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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/multatul/klwalthe/klwalthe.xml
typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Chronologisch-archäologische Untersuchung über den Ursprung dieser Geschichte. Über Poesie, unheilbare Liebe, falsche Haare, und den Helden der Geschichte, der gegen falschen Verdacht verteidigt wird. Die Gefahren des Ruhms, und der Vorzug des obersten Brettes ...

Das Jahr weiß ich nicht. Da du dich dafür interessierst, Leser, die Zeit zu wissen, da die Geschichte anfängt, will ich dir ein paar Punkte als Marksteine geben.

Meine Mutter klagte, die Lebensmittel wären teuer und die Feuerung auch. Es muß also vor der Entdeckung der Nationalökonomie gewesen sein. Unser Mädchen heiratete den Barbiergehilfen, der nur ein Bein hatte. Das war so sparsam, meinte die gute Seele, wegen des Schuhwerks. Daraus könnte man folgern, daß die Nationalökonomie doch schon entdeckt war.

Jedenfalls, es ist lange her. Amsterdam hatte noch keine Bürgersteige, die Einfuhrzölle bestanden noch, man hatte in manchen kultivierten Ländern noch Galgen, und man starb nicht so alle Tage vor Nervosität. Ja, es ist lange her.

Ich habe nie begriffen, warum die »Hartenstraat« eigentlich so heißt. Vielleicht ist es ein Irrtum, und man müßte eigentlich Hertenstraat oder etwas anderes schreiben. Niemals habe ich in der Gegend mehr Herzlichkeit gefunden als wo anders, und auch die Hirsche waren dort nicht häufig, wenn auch ein Geflügel- und Wildbrethändler da wohnte.

Ich bin lange nicht hingekommen und erinnere mich nur noch, daß die Straße zwei Hauptgrachten miteinander verbindet, Grachten, die ich zudämmen lassen würde, wenn ich die Macht hätte, Amsterdam zu einer der schönsten Hauptstädte Europas zu machen.

Die Eingenommenheit für die Zukunft unserer Hauptstadt Amsterdam macht mich nicht blind für ihre Fehler. Darunter rechne ich zu allererst ihre vollständige Unfähigkeit, zum Schauplatz romantischer Begebenheiten zu dienen. Man trifft da keine maskierten Dominos auf der Straße, der bürgerliche Stand wird überall herausgekehrt, kein Ghetto, keine Templebar, kein Chinesenviertel, kein Wunderhof ist da – wer einen Mord begeht, wird gehenkt – und die Mädchen heißen Mietje und Jansje. Alles Prosa.

Es gehört Mut dazu, eine Geschichte anzufangen in einem Orte, der auf »dam« endigt. Man kann da schwer Emerentien oder Heloisen wohnen lassen. Es würde auch wenig helfen, denn all diese Schönheiten sind schon profaniert.

Wie machen es doch die französischen Autoren, um ihre Margots und ihre Marions als Ideale aufzuputzen, und um ihre Henris und Ernestes vor dem Trivialen zu schützen, die doch ebenso gut an »M'sieu Henri« oder »M'sieu Erneste« erinnern, wie unsere »Burgwalle« an faules Wasser.

Goethe war ein mutiger Mann: Gretchen, Klärchen ...

Aber ich! In der Hartenstraat!

Ich schreibe zwar keinen Roman. Und wenn ich einen Roman schriebe, dann sähe ich noch nicht ein, warum ich ihn nicht als wahre Geschichte ausgeben sollte. Ja, es ist eine wahre Geschichte. Eine Geschichte von einem, der in seiner Jugend in eine Sägemühle verliebt war und der an dieser Qual lange zu schleppen hatte.

Denn Verliebtheit ist eine Qual, und wäre es bloß Verliebtheit in eine Sägemühle.

Man sieht, daß die Erzählung ganz einfach sein wird. Eigentlich zu einfach, um allein für sich zu bestehen. Ich werde deshalb hie und da etwas dazwischen flechten, wie es die Chinesen mit ihren Zöpfen machen, wenn die zu dünn sind, weil sie nämlich kein Eau de Lob haben und kein Öl von Makassar – ich habe freilich auch zu Makassar keine Beere gefunden, die solch ein Öl lieferte.

In der Hartenstraat also, da war eine Leihbibliothek. Ein kleines Jungchen mit » Stadtfarbe« im Gesicht stand auf der Stufe und schien sich nicht entschließen zu können. Es war ihm anzusehen: er trug sich mit einem Plane, der über seine Kraft ging.

Er streckte öfters die Hand nach dem Thürgriff aus, aber jedesmal veränderte er die halbe Bewegung, indem er ganz unnötigerweise einen rechtwinkligen Hemdkragen niederzog, der wie ein Joch auf seinen Schultern lag, oder indem er die Hand ebenso unnötig vor einen künstlichen Husten hielt.

Scheinbar versunken in die Betrachtung der Bilderbogen, die die Scheiben der Thür zu einer Musterkarte von unbegreiflichen Tieren, viereckigen Bäumen und unmöglichen Soldaten machten, irrte sein Blick fortwährend zur Seite, wie es bei jemand ist, der bei einer Schandthat ertappt zu werden fürchtet. Es war klar, daß er etwas im Sinne hatte, was bis zum jüngsten Tage den Blicken der Passanten und der Nachwelt verborgen bleiben mußte. Und wer außerdem darauf achtete, wie krampfhaft er mit der Linken unter dem aufgeschürzten Schößchen etwas in seiner Hosentasche betastete und knetete, der konnte leicht denken, daß Walther einen Einbruch oder dergleichen vor hatte.

Denn er hieß Walther.

Es ist nur ein Glück, daß ich auf den Gedanken gekommen bin, seine Geschichte zu erzählen, und ich betrachte es als meine erste Pflicht, mitzuteilen, daß er an einbrecherischen oder mörderischen Absichten ganz unschuldig war.

Aber ich gäbe viel darum, wenn ich ihn ebenso kurz und bündig von anderen Sünden freisprechen könnte. Der Gegenstand, den er in seiner linken Hosentasche hin und her drehte, war zwar kein Hausschlüssel, kein Dietrich, keine Keule, kein Tomahawk und keine Höllenmaschine – aber es war doch ein Papierchen, das die vierzehn Stüber enthielt, für die er sein Neues Testament mit Psalmen an den Krämer auf der »Ouwebrüg« verschärft hatte, und der Plan, der ihn auf der »Hartenstraat« so festhielt, war nicht mehr und nicht minder als sein Eintritt in die Zauberwelt der Romanlektüre: er wollte den »Glorioso« lesen.

Glorioso! Leser, es giebt viele Nachahmungen, aber es giebt nur einen Glorioso!

Alle die Rinaldos und Fra Diavolos der späteren Zeit dürfen mit diesem unvergleichlichen Helden nicht in einem Atem genannt werden, der Gräfinnen zu Dutzenden entführte, Päpste und Kardinale wie fehlbare Menschen ausplünderte, und Walther Pieterse zur Testamentsfälschung veranlaßte.

Freilich, das letztere war Gloriosos Schuld nicht, gewiß nicht. Man müßte sich ja schämen, ein Held oder ein Genie zu sein, oder selbst ein Räuber, wenn man deswegen noch für alle Missethaten verantwortlich sein sollte, die nach Jahren begangen werden können, um unserer Geschichte habhaft zu werden.

Ich erhebe Einspruch gegen die Mitschuld an den Unthaten, die nach meinem Tode geschehen werden, um den Durst nach der Kenntnis meiner Schicksale zu stillen, und ich erkläre, daß ich mich auf meiner Ruhmeslaufbahn nicht durch das Bedenken zurückhalten lasse, daß einmal etwa ein Neues Testament mit Psalmen verschärft werden kann für »Leben und Thaten von Multatuli,« wenn ich es auch nicht teuer finden würde.

»Was murkst du denn hier, Junge? Willst du was, komm 'rein. Wenn nicht, mach dich fort.«

Nun mußte Walther wohl hineingehen, oder er hätte auf Glorioso verzichten müssen. Denn der Mann, der sich über den Ladentisch bückte und sich wie eine Strandschnecke herumwand, um die Thür zu öffnen und unserem Helden diese Worte entgegenzubrummen, hatte kein Gesicht, das zum Umkehren riet, wenn er einmal durch »Murksen« an seiner Thür ärgerlich geworden war. So wagte also Walther, der zuerst den Mut nicht gehabt hatte hineinzugehen, jetzt nicht umzukehren. Er fühlte sich hineingezogen – es war, als ob der Buchladen ihn verschluckte.

»Glorioso ... bitte, M'neer, und hier ...«

Er holte seine Höllenmaschine heraus.

»Und hier ist Geld ...«

Denn er wußte von dem Schulkameraden, der ihn mit der Romankrankheit angesteckt hatte, daß man in der Leihbibliothek von unbekannten Kunden »Pfand« verlangte.

Der Büchermann schien sich durch die niedergelegten vierzehn Stüber für »genügend gedeckt« zu halten. Er holte aus dem Kasten ein Bändchen, das, fettig und zerlesen, auf Umschlag und Blättern Spuren trug von vielem unsauberen Genuß.

Ich bin gewiß, daß die »Predigten des Pfarrer Splitvezel,« die in ungestörter Ruhe auf dem obersten Brett standen und mit Geringschätzung auf die Tageslektüre herabsahen, sich geschämt hätten, ihr unbefleckt Gewand mit so viel Unsauberkeit in Berührung zu bringen. Aber es ist nicht schwer, rein zu bleiben, wenn man im obersten Fach steht und niemals verlangt wird. Ich finde daher, daß die Predigten unrecht hatten, und das finde ich von vielen Predigten.

Nachdem er mit zitternder Stimme dem Mann seinen Namen angegeben hatte, stopfte Walther sein Missethäterglück unter das bergende Schößchen seiner Jacke und eilte zur Thür hinaus, ganz wie eine Katze, die ihre Beute weg hat, auf die sie stundenlang gelauert hat.

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