Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Multatuli >

Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 46
Quellenangabe
pfad/multatul/klwalthe/klwalthe.xml
typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100516
projectid8fb3ce4f
Schließen

Navigation:

Der Glanzpunkt im Leben des Amstelhafenknechts und Jüffrau Laps' große Enttäuschung.

So flammte sie, erzählte Klaas später ... An den Armen hatte sie lange lederne Handschuhe bis an die Schulter. Einer liegt noch in der Schachtel. Wie ein Kinderstrumpf. Ihre Finger waren klein, aber – Kraft hatte sie drin, ja! Und auf dem Kopfe ein Turm von Puder – wie 'n großer Schneeball. Aber 's Gesichtchen war nett, das muß ich sagen. Und ich war'n bißchen bedonnert, weil daß sie so glomm! Ich wußt' wirklich nicht, was ich in meiner Schute hatte und ob ich fluchen oder höflich sein sollte. Aber sie wartete darauf nicht, und ehe ich noch recht wußte, was los war, packte sie ein Ruder und stieß ab! Ich dachte, wenn sie das Ruder wieder herausholt – es steckte nämlich ziemlich tief im Modder – dann wird sie wohl wackeln. Aber sie ließ es stecken, setzte sich hin und lachte. Da trieben wir nun!

Ich war falsch wie 'ne Spinne und sagte, mit 'm Fluch, damals fluchte ich nämlich: ich wäre Herr in meiner Jolle. Ja, so sagte ich.

»Ich rudern,« sagte sie. Ihr Holländisch war nämlich miserabel. Und sie griff nach dem anderen Ruder.

»Halt!« rief ich. »Könnt Ihr wrikken?«

Das verstand sie nicht. Und sie wollte mir das Ruder aus der Hand nehmen, aber wißt ihr, was ich sagte? Ich sagte: »Mein Vater ist kein Seiler, und ich gebe mein Werk nicht aus der Hand!«

Denn ich bedankte mich dafür, so auf der Amstel herumzutreiben wie ein Dummer. Alle Menschen sahen zu. Sie ließ also das Ruder los und krabbelte in ihre Tasche. So ein sammetnes Ding mit goldenem Knips dran – und holte 'n Stück Geld 'raus und hielt es mir hin. Da gab ich ihr das Ruder... für das Geld, wißt ihr, denn, dacht' ich, was mach' ich mir draus, wenn die Menschen am Ufer lachen? Das Ding sah aus wie 'n Dukaten, war aber mehr wert. Das hab' ich später gemerkt, wie ich's umwechselte ... mit den anderen zusammen. Ich kriegt nämlich noch mehr.

Ja, also, was sollt' ich machen? An Segeln war nicht zu denken und an Rudern auch nicht. Also... ich ließ sie machen, sagte aber, sie müsse wrikken.

»Rücken?« rief sie.

»Wrikken!« sagte ich. »Seht... so!«

Und ich wollt's ihr zeigen, 's ging aber nicht. Das wißt ihr ja selber, 's sind immer zehn Ruderer zu haben auf einen Wrikker.

Ich zeigt' ihr also, wie sie die Beine setzen sollte. Sie hatte weißseidene Schuhchen an, und Füße nicht größer als meine Faust. Aber sie lief ganz gut drauf. Hab' ich später gesehen. Sie war so hurtig wie 'n Kiebitz.

Aber wrikken konnt' sie nicht! Ich schämte mich vor den Leuten. Jeder kannte doch die Jolle vom Jachthafen, das könnt ihr euch wohl denken. Und wie ich mit der Hand an das Ruder klopfte, wurde sie böse und wollt' mich wegschieben.

Wo sie eigentlich hin wollte, verstand ich nicht. Sie schrie bloß immer: »Rücken! Rücken!«

Ja, dacht' ich, rücken, rücken! Der Mensch muß doch wissen, wo er hin will.

Wir suckelten so sachte stromab – und näherten uns dem Jachthafen. Gott sei Dank, dacht' ich, nun krieg' ich meinen Dukaten, und die Sache ist zu Ende. Jawohl!

Auf einmal hörte sie mit Wrikken auf – der Schweiß lief ihr in Tropfen vom Gesicht – und legte das Ruder hin. Ich wollt' es nehmen, damit doch 'n Ende wurde. Aber das wollte sie wieder nicht. Was das nun so werden sollte, war mir unklar ... na, ich will's euch nur sagen, sie wollte baden!

Ich bekam 'nen Schreck! Sie war durch und durch geschwitzt. Aber ... sie wollte! Da war nichts zu machen. Und sie hielt mir wieder so'n Dukaten vor die Nase. Bei Everts kriegte ich nachher drei Thaler fürs Stück, und wenn ich mehr hätte, sagt er, sollt' ich nur wiederkommen. Davon ist der silberne Beschlag – ihr seht, 's ist wahr. Und der goldene Ohrring von meiner Alten – jetzt trägt'n Grete – der ist auch von da.

Na, sagt' ich, wie Ihr wollt! Wenn Ihr denn partuh krank werden wollt oder sterben oder 's Reißen kriegen ...

Sie zog die Schuhe aus und das seidene Kleid und noch mehr. Aber etwas Wäsche behielt sie an, das muß ich sagen. Und sie schmiß ihre Perücke runter, und das konnte sie auch, denn sie hatte eigenes Haar genug, und sie schüttelte 'n Kopf wie 'n Pferd, das die Weide riecht. Und sie sprang – so was hatt' ich nie gesehen ... von 'm Frauenzimmer, wißt ihr – kopfüber ...

Erst hatt' ich Angst. Denn, dacht' ich, schwimmen kann ich nicht, und wenn sie nun untergeht – – aber 's war nicht nötig. Sie schwamm ganz gut. Wie 'ne Ente! Oder wie 'n Aal – denn sie flitzte unter der Jolle durch und kam auf der anderen Seite wieder 'raus, als ob sie an der Angel säße, versteht ihr? Es ärgerte mich beinahe, daß ich nicht auch so im Wasser zu Hause war, aber ihr wißt, bei uns in Holland ist das nicht. Sie war wohl aus 'm Land, wo die Menschen nicht so reinlich sind und deshalb alle Tage baden müssen.

Die Jolle trieb gegen den Jachthafen, und sie war auch da. Ich half ihr auf die Aussteigebrücke, und da stand viel Volk und guckte zu. Das gefiel ihr nicht. Sie nahm meine Jacke, die in der Jolle lag, und schlug sie sich um die Schultern. Dann sah sie sich schnell mal um, sah 'ne offene Thür in einem von den Bootshäuschen und sprang hinein. Wie 'ne wilde Katze.

Ich packte ihren Kram zusammen und wollt' 'n ihr bringen. Aber ich konnt' doch nicht ins Häuschen gehen, 's war doch das von Mynheer Kopperlith von der Kaisersgracht, wißt ihr wohl! Der hätt's mir am Ende übelgenommen, daß ich mit so 'ner fremden Person in sein Bootshäuschen gegangen wäre. Denn, dacht' ich, wenn du mit mir so familiär umgehst, das kannst du – wegen dem Dukaten, versteht ihr – aber M'neer Kopperlith wohnt an der Kaisersgracht! Wißt ihr, Kinder, was Erziehung und Anstand betrifft – geht doch nichts über Holland, das ist ganz gewiß!

Sie war ja drin, und ich traute mich nicht. Da stand ich nun mit ihrem seidenen Rock aufm Arm und dem anderen Zeug, und der Sammettasche und den Stiefelchen und der weißen Perücke.

Die Menschen aber schrien: »Das ist M'neer Kopperliths ... von der Kaisersgracht ... denk' dran!«

Ja, dacht' ich, das will ich schon thun, aber was nun! Eben dacht' ich an die Polizei, da kam meine Tochter Geertje angelaufen ... sie ist nun auch schon tot ...

Aber damals war's ein hübsches junges Mädchen von so achtzehn. Und sie sagte: »Vater, laß sie drin, da kann sie sich anziehen!«

Ja, das hatt' ich auch gedacht, aber ich hatte Angst vor der Jachtklub-Direktion. 's konnt' mir die Stelle kosten, wenn ich Dummheiten machte. Die Herren wollen in ihren Bootshäusern nichts Fremdes haben.

Wie ich so noch nachdenk', kriegt mein Fisch, der mir schon lange nach den Kleidern winkte, unsere Geertje zu sehen. Sie aus dem Häuschen 'raus, Geertje an den Arm, und weg!

Ich hinterher mit dem Zeug, das versteht ihr! Geertje brachte sie zu Muttern – und ich dacht': in Gottes Namen! Ja, was sollt ich thun, wie?

Aber ... 'n toller Tag war's. Und ich bin noch nicht fertig. Wißt ihr, was ich immer sag'? Ich sag': keiner weiß, ob der Tag gut war, vor'm Zubettegehen! – –

So endigte Klaas Verlaan das erste Kapitel seiner Geschichte. Das zweite werde ich erzählen, oder ich kann auch die Geschichte selbst sprechen lassen.

Lassen wir die Waldkatze also einstweilen unter Geertjes Obhut ...

An der Amstel johlte das Volk weiter. Allmählich verschwanden die Kutschen der hohen Herrschaften. Auch die Reiter langweilten sich und suchten freiere Bewegung zu bekommen. Die Menge drängte, sang, schrie und trank. Man steckte Feuerpfeile an, die am nächsten Tage in den Zeitungen als Zeugen aufgeführt wurden für die unsägliche Liebe des Volkes zu allen möglichen Prinzen und Prinzessinnen.

Auch Schwärmer wurden als Zeugen dessen angeführt. Die Pfalzgräfin glaubte es auch wirklich.

Sie hatte aber unrecht. Denn die Menge liebt die Schwärmer, weil sie zischen und Feuer spucken und einen ordentlichen Knall geben. So ist es, da können Sie alle griechischen Philosophen drauf nachlesen.

Während die Souveräne mit großer Beruhigung auf ihren Thronen saßen – so ein Schwärmer macht wohl viel Geräusch, aber beweist nichts – dachte das Volk bloß an die Schwärmer. Die Hauptsache ist nämlich das Anzünden – Selbstanzünden des Schwärmers. Ein sogenanntes großes Feuerwerk ist ein elendes Ding. Man kann bloß »Ah« sagen und man sieht dabei sehr dumm ans.

Aber ... Schwärmer! Da ist man dabei! Es ist Gefahr dabei, wenn man's nicht recht macht. Man wirft sie. Und schnell ... schnell ... eine Sekunde zu spät, und sie platzen in der Hand!

Es ist nämlich mal passiert, daß jemand – der traditionelle »jemand« – so 'nen Schwärmer zu lange in der Hand gehalten hat, und dem ist's schlimm ergangen ...

Eine famose Angst.

Ach, die Gefahr und die Angst ist jetzt abgeschafft. Die Regierungen verbieten solche Wagnisse – wegen der Feuersgefahr, seit die Häuser mit Ziegeln gedeckt find. Als es noch Strohdächer gab, da ging es!

Und die anderen Gefahrvergnügen! Wie manche Jungfer kam mit verbrannter Jacke heim – beinahe kam sie gar nicht heim! Wie interessant! Und ein Junge – »die Jungen müssen aber auch überall ihre Nase dabei haben« – hat er nicht beinahe – beinahe 'ne volle Ladung ins Gesicht bekommen?

Und dann der Weg, den so ein Ding nimmt! Zündnadel und Chassepot und solch Zeug sind Kinderspiele. Ein richtiger Schwärmer ist darüber erhaben. Er hat Charakter und geht seinen eigenen Weg. Er speit Feuer, er glüht vor Kampfeslust, er erobert verlorenes Terrain, er wechselt seinen Schwerpunkt, er geht gegen den Luftdruck, er kehrt um, als ob er noch etwas vergessen hätte, und wo er noch nicht war, da kommt er angerollt, geblasen, blakend, brennend, zischend, knatternd – immer überraschend, immer erschrecklich durch das Unerwartete. Und sie sausten in offenstehende Fenster und wurden dann erst recht rührig. Dann sprangen sie wie wütende Teufelchen durchs Zimmer, rechts und links und auf und ab – kritz-kratz-kreuz! auf den Tisch, an den Spiegel, hinter die Bilder, zwischen die Stühle, unter das Bett. Ja manchmal tanzten sie ... das Licht aus ...

Der Mathematikus, der das alles berechnet, soll noch geboren werden. Aber das macht nichts, für diesmal sind wir mit seinen Leistungen zufrieden. Der Knalleffekt fand statt an Walthers linker Backe, gerade in dem Augenblick, als Jüffrau Laps ihm einen Kuß geben wollte!

Dieser famose Schwärmer half Walther die Schlacht gewinnen. Was diese Prinzeß Erika doch für Wirkungen übte!

Jüffrau Laps hatte sich ihre sündhafte Lippe verbrannt und schrie: »Jesses, was ist das!«

Viel anderes konnte sie auch nicht fragen.

 << Kapitel 45  Kapitel 47 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.