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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 37
Quellenangabe
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typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Walther erhebt sich erfolgreich über die große Masse und profitiert von seinen Specialkenntnissen.

Eine Einladung Doktor Holsmas brachte etwas Abwechslung in die Öde, die Walther im Hause der Mutter drohte.

Wie gewöhnlich hatte der Doktor ein Thema zur Debatte gestellt, und die Kinder gaben diesmal, wie sonst, ihre Meinung ab. Das Thema lautete: »Die Kunst des Lesens.« Darin hielt sich Walther durchaus befugt mitzusprechen. Er hatte ja die höchste Zufriedenheit Meister Pennewips davongetragen, als er den bekannten Satz vortrug:

»Mein Vater gab mir diesen neuen Hut!«

In der »Übung kunstgemäßen Lesens,« herausgegeben von der »Gesellschaft zum allgemeinen Nutzen,« kam dieser Satz vor, und der Schüler mußte ihn aufsagen mit so viel verschiedenen Betonungen, als Worte drin vorkamen. Walther hatte Leentje in helles Erstaunen gesetzt, so viel Weisheit hatte er über diesen neuen Hut von sich gegeben.

Leider behandelte Holsma ganz etwas anderes. Wieder fühlte der arme Junge, daß er zurück war. Und das schmerzte ihn.

Nicht das Thema selbst ging über seine Begriffe, durchaus nicht. Aber die Beispiele, die die Kinder anführten, waren ihm sämtlich unbekannt. Selbst die kleine Sietske erschien ihm als vorgeschrittener. Das drückte ihn so, daß er auch das Wenige, was er hätte sagen können, nicht an den Mann brachte. Die Liebenswürdigkeit, mit der man ihn behandelte, entging ihm nicht, aber sie machte seinen Zustand noch peinlicher. In gewissem Sinne fühlte er sich in diesem Kreise ebenso am falschen Orte wie daheim.

Er meinte, daß die Kinder ihn mißachten mußten, und bei Hermann, der schon Lateinisch lernte, war das wohl auch einigermaßen der Fall.

Holsma meinte, es müßte für einen Arzt doch sehr ärgerlich sein, seine Patienten mit Rattengift ermorden zu sehen, wo er doch ganz deutlich Zuckerwasser verschrieben hatte.

Dieser Ausspruch gab Onkel Sybrand Gelegenheit, sich über die Dummheit der großen Masse zu äußern, was eine Diskussion über diese Dummheit der großen Masse hervorrief.

Gerade damals gab es in Amsterdam ein eigenartiges Vorkommnis.

Eine Veränderung im System der Besteuerung war eingeführt. Ein gewisser Betrag, der früher, im Verhältnis zu der Miete, von den Mietern erhoben worden war, sollte jetzt von den Hausbesitzern geleistet werden. Das sollte heißen: wir wollen die Last auf die Besitzenden legen, statt auf die Minderbemittelten. Vermutlich werden nun die Besitzer die Steuer mit einem kleinen Zuschlag auf die Mieten geschlagen haben. Blei für altes Eisen.

Die Eigentümer der kleinen Häuser aber achteten sich in ihren Interessen gekränkt. Auf wen sollten sie die Steuer abschieben? Das »gemeine Volk« durchlief, mit Stöcken bewaffnet, die Straßen und verbrannte die Möbel, die aus den Wohnungen der Eigentümer geholt worden waren, um auf dem Markte verkauft zu werden. Es warf die Polizeidiener ins Wasser, mißhandelte die »Veteranen,« die damals die Garnison von Amsterdam ausmachten, und trieb allerlei hergebrachten Unfug.

Das war dumm. Denn die angefochtene Maßregel war doch im eigenen Interesse der Aufruhrmacher gedacht.

Konnte man nun annehmen, daß in all dem Volk keiner war, der die Verkehrtheit dieser Handlungsweise begriff?

Als Walther den Abend nach Hause ging, traf er auf einem der Plätze, die man in Amsterdam Märkte nennt, eine Volksbande an, die eifrig thätig war, das gekränkte Recht zu schützen.

Es fehlte nicht viel, so hätte er eine Rede an das Volk gehalten.

Da standen ein Paar Altgediente auf Posten und bewachten – später hat sich herausgestellt, daß sie nichts bewachten. Aber das wußten sie im Augenblick nicht. Sie wurden durch die Beredsamsten unter dem Volke ausgescholten. »Blutdiebe« waren sie, und »Stadt- und Landverzehrer.«

Walther fand – und es machte ihm Genuß, daß er selbständig dachte – daß die armen Kerle nicht aussahen, als ob sie so viel Grund und Boden verschluckt hatten. Und – horch, da vernahm er etwas, das in seinen Ohren klang wie der bekannte Ruf, der Ruf nach seiner Hilfe!

Es war freilich nicht so lieblich wie Amalias:

Warre, warre, warre, wo,
Walther, der mich retten soll?

Aber es kam auf eins heraus. Keine Sägemühle konnte deutlicher sägen: Du bist was! Zeig's!

Einer der alten Soldaten, der die Sache philosophisch auffaßte, hatte auf einen beleidigenden Zuruf geantwortet:

»Ihr wißt was! Macht, daß ihr weiter kommt! Wenn ich lieber 'n Priem Tabak hätte!«

»Negerhit?« fragte Walther schnell, ebenso froh über seine neugebackene Sachkenntnis als über die Vorstellung, daß er nicht zur »großen Masse« gehören wollte.

Der Mann verstand weder das ausgesprochene Wort – Negrohead – noch die Absicht. Er glaubte, daß das Kind sich auf die Seite seiner Gegner geschlagen hatte.

»Halt den Mund, Lausejunge, und scher dich weg! wart, bis du trocken hinter den Ohren bist!«

»Ich will Ihnen Tabak geben!« schrie Walther durch den Lärm hin.

»He?«

»Tabak ... Negerhit... echten!« rief Walther.

»Das wirst du wohl bleiben lassen!« brüllte ein Kerl, der hinter unserem kleinen Selbstdenker stand.

Walther drehte sich um und sah den Warner an.

»Ich werde diesem Manne Tabak geben!«

Wie herrlich er das betonte! Der neue Hut aus der Lektion war gar nichts dagegen.

»Ich werde diesem Mann Tabak geben, ich!«

Oder sterben! sagte er nicht dazu. Man konnte es ihm ansehen, daß er dazu bereit war. Er hatte selbst nicht gewußt, daß er so mutig war.

Er drängte sich durch die Menge und kaufte im ersten besten Tabakladen, was er haben wollte. Seine Sachkenntnis kam ihm dabei bestens zu statten. Der Ladenjüngling mochte wohl aufpassen, daß er auch richtig wog, und daß er sich jedes Versuchs enthielt, etwa den Schilling für einen Sesthalf anzusehen. Er hatte es mit einem Kenner zu thun!

Nun, es ging gut ab. Walther hatte einen Stüber zu zahlen und bekam richtig das übrige Geld heraus.

Dieser Schilling... o wie gut, daß Willem und Sietske ihn zur Hausthür begleitet hatten, als er Holsmas verließ! So war er im Besitz des Geldstücks geblieben, das ihm seine Mutter »für das Mädchen« mitgegeben hatte.

Aber es war nicht so leicht, dem Soldaten die seltene Leckerei zu überreichen. Viele Männer mußten zur Seite geschoben werden, auch Frauen und Mädchen, selbst Kinder ... das war nicht leicht.

»Wollen Sie mich eben mal durchlassen?« fragte er so sanft wie möglich, denn die Leute hatten ihm ja nichts gethan.

Endlich kam er an die Stelle, von der er zu seiner Heldenthat ausgezogen war. Er hielt die Tüte in die Höhe, und jetzt war seine Scheu verflogen.

Unsanft setzte er dem Kerl, der ihn angefahren hatte, die Schulter in die Lenden und drängte sich in die vorderste Reihe:

»Da. Mann! Da ist Tabak – Negerhit, wissen Sie und 'n Lausejunge bin ich nicht!«

Der Soldat nahm und priemte drauf los. Walther drehte sich um und sah den Mann an, der die Hoffnung ausgesprochen hatte, daß er es wohl bleiben lassen sollte. Er schien ihn zu fragen, was er nun wohl sagte.

Walther wunderte sich selber, daß niemand ihn stieß, schlug oder schalt. Das wäre wohl auch geschehen, wenn nicht der Soldat gemütlich zu den ersten in dem Trupp gesagt hätte: »Besser 'n halben Priem im Maule als 'n ganzen im ... Kragen!«

Da lachten alle, und Walthers Gegner meinte, als dieser triumphierend abzog, er wäre ein »toller Blitzbengel.«

Seit langem war Walther nicht so vergnügt zu Bett gegangen wie heute.

Wenn Femke das gesehen hätte!

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