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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 51
Quellenangabe
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typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Femke und nochmals Femke und wieder Femke. Verschiedene Liebenswürdigkeiten und Femke.

Nicht ohne Angst schob sich Kaatje an Walthers Knien vorbei, als es vor dem Hause der Pieterses galt, auszusteigen und die Botschaft zu verrichten, und sie war froh, unversehrt aus dem Wagen zu kommen.

Walther hielt jetzt den Augenblick für gekommen, um Aufklärungen zu geben und zu empfangen. Aber Holsma war der Ansicht nicht. Er zeigte sich freundlich, aber zu vertraulichen Herzensergüssen hatte er offenbar keine Lust. Als der Bursche seine unklare Geschichte begonnen hatte, fiel er ihm in die Rede:

»Und ... ich habe gehört, du sollst in den Handel?«

»Ja... übermorgen!«

»Nun, das ist gar nicht so übel, wenn du in die richtigen Hände kommst. Du mußt arbeiten. Das ist gut für Jungens wie du bist.«

Und als ob er fürchtete, daß Walther sich einbilden konnte, etwas Besonderes zu sein, fuhr er fort:

»Es ist gut für jeden, für junge Leute vor allem. In deinen Jahren sind sie alle gleich und brauchen alle Arbeit. Alle Jungen müssen arbeiten, und Mädchen auch, und ... überhaupt alle Menschen.«

Walther merkte nicht, daß der Doktor ihm ein Heilmitte! eingab. Aber er spürte wohl, daß die Zeit der Aufklärung nicht gekommen war. Immerhin wäre ihm leichter gewesen, wenn er wenigstens etwas von seinen Abenteuern hätte loswerden können; den Lapsischen Anfall auf seine Tugend wollte er ja ritterlich überspringen.

Er fing noch einmal an. Aber bei den Bratkartoffeln schon unterbrach ihn der Doktor wieder:

»Ja, so etwas passiert jedem. Da ist nichts dabei. Hauptsache für junge Menschen – und für alte auch – ist viel arbeiten. Es ist, scheint's, noch etwas windig ...«

Das stimmte. Wenn es doch gestern so windig gewesen wäre!

»Bist du ein Freund von Bildern?« fragte Holsma, als sie ausstiegen.

»Gewiß!«

»Schön, dann geh einmal hier in diese Stube. Sieh dir alles recht ordentlich an.«

Der Doktor schob ihn in das Zimmer und ging schnell durch den Flur und die Treppe hinauf, um die Seinen vorzubereiten, wie Walther zu behandeln wäre.

Walther hatte wenig Vergnügen an den Bildern. Er hatte zu wenig Übung. Ein Herr mit einem Hunde und einem Hasen war ihm – ein Herr mit einem Hunde und einem Hasen. Er hätte eine Geschichte dazu dichten müssen. Aber da traf sein Blick auf ein Frauenbild, oder eine Königin oder Fee oder Bürgermeisterstochter ...

Femke!

An Stelle der nordholländischen Kappe trug sie ein Diadem von funkelnden Sternen oder Strahlen oder ...

»Vater und Mutter lassen dich rufen. Das Essen steht auf dem Tisch. Thut's dir noch weh von deinem Fall?«

Gute Götter, nun kam auch noch die kleine Sietske mit dem fabelhaften Gaul! Er antwortete, daß er gar nicht geritten sei ...

»So? Nicht geritten? Na, nein doch! Ich meine, ob es dir noch weh thut von dem Fall auf den Tisch im Kaffeehause? Wie drollig! Na, wenn's wieder gut ist, gehen wir am Abend alle aus. Vater, Mutter, Willem, Hermann, du, ich – alle! Ins Theater!«

Sietske hatte gut begriffen.

»Ausgehen?« meinte Walther. »Aber meine Mutter?«

»Das wird Vater schon besorgen. Darüber mach dir keine Sorgen. Vater bringt alles in Ordnung.«

Auf dem Hausflur blieb Walther noch einmal stehen. Er winkte Sietske und führte sie in das Zimmer zurück, vor das Porträt.

»Sietske, wer ist das?«

»Das ist eine Ur-ur-ur-urgroßmutter von uns!«

»Aber sie sieht aus wie ...«

»Wie Femke! Natürlich. Wie ich auch! Wir sehen alle gleich aus. Wenn Hermann solche Kappe aufsetzt, ist er von Femke nicht zu unterscheiden. Komm nun, wir dürfen Mutter nicht warten lassen.«

Als Walther in das Speisezimmer trat, wurde er mit der ruhigen Freundlichkeit begrüßt, die der Doktor verschrieben hatte. Man nahm Platz, und als Sietske, wie um Entschuldigung zu bitten, das Porträt erwähnte, sagte der Doktor ruhig:

»Ja, 's ist was dran, aber unsere kleine Femke ist nicht so hübsch. Lange nicht!«

Eine kalte Brause!

Walther hatte noch nie daran gedacht, ob das Mädchen eigentlich hübsch wäre oder nicht.

»Willst du etwas Sauce, Walther?«

Sie hatte ihn »Bruder« genannt, feierlich, und in welcher Haltung! So würde wohl das Porträt in jenem Zimmer, die Dame mit dem Diadem, auch die Hand ausstrecken ... und er machte eine ziemlich linkische Handbewegung.

»Salat?« fragte Sietske.

»Es wird hübsch voll sein,« sagte Frau Holsma. »Jeder will Könige und Prinzen sehen. Wir haben ja unseren Gast noch nicht gefragt, ob er Lust hat. Wir wollen nach dem Theater gehen, willst du mit?«

Walther war entzückt. Er war noch nie im Theater gewesen und verlangte nach »Kindern der Liebe«. Die geliebten Herrscher rührten ihn weniger. Er hätte einen König hingegeben für einen Baron, der nach allen Regeln der Kunst ein Mädchen verführt. »So nennt man das!« hatte Stoffel gesagt. Hm! er war bei Laps kein solch Baron gewesen, er war auf dem Pfade der Tugend geblieben, so nennt man das ... sie würde ihm gewiß sehr dankbar sein ...

»Wir werden die Hälfte der Souveräne Europas sehen,« sagte Holsma, »und ein Dutzend Kandidaten ...«

Walther wunderte sich über die Kandidaten in der Komödie, aber Sietske klärte ihn auf.

Man hatte Zeit. Holsma hatte noch einen Gang zu einem Kranken; er versprach auch, zu Jüffrau Pieterse mit heranzugehen.

Aus allerlei Toilettengründen war das Theater erst um neun Uhr angesetzt.

Walther hörte, daß Femke auch die Vorstellung besuchen sollte, und er vernahm aus der Unterhaltung, daß das Verhältnis zwischen der so vornehmen Familie und dem armen Wäschermädchen das allerherzlichste war. Mevrouw Holsma ließ sie durch Sietske einladen, hereinzukommen, aber sie wollte lieber bei dem kleinen Erich bleiben, mit dem sie gerade spielte. »Erich?« dachte Walther.

»Ich dachte es wohl,« sagte Mevrouw Holsma, »deshalb ist sie auch nicht zu Tisch gewesen. Sie bleibt lieber am Bett des Kleinen.«

»Ja, sie sagt auch, wir sitzen ihr zu lange bei Tische,« sagte Sietske.

»Die Komödie wird ihr wohl auch nicht gefallen,« meinte Willem. »Sie ist ein braves Mädel, aber ein bißchen dickköpfig, findest du nicht, Mama?«

»Jeder muß nach seiner Überzeugung handeln und nach seinem Geschmack. Femke ist zu gut, als daß man sie zu etwas zwingen sollte.«

»Würde sie sich auch nicht gefallen lassen,« war die allgemeine Ansicht.

Es mußten wohl besondere Gründe sein, daß die Mutter, »die sonst lieber bei dem kleinen Erich geblieben wäre, der die Masern hatte,« doch mit ins Theater gehen sollte. Aber sie wollte nur ein Stündchen bleiben und dann mit Ohm Sybrand zurückkehren, der sollte dann Femke abholen und ins Theater mitnehmen – wenn sie will.

»Ich nenne es Dickköpfigkeit!« sagte Willem. »Sie will bloß keinen feinen Rock anziehen!«

»Ja,« sagte die Mutter, »eine Dame will sie nun einmal nicht sein. Sie ist sehr verständig und meint, das Verhältnis mit ihrer Mutter könnte gestört werden.«

»Und mit Tante Sietske!« rief Hermann.

Das ist gewiß das Stackersweibchen, dachte Walther, eine sonderbare Familie!

»Wir hätten früher anfangen müssen, als sie noch klein war. Aber da wollte Base Claus sich nicht von ihr trennen. Und jetzt mag Femke nicht...«

»Sie ist ein Trotzkopf,« sagte Willem.

»Sie ist stolz,« verbesserte die Mutter. »Zu stolz, um anders zu scheinen als sie ist. Sie würde mit keiner Prinzessin tauschen wollen ...«

Ohm Sybrand kam und erzählte, daß die »Scylla« von Rotgans gegeben werden sollte, dann noch eine »Chloris« und noch etwas hinterher. Man machte sich fertig. Holsma, der zurückgekommen war, berichtete Walther, daß die Sache mit seiner Mutter ganz in Ordnung wäre.

Walther freute sich unbändig. Dachte er noch an Femke?

Wilhelm sagte: »Meinetwegen kann sie auch wegbleiben. Wenn mich die Studenten neben einem Bauernmädchen sehen ... und im September ist's bei mir auch so weit!«

So ein Amsterdamer nennt alles »Bauer« – und nun gar der angehende Student, der unterwegs erklären konnte, was das für eine »Scylla« war!

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