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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 38
Quellenangabe
pfad/multatul/klwalthe/klwalthe.xml
typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8fb3ce4f
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Wie man ein Verschwender werden kann, wenn man die Geschichte vom verlorenen Sohn zu oft vor Augen hat.

Denkst du, mir wachsen die Stüber auf dem Rücken?« fragte die Mutter am nächsten Tage. »Du verdienst noch keinen Deut, Junge! Mußt du für alte Soldaten Tabak kaufen? Soll ich noch weiter herunter kommen nach den hundert Gulden, die du mich schon gekostet hast?«

Walther antwortete wenig oder nichts.

Die Mutter redete noch einen Strom weiter, und dabei fiel das Wort »Verschwendung.«

»Nein, Mutter.« sagte Stoffel, »das ist es nicht. Die Sache ist, daß er in allem so zurück ist. Er versteht noch nicht, mit Geld umzugehen, das ist's!«

»Richtig! Er weiß nicht mit Geld umzugehen. Alle anderen Kinder in seinen Jahren ... wenn sie 'n Stüber haben, was thun sie? Sie heben ihn auf. Oder... sie kaufen sich was dafür. Und er? was thut er? Er giebt ihn weg! Junge, Junge, wirst du denn nie klug werden?«

Stoffels Bemerkung war wohl nicht schlecht gemeint gewesen, aber sie verwundete Walther tief. Ein »Verschwender« war doch wenigstens jemand, ein Mann!

» Prodigue, prodigue !« murmelte er. Denn das Wort kannte er.

In einer der Schlafkammern hingen eine Reihe von grob kolorierten Bildern, die die Geschichte von dem verlorenen Sohn darstellten. Es war eine französische Ausgabe, und durch Vergleichung mit der Schrift kam die Familie zu der Überzeugung, daß prodiguewohl nichts anderes heißen könnte als »verloren.« Das hatte auch Stoffel gegen einen seiner Kollegen behauptet, bis der ihn mit Hilfe des Lexikons anders belehrte.

Nach vielem Gerede über den französischen Fehler – denn wie es in der Schrift selbst steht, wird's doch wohl wahr sein – hatte man sich dann dabei beruhigt, daß prodigue zur Not auch »Verschwender« sein konnte. Und Walther hatte viel Gedanken über die Bilder gehabt.

Erstes Bild . Der Sohn, der sich mit Verschwenden und Verlorengehen beschäftigt, nimmt Abschied von seinem Vater. Der alte Herr hat einen purpurnen Rock an. Sehr hübsch. Aber der Verschwender selbst ... ohe! Dem flattert 'n Mantel um die Schultern – es schien sehr zugig zu sein in dem Säulengang – 'n Mantel ... fürstlich! Und seine türkische Hose war von purem Gold. Der junge Mann hatte einen krummen Säbel an der Seite und auf dem Kopfe einen Turban mit einem Stein... gewiß ein Onyx oder Sardonyx oder auch eine Perle oder ein Edelstein! Was macht's!

Der alte Herr sah verdrossen aus – kein Wunder – aber: alle die beladenen Kamele! Und die Sklaven! Und alle die Zubereitungen zu der weiten, weiten Reise! Ein pechschwarzer Mohr hielt ein Pferd am Zaum ... der andere mit dem Steigbügel schien zu mahnen: Na los, verlorengehender Sohn, steig auf! Wir müssen zum zweiten Bilde!

Welcher Junge wäre nicht gern so ein verlorener Sohn gewesen? Der krumme Säbel allein war die Sünde wert.

Zweites Bild . Hm, hm... böse, böse! Na ja, aber nicht für Walther, der in seiner Unschuld auf die sonderbar aufgeputzten Jüffrauen kein Gewicht legte. Hauptsache, daß tapfer gegessen und getrunken wurde, und die Gesellschaft schien vergnügt zu sein, denn das eine Mädchen in glänzender Seide hing sehr freundlich über der Schulter des Verlorenen. Lieber so verloren als anders gefunden! mußte der Eindruck sein, den so ein Fest auf kindliche Einbildung machte. Der wahre Zweck des Bildes, von Liederlichkeit abzuschrecken, entging Walther ganz und gar. Oder besser, er wußte es wohl, aber er fühlte anders. Was ihn am meisten anzog, war aber nicht Speise und Trank, womit der Tisch überladen war, auch nicht die sündhaft gefärbten Wangen der Damen, die gerade dabei waren, verloren zu gehen. Nein, es war der Neid auf die unbürgerliche Freiheit der Gesellschaft. Um zum Überfluß dem Beschauer den Begriff »Verschwendung« recht beizubringen, hatte der Maler ein Weinfaß durch ein paar Jagdhunde umwerfen lassen ...

Jagdhunde! Also Jagd! O Götter, es ist zu viel!

Der Wein strömte und ging verloren, als ob er selbst der weggelaufene Sohn wäre. Das gefiel Walther besonders. Keiner von den Gästen gab sich mit so 'ner Kleinigkeit ab, sogar die Kellner nicht. Das hätte mal im Hause Pieterse vorkommen sollen, und wäre es bloß eine Kruke Dünnbier gewesen!

Der Zeichner sagt: denkt ihr, daß ich den verführerischen Eindruck von solchen Bildern nicht voraussehe! Wird es nicht durch das folgende wieder gut gemacht?

Na, na!

Drittes Bild . Prachtvoll. Wie romantisch ist diese Wildnis! O, wer da so sitzen könnte auf dem Felsblock, und in die unermeßliche Tiefe des Weltalls starren und...allein!

Denken, denken, denken!

Kein Schulmeister, keine Mutter, kein Bruder, kein Prinzipal macht da Vorschriften, was man mit seinem Herzen, seiner Zeit, seinen Ellbogen, seiner Hose anfangen soll! Der junge Mann da hatte überhaupt keine an, und es war deutlich zu sehen, daß er sich nicht genieren würde, sich mit ausgestreckten Armen und Beinen auf den Rücken zu legen, um Sonne, Mond und Sterne an seinen weitgeöffneten Augen vorüberwandeln zu lassen! In solcher Freiheit konnte man doppelte Lungen gebrauchen, und die Seele konnte unbekümmert aufnehmen, was sie wollte. Walther fragte sich, an was er wohl denken würde, wenn er es erst einmal zu so einer erhabenen Kaiserschaft in dem unermeßlichen Reiche der Einsamkeit gebracht hätte.

Hm! Auf dem Felsblock neben ihm konnte ganz gut seine Femke sitzen. O göttliches Verlorensein ... mit ihr! Er wunderte sich, daß nur der eine verlorene Sohn in der Schrift vorkam. Von allen Sünden kam ihm eine wohlangelegte Verschwendung als die verführerischste vor.

Und die Wüste war so ... erträglich. Es waren Bäume drin. Auf die konnte man hinaufsteigen, wenn man ordentlich verloren war, und von den Ästen konnte man eine nette Hütte bauen ... für Femke natürlich.

Der Verschwender auf dem Bilde schien an so etwas noch nicht gedacht zu haben. Es ist auch wahr – warum war denn die grünseidene Jüffrau nicht bei ihm? Sie wird wohl bald kommen, sagte sich Walther. Wahrscheinlich ist sie noch nicht ganz fertig mit ihrer Verschwendung. Wenn sie sich nur beeilte! Er wartet mit Schmerzen auf sie. Aber das ist auch der einzige Ärger, den so ein richtiger Verschwender aus der profanen Welt in die famose Wüste mitnimmt.

Eins muß ich zugeben: die Schweine, mit denen das Bild ausstaffiert war, sahen häßlich aus. Der moralische Maler hatte diese Tiere zu Schildhaltern der Sünde gemacht und ihre Physiognomien mit allerlei abschreckenden Zügen versehen. Und auch der Trog sah unsauber aus.

Wenn's mir passiert, sagte Walther, nehm' ich Schafe mit, und Femke soll sie kämmen.

Der Zeichner müßte also eigentlich zugeben, daß auch das dritte Bild nicht ausreicht, um einen gehörigen Abscheu gegen das Verschwenden und Verlorengehen einzuflößen.

Aber das vierte Bild ? Ebensowenig! Noch weniger!

Der alte Herr ist äußerst freundlich, und wir sind in dem Säulengange, wo soeben noch die Kamele geduldig warteten. Einer von den daheimgebliebenen Sklaven klatscht in die Hände und schlägt die Augen gen Himmel ... aus Freude natürlich, daß Waltherchen zurück ist.

Er? Der wirkliche Walther? Heimgekehrt? Freundlich empfangen in seinem hohen Range eines gewesenen und genesenen Verschwenders? Ach nein!

Und das geschlachtete Kalb! Darin lag der schneidendste Gegensatz zu der Bürgerlichkeit, die Walther bedrückte. Jüffrau Pieterse schlachtete nie irgend etwas, sie nahm bei Keesjes Vater auf ein Wochenbuch, und ein Rippenstück war schon etwas Seltenes.

Auf ein junges Kalb war keine Aussicht, ob man verloren war oder nicht. Aber das hinderte doch nicht, daß der Rang eines Verschwenders höher stand als der eines kleinen dummen Jungen, der nicht wußte mit Geld umzugehen.

Und siehe da, diesmal hatte er seiner freundlichen Feindin Laps etwas zu danken, was ihn wieder etwas ermutigte. Sie holte in der That die Schrift heran und sprach fortwährend von Schweinetreiben. Walther hatte gern geantwortet: Gut, schön, Jüffrau Laps, aber können's nicht diesmal Schafe sein?

Er verstand wohl, daß sie für das Kämmen keine Passion gehabt hätte, und daher auch nicht für das blauseidene Halstüchelchen, das Femkes Lieblingsschaf so nett stehen würde.

Aber ein Verschwender war er, versicherte sie.

Gott sei Dank!

»Richtig, das sage ich auch immer!« antwortete Jüffrau Pieterse. »Denn was thut er? Er verschwendet seiner Mutter Geld. Wenn der Mann priemen will, laß ihn sich Tabak kaufen. Dafür bezahlt ihn der König. Ich habe sauer genug dafür arbeiten müssen... wie, Stoffel?«

»Gewiß, Mutter. Aber ich bleibe dabei, daß es 'ne Kinderei von Walther ist.«

»Wie ich sage, 'ne Kinderei!«

»So ist's nicht!« rief die fromme Laps. »Er ist auf dem geraden Wege nach dem Trog von Lukas 15. Treber wird er essen! Meinen Sie, daß der Herr seine Gleichnisse nicht richtig machen wird? Schicken Sie ihn mal zu mir. Der Fehler liegt an den Pastoren. Sie erklären die Schrift nicht. So ist's! Schicken Sie ihn zu mir.«

»Wenn ich nur in Gottes Namen wüßte, wie er auf solche Dinge kommt!«

»Das wissen Sie nicht? Aus Hochmut!«

Sie sprach die Wahrheit.

»Aus Hochmut, aus reinem, klarem Hochmut. Genau wie Belsazar, oder... Sanherib, oder... Nebukadnezar ...«

Wie dankbar war Walther! Hätte er in diesem Augenblick ein Briefchen zu schreiben gehabt – an Femke am liebsten – so hätte er sich sicher gerühmt: siehst du, wie ich gewachsen bin; ich bin so schlecht, wie drei alte Könige zusammen!

»Hochmut,« sagte Jüffrau Laps. »Er ist Gold von oben. Eisen in der Mitte, und seine Füße sind Lehm. Der Herr wird ihn stürzen! Schicken Sie ihn zu mir.«

Die Einladung, den modernen königlichen Bösewicht zu ihr in die Lehre zu geben, wurde so oft wiederholt, daß man zuletzt darauf antworten mußte.

»Aber, liebe Jüffrau Laps, der Junge will nicht! Dickköpfig ist er...Was soll man mit so 'nem Kinde machen?«

Walther wußte, daß die Mutter nicht ganz ehrlich war. Aber er schwieg dazu, um nicht wieder angefahren zu werden. Als ihm aber sein Verbrechen immer wieder vorgerückt wurde, fuhr es ihm heraus:

»Der Mann wollte Tabak, und kein Mensch traute sich ihm was zu geben! Da...«

Jüffrau Laps wußte genug. Walther war der Ihre! Sie wußte nun Bescheid, wie diese Festung genommen werden konnte, wenn sie überhaupt zu nehmen war!

»Nun, wenn es ihm denn keinen Spaß macht, zu mir zu kommen, dann zwingen Sie ihn nicht,« sagte sie ganz sanft beim Abschiednehmen. »Zwingen nutzt nichts. Man muß jedem seinen Willen lassen. Ich glaube beinahe, daß Sie dem Kinde zu viel zusetzen. Lieber Gott, wer wird so viel Wirtschaft machen um 'n Stüber!«

»Das sag' ich auch,« antwortete die Mutter. »Es würde ja gerade aussehen, als ob's darauf ankäme! Wir können schon noch 'n Stüber missen...was sagst du, Stoffel?«

»Ja, Mutter, aber 's wird doch Zeit, daß Walther...«

»Ach, was für ein Gerede um ein Priemchen Tabak! Der Herr wird's siebenmal siebzigmal vergelten! Was ihr dem geringsten meiner Brüder gethan habt...«

Mit diesem vielversprechenden Spruch auf den Lippen verließ Jüffrau Laps die erstaunte Familie.

Ja, so leicht war es nicht, aus Jüffrau Laps klug zu werden!

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