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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 47
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typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Unterricht in der Lehre von der Zweckmäßigkeit. Das wunderbare Standbild in der »gekrönten Wacholderbeere«. Walther bekommt ein Küßchen.

Also darum mußte es so warm sein an jenem Tage! Und darum hatte sie das Fenster offen lassen müssen, was ja sonst ein anständiges holländisches Mädchen nie thut! Darum mußte das Wettsegeln ausfallen und Prinzeß Erika sich langweilen und zum Zeitvertreib Wohlthaten austeilen und baden! Und darum johlte das Volk, und sie mit! – mit Schwärmern und Feuerpfeilen in die Stadt, bis auf den Buttermarkt ... Da wohnte nämlich die Laps, die Cäsarin, die kam und anrührte und »Jesses, was ist das!«

Sie flog ans Fenster. Walther auch. Es zeigte sich, daß die Absicht des unbekannten Schützen keine böse gewesen war, denn kein Mensch beachtete die neuen Zuschauer. Es standen ja noch mehr Fenster offen und Menschen sahen heraus. Ohne Arg wurde rechts und links bombardiert. Jüffrau Laps hatte die Zurückgezogenheit noch verstärkt, indem sie schnell das Licht ausblies, was der sonst so intelligente Schwärmer versäumt hatte.

Walther freute sich kindlich. Er vergaß die aufdringliche Liebenswürdigkeit der Laps und sah in die Menge. Das wirkte ernüchternd auf ihn, und auch sie wurde einfacher gestimmt.

»Wie närrisch, daß alle die Menschen hin und her schieben, und sie wissen selber nicht warum.«

»Klick klack,« antwortete ein Schwärmer, der sich in einem Trupp von Mädchen festsetzte. Natürlich stoben sie mit lautem Schrei auseinander.

»All das Volk ist betrunken.« sagte Jüffrau Laps. »Ich wollte sie gingen nach Hause. Ich bin müde ... 's ist zwei Uhr ...«

»Noch ein bißchen!« bat Walther. »Ich bin noch nicht müde. Gar nicht!«

»Ich bin nur ängstlich, daß du dich erkältest. Denn weißt du, die Nachtluft, nach so 'nem heißen Tage ... na, setz deine Mütze auf, mein Junge. Ich möchte für alles irdische Gut nicht, daß dir die Nachtluft in den Kopf stiege ... das thut sie manchmal. Sieh, da fliegt wieder einer.«

»Amour à la plus belle,
Honneur au plus vaillant ...«

»Warum singen sie nicht holländisch? Verstehst du was davon?«

Walther wußte etwas von dem schönen Dunois, der so viel Türken totschlug und zum Danke die Tochter des Grafen, seines Herrn, bekam. Ja, wie aber belohnte man nun Ritter, die schon einmal belohnt waren? Und wenn nun der Graf und Herr keine Tochter hatte?

Walther fragte gerade seine Gastfreundin nach solchen schwierigen Dingen, als beider Aufmerksamkeit durch Schreien und Schimpfen gefesselt wurde. Die Volksstimmung war umgeschlagen. Es gab Krawall. Es wurde gehauen. Man verstand deutlich die üblichen Flüche.

Ein Klumpen von Menschen schob sich hin und her, je nachdem die eine oder andere Partei im Vorteil war.

Friedliche Drängler schoben vorbei. Die Kämpfer, selbst gedrängt, drängten wieder andere. Man hörte Hilferufe. Die nie fehlenden schwangeren Weiber und die Mütter mit Säuglingen bezeugten ihre Furcht.

Besonders an einer Ecke, wo drei Strömungen sich stauten, war es schlimm. Da lag eine sehr beliebte Wirtschaft, wahrscheinlich das Ziel der Volksmenge aus der Amstelstraße. Der zweite Strom kam aus der Utrechtschen Straße auf dieselbe Schenke zu. Und der stärkste Schub kam aus der kämpfenden Truppe, die jetzt ganz in die Enge geriet.

Walther wußte aus junger Erfahrung, was es heißt, sich in solcher Sache drin zu befinden. Wer zu Boden stürzte, wurde zertreten. Ganz so schlimm war es ja jetzt nicht, denn es war unmöglich zu fallen, aber um so größer war die Gefahr an den Rändern, wo Keller und Höhlen bereit waren, alles zu verschlingen. Da konnte man Hals und Beine brechen. Ja, es war hier gefährlicher als am vorigen Abend in der Kalwerstraat.

»Christenseelen,« rief Jüffrau Laps, »mir wird ganz schlecht davon!«

Mit Walther war es auch so weit. Auf einmal griff er nach ihrem Arm, Er glaubte etwas zu sehen – jemand, der ...

»Ganz recht, mein Junge, halt dich nur fest. Das ist Mord und Totschlag!«

Walther sagte nichts.

»Ist's nicht um toll zu werden?« fuhr die liebe Jüffrau fort. »Halt dich nur fest an mir, und denke, daß ich deine Christine bin!«

Er hatte ganz etwas anderes zu denken.

»Nur Ruhe ... Jesses, das Kind ist ganz außer sich! An dich sollen sie nicht herankommen, da bin ich dafür!«

Er kniff sie fest in den Arm, stand aber im übrigen wie versteinert.

»Sieh dir's nicht so an, mein Liebling! Aber ... böse ist's. Siehst du das Mädchen da, mit der nordholländischen Kappe? Ich möchte nicht an ihrer Stelle sein!«

»Sie ist's – Femke! O Gott, o Gott, es ist Femke!«

Und die Laps von sich abschüttelnd, die ihn zurückhalten wollte, stürzte er die Treppe hinunter, und wenige Augenblicke drauf stand er im dicksten Getümmel vor der Herberge.

Wie rasend schlug er sich durch die Menge. Aber als er den Fleck erreicht hatte, auf den er zugesteuert war, sah er Femke nicht! Der Mann mit der bunten Mütze und der Schifferjacke, der von oben so wie ihr Begleiter ausgesehen hatte, der war noch da. Es hatte so ausgesehen, als ob er mit ihr Arm in Arm aus der Amstelstraße gekommen wäre.

»Ist hier nicht 'n Mädchen mit 'ner nordholländischen Kappe?«

Der Mann, der sich mit allen Nachbarn herumstieß, rang, schlug – jeder that so – konnte nicht antworten. Walther merkte indessen, daß er nach der Herberge zustrebte, und er schloß daraus, daß seine Dame dorthin geflüchtet – oder gedrängt sein müsse.

Er kümmerte sich also nicht mehr um die Stöße und Püffe, die er empfing, teilte auch von dieser Sorte so viel aus als er konnte, um recht bald die Geneverschenke zu erreichen. Da war's ja auch sehr enge, aber es wurde doch nicht geprügelt.

Ja, unser Walther fing gut an. Gestern im »Polnischen Kaffeehaus«, heute in der »Gekrönten Wacholderbeere« – dort hineingeworfen, hier fechtend, um hineinzukommen!

Aber er war da und sah aus nach Femke.

Da meinte er sie auch zu entdecken, in einem kleinen Winkel, auf einem Tritt oder dergleichen stehend. Schweigend, mit fest zusammengedrückten Lippen, die Arme übereinandergeschlagen, und einen verächtlichen Zug im Gesicht, sah das Mädchen auf die Menge nieder. Die Kante von ihrer Mütze hing in Fetzen herunter, und Walther glaubte auf ihrem Gesicht sogar so etwas wie ein wenig Blut zu sehen – Femkes liebes Gesicht!

Er war erschöpft und konnte nicht mehr zu ihr gelangen. Seine Blicke schweiften zu ihr.

Sie stand tapfer und trotzig da. Er rief, sie hörte nicht.

»O Gott, sie verachtet mich. Das hab' ich verdient für die Feigheit bei Holsmas!«

»Jungechen,« sagte die Wirtin, »geheult wird hier nicht. Willst du heulen, geh zu deiner Mutter.«

Leichter gesagt als gethan. Man konnte keinen Fuß rühren, so drängte die Menge. Er wurde gerade gegen den Ladentisch geschoben. Er konnte nicht einmal Femke dauernd im Auge behalten. Die Thränen stürzten ihm über die Wangen.

»Was machst du denn in so 'm Gedränge,« sagte die Schnapswirtin, »wenn du so schlapp bist? Hast du dir Schaden gethan? Laß mal einen einschenken!«

Ach, er hätte es gern gethan, um seinen Platz zu bezahlen. Aber er »bekam ja zu Hause alles, was er brauchte« und hatte also keinen Deut. Immerhin, hinausgeworfen konnte er nicht werden. Auch wurde die Aufmerksamkeit der Wirtin bald von ihm abgelenkt. Die Menge drohte den Krug als »Operationsbasis« zu benutzen, wie es im militärischen Jargon heißt.

Noch immer stand das Mädchen mit gekreuzten Armen auf ihrem Tritt. Es war etwas Spottendes in ihren Zügen: »Wer wagt's?«

Walther war sehr schlimm zu Mute; sie sah hinüber, aber sah ihn nicht; er rief, sie hörte nicht.

Da zeigte sich der Mann mit der Schifferjacke und der bunten Mütze an der Thür. Er hatte zwar nicht zu den streitenden Mächten gehört, aber er hatte das Schicksal der Neutralität gehabt, beide Parteien waren, wie seine Kleider bewiesen, seine Feinde gewesen.

Der Mann strebte mit aller Gewalt in die Schenke und unterließ es bei diesem Streben sogar, die Püffe, die er empfing, gehörig zu erwidern. Zwei-, dreimal wurde er zurückgedrängt, denn wo viele dasselbe wünschen, ist das Erreichen nicht leicht. Aber er hatte doch einen Vorteil vor den anderen, die bloß Ruhe und Schnaps suchten, während er durch ... etwas anderes angespornt wurde.

Walther hoffte von Herzen, daß es dem Manne gelingen solle. Dann war doch Femke nicht so verlassen in dem rasenden Trupp. Denn er – wenn er auch stärker gewesen wäre – sie wollte ja doch nichts von ihm wissen! Hätte sie ihn nicht weggeschubst, wie eben erst den frechen Burschen, der ihre Schürze angefaßt hatte?

Jetzt schien das Mädchen des Mannes in der Schifferjacke ansichtig zu werden. Wie um ihm Mut zuzusprechen, nickte sie ihm freundlich zu. Oder sie wollte ihm danken für seine Treue. Auch konnte man aus ihrem Lächeln entnehmen, daß sie unversehrt war, und furchtlos. Ja, sie stand da wie eine Statue der Ruhe.

Der Schiffer nickte zurück.

Der hatte sie gewiß nie verleugnet, dachte Walther.

Da faßte auch die Wirtin den Schiffer ins Auge. Er schien ein guter Bekannter zu sein, denn sie schrie ihm hinter dem Schenktisch entgegen:

»Na, Klaas, auch da? Kein Wind, wie?«

Und sie befahl, ihn durchzulassen. Ja, sie trat sogar ein Paar Schritt heraus und fegte einige Strauchelblöcke beiseite.

So bekam Klaas Verlaan, der Amstelhafenknecht, Platz am Schenktisch, nicht weit von Walther.

»Na, Mann, Euch haben sie ja gut gehabt!«

Das fand er auch, der Mann, der nie seines Tages sicher war vor der Schlafenszeit – und Walther auch, und auch die, die noch immer in ihrem Winkelchen auf dem Tritt stand.

»Guten Tag gehabt?« fragte das Weib weiter. »Mit dem Segeln war's miserabel, wie?«

Klaas legte den Finger auf den Mund, als ob er etwas Geheimnisvolles sagen wollte.

»Ein Glas Klaren?« übersetzte die Wirtin, traf aber nicht das Richtige.

»Halb und halb?«

Auch nicht.

»Roten?«

Klaas war diesmal ganz besonders wählerisch. Er lehnte stets ab und machte bloß immer Anstrengungen, mit der Wirtin in ein vertraulicheres Gespräch zu kommen.

»Amour à la plus belle«,ging es draußen weiter.

»Hol der Teufel die welschen Lieder!« schrie ein Gast. »Wir sind hier allemal Holländer unter uns!«

»Ja, wir sind hier allemal Holländer ...«

»Und unser Prinzchen ...«

»Sßt!«

»Ich will aber singen, wie ich will, und wer nicht mitsingt ...«

Der Mann mit dem Prinzchen schlug an seine Brust!

Jetzt war die ganze Gesellschaft holländisch und prinzlich begeistert. Das »Prinzchen« wurde kräftig heruntergesungen.

Einer hielt dann eine Rede und wünschte all den französischen Flickschneidern die ewige Verdammnis.

»Hurra!«

»Ja, wie wir noch wahre Holländer waren ...«

»Ja, wie wir noch wahre Holländer waren ...«

»Und unter der Republik!«

»Hoch die Republik!«

»Da hättet ihr 'n Wettsegeln sehen sollen!«

»Und unser Prinzchen ...«

»Unter der Republik waren alle Menschen gleich ...«

»Ganz gleich!«

»Weg mit den Tyrannen!«

»Sind kein Haar besser als wir!«

»Saugen's Volk aus!«

»Ja. saugen's Volk aus!«

»Und warum? Weil ihr alle feige Hunde seid!«

»Ja, sie sind alle feige Hunde!«

»Ihr beugt den Nacken ins Joch!«

»Ja, sie beugen den Nacken ins Joch!«

»Wenn so 'n König kommt oder Kaiser oder Prinz, dann fährt euch die Angst in den Bauch wie Sämsblätter!«

»Ja, wie Sämsblätter!«

»Wenn ihr Kerls wäret ...«

»Ja, wenn sie Kerls wären ...!«

»Der Mensch ist frei geboren!«

»Wir sind frei geboren!«

»Und 'n holländisch Herz ... was sagt Ihr, Frau Goremest? Was? 'ne Tochter von ... M'neer ...«

Ein ganz gefährliches Wort schien dem Redner auf der Lippe zu ersterben. Er wurde blaß.

»'ne Tochter von ... M'neer ...«

»Gewiß ... fragt mal Verlaan.«

Verlaan nickte.

»Wahrhaftig wahr, Klaas? Gewiß und wirklich? Und warum – hat sie sich denn da so ... angezogen ... wie ein gewöhnlich Mädchen?«

»Ach, sind die Sachen von meiner Geertje, wißt ihr. Reiche Leute haben so Einfälle – –«

»Na! Jungens, gehn wir heim! Mutter Goremest will auch schlafen. Der Mensch ist nicht von Stein.«

»Weg mit den Tyrannen ... der Mensch ist frei geboren ... holländisch Herz...«

»Scht! scht! raus, raus! die ... junge Dame ...«

»Was? das Mädchen? was ist?«

»Scht! die Tochter von ... aber stille, hört ... von ... ja Donnerwetter ist's denn möglich – von ... M'neer Kopperlith!«

»Auf der – Kai... sers... gracht? Mann, was sagt Ihr? Von Herrn Kopper ... lith – auf der Kai ... sersgracht?!«

»Ja, gewiß! kommt, kommt!«

»Seine Tochter? Seine ... natürliche Tochter?«

»Aber stille, stille ... ganz richtig ... ihr versteht ...«

Die holländischen Herzen und Republikaner zahlten und verließen den Krug.

Dieser Einfall, seinen Schützling zu einem Abkömmling der Kaisersgracht zu machen, brachte Klaas Verlaan mehr Dukaten ein, als er später zugeben wollte.

Kopperlith? Kopperlith? auf der Kaisersgracht? Femke auf der Kaisersgracht! Und bei diesem hochmögenden Herrn Kopperlith sollte er ja übermorgen – antreten ...

Sein Kopf schwindelte. War er überhaupt noch Walther Pieterse?

Bevor er sich aber klar wurde, flog er unter Nachhilfe von Klaas Verlaan und dem republikanischen Redner, dem Klaas einen ... Deut in die Hand gedrückt hatte, zur Thür hinaus.

Gewiß! er war ja nicht besser als andere Sterbliche.

Das Gedränge auf der Straße hatte nachgelassen. Walther blieb in der Nähe der Herberge, die ihm ein Tempel geworden war, in dem seine Göttin verehrt wurde. Ab und zu flog noch einer aus der Thür, der gern noch geblieben wäre. Ja, man bekommt nicht alle Tage eine Kopperlithsche Tochter zu sehen. Manche wollten sich auch dem Triumvirat Verlaan, Republikaner und Goremest anschließen, um eine anständige Rauferei zu haben, aber die drei fühlten sich stark genug, um Arbeit und ... Lohn zu teilen.

Endlich hörte das Herauswerfen auf, und Walther wollte gerade durch einen Riß in der Gardine der Glasthür gucken, als die Thür sich wieder öffnete und der Republikaner heraustrat. Walther hörte, wie Verlaan ihm nachrief:

»Da in der Ecke in der Paardenstraat, weißt du! Auf 'n Thalerchen kommt's nicht an ... und sag dem Kutscher ...«

Also der Republikaner sollte eine Droschke holen. Für Femke?

Walther wartete. Inzwischen hatte Frau Goremest die Laden geschlossen. Ein Hineinsehen war unmöglich.

Endlich kam ein Wagen. Der Republikaner sprang heraus. Die Thür der Schenke öffnete sich, und Klaas Verlaan mit seiner angeblichen Kopperlithstochter kam zum Vorschein.

»Femke, ich bin hier!« rief Walther, auf sie zu eilend. »Ich bin hier! O Gott, o Gott, Femke, geh nicht mit den fremden Männern!«

»Wer Donner ist denn da schon wieder!« schnaubte Verlaan und faßte Walther beim Kragen, um ihn in den Laden hineinzuziehen, »Was willst du? wer bist du?«

»Femke, geh nicht mit den fremden Männern. Ich werde dich nach Hause bringen, ich, Walther!«

»Der Junge ist nicht klug,« sagte Frau Goremest, »laß'n laufen. Er hat hier 'n ganzen Abend schon rumgeheult wie'n Kalb und keinen Deut verzehrt ...«

Walther faßte nach der Hand des Mädchens und bemerkte erst jetzt, wie sonderbar sie aufgetakelt war. Von Gesicht, Kopf, Schultern, Figur – nichts zu sehen. Frau Goremest hatte ihren Mantel hergeliehen. Was thut man nicht für eine Kopperlith? Aber sparsam war sie doch: ein einziges Lichtstümpfchen hatte sie bloß noch brennen lassen. Das flammte jetzt so seltsam, so phantastisch. Und so spukhaft sah alles aus ...

»Bist du es, Erich?« fragte das Mädchen auf deutsch.

»Femke, Femke, um Gottes willen, gehe nicht mit den fremden Männern!«

Er riß sich von Verlaan los, warf sich ihr zu Füßen, schlug ihren Mantel auseinander und bedeckte ihre Hand mit Thränen und Küssen ...

»Wie ich sage,« meinte Frau Goremest, »der Junge ist total verdreht.«

»Femke, nie wieder will ich dich verleugnen! Schlage mich, tritt mich, töte mich, aber ... gehe nicht mit den fremden Männern!«

»Licht!« rief das Mädchen gebieterisch – ein Wort, daß auch ein Holländer versteht.

Der Republikaner nahm die Kerze vom Schenktisch und hielt sie so, daß das Gesicht des knienden Walther sichtbar wurde. Das Mädchen sah durch einen Spalt der Mantelkappe auf ihn nieder und schwieg. Sie zog die Hand nicht zurück, die Walther fest an seine Lippen drückte.

Verlaan machte eine Bewegung, den Eindringling zu beseitigen. Aber sie streckte den Arm über Walthers Haupt, winkte dem Schiffer ab und sagte:

»Mein Bruder!« – auch zwei Worte, die auf holländisch beinahe ebenso ausgesprochen werden wie im Deutschen.

»Schon wieder so 'n Kopperlithscher Sprößling!« brummte der Republikaner. »Die jungen Leute haben eigene Manieren, die Nacht zu verleben!«

Er sagte es aber leise. Die Kaisersgracht!

Als Walther wieder zur Besinnung kam, stand er auf der Straße. Der Wagen war weggefahren, mit ihr oder ohne sie. Mit oder ohne die beiden Männer. Er wußte es nicht. Es war ihm auch gleich. Sie hatte ihn Bruder genannt, ernsthaft, würdig, recht deutlich ausgesprochen ...

»O mein Gott, ich danke dir, du bist mild und barmherzig ... Ich wußte nicht, daß Femke so sprechen kann! Sie muß es sehr innig gemeint haben!«

Und er nahm sich vor, morgen kolossal reich zu werden – im Handel – und König natürlich auch wieder – und mehr noch: für Femke mehr als ihr Bruder! Jüffrau Laps hatte etwas in ihm geweckt – er wußte es selbst nicht. »Ich bin Femkes Bruder« – sein Herz jauchzte, er lief auf Stelzen, so müde er war, und wunderte sich, daß sein Kopf nicht an die Wolken stieß.

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