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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 41
Quellenangabe
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typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8fb3ce4f
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Der junge Herr hat Gewissensbisse. Ein gutes Mittel gegen Lebensüberdruß.

Jüffrau Pieterse schwebte in den Wolken, Sie hoffte, daß der Bote, der die Nachricht von Waltherchen überbracht hatte, ihre Wohnung nicht so schnell gefunden haben sollte. Dann konnte er doch in der Nachbarschaft herumgefragt haben, je langer, je besser!

»Gewiß ist er beim Kaufmann gewesen,« sagte sie, »sie wissen ja immer nicht, wo sie hingehen sollen ... solche Botschafters! Und warum soll er nun nicht erzählt haben, daß der junge Herr – er sagte: junge Herr! – bei Doktor Holsma loschierte, auf dem Kolveniersburgwall! So ein Mann schwatzt ja immer. Diese Sorte Menschen thut nichts wie schwatzen! Na, 's kann's ja jeder wissen. Ich sage bloß, daß solche Menschen zu gern schwatzen – Aber sag' mal, Walther, wie kam's denn, daß du mit der Familie mitgingst? du bist doch ein toller Bursche ... Stoffel, was sagst du?«

Stoffel machte ein sehr bedenkliches Gesicht, als ob er sagen wollte »hm hm, ich werde mir's mal beschlafen« oder »dahinter sitzt mehr ...«

»Ich traf die Familie in der Kalwerstraat,« sagte Walther.

Und da hatte er recht! Er hatte die Familie, was man so sagt, in der Kalwerstraat getroffen. Aber warum erzählte er nichts von den besonderen Umständen?

Ach!

»Dein Rücken ist ja so klebrig!« klagte Petro, die mit der Sorge für die Wäsche und dergleichen betraut war.

Die Familie roch und faßte an und rieb und fühlte, und dann erklärte sie einstimmig, daß Walthers Rücken sich des Einsaugens von allerlei Düften schuldig gemacht hatte.

»Es riecht, so wahr! nach Citrone,« sagte Trude.

»Und nach Wein!«

»Und den Zucker kann man abkratzen! Junge, wo bist du gewesen? Schämst du dich nicht? Zu so anständigen Leuten zu Besuch kommen – ich kann wohl sagen: loschieren, was meinst du, Stoffel? – und dann Citrone und Zucker auf dem Rücken! ist ja 'ne Schande!«

»Es war solch Gedränge auf der Straße!«

»Davon kriegst du keinen Wein auf den Rücken! Und Citrone auch nicht! Und Zucker auch nicht. Was sagst du, Trude?«

Einstimmigkeit. Schüchtern, wie immer, getraute sich Walther nicht mit der Wahrheit an den Tag zu kommen. Es hätte ihm auch nichts genutzt. Das Verständnis der Familie Pieterse war ein verstopftes Schloß, wozu kein Schlüssel paßte. Walther wußte das aus trauriger Erfahrung, und er ließ sich daher ergebungsvoll den Sturm über den Kopf fegen. Leider war auch in ihm etwas verstopft. Sein Hochgefühl hatte gelitten.

Er hatte eine Feigheit begangen!

Er fühlte es. Kein Geistlicher konnte es wegpredigen. Gott selbst konnte es nicht ungeschehen machen.

Jeder muß nach seiner Überzeugung handeln, hatte Frau Doktor Holsma gesagt. Er hatte es nicht gethan!

Vielleicht hat Gott es zugelassen, um zu zeigen, wie gering ich bin.

Ein Hund hätte Femkes Saum geküßt, wenn er sie nach so langer Zeit wiedergesehen hätte. Denn sie war es. Gewiß, sie war es! Oder...

Ach, er suchte nach »Oders«!

Sollte es eine andere gewesen sein? Es kann ja ganz gut eine andere gewesen sein. Wie sollte Femke dahin kommen?

Nein, nein, sie war es! Sagte sie nicht, daß sie mich kenne? Sagte sie es nicht mit derselben Stimme, mit der sie mich einen lieben Jungen nannte, als sie mir den Kuß gab bei der Brücke!

Ja, damals wußte sie noch nicht, was für ein Feigling ich bin! Sie würde mich nicht verleugnen und verraten! Sie würde überall und zu jedem sagen: das ist Walther, mein kleiner Freund, dem ich damals einen Kuß gab, weil er sich gegen die steinewerfenden Jungens so tapfer zeigte!

Und ich ... o Gott!

Nein, Gott bleibt ganz aus dem Spiele. Ich bin feige. So kann ich nicht leben!

Er dachte an Selbstmord. Und in dieser Stimmung verbrachte er die Nacht von Donnerstag auf Freitag. Am Freitag stand er mit dem festen Vorsatz auf, seiner unwürdigen Existenz ein Ende zu machen.

Zum Glück wurde er gleich nach dem Frühstück an eine Arbeit gesetzt, die einen mit dem Leben versöhnen kann.

Er war mit Stimmeneinheit verurteilt worden, seine Jacke selbst wieder sauber zu machen – ein Urteil, das meinen vollen Beifall hat – und er widmete sich dieser Aufgabe so, daß er nach einer Stunde Arbeit zu seiner Mutter lief und jauchzend ausrief:

»Sieh mal, Mutter, nichts mehr zu sehen!«

Dieses kleine Triumphchen jagte die Wolken fort, die sein Gemüt verdüstert hatten.

Mancher würde zum Vergnügen in Limonade fallen, wenn er wüßte, wie gut die Anstrengung wirkt, das Paletotchen wieder sauber zu waschen.

Der Unglückliche, der nie seine eigenen Kleider gereinigt hat, kennt das Leben nicht.

Ich werde sie um Verzeihung bitten, dachte Walther, und er malte sich aus, ob er wohl in Gegenwart der Dienstboten bei Holsmas ihr zu Füßen fallen könnte. Schließlich aber beruhigte er sich dabei, daß Femke vielleicht nicht allzulange mehr bei dem Doktor sein würde. Sehr mutig war es ja nicht, daß er darauf hoffte, die Sache dann mit ihr unter vier Augen zu regeln. Aber die Strafe dafür war schon unterwegs.

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