Kerls ...«

»Scht!«

»... nicht genug geschmeichelt haben. Das thut kein Holländer!«

»Nein, das thut kein Holländer!«

»Scht!«

Alles stand auf. Ein Lakai zeigte sich in der Königsloge, wahrscheinlich wollte er nachsehen, ob die Kissen auch ordentlich auf den Stühlen lagen.

»Na so was! Vor 'nem Lakai aufstehen! Vor so 'nem Mostrichjungen!«

Die so sprachen, hatten es freilich selbst gethan – und die die Unterhaltung geführt hatten, waren Mitglieder des Stadtrats, Kaufleute, große darunter, Doktoren, Gelehrte, vielleicht der große Herr Kopperlith selber dabei.

»Warum bloß Rotgans?«

»Seine Bauernkirmes ist ganz nett.«

»Wie können Sie so etwas sagen! Ein unanständiges Stück, mit gewöhnlichen Ausdrücken drin!«

»Na ja, ... aber doch ganz nett!«

»Das weiß ich nicht. Ich hab's nicht gelesen, weil es unanständig ist. In der Poesie ist Würde die Hauptsache.«

»Na, so 'n Kaiser!«

»Ich verstehe, warum Rotgans. Er macht es durch die Huydekopers.«

»Er ist von der Familie.«

»Ha! Da wird wohl einer von den Schöffen nachher dem Kaiser sagen: Sire, das Stück, ich meine der Dichter von dieser Scylla oder wie das Ding heißt, ist ein Vetter von mir, Majestät zu dienen.«

»Unsinn! Wer wird sich mit einer Verwandtschaft rühmen, die Komödie macht?«

»Hm ... in Frankreich ist das anders.«

»Uebrigens, Rotgans ist nicht der erste beste. Er hat eine Villa an der Vecht.«

»Das müssen sie dem Kaiser sagen.«

»Die Hauptsache ...«

Wieder ein Lakai. Alles sprang auf wie die Teufelchen in der Vexierdose. Und alles, die schweigenden Holsmas ausgenommen, schimpfte dann wieder über die Charakterlosigkeit.

»Und der Prolog von Thomasvaar.«

»Da soll echt vaterländischer Geist drin sein, wie ich höre.«

»Echt vaterländisch! Es muß sehr nett sein. Der Polizeipräfekt hat es selbst gesagt. Drei vereidigte Übersetzer haben sie dazu gebraucht. Na, für 'n Schmarren würde man sich solche Mühe nicht geben!«

»Gewiß nicht! Und die Übersetzung ist in Paris gewesen! Und der Minister hat eigenhändig drauf geschrieben: Approuvé ! Genehmigt!«

»Ja, sie haben im Auslande doch Respekt vor unserer Litteratur.«

»Und vor unserem Charakter!«

»Es giebt keinen besseren Volkscharakter als den holländischen!«

»Und die Litteratur!«

»Das sagt der Polizeipräfekt auch. Er läßt alles übersetzen, was herauskommt. Vor allem gefallen ihm die Alexandriner ...« »Und der Charakter?«

»Ja auch. Aber die Alexandriner sind ebenso lang wie die von Racine, und das ist das Nette. Kurze Zeilen finde ich nicht hübsch.«

»Hm, Bellamys Röschen?«

»Und: Schöner Mann, sag', bist du heute ...«

»Schön, ja!«

Die Unruhe wurde immer stärker. Die Male, die das Publikum durch diesen oder jenen Lakai gefoppt wurde, der vor Langeweile die Thür aufriß, sind nicht zu zählen. Man murrte schon – aber sachte, sachte ...

Walther fiel bei allem Staunen über die ungewohnte Pracht doch auf, daß diese vornehmen Leute so gewöhnliche Dinge sagten. Bloß die Holsmas sprachen nicht. Einmal nur wies Ohm Sybrand nach einer Loge, und es folgte ein kurzes Gespräch.

»Da wird sie sitzen, denk' ich,«

»Sollte mir leid thun, wenn ich für nichts von meinem kleinen Erich weggegangen wäre,« sagte Frau Holsma.

»Femke ist ja zuverlässig!«

»Ja! Aber ich wär' doch lieber dabei, das Kind ist doch krank. Lange warte ich nicht mehr.«

»Es ist die Frage, ob sie mit den anderen zusammen kommt. Ich höre, sie steckt voller Launen. Etikette bekümmert sie nicht. Das scheint im Blut zu liegen.«

»Wenn sie um zehn Uhr nicht da ist, geh' ich. Allzuviel mach' ich mir so nicht daraus.«

Dies Gespräch beschäftigte Walther kurze Zeit. Wer war diese Person, um die Frau Holsma vom Bett des kranken Lieblings weggegangen war?

Eine große Bewegung ging durch den Saal. Alles stand auf und – blieb stehen.

Ein Kaiser oder so etwas betrat die Königsloge. Walther sah wenig davon. Er hörte nur flüsternd erzählen, was geschah. Seine Majestät war schnell nach seinem Sessel gestapft und hatte dabei ein Paar Stühle umgerissen – das war so seine Gewohnheit. Einen Augenblick hatte er dann im Saal umhergesehen, leicht gewinkt, als hätte er keine Zeit, zu sagen: Ist gut! und sich dann mit einem Ruck seinen Sessel hinten herangezogen. Er ließ sich niederfallen, und das Publikum konnte sich wieder setzen ...

Wie durch einen Zauberschlag füllten sich nun auch die anderen Logen. Man sah sonderliche Kostüme: Leibchen drei Daumen breit und Schöße von ebensoviel Ellen. Die Busen schwebten zwischen Kinn und Gürtel. Kleine Ärmelchen wußten nicht, sollten sie Schulter oder Oberarm bedecken. Aber lange kalbslederne Handschuhe gingen bis an die Achsel. Auf den Köpfen trugen die Damen Turbane, Blumengarten, was sonst noch! Noch toller aber waren die Uniformen der Herren in jener Zeit. Diese Tschakos u. s. w. – da mußte ja der Feind davonlaufen!

Die Musik spielte ...

Natürlich das Lied vom tapferen Dunois.

»Aufstehen!« wurde gerufen, und alles erhob sich zu Ehren des Tapferen.

Da wurde mit einem Bündel Papier heftig auf den Rand der Königsloge geschlagen, gerade, wo man annehmen konnte, daß der Kaiser saß. Die Holsmas konnten nur ein Stück von diesem seltenen Hammer sehen, mit dem Seine Majestät Takt schlug.

Dieser improvisierte Taktstock schlug aber etwas anderes als den Takt. Jeder, der im Parterre saß, konnte an den ängstlichen Blicken der Logeninsassen deutlich sehen, daß da etwas haperte. Die Ursache kam auch nicht sobald zu Tage. Selbst die Pfalzgräfin, die gerade ihre Lieblingsfeindin, die Titularherzogin von Grönland, begrüßte, geriet in Verwirrung.

Der Kaiser stand auf und fuchtelte mit seinen Papieren wie ein Rasender. Ein Fetzen fiel herunter; wer ihn aufhob, konnte lesen, daß mit dem perfiden Albion etwas los war.

Die Dame neben ihm schien ihn beruhigen zu wollen, aber er hörte nicht und paukte nur immer heftiger auf den Rand der Balustrade, daß der Staub nur so flog. Lakaien, Könige, Kammerherren, Marschälle, Adjutanten schossen herbei. Aber Majestät sagte nichts, sondern wies nur wütend nach dem Orchester. Die vorderen Logen gaben dem Kapellmeister ein Zeichen, daß er wahrscheinlich die Schuld an der Störung sei, man zischte von allen Seiten. Der Mann erschrak und stand wie versteinert, seinen Taktstock nach Ost-Südost in der Luft. Diese plötzliche Stille bewirkte, daß man vom »Olymp« herunter das Lied von »unserem Prinzchen« hörte, das da einer nach der Melodie des tapferen Dunois mitgesungen hatte.

Allerlei Würdenträger schossen wie aufgestörte Fledermäuse hin und her. Der Kapellmeister kommandierte das schöne Lied: » Où peut-on être mieux « – aber richtig war es noch nicht. Es mußte sein: »Veillons au salut de l'empire.« Auf das Wohl des Reiches bedacht sein, schien dem großen Kaiser angemessener, als dies »Wo kann es besser sein?« welches Lied später an der Beresina gespielt wurde!

Also! Wieder ein Kopfnicken: es ist gut! und wieder ließ er sich in den Sessel fallen und vertiefte sich in irgend welche Festungswerke. Endlich war es aus.

Der Vorhang ging auf.

»Ja, Minos, am Geschenk, das ich dir hab' gegeben. Und aus der Kirch' geraubt ...«

»Was, Kirche?« fragte Walther.

»Scht!« machte Willem. »Poetische Freiheit. Werden gleich sehen, was er will.«

»... hängt Nisus' Kron und Leben.«

» Qu'est-ze qu'elle changte ?« schrie die Pfalzgräfin und ließ sich laut über Kostüm und Sprache aus.

Walther horchte wie ein Fink. Nicht daß er es schön fand, aber all das Fremde interessierte ihn lebhaft.

Kein Mensch wurde durch die tragische Bravheit des guten Minos gerührt, kein Mensch hörte sonst zu. Armer Rotgans! Später wurde erzählt, daß »unser Snoek« und »unser Wattier« Napoleon besonders gefallen hätte. Lieber Himmel! Napoleon! Als er gekrönt werden sollte, ließ er sich von Talma die Mimik einstudieren – statt Talma zu sagen: Sehen Sie einmal, wie einer aussieht, der gekrönt wird!

Walther aber hörte andächtig zu, wenn er auch manchmal meinte, solche Verse könnte er auch machen.

Mitten drin entstand wieder ein Rumor. Eine der Majestäten hatte ein Glas Orange-Limonade verlangt, und so etwas hatte der Buffetier nicht. Punsch, Chokolade. selbst Milch mit Ei, aber keine Orange-Limonade. Schleunigst wurde in die Apotheke geschickt, aber von da kam der Bote mit einer Flasche Citronenöl zurück. Neue Aufregung. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht, daß man eine Majestät auf etwas ... warten ließ! König Minos erklärte gerade: »Eine angenehme Freude versprühet ihren Brand in meinem Eingeweide...«

» De l'eau de fleur d'orange! que diantre !« schrie ein Kammerherr. Und Minos merkte, daß kein Mensch sich um den Brand in seinem Eingeweide kümmerte.

Ein Konditor auf dem »Olymp« ließ sein Licht leuchten und erklärte, was man wolle. Aber die Polizei war auf dem Posten und packte ihn am Kragen. Er wurde abgeführt und sollte einstweilen eingesperrt werden wegen »Demonstration für das Haus Oranien!« Damals war das Haus Oranien nämlich verbannt, und Napoleons Bruder war König von Holland.

»Eine angenehme Freude versprühet ihren Brand in meinem Eingeweide!« versicherte Minos aufs neue. Der Kapellmeister ergriff den Taktstock und wollte schon wieder »das Heil des Reiches bewachen«. Viele standen auf, um sofort weglaufen zu können, wenn es gefährlich würde.

Inzwischen schrie der arretierte Kuchenbäcker wie ein Besessener, aber die beiden italienischen Polizeiagenten, die Napoleon mitgebracht hatte, verstanden kein Wort.

Der Kaiser selbst hatte schon längst vergessen, daß er Orangewasser verlangt hatte, und hatte sich längst wieder in die Karte der Befestigungen von Huisduinen vertieft.

» Qu'y a-t-il ?« schien er jetzt, aufblickend, die Dame neben ihm zu fragen.

»Eine angenehme Freude ...« versicherte Minos schon wieder – er durfte fortfahren.

Walther bemerkte, daß die erwachsenen Mitglieder der Familie Holsma nicht im mindesten auf das Stück achteten.

»Wenn sie nicht bald kommt, gehe ich,« sagte Frau Holsma wieder.

»Vielleicht sitzt sie in der Kaiserloge, weiter hinten. Da können wir sie nicht sehen.«

»Ich habe gehört, in Paris bleibt sie nie eine Viertelstunde auf demselben Platz. Vielleicht sehen wir nachher da oder da ...«

»Fünf Minuten will ich noch zugeben. Mein kleiner Erich ist mir mehr wert als tausend Basen ...«

»Des Königs,« fügte Holsma hinzu.

Walther hatte gedacht, sie hätten Femke gemeint. Was war denn an der Prinzessin so interessant? Die Logen saßen ja ganz voll davon.

Nach dem dritten Akt ging Mevrouw Holsma wirklich mit Ohm Sybrand fort. Dieser sollte mit Femke wiederkommen. »Wenn sie will,« sagte er, »denn sie macht sich nichts aus so 'nem Trubel.«

Das wußte Walther besser. Ohm Sybrand hätte sie einmal in der »gekrönten Wacholderbeere« sehen sollen! Aber ein Ritter schwatzt nichts aus.

Der alte Minos war toll verliebt in Ismene, die sehr schön und tugendhaft war. Scylla ist toll verliebt in Minos, der sehr alt und ehrwürdig ist. Ismene ist toll verliebt in Focus, der ein Held ist. Und Focus liebt wieder Ismene ... möglicherweise. Er behandelt sie aber gar nicht ritterlich.

»Spar deine Gründe nur, Prinzessin, die mich öden!« sagte er zu ihr.

Da ging es schon wieder los, und diesmal wieder auf dem Olymp. War der aufrührerische Konditor zurückgekommen? Aller Augen richteten sich nach oben. Man sah eine Polizei-Uniform, die ein Paar Männern auf der vordersten Bank vergeblich etwas vorstellte. Um ihnen sein Französisch oder Italienisch zu übersetzen, faßte er sie am Arm, um ihnen klar zu machen, daß sie ja nicht gehenkt oder arretiert werden sollten, sondern bloß ihre Plätze räumen.

»Spar deine Gründe nur, Prinzessin, die mich öden!«

» Qu'y a-t-il encore ?« fragte der Kaiser wieder, und als ihm einer der Kammerherren diese Frage beantwortet hatte, fing er herzlich an zu lachen. Überall steckte man jetzt die Köpfe zusammen. Es schien etwas zu Nettes passiert zu sein. Man flüsterte, lachte, kicherte, man sah nach dem Olymp hinauf. Selbst der Kaiser stand auf und bog sich über die Brüstung, was ihm aber nichts nutzte, denn er konnte nicht um die Ecke sehen, das wunderte ihn. Die Pfalzgräfin hatte die Sache aber schon verstanden. Sie telegraphierte mit jemand, der auf dem Olymp noch immer hinten zu bleiben schien. Auf das Stück des armen Rotgans achtete kein Mensch.

Die Pfalzgräfin grüßte mit dem Fächer. Wen? Den aufruhrstiftenden Kuchenbäcker? Mit ausgestrecktem Arm zeigte sie ihren Nachbarn, daß da oben unter dem Pöbel etwas Besonderes war. »Spar deine Gründe nur, Prinzessin, die mich öden!« Sie machte sich nichts draus. Sie lachte ... Der Kaiser hatte ja gelacht, also durfte man lachen. Sie konnte sich gar nicht beruhigen vor Vergnügen.

Jetzt müßte ich eine doppelte Feder haben, um gleichzeitig zu erzählen, was Ohm Sybrand sagte, der eben zurückkam, und zugleich Walthers Ausruf richtig wiederzugeben, der mit offenem Munde und verdrehtem Halse nach oben starrte.

»Wo ist Femke?« fragte Holsma.

»Sie will nicht,« sagte Ohm Sybrand, »ich dacht's wohl.«

»O Gott, da ist sie!« rief Walther.

»Wer?«

»Femke, Mynheer, Femke, Femke ... o Gott, das ist ja wirklich Femke! Und sie – –«

Das Mädchen da oben auf dem Olymp hatte den Polizeimenschen am Kragen genommen und nach hinten geschoben, sie selbst hatte sich auf die erste Bank vorgedrängt und ließ sich da auf die beiden halben Schöße der beiden niederfallen, mit denen der Polizeiagent vergebens parlamentiert hatte.

»Es ist Femke, Mynheer, wenn sie ihr bloß nichts thun!«

Wieder stand der Kaiser auf und starrte nach oben. Er erblickte das Mädchen mit der nordholländischen Kappe und nickte ihr zu. Und die Pfalzgräfin grüßte noch einmal mit dem Fächer, als wollte sie ihr Glück wünschen zu der Eroberung des Platzes.

»Aber M'neer. 's ist Femke.« rief Walther erstaunt, daß er keine Antwort bekam.

Auch Holsma und Sybrand waren erstaunt, wenn auch nicht so sehr wie Walther.

»Nun, Kinder,« sagte endlich der Doktor, »ihr könnt nachher Mutter erzählen, daß wir sie gesehen haben.« Und zu Walther fuhr er fort: »Das Mädchen ist eine Verwandte von uns ...«

»Ja ... Femke!«

»Nein, sie heißt anders, und ...«

»Herr, soll ich Femke nicht kennen!«

Das klang schon ganz anders als damals, den Abend, wo er sie »verleugnet« hatte.

Plötzlich sah das fremde Mädchen, deren große blaue Augen frei durch den Saal schweiften, auf unseren Burschen hernieder. Sie beugte sich vornüber, sah ihm mit Aufmerksamkeit ins Gesicht, nickte freundlich und warf ihm eine Kußhand zu.

So meinte er und so war es auch. Aber das ganze Parterre war der Ansicht, es gelte jedem von ihnen. Die Standespersonen ärgerten sich über die Frechheit der Bauerndirne und die lustigeren antworteten ... Aber bald wurde gezischt. Aus der höheren Sphäre kam die Nachricht, daß die Base des Königs, Prinzeß Erika, dem niederländischen Volke einen Beweis ihrer Zuneigung geben wollte und deshalb Nationalkostüm angelegt hätte.

»Glauben Sie's nicht, M'neer Holsma. Ich sage Ihnen, daß es Femke ist.« versicherte Walther mit Thränen.

»Nein, mein Junge, das Mädchen ist Femke nicht.«

»Aber ... sie hat mich doch gegrüßt!«

»Und der Kaiser sie. Du kannst dir doch denken, daß er kein Waschmädchen grüßen wird.«

Ja, das war schwerlich anzunehmen. Aber ebenso befremdlich kam es Walther vor, daß die Prinzessin eine Base von Doktor Holsma sein sollte.

Aufs neue glaubte er zu bemerken, daß das Mädchen ihm zuwinkte, und daß sie ihre Lippen bewegte. Es sah aus, als hätte sie wieder gesagt: »Mein Bruder!« Walther lispelte die Worte nach und drückte beide Hände an die Brust.

Ha! Jetzt hatte er es ... man hatte ihn für übergeschnappt gehalten und wollte ihn von einer festen Idee kurieren! Deshalb der Besuch des Theaters und die angebliche Weigerung Femkes, mit Sybrand mitzukommen ... aber wie durfte sie den Polizeiagenten in seinem Wirken stören? Und der Gruß des Kaisers? Und woher wußte überhaupt Holsma, daß er sie verleugnet hatte und daß ihre Anwesenheit die Ruhe seines Gemütes bedrohen konnte?

»Ach, Herr, lassen Sie doch Femke ruhig hier sitzen. Ich will gewiß ganz ruhig sein! Ich habe solche Furcht, daß ihr da was geschehen könnte unter all den Menschen!«

Holsma sah ihn fragend an. Sollte Kaatje doch recht gehabt haben? Er versuchte seine Aufmerksamkeit durch andere, gleichgültige Dinge abzulenken. Aber es half nichts.

»Na gut also!« sagte er endlich. »Ich wollte dich nur ein wenig necken. Femke sitzt da, weil sie ... nicht hier sitzen will. Sie meint, das ... schickte sich nicht, weil sie nur ein Wäschermädchen ist. Und wir würden uns schämen, denkt sie, verstehst du.«

»Ach, Herr, keiner braucht sich zu schämen, bei ihr zu sitzen. Sogar der Kaiser nicht ...«

»Ja, ja,« beruhigte Holsma. »Ganz richtig. Wer brav ist, braucht sich vor niemand zu verkriechen. Sieh nun wieder nach dem Stück, mein Junge.«

Walther wollte thun, was der Doktor sagte, aber nicht, ohne von der herrlichen Erscheinung Abschied zu nehmen. Er blickte noch einmal nach oben. Sie nickte ihm zu, nahm einen Zweig mit drei Rosenknospen von der Brust, hielt ihn einen Augenblick zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand, zeigte mit der rechten auf Walther und ließ ihn fallen. Der Zweig fiel auf die Glatze eines alten dicken Herrn in Walthers Nachbarschaft, der ihn erfaßte und sehr verwundert anschaute. Ehe er sich aber klar wurde, was er damit machen sollte, war Walther zugesprungen, über Bänke und Stühle, und hatte ihm das kostbare Gut entrissen. Er drückte es, mit einem Blick nach dem Olymp, an die Lippen. Die Pfalzgräfin klatschte Beifall, besonders da Prinzeß Erika genickt hatte, »so hatte sie es gemeint!«.

Das war mehr als Walther vertragen konnte. Er hatte sich das Verleugnen Femkes noch nicht verziehen, aber sie, die Edle, die Große, die Majestätische, sie hatte ihm vor allem Volke ihre Vergebung angezeigt! Und darum wollte sie oben sitzen, so hoch ... sie hatte die Flecken seiner Seele weggewischt, seine geschändete Ritterehre wiederhergestellt. Wie Blitze schossen ihm diese Gedanken durch den Kopf ...

Ohnmächtig sank er zu Boden.

War es ein Wunder?

Holsma nahm ihn mit nach Hause, und an Jüffrau Pieterse ging wieder eine Botschaft...

»Siehst du, Stoffel, wie ich sagte! Jeder kann es wissen. Er loschiert effektif bei Doktor Holsma auf dem Kolveniersburgwall. Trude, denk dran, wenn Leentje zum Kaufmann geht ... er loschiert da, wahrhaftig!«

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