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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 42
Quellenangabe
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typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Unser Held geht mit dem Gedanken an Prinzeß Erika zu Bett. Wie liebenswürdig sie war. Sie!

Der Freitag that so, als ob er schon vorbei wäre. Walther bereitete sich vor, die enge Bettstelle zu erklimmen. Er war ruhigen Herzens geworden und hatte nicht einmal Lust, mit Laurens zu balgen, der, ohne allen Anspruch auf geometrische Leistungen, auf dem gemeinsamen Lager stets die Diagonale machte.

Walther nahm sich vor, die kleinen Ereignisse des Tages noch einmal zu überdenken.

Natürlich! Mit sich selber hatte er diesmal keine Lust, sich zu beschäftigen.

Da war ein Prinz, der hatte Geld unter das Volk gestreut ...

Ach, wenn ich so ein Prinz wäre!

Nun, das war der schlechteste Gedanke nicht. Die meisten denken in solchem Fall: hätte ich so mitgrabschen können!

Die Pfalzgräfin von ... wovon doch ... na, 's macht nichts – sie war im Museum gewesen – und dort, wie die Zeitung schrieb, liebenswürdig, sehr liebenswürdig ...

Würde ich auch thun, dachte Walther, wenn ich Pfalzgräfin wäre. Was ist das eigentlich für ein Beruf?

Der König hatte Audienzen und ein Diner gegeben, und er hatte gesagt ... na, das übliche. Aber für Walther war es neu und interessant. Das Wohl der Hauptstadt lag Seiner Majestät ganz besonders am Herzen. Walther auch. Das hinderte nicht, daß er diese Eigentümlichkeit des Königs sehr nett fand. In Afrika würde er ganz genau dasselbe thun. Und seine Hauptstadt...

Nein, weg mit Afrika!

Er warf seinen linken Strumpf von sich, sodaß das Ding sich um das Stuhlbein wand wie ein sterbender Regenwurm.

Was für sonderbare Geschichten von der Prinzeß Erika! Man sagte, sie sollte einen Großfürsten heiraten, hatte ihm aber einen Korb gegeben.

Alle Bürgersleute fanden das reizend, ohne noch zu wissen, ob es nicht bloß Dickköpfigkeit von der Prinzeß Erika gewesen war.

Sie war so eigenartig in ihrem Wesen und konnte sich gar nicht in ihre hohe Stellung finden ...

Walther zog den zweiten Strumpf aus und mißbilligte es, daß die Prinzeß sich um Äußerlichkeiten nicht kehren wollte. Hm ... hätte sie vielleicht Lust zu tauschen? Er: Prinz Erich? und sie...

Ob sie wohl auch des Nachts so eine häßliche Mütze aufsetzte? Ach nein, dachte Walther, Prinzessinnen tragen Mützen von Diamanten, Es ist wirklich ein Jammer, daß so ein Geschöpf sein Glück nicht zu schätzen weiß.

Als sie mit der Pfalzgräfin aus dem Museum kam – wo sie liebenswürdig gewesen war – hatte sie sich geweigert, gleich nach dem Schlosse zurückzufahren. Sie wollte das Amsterdamer Judenviertel sehen und faßte forsch einen Kammerherrn am Arm, der ihr den Weg weisen sollte. Der Mann hatte selbst keine Ahnung und lotste sie mit Mühe und Not nach Flohenburg. Er hatte eine kurze Hose an und seidene Strümpfe, und die waren ganz »bespritzt« worden. Und Prinzeß. Erika hatte darüber gelacht! Und noch mehr unfürstliche Seltsamkeiten von der Sorte!

In den Zeitungen stand das aber nicht. Da stand bloß von der Liebenswürdigkeit.

Nun, auch zu Flohenburg war die Prinzeß äußerst liebenswürdig gewesen, mehr als liebenswürdig. Sie hatte einen ganzen Hausierwagen mit Birnen leer gekauft und die Straßenjugend mit dem saftigen Geschenk bombardiert.

Das stand aber auch nicht in der Zeitung. Die Zeitungsschreiber wußten nicht, wie sie die Geschichte mit dem nötigen Respekt erzählen sollten – sie beschränkten sich also auf die sattsam bekannte Liebenswürdigkeit.

Es hatte aber jeder davon gehört, wenn man auch nicht wußte, ob es wahr war. Die einen sagten: es wäre wirklich geschehen! Die anderen: es wäre eine ersonnene Geschichte, »was ich Ihnen sage!« Und wieder andere: es wäre wohl diesmal nicht passiert, aber, wohl besehen, könnte es wohl ein andermal vorgekommen sein, und es wäre sehr schwer, immer ganz genau zu wissen, was geschehen wäre und was nicht.

Das finde ich auch.

Prinzeß Erika ...

Walther blies sein Licht aus – oder er wollte es thun. Er hatte eins der beiden Dreiecke ins Auge gefaßt, die Laurens ihm zur gefälligen Auswahl in dem Bette freigelassen hatte ... da vernahm er plötzlich eine große Aufregung im Hause der Pieterses.

Ja, es war drei-, viermal heftig geschellt, geklingelt worden! Feuer?

Hm? Sollte es vielleicht Prinzeß Erika sein, die zum Tauschen kam?

Ach nein. Es war Jüffrau Laps.

Tauschen kam sie nichts.

Ja, was wollte sie denn, so spät abends?

Walther zog das eine Bein wieder aus dem Winkel heraus – und lauschte.

Wir auch.

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