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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 45
Quellenangabe
pfad/multatul/klwalthe/klwalthe.xml
typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100516
projectid8fb3ce4f
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Ein Kapitel ans der großen Welt. Der bescheidene Leser wird mit der ganz hohen Politik in Beziehung gesetzt.

Wir müssen, um den Gang der Ereignisse zu verstehen, notwendig einige Stunden zurückgreifen. Der Leser erinnert sich, daß diesen Mittag zur Belustigung der hohen Personen ein Wettsegeln auf der Amstel hatte stattfinden sollen. Es war nichts daraus geworden, weil der Wind fehlte.

Das Wettrudern war noch nicht Mode – sehr unrecht, denn es ist eine gute männliche Übung – es war auch nicht würdevoll genug, und die Boote nicht danach gebaut.

Es war glühend heiß. Könige und Prinzessinnen schwitzten – wie Menschen. Die Fächer bewegten sich immer träger. Man hatte damals eine besondere Sorte: joujoux de Normandie.

Die alte picklige Pfalzgräfin, sagte man, verstand sie am elegantesten zu handhaben, und sie verdankte dieser Kunst einen großen Teil des Einflusses, den sie auf die Geschicke der Menschheit ausgeübt hat. Mir ist, als hörte ich so 'nen König sagen:

»Ma toute bonne, vous qui avez la main si légère, ne pourriez-vous pas me faire l'amatié...« u.s.w.

Oder: »Ach meine liebe Cousine, wie du göttlich schuschuierst! Auf und nieder ... nieder und auf! Wenn du einmal unseren verehrten Vetter mit den Usurpatormanieren, Kaiserliche Majestät so am Kördelchen hieltest?«

Nun spricht ein Prinzlein: »Auf Ehre, Durchlaucht sind zum Küssen adorable!Nur der Respekt hält mich zurück – auf Ehre. Klotho, ich bin Ihr Sklave. Lachesis, Ihrer geschichtelenkenden Hand empfehle ich mein Schicksal! Schaffe mir den Erbprinzen vom Halse! Schicke ihn ins Pfefferland, in den Krieg, in ... kytherische Vergnügungen, womit eine so geschickte Parze wie Durchlaucht Lebensfädchen abschneidet ... zum Entzücken ...«

Die Prinzen waren damals in der Mythologie sehr fein gebildet. Die Mythologie ist weg, die Feigheit ist geblieben. Es giebt noch heute hochgestellte Personen, die nicht ein Wort von den Schicksalsgöttinnen sprechen, aber doch wohl des Anhörens wert sind.

Ein Prinzeßchen spricht: »Liebe mütterliche Cousine, ... aber nein, wie geschickt ... nie da gewesen! Mit diesen Händchen könntest du mir ganz bequem ein halb Dutzend Provinzchen aus dem deutschen Reichsmoraste zusammenfischen – zur Morgengabe, Cousine!«

Ein Sterblicher von niederer Sorte: »Kaiserlich-königliche Hoheit, ich sehe, staune und schweige! Wenn Kaiserlich-königliche Hoheit nur beliebten ... Gottes Erdreich würde sich pflichtschuldigst freuen, wenn Kaiserlich-königliche Hoheit geruhten, es gnädigst balancieren zu lassen auf Kaiserlich-königlicher Hoheit göttlichen Fingern! Ich schweige gehorsamst ... doch daß eine Ober-Geheim-Küchen-Ceremonienmeister-Stelle vaciert, ist allerunterthänigste Wahrheit.«

U.s.w. U.s.w.

Diese Reden waren weniger dumm, als man denken sollte. Der letzte z.B. bekam wirklich seine Anstellung bei den Kaiserlich-königlichen Hofküchen. Was will man mehr?

Ein Reiter näherte sich der Kutsche.

»Eh bieng, chefalier, n'est-ze pas qu'il fait affreusemang chaud dang ze pays'?

»Wie K.K. Hoheit befehlen.

»Ch' étouve!«

»Zu dienen.« »Und wo steckt denn unsere kleine wilde Katze? Ist sie hinten? Ist sie vorn? Wo ist sie?«

Der Chevalier wurde durch die Volksmenge von der Kutsche weggedrängt. Das war ihm lieb. Er entging so dem deutschen Französisch der Pfalzgräfin, und er brauchte auf die Frage nach der »wilden Katze« nicht zu antworten. Diese Katze war nämlich eine ganz hohe K. K. Hoheit.

Ein Trupp wohlwollender Sänger kam ihm zu Hilfe.

»Amour à la plus belle,
Honneur au plus vaillant ...«

Es gab eine Zeit, da die Kraft holländischen Genevers, Amsterdamer Sorte, sich in französischen Romanzen offenbarte.

Die Pfalzgräfin winkte mit ihrem Fächer einen sehr eleganten Jüngling von etwa achtzehn Jahren heran. Er drang durch die Menge.

» Ecoutez mon prince ! Der Pöbel singt la changsong de la reine... Wo ist denn Ihre Prinzessin Schwester, mein Waldkätzchen?«

» Ma foi, il y a plus d'une heure que je ne l´ai vue! Elle s'amuse pent-être là-bas, au village d´Awercric. Qui sait si elle n'a pas passé léau. Vous savez, Palatine, qu'elle n'a pas l'habitude de se gêner...«

Ja, das wußte die Pfalzgräfin. Die wilde Katze genierte sich nicht. Es konnte schon sein, daß sie da irgendwo in »Awercric«, in Dudekerk, steckte und Dummheiten machte.

» Amour au plus vaillant !« schrie wieder ein Trupp begeisterter Niederländer, und unsere Pfalzgräfin war wieder allein.

Die Kutschen fuhren langsam, Schritt für Schritt, wie in einer Pantoffelparade. Es ging nicht anders wegen des Gedränges. Anderseits war es Mode, in »Volkstümlichkeit« zu machen.

Man machte sich eben einer Versäumnis schuldig, die die Höhe und Würde in den Augen des Volkes sehr benachteiligte. Niemand streute Gold unter die Menge, nicht einmal Silber. Die Pfalzgräfin war die letzte, auf so eine Idee zu kommen; es war zu heiß.

Sie wurde aber durch Prinz Erich erinnert, den jungen Helden von soeben, der wieder herankam und erzählte, daß seine Schwester das Waldkätzchen ihm aus »Awercric« Botschaft geschickt hatte. Sie brauchte Geld, und der Bruder hatte nichts bei sich. Die Pfalzgräfin mußte also ihre Ehrendame beauftragen, dem Prinzen ihre Geldbörse aus dem Wagen zu reichen. Dieser gab sie einem Lakaien.

Die Prinzessin hatte wirklich Geld nötig. Sie spielte Vorsehung. Was eigentlich passiert war, weiß ich nicht mehr. War vielleicht ein großer Brand tags zuvor in Oudekerk gewesen? – man versicherte damals nicht. Oder hatte ein Bauer alle seine Kühe an der Seuche verloren? Oder konnte eine verlassene Unschuld kein Plätzchen finden, um von ihrem Fehltritt auszuruhen?

Wie es auch sei, Prinzeß Erika hatte irgend eine wohlthätige Extravaganz ausgeführt. Es giebt schlimmere Untugenden. Dabei hatte sie die Kutsche verlassen und ihr Gefolge verloren. Um der Menge zu entschlüpfen, die dankend, jauchzend, vor allem lästig um sie herum war, war sie in ein Ruderboot gesprungen, das an einer Einsteigebrücke lag und in dem ein Mann saß und schlief – oder wenigstens nahe daran war. Bei der Hitze! Es war Klaas Verlaan, der »Amstelhafenknecht«.

Der »Bums« des Sprunges weckte ihn, und alle Zuschauer lachten über das dumme Gesicht, das er machte.

Es war auch Grund dazu. Prinzeß Erika trug ein feuerrotes Seidenkleid mit langer Schleppe, die sie aber – eben bei dem Brande oder den Kühen oder wo es nun war – aufgesteckt hatte.

Wenn Klaas Verlaan später die Geschichte seinen Enkeln erzählte, war dies der Knalleffekt. Nun, es giebt Leute, die weniger erlebten.

»Sie sah aus wie ein Funken, und ich dacht' warraftig, daß 'n Stern in meine Joll' fiel, so flammte se!«

Geben wir Klaas Verlaan weiter das Wort.

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